Schubladenkunst oder die Erfindung des Halbtons

6. April 2016 § 44 Kommentare

Kupferdruckfarbe, eine zähe Pampe. Foto: dm

Kupferdruckfarbe, eine zähe Pampe. Foto: dm

Schubladenkunst oder die Erfindung des Halbtons

Ein dichtes graues Gewebe überspannt den Himmel. Manchmal ein lichteres Stück, ganz so, als würde hinter diesem Himmelsvorhang eine Theateraufführung stattfinden, die sich unseren Blicken entzieht, weil wir auf der falschen Seite stehen. Kaum, dass unsere Aufmerksamkeit sich am Grau zu erschöpfen droht, taucht wieder ein Licht auf; der schwache Schein einer Lampe, die dicht hinter dem Tuch geführt wird. Die Akteure dieses Stückes bleiben uns unbekannt, aber diese Ahnung von Licht lässt uns hoffen, dass der Vorhang bald aufgezogen wird.

Diese Zeilen schrieb ich vor einigen Jahren in ein Notizbuch. Wir saßen im tiefergelegten niederländischen Friesland, in das wir uns zwecks Himmel-, Erd- und Wasserbeobachtung zurückgezogen hatten. Was mich diese Sätze jetzt aufgreifen lässt, ist die darin enthaltene Abwesenheit von Präsenz. Dabei ist das, was nicht sichtbar ist, meist das Wichtigste. Im übertragenden Sinn gilt dies auch für die künstlerische Druckgrafik. Zumindest für den, der sie erstellt. Während der Betrachter im Endergebnis ein Blatt Papier mit einem Motiv in Händen hält, ist es für den Hersteller ein langer und aufwendiger Weg, der je nach Technik auch viele Möglichkeiten des nachhaltigen (dieses Wort wollte ich einfach auch einmal in einem Text unterbringen) Scheiterns bietet, weil Korrekturen sehr schwierig oder gar ausgeschlossen sind. Vor allem aber wird ein Ergebnis tatsächlich erst am Ende des ganzen Prozesses sichtbar, vorher arbeitet man an einem Überraschungspaket, dessen Inhalt man erahnt, aber noch nicht wirklich überschauen kann. In Zeiten der digitalen Pixelbilder, mit denen jeder ein Künstler sein darf, der es nur oft genug selbst betont, muss über noch etwas gesprochen werden, weil es gerade für die Druckgrafik unabdingbar ist: Man nennt es Handwerk. Also nichts für diejenigen, die so gerne über das Brechen von Regeln fabulieren, ohne auch nur eine einzige dieser Regeln zu kennen.

Obwohl in den letzten Jahren so etwas wie eine Renaissance der künstlerischen Druckgrafik stattgefunden hat, darf man wohl konstatieren, dass diese vielfältige und eigenständige künstlerische Bildwelt schon bessere Zeiten gesehen hat. Für Dürer oder Cranach waren es noch lukrative Geschäftsfelder, ihre Holzschnitte an eine breitere Käuferschicht zu verticken. Allerdings waren dies auch relativ bilderlose Zeiten, in denen es bestenfalls in der Kirche ein Altarbild zu bewundern gab, und vielleicht, wenn man einen Kumpel besuchte, der beruflich als Landgraf oder König tätig war und sich so quasi per Amt einen Maler unterhielt, der ihn mit bunten Bildern bei Laune hielt. Das gemeine Volk war in der Regel ohne Bilder und ausreichend froh darüber, wenn über dem Feuer ein Topf mit Kohlstrünken köchelte. Mit dem Aufkommen einer breiteren Bürgerschicht, die sich weniger Sorgen um den Inhalt ihres Kochtopfes machen musste, wuchs auch die Lust auf Bilder, die Himmel, Hölle, Erlösung und die restliche Welt abbildeten. Ein guter Nährboden für die „Schwarze Kunst“, die sich erst im Laufe der Jahrhunderte vom Handwerk der Bildvervielfältigung zur freien künstlerischen Ausdrucksweise entwickelte. Als Dürer 1515 seinen Holzschnitt „Rhinocerus“ anfertigte und sehr erfolgreich vertrieb, war der freie künstlerische Ausdruck kein Thema, man wollte ein Abbild der Realität in einer Welt, die dem Einzelnen noch sehr unbekannt war, ob es nun die Ansichten ferner Städte oder seltsamer Pflanzen aus Surinam waren. Es ging dabei um größtmögliche Kunstfertigkeit und nicht um Kunst, wie wir sie heute verstehen. Dass Dürer fast „tagesaktuell“ auf ein Ereignis reagierte (das Tier gelangte 1515 von Indien nach Lissabon und war natürlich eine Sensation in Europa, in dem die Wildsau oder der Braunbär das Maß aller tierischen Dinge waren) darf man seiner Geschäftstüchtigkeit bewundernd zuschreiben. Dürer, der das „Rhinocerus“ nie mit eigenen Augen sah und das Bild nach Berichten und Skizzen eines unbekannten Künstlers fertigte, bestimmte bis ins 18. Jahrhundert hinein unser Bild eines Nashorns. Es wundert nicht, dass immer neue Auflagen dieses Bildes gedruckt wurden, neben unzähligen Kopien, die fleißige Kunsthandwerkerhände anfertigten. Bildernahrung für’s Volk, das noch ein paar hundert Jahre auf zoologische Gärten warten musste, in denen man ein Nashorn betrachten konnte. Dürer hätte vermutlich niemals diese breite Bekanntheit und Wertschätzung bis in unsere heutige Zeit ohne seine grafischen Arbeiten erlangt. Es gibt viele Beispiele, die bis in die Neuzeit reichen, wo Künstler ihre Popularität der grafischen Kunst, der Reproduzierbarkeit ihres Werks in Form von Holzschnitten, Stahlstichen, Radierungen oder Lithografien verdanken. Im Umkehrschluss heißt das natürlich auch, dass man viele dieser Künstler überhaupt nicht kennen würde, wenn nicht irgendein Hansel mal bewusst, mal eher zufällig eine Technik entdeckte oder weiterentwickelt hätte, die heute unter den Kategorien Hochdruck, Tiefdruck, Flachdruck und Durchdruck zu finden sind. Oft waren es aus unserer heutigen Sicht Amateure, die wahre Quantensprünge in den druckgrafischen Techniken ermöglichten. Viele von ihnen sind in der Vergessenheit verschwunden. Oder kennt jemand zufällig Ludwig von Siegen?

Ok, man muss ihn nicht kennen, aber ihm verdanken wir im Jahre 1642 die Erfindung des Halbtons in der Druckgrafik. Bis dato war es nicht möglich, Halbtöne, wie wir sie etwa aus Zeichnungen oder Ölbildern kennen, druckgrafisch wiederzugeben. Bis zu diesem Zeitpunkt basierten alle gängigen druckgrafischen Verfahren (Holzschnitt, Kupferstich, Ätzradierung) auf der Wiedergabe von Linien. So etwas wie Halbtöne wurden in der Regel durch unterschiedlich dichte Schraffuren, also durch überkreuzende Linien, imitiert.

Ein gut sortierter Werkzeugkasten ist eine Zierde für den jungen Mann. Alles weitere ergibt sich dann ... Foto:dm

Ein gut sortierter Werkzeugkasten ist eine Zierde für jeden jungen Mann. Alles weitere ergibt sich dann, … also mit Frauen und so. Foto:dm

(Hier ist ein kleiner Einschub notwendig, weil manchmal bei komplexeren Themen Grundlagen zum besseren Verständnis erklärt werden müssen. Leute, die sich auskennen, werden das für völlig überflüssig halten (also ich), aber die winzige Minderheit der Ahnungslosen soll nicht auf dem Schlauch stehen, wenn sie gewillt sind, den Ausführungen weiter zu folgen. Die Auskenner können jetzt eine Pinkelpause machen.

Da es im Text um manuelle künstlerische druckgrafische Techniken geht, ist es notwendig, einige grundsätzliche Anmerkungen zu machen. Wenn wir einige hundert Jahre zurückgehen, gibt es nur zwei Kategorien der Druckgrafik, also der Möglichkeit, Bilder zu drucken: Hochdruck und Tiefdruck. Die Unterschiede erkennt man schon im Namen. Beim Hochdruck sind alle druckenden Teile einer Druckform erhaben gegenüber den tieferliegenden nichtdruckenden Teilen. Der klassischste künstlerische Hochdruck ist der Holzschnitt. Es ist eine einfache Geschichte, man denke sich eine Holzplatte, in deren Oberfläche mit dem Taschenmesser ein fettes Herz nebst Initialen der Liebsten (der Romantiker kennt das von Bäumen) geschnitzt wird. Wer nun die Oberfläche dieser Holzplatte mittels einer Walze mit Druckfarbe einfärbt, ein Blatt Papier darüber legt und das Ganze vorsichtig abreibt, anschließend das Papier ebenso vorsichtig abzieht, wird feststellen, dass er nun auf das Papier eine schwarze Fläche gedruckt hat, mit einem fetten weißen Herz mittendrin. Außerdem wird er betroffen feststellen, dass seine geschnitzten Initialen nun spiegelverkehrt auf dem Blatt Papier auftauchen. Gut, so etwas passiert. Führt aber zu einem Grundsatz, der fast überall seine Gültigkeit hat: Erst nachdenken, dann machen!

Ungleich schwieriger verhält es sich mit dem künstlerischen Tiefdruck.

Die Druckform ist in der Regel aus Metall, das sich nicht so leicht wie Holz bearbeiten lässt. Wer sich schweren Herzens doch dafür entscheidet, mit vielen Mühen auf Kupfer- , Zink- , oder Eisenplatten herumzukratzen, hat dafür eine größere Palette an Ausdrucksmöglichkeiten, als ihm dies der Hochdruck bieten würde. Grundsätzlich lassen sich beim künstlerischen Tiefdruck alle Verfahren der Druckform-Bearbeitung in zwei Gruppen unterteilen. Zum Einen spricht man von „kalten“ oder „trockenen“ Verfahren. Darunter fallen alle Arten der Bearbeitung, in denen mit einem Werkzeug direkt die blanke Metallplatte bearbeitet wird. Als Beispiele, die fast jeder schon einmal gehört hat: Der „Kupferstich“ oder die Bezeichnung „Kaltnadel“. Zum Anderen gehören, die „warmen“ oder „nassen“ Verfahren. Die darunter fallenden Techniken zeigen vor allem eines: Säure hinterlässt im Metall tiefe Spuren, und sie kribbelt an den Fingern, wenn man sie nicht rechtzeitig mit Wasser abspült. Die Ergebnisse dieser alchemistischen Versuche nennt man dann z. B. „Radierung“ oder „Aquatinta“. Jedenfalls, wenn es klappt. Denn Löcher, Linien, Punkte oder Kratzer im Metall zu haben , ist die eine Sache, eine andere ist es, sie auf Papier abzudrucken. Beim Tiefdruck liegen, im Gegensatz zum Hochdruck, alle druckenden Teile vertieft in der Metallplatte, was die Sache nicht einfacher macht. In der Praxis sieht das so aus: Die gesamte Oberfläche der Druckplatte wird mit Tiefdruckfarbe, in der Regel ist das eine relativ zähe Pampe, eingefärbt. Dann beginnt man damit, die Metallplatte an der Oberfläche wieder blank zu wischen, und zwar so, dass die Farbe in den Vertiefungen, also unseren Löchern, Linien, Punkten und Kratzern zurückbleibt, die Oberfläche aber blank und ohne Druckfarbe ist. Das klingt kompliziert, was sicherlich auch daran liegt, dass es kompliziert ist. Auch ein guter Druckgrafiker kann hier untergehen, wenn er nicht ein mindestens ebenso guter Drucker ist. Die vorbereitete Platte muss nun auch gedruckt werden. Was beim Hochdruck, einem Holzschnitt zum Beispiel, noch einigermaßen gut am heimischen Küchentisch gemacht werden kann, erfordert nun eine Tiefdruckpresse. Wir brauchen nämlich ordentlich  Druck. Die vorbereitete Metallplatte wird plus dem daraufliegenden Papier durch zwei Metallwalzen gedreht. Durch den hohen Pressdruck wird die Druckfarbe aus den Vertiefungen der Metallplatte auf dem darüber liegenden Papier abgedruckt. Wenn tatsächlich alles geklappt hat, hält man jetzt ein bedrucktes Blatt Papier in Händen. Der Sinn von Druckgrafik liegt in der Vervielfältigung. Für jeden einzelnen Druck ist dieser Aufwand zu betreiben, d. h. Platte einfärben, Oberfläche blank wischen, drucken. Um es einmal zeitlich zu fassen: Je nach Größe der Druckplatte oder der Schwierigkeit, die manche Techniken oder Motive beim Blankwischen der Platte mit sich bringen, kann ein einzelner Druck schon mal eine Stunde beanspruchen. Bei einer „einfachen“ Druckplatte in überschaubarer Größe sind kaum mehr als 4 Drucke pro Stunde möglich. Wohlgemerkt rede ich hier nur vom Druck, die eigentliche künstlerische Leistung, das Motiv, und insgesamt die Herstellung der Druckform ist hier noch gar nicht berücksichtigt. Also nicht beschweren, wenn man auch ein paar Euro für eine Originalgrafik ausgeben muss! Für den Künstler heißt es oft genug: Viel Aufwand und wenig Ertrag. Ok, für die Auskenner ist die Pinkelpause zu Ende, es geht weiter im Text).

Oh, wo war ich stehengeblieben?

Beim klassischen Hochdruck, einem Holzschnitt, ist es bis heute so, dass zwar Farbflächen, aber keine Halbtöne gedruckt werden können. Der ein oder andere wird jetzt vielleicht aufschreien, weil er erst kürzlich über einem wunderbaren und vielfach publizierten Farbholzschnitt des Japaners Hokusai meditiert hat. Den Farbholzschnitt „Die große Welle vor Kanagawa“ wird fast jeder einmal gesehen haben, ein beliebtes Motiv für so ziemlich jeden Zweck und Kontext. Er zeigt, wie sollte es anders sein, eine Welle, die gekonnt aus unterschiedlichen Farbflächen aufgebaut ist, aber … im Hintergrund ist am dargestellten Himmel ein Farbverlauf zu bewundern, also Halbtöne. Wie jetzt? Geht Halbton doch im Holzschnitt? Nö! Aber man kann natürlich immer in die Trickkiste greifen. So wie Hokusai. Die Halbtöne, der Farbverlauf, ist nicht auf der Druckplatte, sondern wird individuell mit der Druckfarbe darauf aufgebracht. Im Ergebnis heißt dies: Wenn man die Druckplatten einfach einem Drucker in die Hand gegeben hätte, druck mal, wäre an Stelle des Verlaufs eine einfache Farbfläche zu sehen. Durch diese individuelle Einfärbung wird sich jeder Druck auch ein wenig vom anderen unterscheiden. Wenn man so will, ist das eine andere Form der Handkolorierung.

Zu Dürers Zeiten gab es bei den Tiefdruckverfahren, beschränkt auf Kupferstich und Ätzradierung, wie schon erwähnt keine Halbtöne, die mussten noch erst erfunden werden. Es war nicht einmal möglich eine einfache schwarze Fläche zu drucken, wie dies beim Holzschnitt ohne Probleme machbar ist. Kupferstich und Ätzradierung waren gänzlich auf die Linie angewiesen, und die dunkelste Fläche bestand aus sich vielfach überkreuzenden Linien. Auch heute, wo der Halbton längst auf der Welt ist und damit Flächen und Verläufe gedruckt werden können, ist beispielsweise eine tiefschwarze Fläche im Tiefdruck immer eine Mischung aus druckenden und nichtdruckenden Teilen. Vereinfacht erklärt liegt es daran, dass die Druckfarbe in den Vertiefungen der Druckplatte einen gewissen Halt braucht, um nicht schon vor dem Druck herausgewischt zu werden (wir erinnern uns: Platte putzen).

Nicht leicht ist es, sich in die Köpfe des 17. Jahrhunderts zu katapultieren. In dieser Zeit gab es viele neue Erkenntnisse, mit der sich Naturwissenschaft und Philosophie die Zeit vertrieben. Eine dieser Erkenntnisse war, dass eine Linie nicht einfach eine Linie ist, sondern aus einer Unmenge an Punkten besteht. Ebenso wie eine Fläche, die durchaus nicht so homogen und gleichmäßig ist, wie sie optisch erscheint. Uns mag so etwas wie das kleine Einmaleins erscheinen, aber damals waren solche Erkenntnisse jedoch völlig neu und revolutionär.

Ludwig von Siegen (1609-1680) war alles andere als revolutionär. Er war ein Offizier, der unter verschiedenen Fürsten diente. Nicht sonderlich ungewöhnlich in einer Zeit, in der ein dreißigjähriger Krieg Europa verwüstete. Während der Krieg tobte, war von Siegen nicht permanent mit Hauen und Stechen beschäftigt, na ja, irgendwann wurde halt auch die Bevölkerung knapp. Zwischenzeitlich bekam er eine Anstellung als Zeichenlehrer von Wilhelm von Hessen, dem Sohn der damaligen Landgräfin von Hessen-Kassel. 1642 hatte von Siegen die gute, aber auch relativ zeitaufwendige Idee, nämlich eine Kupferplatte mit Werkzeugen so zu bearbeiten, dass sie komplett aufgeraut wurde. Gedruckt hätte diese Platte eine komplett schwarze Fläche hinterlassen. Nun begann er damit, die aufgerauten Flächen der Platte mit allerlei Werkzeugen wieder zu glätten und zu polieren. Heraus kam dabei ein Portrait seiner Chefin, der Landgräfin Amelia Elisabeth von Hessen-Kassel, das erste gedruckte Halbtonbild, das ohne Linien auskam. Die Technik nennt man „Mezzotinto“ oder „Schabkunst“. Mir bleibt persönlich allerdings völlig unverständlich, warum der Kerl nicht weiter in den Süden gereist ist, in Hessen-Darmstadt hätte er schönere Frauen portraitieren können. Als Südhesse bestätigt es meine Einschätzung, dass Tage und Nächte in Nordhessen öde und langweilig sind. Sonst käme man einfach nicht auf die Idee, über Stunden und Tage eine Kupferplatte mit kleinsten Vertiefungen zu überziehen, nur um sie anschließend wieder zu verschließen. Es zeigt aber auch, dass man entweder total bescheuert sein muss, oder leidenschaftlich bei der Sache. Manchmal trifft auch beides gleichzeitig zu. Den Beweis trete ich auch gleich an, denn im Anschluss zeige ich, wie so ein Mezzotinto hergestellt wird. Das mache ich nicht zum ersten Mal, aber ich zeige es zum ersten Mal ausführlich.

Mezzotinto

Um es mit dem Arbeitsaufwand nicht zu übertreiben (so bin ich halt), habe ich mir eine relativ kleine Platte aus Kupfer ausgesucht. Meiner Meinung nach ist Kupfer die ideale Druckform für alle Techniken des manuellen künstlerischen Tiefdrucks und für ein „Mezzotinto“ unbedingt nötig. Mit Zinkplatten, die sonst gerne, weil billiger, als Alternative zu Kupfer verwendet werden, kommt man hier nicht wirklich weiter.

Foto: dm

Foto: dm

Die Kupferplatte hat in etwa die Größe einer Postkarte. Das Stück habe ich mir aus einer alten Druckpatte herausgeschnitten. Es ist die Rückseite einer Radierung, deren Auflage längst ausgedruckt ist; und entsprechend verratzt sieht die Oberfläche aus. In diesem Fall stört es mich nicht sonderlich. Sauber gemacht werden muss die Platte trotzdem.

Foto: dm

Foto: dm

Die Oberfläche von Kupfer reagiert auf ziemlich alles, und fast jede Reaktion hinterlässt Spuren, die man tunlichst entfernen sollte, bevor die eigentliche Arbeit beginnt. Im vorliegenden Fall benutze ich einen handelsüblichen Metallreiniger aus der Tube. Wenn die Platte einigermaßen blank und blitzend vor einem liegt, bemerkt man vielleicht auch, warum man von der „Schwarzen Kunst“ spricht. Jede Tätigkeit in diesem Bereich garantiert rabenschwarze Hände. Es gibt natürlich auch Weicheier oder Mädels die Handschuhe tragen. Die Auskenner wissen natürlich, dass es noch eine andere Möglichkeit gibt, aber man muss auch nicht alles verraten. Immerhin ist die Platte jetzt geputzt, die tiefen Kratzer ignoriere ich, ebenso den Plattenrand, der normalerweise noch geglättet und abgeschliffen werden müsste.

Foto: dm

Foto: dm

Auf dem Unterlagen-Papier hat sich der Schmutz der Kupferplatte verteilt. Mir kam es gerade recht, ich tränkte das Blatt mit verschiedenen Lösungsmitteln und hatte vor, es durch eine herbeigeführte Verpuffung in Blattgold zu verwandeln.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Diesen Versuch brach ich ab, weil mich drei Musen ablenkten, die unter der Atelierdecke herumschwirrten. Statt Blattgold nun drei gezeichnete Musen auf dem Schmutz einer Kupferplatte.

Wiegeeisen. Foto: dm

Wiegeeisen. Foto: dm

Wiegeeisen im Größenvergleich zur Kupferplatte. Foto: dm

Wiegeeisen im Größenvergleich zur Kupferplatte. Die abgebildete Platte ist in einer Richtung bisher bearbeitet. Foto: dm

Darüber habe ich fast meine schön gereinigte Platte vergessen. Von dem Bildmotiv, das einmal die Platte zieren soll, habe ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung. Aber bei der nachfolgenden Arbeit werde ich einige (viele) Stunden Zeit haben, um darüber nachzudenken. Mit einem Wiegeeisen, das man auch Granierstahl oder Mezzotinto-Messer nennt, wird nun die komplette Kupferplatte, Punktlinie neben Punktlinie, aufgeraut. Die Funktionsweise dieses Werkzeuges ist ähnlich einem Wiegemesser, das man zum Kräuterschneiden in der Küche verwendet. Allerdings ist der Kraftaufwand ein bisschen höher als beim Kräuterschneiden. Die Zähne des Wiegeeisens müssen in die Metallplatte eingedrückt werden. In unserem Fall sind es 42 kleine Stahlzähne, die sich unzählige Male in ein postkartengroßes Stück Kupfer beißen müssen.

Die Platte ist hier in zwei Richtungen gekörnt. Foto: dm

Die Platte ist hier in zwei Richtungen gekörnt. Foto: dm

Foto: dm

Foto: dm

In der Regel fängt man an einer Ecke an und arbeitet sich, Linie um Linie, von links nach rechts durch. Wenn das Kupfer komplett mit waagrechten Linien bedeckt ist, beginnt man damit, sich von unten nach oben durchzuarbeiten, also vertikale Linien zu setzen. Wer dies, ohne geistigen Schaden zu nehmen, geschafft hat, kann jetzt eine Tasse Kaffee trinken und sich darüber freuen, dass die Hälfte der Arbeit erledigt ist. Im Anschluss darf sich das Wiegeeisen von linksoben nach rechtsunten durchbeißen und so diagonale Linien zu hinterlassen. Das ganze dann nochmal von rechts oben diagonal nach links unten. Die Platte ist nun in vier Richtungen aufgeraut, die Überlebenden haben es geschafft und freuen sich. Dieser Arbeitsschritt kann abgehakt werden. Die Platte ist mit einem dichten Punktraster überzogen. Würde man diese Platte nun abdrucken, wäre auf dem Papier eine schwarze Fläche zu sehen.

Die Platte ist hier vollständig gekörnt. Das Wiegeeisen glüht. Foto: dm

Die Platte ist hier vollständig gekörnt. Das Wiegeeisen glüht. Foto: dm

Ich hatte Zeit genug, um über ein Motiv nachzudenken. Das Ergebnis skizziere ich auf dünnes Transparentpapier, idealerweise sollte die Skizze die gleiche Größe wie die Kupferplatte haben. So lässt es sich leichter auf die Platte übertragen. Immer daran denken, dass das Motiv seitenverkehrt auf der Platte sein muss, um seitenrichtig gedruckt zu werden. Also, wenn ich AHA in die Platte ritze, kommt später ein AHA raus, … ähh, Scherz. Das Motiv habe ich in diesem Fall nur mit groben Linien auf das Kupfer übertragen, der Rest soll sich bei der Arbeit ergeben.

Das skizzierte Motiv auf Transparentpapier. Foto: dm

Das skizzierte Motiv auf Transparentpapier. Foto: dm

Die wichtigsten Werkzeuge. Foto: dm

Die wichtigsten Werkzeuge. Foto: dm

Es mag die Arbeit erleichtern, wenn man sich in Gedanken klarmacht, dass man vor einer schwarzen Fläche sitzt, aus der nun die Weißanteile herausgearbeitet werden müssen. Als Werkzeuge dienen dazu verschiedene Schab- oder Poliereisen. Damit werden unsere mühsam erarbeiteten Vertiefungen in der Kupferplatte wieder entfernt, und zwar in Abstufungen so, dass an den hellsten Stellen im Motiv die Oberfläche der Platte glattpoliert ist und im Druck keine Farbe mehr aufnehmen kann.

 

Das Motiv wird aus der Platte herausgeschabt. Foto: dm

Das Motiv wird aus der Platte herausgeschabt. Foto: dm

Das Ergebnis der oben gezeigten Platte sieht im Druck dann so aus.

Das Ergebnis der oben gezeigten Platte sieht im Druck dann so aus.

An der ersten Druckversion erkennt man schon gut das Prinzip, auf dem das Ganze basiert. Außer den Kratzern, die schon vorher auf der Platte waren, gibt es keine einzige Linie im Bild, das gänzlich auf Halbtönen basiert. Bevor das Mezzotinto erfunden wurde, waren solche malerischen Effekte in der Druckgrafik völlig unbekannt.

Im Detail sieht das so aus. Foto: dm

Detailaufnahme der Kupferplatte. Foto: dm

Ich hatte noch Lust, weiter zu schaben und zu kratzen. Und die letzte gedruckte Version sieht jetzt so aus.

"Tang", 2015, Mezzotinto, Plattengröße 10 x 14 cm, gedruckt auf Kupferdruckbütten. Dieter Motzel

„Tang“, 2015, Mezzotinto, Plattengröße 10 x 14 cm, gedruckt auf Kupferdruckbütten im Format 20 x 26,5 cm. Dieter Motzel.

 

 

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Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

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Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

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Zeichnung: Dieter Motzel

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Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

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Zeichnung: Dieter Motzel

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Alle Zeichnungen: Dieter Motzel

Alle Zeichnungen: Dieter Motzel

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