Es passiert nicht alle Tage …

21. Juli 2017 § 2 Kommentare

Foto: Dieter Motzel

Es passiert nicht alle Tage, dass mir Schopenhauer und Hegel bei der Arbeit zuschauen. Während ich an Schubert arbeitete, irritierte mich der Blick von Schopenhauer. Sein abschätziges Lächeln gefiel mir nicht. Hegel dagegen interessierte sich nicht für mich und blickte stattdessen auf Gott und die Welt. Gut für Schubert, dass mich nicht auch noch Hegel ablenkte. Sicherlich ist es auch besser, alleine Schopenhauer die Schuld in die Schuhe schieben zu können, wenn der Schubert misslingt.

„Schubert“, Zeichnung: Dieter Motzel

Ach, wenn ich Schubert wär, könnte ich wunderbar singen und auch noch die Forelle vertonen, die vor mir auf dem Teller liegt. Nun gut, wenn ich Schubert wäre, dann wär ich auch schon seit 1828 tot. Irgendwie kann man doch nicht alles haben.

dm

Slowfood

14. Juni 2017 § 13 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Es kann nicht oft genug gesagt werden

2. Juni 2017 § 15 Kommentare

Mischtechnik: Dieter Motzel

Böser Hund

26. Mai 2017 § 8 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Böser Hund

Der kahle Kopf war wohl keine Extravaganz von ihr, sondern eher die sichtbare Auswirkung einer Chemotherapie. Zumindest vermutete ich es. Dass ich den Köter mit ihr an der Leine lange Zeit nicht gesehen hatte, sprach dafür. Klein und zäh war sie nun geraume Zeit wieder mit schnellen Schritten unterwegs, um ihren Hund das Revier abpinkeln zu lassen. Ihr Mann, ein langer Lulatsch, der sie zwei Köpfe überragte, folgte ihr meist mit einigen Schritten Abstand. Wenn ich es mir recht überlege, sah ich sie nie miteinander gehen, eigentlich nur hintereinander mit entsprechender Lücke zwischen sich.

Als Hundehalter kennt und begegnet man sich im Viertel, oder man vermeidet es, so gut es geht, indem man die Straßenseite wechselt, einen anderen Weg einschlägt, um Gekläffe zu entgehen. So hielt sie es auch mit mir. „Der ist böse!“, ihr Zeigefinger deutete dabei unbarmherzig auf mich. Ein abrupter Richtungswechsel vollzog sich sogleich, dem Mann und Hund folgen mussten, ob sie wollten oder nicht. Ich wäre wenig verwundert gewesen, wenn sie sich danach bekreuzigt hätte, aus Dank, dem Bösen nicht in die Augen sehen zu müssen.

Als wir uns vor Jahren zum ersten Mal begegneten, rannte sie förmlich, mit einem kläffenden tiefergelegten Hündchen an der Leine voran, auf mich zu. Nach der oft gehörten Devise, der will nur ein bisschen spielen, wuselte das Ding an ihrer Leine abwechselnd zwischen den Beinen meines Hundes und mir herum. Womit ich noch ganz gut leben konnte, machte meinem Hund, begrenzt durch die Leine, zunehmend zu schaffen. Er knurrte mal vernehmlich und zeigte dem Ding seine Zähne. Nachdem sie begriffen hatte, dass die Bereitschaft meines Hundes, an diesem Tag zu spielen, gegen null tendierte, zog sie ohne ein weiteres Wort von dannen. Nur war ich für sie nun der Inbegriff des Bösen. Seither sind wir uns noch sehr oft nicht begegnet.

Nur die schnelle Bildung eines Hohlkreuzes und ein Ausfallschritt verhinderten, dass ihn die wütende Wucht des Trittes am Allerwertesten traf. Er hielt sich wacker aufrecht, verlor aber ein wenig von seiner Größe. Vermutlich wäre mir das Geschimpfe und Gezeter entgangen, wenn es nicht eine so beeindruckende Lautstärke entwickelt hätte. Als ich aus dem Fenster blickte, sah ich ihren Tritt, der sie fast selbst aus dem Gleichgewicht gebracht hätte, begleitet von einem lauten: „Du Arschloch!“. Traumatisiert von der Situation hielt selbst ihr ewig kläffender Hund die Klappe. Der Mann schwieg ebenfalls, und zum ersten Mal überhaupt sah ich ihn vorauseilen. Obwohl es wohl eher eine Flucht war, denn Entsetzen und Angst waren sichtbar. Nachdem das Trio aus meinem Blickfeld verschwunden war, sah ich sie lange Zeit nicht mehr.

Ich hätte einen Film drehen können – neue Einstellung, gleiches Szenenbild: mein Blick aus dem Fenster am Schreibtisch sitzend. Ihre schnellen Schritte hatten sich in einen zögerlichen Gang gewandelt. Sie war allein, nur etwas Verwirrtes begleitete sie. Ihr Gesicht hatte einige Schwellungen vorzuweisen und ein blaues Auge leuchtete. „Der Böse“, hinter seinem Schreibtisch sitzend, konnte sich einer Empathie für sie nicht erwehren, als sie wirklich in jede Mülltonne blickte, auf der Suche nach ihrem kleinen Hund.

dm

Baum der Erkenntnis

23. Mai 2017 § 21 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Nachtrag: Fliegenschiss

18. Mai 2017 § 26 Kommentare

Biomasse, Mischtechnik auf Karton, Dieter Motzel

Nachtrag: Fiegenschiss

Die alte Robinie, die im Hinterhof in eine beachtlichen Höhe gewachsen ist, hat sich frischgrün belaubt. Das gelingt ihr immer erst spät im Frühling. Ihre weißen Blütentrauben zeigen sich schon und werden im Laufe der nächsten Tage noch an Volumen zulegen. Schließlich muss der Baum noch zeigen, weshalb er gelegentlich auch Silberregen genannt wird. Die Blüten bieten reichlich Nektar. Sicherlich ein Festmahl für viele Insekten, und – wenn man die Nahrungskette im Blick hat – für die Vögel. Das biologische Gleichgewicht, das bei der Robinie im Hinterhof noch einigermaßen funktionieren mag, ist im Großen schon längst außer Kontrolle geraten. Der Bestand an Fluginsekten, die für die Bestäubung von Blumen und Bäumen zuständig sind, ist in den letzten 15 Jahren mancherorts um bis zu 80% zurückgegangen. Der Schwund an geeignetem Lebensraum, der Einsatz von Pestiziden und Insektiziden in der Landwirtschaft – es sind viele Ursachen, die verantwortlich für den dramatischen Rückgang vieler Arten sind. Reduzieren kann man das alles auf einen Bug im Algorithmus der Evolution, den man Mensch nennt. Von einem Grobmotoriker, der nur aus zwei Körperbauteilen besteht, einem kleinen Kopf und einem großen Unterleib, der den Kopf so gut es geht steuert, kann man vielleicht nichts anderes erwarten. Ein gewisser Trost besteht in dem Gedanken, dass alles nur Biomasse ist. Die verschwindet nicht, sie transformiert nur.

Fast immer, wenn mir das Wort „Biomasse“ in den Sinn kommt, sitze ich auf dem Klo oder mir fällt zufällig eine wunderbare Geschichte von Benjamin Maak ein. Sie trägt den bezeichnenden Titel: „Wie man einen Käfer richtig fängt“. Sympathie und Ekel spielen hier gleichermaßen eine Hauptrolle, und der Leser kann sich nicht entziehen, weder dem einen, noch dem anderen. Der Autor hat das ganz gut hinbekommen, immerhin bekam er 2013 beim Bachmann-Preis in Klagenfurt eine Auszeichnung dafür. Mit einigen Worten der damaligen Juroren auszudrückt, lässt sich die schräge Geschichte etwa so zusammenfassen: Von der Kindheit des Dr. Mabuse zur Idylle. Lesenswert allemal.

Meine Fliegenzucht. Zeichnung: Dieter Motzel

Die Evolution schläft nicht. Vor einigen Jahren gelang mir durch Zufall der Nachweis eines bis dato unbekannten Fluginsektes: Der Nasenflügler.

Der gemeine Nasenflügler. Zeichnung: Dieter Motzel

Nach monatelanger Forschungsarbeit, begleitet von vielen Rückschlägen, gelang mir sogar die Nachzucht des gemeinen Nasenflüglers, und ich kann nun in meinen Räumen einen stabilen Bestand vermelden. Als Krönung meiner entbehrungsreichen Forschung war es mir auch möglich, einige Unterarten zu bestimmen.

Sibirischer Prachtnasenflügler. Zeichnung: Dieter Motzel

Australischer Prachtnasenflügler. Zeichnung: Dieter Motzel

Wenn jeder von uns etwas zum Artenschwund beiträgt, ist es auch möglich, dass jeder etwas dagegen tun kann.

dm

Heimkehr

14. Mai 2017 § 8 Kommentare

Heimkehr, Mischtechnik, Dieter Motzel