Das gestohlene Ohr

14. Januar 2017 § 20 Kommentare

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Zeichnung: Dieter Motzel

Lesedauer: 1 Minute, 23 Sekunden.

Mein Tipp an Selbstoptimierer: Findet den Fehler, dann erreicht ihr ein neues Level.

Tut mir echt leid

11. Januar 2017 § 4 Kommentare

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Zeichnung: Dieter Motzel

Tut mir echt leid

Sturmtief Dieter überquert heute Deutschland von Nordwest nach Südost und sorgt für großflächige Unwetterwarnungen. Sorry!

Unliebsame Geschenke

3. Januar 2017 § 11 Kommentare

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Zeichnung: Dieter Motzel

Unliebsame Geschenke

Das Jahr fängt gut an.

Es ist sehr schwer an eine gut erhaltene Moorleiche heran zu kommen. Das liegt natürlich auch daran, dass ein ordentliches Moor nicht gerade eine Landschaftsform ist, die man an jeder Ecke vorfinden kann. Hier in der Gegend sind zum Beispiel keine nennenswerten Moore zu finden, und der einzige Sumpf, der mir bekannt ist, ist eine kleine Kneipe, in der Alkoholleichen anzutreffen sind, aber keine Moorleichen. Für Menschen, die noch ein wenig ungeübt im Umgang mit Leichen sind, ist eine Alkoholleiche natürlich einfacher zu handhaben, weil der konservatorische Aufwand relativ gering ist. Eine Moorleiche dagegen erfordert einen Fachmann, oder zumindest einen ganzen Mann.

Ich kann wirklich nicht sagen, wie diese Moorleiche zu mir kam. Es geschah aus heiterem Himmel (nein, in Wahrheit war der Himmel schon seit Tagen grau), und schon alleine wegen der Kürze der Zeit, die wir bisher zusammen verbrachten, konnte ich bisher noch keine bedeutsame Beziehung zu ihr aufbauen. Sie schweigt zudem, gut, das ist nicht verwunderlich bei Leichen, aber es gibt ja durchaus auch beredsames Schweigen. Das Schweigen war hier einfach nur Schweigen. Die Leiche hat mir nichts mitzuteilen, und offen gestanden meide ich auch ein wenig den Blickkontakt, weil ich es als unangenehm empfinde, tote Augenhöhlen nach Mitteilungen abzusuchen. Wie auch immer, ich habe eine Moorleiche an der Backe und keine Ahnung, wer sie mir untergeschoben hat. Man kennt das ja nur zu gut aus Kriminalgeschichten. Plötzlich taucht eine Leiche in unmittelbarer Umgebung auf, ohne dass man groß in die Sache involviert gewesen wäre. Ja, eigentlich war man sehr weit von den Ereignissen entfernt, die zum Umstand des Ablebens besagter Leiche führten, und in der Regel handelt es sich auch um eine wildfremde Person. Es nutzt nichts. In solchen Geschichten liegt die Leiche eben im eigenen Bett, oder findet sich in der Truhe im Flur, in der eigentlich Omas Erbschaft eingemottet ist. Bei manchen saß sie auch schon im Auto, vorne hinterm Lenkrad, als gedächte sie noch einmal schnell durchzustarten. Oder sie lag im Kofferraum, gut verschnürt. Krimimäßig geschult weiß man natürlich sofort, dass eine zufällige Leiche mindestens genau so viel Ärger bereitet, wie eine eigenhändig beschaffte. Die eigenhändig beschaffte Leiche hätte natürlich den unschätzbaren Vorteil, dass hinter ihr ein Plan stehen würde, dem man folgen und den man umsetzen könnte. Schritt für Schritt. Eine gefundene Leiche bedeutet dagegen pure Improvisation, und dies ist nun einmal nicht Jedermanns Sache. Ein fester Plan ist immer vorzuziehen.

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Zeichnung: Dieter Motzel

Nimmt der Ärger erst mal seinen Lauf, dann gibt es kein Halten mehr, und natürlich auch kein zurück. Fragen tauchen auf, Fragen werden gestellt. Vorwärts, rückwärts, nichts als Fragen, die kaum sinnvoll zu beantworten sind, ohne zu weiteren Fragen zu führen. Und natürlich zu den Fallen, die aufgestellt wurden. Fangfragen, in denen sich der harmloseste Zeitgenosse verheddert. Am Ende ist das Innerste nach Außen gekehrt und man gesteht aus purer Erschöpfung wahllos Schandtaten, die man nie begangen hat. Ja, ja, ja, ich gestehe alles, aber gebt mir jetzt bitte einen Schluck Wasser. Natürlich auch Morde, zufällige, die man quasi im Vorbeigehen beging und solche aus Heimtücke. Das alles dient nicht immer der Wahrheitsfindung. Aber was soll man auch schon zur Wahrheit beitragen können, wenn man noch nicht einmal die Leiche kennt, die in der eigenen Küche gefunden wurde, geschweige denn den, der sie dorthin verbrachte. Auf verlorenem Posten ist man mit seiner Leiche, wenn sich während der Ermittlung herausstellen sollte, dass diese Leiche sehr wohl einen persönlichen Bezug zum Finder hat. Beispielsweise handelt es sich um den Jugendfreund der Großtante einer kürzlich verstobenen Cousine. Nun folgt die pure Erklärungsnot, die dadurch nicht glaubhafter wirkt, indem man beteuert, und zwar hoch und heilig beteuert, niemals dieser Person begegnet zu sein, bevor man sie tot am eigenen Küchentisch sitzend antraf. Ist ein solcher Punkt erreicht, ist die Zeit für Schwarzmalerei gekommen. Dem ein oder anderen mag dann auch beten helfen können.

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Zeichnung: Dieter Motzel

Schwarz malt sich auch der Schatten meiner Moorleiche an den hellen Wänden des Zimmers ab. Ich wuchtete sie in eine stille Ecke, möglichst weit von meinen normalen Wegen durch die Wohnung. Wenn die Leiche schon durch ihre Anwesenheit stört, will ich sie wenigsten nicht ständig vor Augen haben. In meinem Keller sind schon andere Leichen gestapelt, dort lässt sich beim besten Willen kein freies Plätzchen mehr finden. Zumal die Aufbewahrung einer Moorleiche in einem Wohnraum eine große Herausforderung ist. Als Standfigur ist sie nur bedingt geeignet, eigentlich nur, wenn noch genug Moor drum herum ist. Die Stabilität im allgemeinen lässt zu wünschen übrig, weil jede gängige Moorleiche quasi entkernt ist. Im sauren Mikroklima eines Moores lösen sich die mineralischen Anteile der Knochen auf, während die Weichteile unter Sauerstoffabschluss gegerbt werden. Das muss man aber nicht zwingend wissen, so lange man mit dem Innereienmatsch in der Wohnung zurechtkommt. Rein theoretisch ist es natürlich auch möglich, die Moorleiche zu falten, oder auf einem Kleiderbügel zu den Anzügen im Kleiderschrank zu hängen. Allerdings spricht die Geruchsentwicklung gegen diese Art der Aufbewahrung. Ich denke, wenn man die Moorleiche in Plastikfolie einschweißt, sollte es möglich sein, sie über einen Zeitraum ohne größere Geruchsbelästigung lagern zu können. Möglicherweise wäre der Kühlschrank auch ein geeigneter Ort, vorausgesetzt es gelingt eine platzsparende Faltung. Eine Perforation an den zur Faltung vorgesehenen Stellen könnte dabei hilfreich sein. Seitdem ich erkannt habe, dass die Welt voller Wunder ist, habe ich einige davon in meinem Kühlschrank eingelagert. Entsprechend knapp ist der Platz bemessen. Da Wunder keine Verfallsdaten haben, kann ich nicht sagen, dass ein großes Kommen und Gehen den Kühlschrankinhalt bestimmt. Eher ist es ein Kommen. Mit ein bisschen Glück werde ich sicher auch im neuen Jahr auf ein paar Wunder treffen. Insgeheim hoffe ich mehr auf kleine Wunder, solche in überschaubarer Größe, damit sie im Kühlschrank noch ihren Platz finden.

dm

Jauchzet und frohlocket

15. Dezember 2016 § 10 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Wir wünschen allen Freunden und Besuchern unseres Blogs alles Gute, jetzt und immerdar! Jauchzet, frohlocket, kommt gut ins neue Jahr, bleibt dabei neugierig, kritisch und zuversichtlich … und fallt nicht vom Dach!

Bis demnächst.

dm und mb

Die Lage ist unübersichtlich

11. Dezember 2016 § 12 Kommentare

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Alle Zeichnungen: Dieter Motzel

Alle Zeichnungen: Dieter Motzel

Besiedlung der Zeit

3. Dezember 2016 § 15 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Besiedlung der Zeit

Um eine Wartezeit zwischen zwei Terminen zu überbrücken, spazierte ich, mehr oder weniger zufällig, einen Teil meines alten Schulweges ab. Als Knirps ging ich diesen Weg fast jeden Tag (Helikopter-Eltern gab es damals einfach noch nicht). Es ist ein Weg der verlorenen Orte geworden, und das Verschwundene stößt bei mir auf ein größeres Interesse, als das neu Hinzugekommene. So sehr ich meinen Blick auch nach oben richte, die kunstvoll an die Dachvorsprünge geklebten Nester der Schwalben sind verschwunden. Dafür ist nun der geteerte Bürgersteig sauber und nicht mehr mit Schwalbenscheiße bedeckt. An dieser Stelle des Weges konnte man schon die Schule riechen, und wenn die Straße nach 50 Metern nicht abknicken würde, könnte man sie auch schon sehen. Jedenfalls war es die Stelle, an der keine Umkehr mehr möglich war. Der Sog des täglichen Bildungspensums war zu stark. Meistens machte ich also schon vorher kehrt. Ein böser Widerwille zwang mich manchmal dazu. Mein zweifelhafter Rekord als Fünftklässler lag bei über 4 Wochen unentschuldigtem Fehlen. An einem Stück versteht sich. Ein Rätsel, warum dieser Umstand meines nicht Vorhandenseins erst nach Wochen auffiel. Allerdings war das Unwetter, das sich danach über mir zusammenbraute, bei seiner Entladung auch nicht so ohne. Ich überlebte, ohne dabei wirklich zu glänzen, aber es gab wohl Versäumnisse von allen Seiten, was dazu führte, möglichst schnell einen Deckel über die Sache zu nageln. Die verstörenden Blicke meiner Mitschüler entschädigten mich für allen Unbill. Über die Gründe meiner Schulabstinenz kann ich heute nicht mehr viel sagen. Es gab keinen greifbaren Anlass. Auf meiner Stirn stand jedenfalls auch noch nie „Opfer“ geschrieben. Ok, ein bisschen gestört war ich natürlich schon immer.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Während die „Essen ist Geil“-Fraktion immer neuen Genusserlebnissen nachspürt, hat sich im Alter mein Gaumen auf zwei Geschmacksrichtungen festgelegt: Alkohol und feste Nahrung. Damit lassen sich knirpsige Genusserinnerungen allerdings nur sehr unzulänglich beschreiben. Mein Schulweg war diesbezüglich geradezu paradiesisch. Die Schule schon in Sichtweite, mahnten ein Bäcker und ein Metzger eine letzte Einkehr an, und setzten dabei dem Bildungsangebot ein weitaus schmackhafteres Angebot entgegen. Der Nachteil lag auf der Hand, bzw. eben nicht. Obwohl es schon sehr lange her ist, gab es damals schon Geld (wirklich!), und das war in unseren Kinderhänden äußerst rar. Die Münzen, die nötig gewesen wären, um die Angebote nutzen zu können, lagen eben nicht in der offenen Hand, sie blieben eine seltene Ausnahme. Äußerlich sind heute die Gebäude kaum verändert. Die Schaufensterscheiben des Metzgers sind verklebt und der kleine Turmgiebel des Hauses ahmt noch immer die dahinterliegende Silhouette der katholischen Kirche nach. In der gegenüber liegenden Bäckerei lassen sich nun Leute Nägel designen, oder auch nicht. Als ich in späterer Vormittagsstunde dort vorbei spazierte, herrschte eine gähnende Leere. Ich füllte sie mit mir und einer Horde Gleichaltriger, sehe uns die drei, vier Stufen zur Glastür stürmen, um die wenigen Pfennige gewinnbringend anzulegen. Die Angebotspalette war schulkindgerecht ausgelegt. Also wenig für wenig Geld. Die Bäckersfrau war allgemein unbeliebt. Streng, und wenig aufgeschlossen gegenüber den Geldnöten von Knirpsen. An ein Lachen von ihr kann ich mich nicht erinnern, es war immer der gleiche genervte, aber gierige Blick, der mich und natürlich sämtliche vor der Theke stehenden Leidensgenossen traf. Jetzt kommt mir sogar wieder ihre alte Mutter in den Sinn, die täglich zur Pausenzeit im Schulhof stand, mit einem großen Korb an Backwaren und sonstigen Leckereien. Immer umringt von großen Trauben kleiner Stinker, die zehn Minuten vorher noch über die geologische Beschaffenheit Hessens informiert wurden und nun der Beschaffenheit von süßem Gebäck nachspüren wollten. Der Bäcker machte wohl seinen Schnitt. Die alte Bäckersfrau sehe ich in dunkler Kleidung, klein und gebückt und, mit Kinderaugen betrachtet, natürlich uralt. Der Korb, den sie mehrmals am Tag von der Bäckerei in den Schulhof schleppte, war mit zwei Deckeln versehen, die sich zur Mitte aufklappen ließen. So sagt es meine Erinnerung, aber über das tatsächliche Alter der Frau würde ich heute keine Prognose mehr abgeben. Eine Mauer umfriedete den Schulhof zu einer Straßenseite hin, die anderen Seiten wurden durch Gebäude und Nachbargrundstücke begrenzt. Abhauen war schwierig. Die wenigen Aus- und Eingänge wurden genauestens überwacht, vielleicht gab es sogar einen Schießbefehl, wer weiß das schon. Womöglich ist das ein bisschen übertrieben, aber die Schule war mitten im Stadtteil gelegen und ein Steinwurf entfernt rumpelten Straßenbahnen und Busse über das Kopfsteinpflaster. Es waren andere Zeiten, aber auch damals hatte man eine gewisse Aufsichtspflicht gegenüber den lieben Kleinen. Obwohl Eltern noch nicht die grundsätzliche Neigung verspürten, wegen eines eingerissenen Daumennagels des Sprösslings sich bis zum europäischen Gerichthof für Menschenrechte durchzuklagen. Natürlich gab es für uns kleine Hosenscheißer auch gute Gründe, während der Pause mal eben kurz verschwinden zu wollen. Das lerngeplagte Köpfchen verlangte nach dem ultimativen Zuckerschock, und den gab es, quer über die Straße, beim Werksverkauf der Backwarenfabrik Josef Wolf. Dort sind die Gold-Fischli erfunden worden, und dort konnte man für wenig Geld große Papiertüten voller Bruchware erstehen. Zum Beispiel Schaumwaffeln mit schwarzafrikanischem Migrationshintergrund, damals hießen die allerdings einfach Negerküsse.

dm

Nachtrag: Erinnerung ist Lug und Trug. In einer Ecke des Schulhofes stand eine große Platane. Strategisch günstig neben einem Eingang, an dem es am einfachsten war, mal eben unentdeckt zu verschwinden. Leider war die Platane der Lebensmittelpunkt der älteren Schüler und Schülerinnen, die dort solche Dinge taten, wie Raufen, Rauchen, Knutschen und Pimpfe ärgern, die in ihre Nähe kamen. Die alte Platane steht immer noch in prächtiger Größe, nur nicht mehr dort, wo meine Kopfbilder sie hingestellt hatten. Sie wurde etliche Meter von ihrem alten Platz weggerückt. Wer macht denn so was?

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Die Sehnsucht nach dem Licht 4

28. November 2016 § 25 Kommentare

Caspar David Friedrich wandert im Riesengebirge. Zeichnung: Dieter Motzel

Caspar David Friedrich wandert im Riesengebirge. Zeichnung: Dieter Motzel

Die Sehnsucht nach dem Licht 4

„Azzurro, zu blau ist der Nachmittag und zu lang für mich. Ich spüre, dass ich kaum noch Kraft habe, seit du weg bist, und da, hätte ich beinahe den Zug genommen, und wäre zu dir, zu dir gekommen, aber der Zug meiner Wünsche und meiner Gedanken fährt in die andere Richtung.“ Ok, der Zug ist wohl abgefahren, lieber Adriano, aber immerhin hast du den blauen Himmel, … und der ließ sich mit deiner Reibeisenstimme so gut verkaufen, dass er 1968 die meistverkaufte Single in Italien wurde. Und in der deutschen Schlagerwelt zum Sehnsuchtslied wurde. Himmel, dabei ist „Azzurro“ genaugenommen nur eine blaue Fläche. So kann man es jedenfalls als Maler sehen, und damit muss man erst mal zurechtkommen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich die malenden romantischen Italienreisenden im 19. Jahrhundert mit dieser Farbfläche ein bisschen schwer taten. Fast immer finden sich Unterbrechungen. Damit meine ich nicht das eigentliche Sujet aus Bäumen, Bergen und was auch immer, die natürlich auch in den Himmel ragen, sondern den Himmel an sich. Wenn es zu Blau wurde, kamen die Wolken, Wölkchen oder Dunststreifen und sorgten aus malerischer Sicht dafür, dass das „Azzurro“ nicht zu aufdringlich eintönig wurde. „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt, und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt …“ hat sich die Sache mit dem „Azzurro“ von selbst erledigt.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Und schon sind wir im Mezzogiorno, dem zweiten großen Sehnsuchtsziel für die deutschen Maler des 19. Jahrhunderts in Italien. Die geistige Sehnsucht wurde in Rom, der ewigen Stadt, so gut es ging befriedigt, aber als wahres irdisches Paradies lockte Neapel. Vermutlich gehören der Golf von Neapel und die Amalfi-Küste zu den am meist gemalten Motiven in der damaligen Zeit. In kleinen oder auch größeren Gruppen wanderten befreundete Künstler die rund 250 Kilometer von Rom nach Neapel, und sie zeichneten und zeichneten. Noch Jahre später, längst zurück im dunklen und kalten Deutschland, diente ihnen dieser erzeichnete Schatz als unerschöpflicher Fundus, der in ihren Bildern seine Verwendung fand. Ein Schatz gewissermaßen auch heute noch. Bei einem Auktionshaus wird aktuell ein kleines 34 x 43 cm Ölbildchen von Ludwig Richter, der von 1823 bis 1826 in Italien verweilte, für schlappe 250.000 Euro Taxe angeboten. Die „Ansicht von Bajae in der Bucht von Neapel“ malte Richter 1830, längst schon wieder in seinem Meißner Atelier sitzend, und solche italienische Sehnsuchtsbilder ließen sich gut verkaufen, so gut, dass er das Motiv noch ein weiteres Mal pinselte. Eine wunderbare Landschaft und ein wenig Folklore – in diesem Fall ein paar Fischer am Strand – genügten, um die Lust beim Betrachter auf Italien zu befeuern. Für die jungen Künstler selbst wurde eine Salve der Inspiration nach der anderen abgefeuert. Richter schrieb: „In Neapel schloß sich eine neue Zauberwelt auf, recht eigentlich ein Paradies für Landschaftsmaler.“.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Ein junger Darmstädter Maler, Johann Heinrich Schilbach, lebte 5 Jahre in Rom und gehörte zu der Gruppe von Malern, mit denen Richter von Rom nach Neapel wanderte. Aus einer durchaus nicht unüblichen finanziell klammen Situation heraus, schrieb er in einem Brief an einen Freund: „ …. wenn es nicht besser geht, so packe ich mein Bündel bald … In Deutschland kann ich viel leichter was verdienen, weil nicht so viele Künstler da sind.“. Ja, die Deutschrömer hatten es nicht leicht. Kaum ein Jahr nachdem Schilbach diesen Brief geschrieben hatte, packte er tatsächlich sein Bündel, allerdings hatte sich zu diesem Zeitpunkt seine Situation durch Bildverkäufe ein wenig verbessert, und er marschierte Richtung Neapel, dem Licht entgegen. Er bestieg zusammen mit Richter den Vesuv, setzte nach Amalfi und Capri über, und drei Jahre später brachte er einen gewaltigen Packen Papier mit zurück nach Darmstadt. In Italien fand im 19. Jahrhundert eine riesige Plein-air-Veranstaltung statt, an der so ziemlich jeder junge deutsche Maler teilnehmen wollte. Eigentlich ist das Malen ja eine einsame Tätigkeit, aber hier ballte sich alles in Gruppen zusammen, man wanderte und zeichnete, aquarellierte, …. und vermutlich trieb man sich so gegenseitig zu immer neuen Höhepunkten an. Mein böser Kopf hakt hier ein und sagt, dass man auch zu wenig Platz hatte, um sich aus dem Weg zu gehen. Caspar David Friedrich wusste das womöglich auch.

dm

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Nachtrag: Es ist klar, dass eine kleine Blog-Serie nur ein wenig an der Oberfläche eines Themas kratzen kann. Als ich damit anfing, hatte ich ganz anderes im Sinn, aber so ist das manchmal. Das Italien der Maler im 19. Jahrhundert ist ein gigantisches Spinnennetz, von dem unzählige Querverweise auf die gesamteuropäische Kunst ausgehen. Ich würde sogar behaupten, dass ohne die fleißige Vorarbeit der romantischen Maler (und Literaten) Italien nicht zu dem touristischen Sehnsuchtsland der Deutschen geworden wäre. Vermutlich wären uns dann auch in den 60er und 70er Jahren unzählige gespachtelte Sonnenuntergänge mit Fischerbooten oder glutäugige Südländerinnen erspart geblieben, die zahlreiche Wohnzimmerwände schmückten. Ich belasse es jetzt damit, noch einige Stichpunkte aufzuführen, deren nähere Betrachtung sich gelohnt, aber ganz sicher den Rahmen noch mehr gesprengt hätten: Sophia Loren, Gina Lollobrigida, Claudia Cardinale, Monica Bellucci, Ornella Muti, Isabella Rossellini.

Nach einer Zeichnung von Fohr, die ihn auf dem Weg nach Italien zeigt, nebst seinem Bernadinerhund Grimsel. Dieter Motzel

Nach einer Zeichnung von Fohr, die ihn auf dem Weg nach Italien zeigt, nebst seinem Bernadinerhund Grimsel. Dieter Motzel