Besiedlung der Zeit

3. Dezember 2016 § 6 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Besiedlung der Zeit

Um eine Wartezeit zwischen zwei Terminen zu überbrücken, spazierte ich, mehr oder weniger zufällig, einen Teil meines alten Schulweges ab. Als Knirps ging ich diesen Weg fast jeden Tag (Helikopter-Eltern gab es damals einfach noch nicht). Es ist ein Weg der verlorenen Orte geworden, und das Verschwundene stößt bei mir auf ein größeres Interesse, als das neu Hinzugekommene. So sehr ich meinen Blick auch nach oben richte, die kunstvoll an die Dachvorsprünge geklebten Nester der Schwalben sind verschwunden. Dafür ist nun der geteerte Bürgersteig sauber und nicht mehr mit Schwalbenscheiße bedeckt. An dieser Stelle des Weges konnte man schon die Schule riechen, und wenn die Straße nach 50 Metern nicht abknicken würde, könnte man sie auch schon sehen. Jedenfalls war es die Stelle, an der keine Umkehr mehr möglich war. Der Sog des täglichen Bildungspensums war zu stark. Meistens machte ich also schon vorher kehrt. Ein böser Widerwille zwang mich manchmal dazu. Mein zweifelhafter Rekord als Fünftklässler lag bei über 4 Wochen unentschuldigtem Fehlen. An einem Stück versteht sich. Ein Rätsel, warum dieser Umstand meines nicht Vorhandenseins erst nach Wochen auffiel. Allerdings war das Unwetter, das sich danach über mir zusammenbraute, bei seiner Entladung auch nicht so ohne. Ich überlebte, ohne dabei wirklich zu glänzen, aber es gab wohl Versäumnisse von allen Seiten, was dazu führte, möglichst schnell einen Deckel über die Sache zu nageln. Die verstörenden Blicke meiner Mitschüler entschädigten mich für allen Unbill. Über die Gründe meiner Schulabstinenz kann ich heute nicht mehr viel sagen. Es gab keinen greifbaren Anlass. Auf meiner Stirn stand jedenfalls auch noch nie „Opfer“ geschrieben. Ok, ein bisschen gestört war ich natürlich schon immer.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Während die „Essen ist Geil“-Fraktion immer neuen Genusserlebnissen nachspürt, hat sich im Alter mein Gaumen auf zwei Geschmacksrichtungen festgelegt: Alkohol und feste Nahrung. Damit lassen sich knirpsige Genusserinnerungen allerdings nur sehr unzulänglich beschreiben. Mein Schulweg war diesbezüglich geradezu paradiesisch. Die Schule schon in Sichtweite, mahnten ein Bäcker und ein Metzger eine letzte Einkehr an, und setzten dabei dem Bildungsangebot ein weitaus schmackhafteres Angebot entgegen. Der Nachteil lag auf der Hand, bzw. eben nicht. Obwohl es schon sehr lange her ist, gab es damals schon Geld (wirklich!), und das war in unseren Kinderhänden äußerst rar. Die Münzen, die nötig gewesen wären, um die Angebote nutzen zu können, lagen eben nicht in der offenen Hand, sie blieben eine seltene Ausnahme. Äußerlich sind heute die Gebäude kaum verändert. Die Schaufensterscheiben des Metzgers sind verklebt und der kleine Turmgiebel des Hauses ahmt noch immer die dahinterliegende Silhouette der katholischen Kirche nach. In der gegenüber liegenden Bäckerei lassen sich nun Leute Nägel designen, oder auch nicht. Als ich in späterer Vormittagsstunde dort vorbei spazierte, herrschte eine gähnende Leere. Ich füllte sie mit mir und einer Horde Gleichaltriger, sehe uns die drei, vier Stufen zur Glastür stürmen, um die wenigen Pfennige gewinnbringend anzulegen. Die Angebotspalette war schulkindgerecht ausgelegt. Also wenig für wenig Geld. Die Bäckersfrau war allgemein unbeliebt. Streng, und wenig aufgeschlossen gegenüber den Geldnöten von Knirpsen. An ein Lachen von ihr kann ich mich nicht erinnern, es war immer der gleiche genervte, aber gierige Blick, der mich und natürlich sämtliche vor der Theke stehenden Leidensgenossen traf. Jetzt kommt mir sogar wieder ihre alte Mutter in den Sinn, die täglich zur Pausenzeit im Schulhof stand, mit einem großen Korb an Backwaren und sonstigen Leckereien. Immer umringt von großen Trauben kleiner Stinker, die zehn Minuten vorher noch über die geologische Beschaffenheit Hessens informiert wurden und nun der Beschaffenheit von süßem Gebäck nachspüren wollten. Der Bäcker machte wohl seinen Schnitt. Die alte Bäckersfrau sehe ich in dunkler Kleidung, klein und gebückt und, mit Kinderaugen betrachtet, natürlich uralt. Der Korb, den sie mehrmals am Tag von der Bäckerei in den Schulhof schleppte, war mit zwei Deckeln versehen, die sich zur Mitte aufklappen ließen. So sagt es meine Erinnerung, aber über das tatsächliche Alter der Frau würde ich heute keine Prognose mehr abgeben. Eine Mauer umfriedete den Schulhof zu einer Straßenseite hin, die anderen Seiten wurden durch Gebäude und Nachbargrundstücke begrenzt. Abhauen war schwierig. Die wenigen Aus- und Eingänge wurden genauestens überwacht, vielleicht gab es sogar einen Schießbefehl, wer weiß das schon. Womöglich ist das ein bisschen übertrieben, aber die Schule war mitten im Stadtteil gelegen und ein Steinwurf entfernt rumpelten Straßenbahnen und Busse über das Kopfsteinpflaster. Es waren andere Zeiten, aber auch damals hatte man eine gewisse Aufsichtspflicht gegenüber den lieben Kleinen. Obwohl Eltern noch nicht die grundsätzliche Neigung verspürten, wegen eines eingerissenen Daumennagels des Sprösslings sich bis zum europäischen Gerichthof für Menschenrechte durchzuklagen. Natürlich gab es für uns kleine Hosenscheißer auch gute Gründe, während der Pause mal eben kurz verschwinden zu wollen. Das lerngeplagte Köpfchen verlangte nach dem ultimativen Zuckerschock, und den gab es, quer über die Straße, beim Werksverkauf der Backwarenfabrik Josef Wolf. Dort sind die Gold-Fischli erfunden worden, und dort konnte man für wenig Geld große Papiertüten voller Bruchware erstehen. Zum Beispiel Schaumwaffeln mit schwarzafrikanischem Migrationshintergrund, damals hießen die allerdings einfach Negerküsse.

dm

Nachtrag: Erinnerung ist Lug und Trug. In einer Ecke des Schulhofes stand eine große Platane. Strategisch günstig neben einem Eingang, an dem es am einfachsten war, mal eben unentdeckt zu verschwinden. Leider war die Platane der Lebensmittelpunkt der älteren Schüler und Schülerinnen, die dort solche Dinge taten, wie Raufen, Rauchen, Knutschen und Pimpfe ärgern, die in ihre Nähe kamen. Die alte Platane steht immer noch in prächtiger Größe, nur nicht mehr dort, wo meine Kopfbilder sie hingestellt hatten. Sie wurde etliche Meter von ihrem alten Platz weggerückt. Wer macht denn so was?

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Die Sehnsucht nach dem Licht 4

28. November 2016 § 18 Kommentare

Caspar David Friedrich wandert im Riesengebirge. Zeichnung: Dieter Motzel

Caspar David Friedrich wandert im Riesengebirge. Zeichnung: Dieter Motzel

Die Sehnsucht nach dem Licht 4

„Azzurro, zu blau ist der Nachmittag und zu lang für mich. Ich spüre, dass ich kaum noch Kraft habe, seit du weg bist, und da, hätte ich beinahe den Zug genommen, und wäre zu dir, zu dir gekommen, aber der Zug meiner Wünsche und meiner Gedanken fährt in die andere Richtung.“ Ok, der Zug ist wohl abgefahren, lieber Adriano, aber immerhin hast du den blauen Himmel, … und der ließ sich mit deiner Reibeisenstimme so gut verkaufen, dass er 1968 die meistverkaufte Single in Italien wurde. Und in der deutschen Schlagerwelt zum Sehnsuchtslied wurde. Himmel, dabei ist „Azzurro“ genaugenommen nur eine blaue Fläche. So kann man es jedenfalls als Maler sehen, und damit muss man erst mal zurechtkommen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich die malenden romantischen Italienreisenden im 19. Jahrhundert mit dieser Farbfläche ein bisschen schwer taten. Fast immer finden sich Unterbrechungen. Damit meine ich nicht das eigentliche Sujet aus Bäumen, Bergen und was auch immer, die natürlich auch in den Himmel ragen, sondern den Himmel an sich. Wenn es zu Blau wurde, kamen die Wolken, Wölkchen oder Dunststreifen und sorgten aus malerischer Sicht dafür, dass das „Azzurro“ nicht zu aufdringlich eintönig wurde. „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt, und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt …“ hat sich die Sache mit dem „Azzurro“ von selbst erledigt.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Und schon sind wir im Mezzogiorno, dem zweiten großen Sehnsuchtsziel für die deutschen Maler des 19. Jahrhunderts in Italien. Die geistige Sehnsucht wurde in Rom, der ewigen Stadt, so gut es ging befriedigt, aber als wahres irdisches Paradies lockte Neapel. Vermutlich gehören der Golf von Neapel und die Amalfi-Küste zu den am meist gemalten Motiven in der damaligen Zeit. In kleinen oder auch größeren Gruppen wanderten befreundete Künstler die rund 250 Kilometer von Rom nach Neapel, und sie zeichneten und zeichneten. Noch Jahre später, längst zurück im dunklen und kalten Deutschland, diente ihnen dieser erzeichnete Schatz als unerschöpflicher Fundus, der in ihren Bildern seine Verwendung fand. Ein Schatz gewissermaßen auch heute noch. Bei einem Auktionshaus wird aktuell ein kleines 34 x 43 cm Ölbildchen von Ludwig Richter, der von 1823 bis 1826 in Italien verweilte, für schlappe 250.000 Euro Taxe angeboten. Die „Ansicht von Bajae in der Bucht von Neapel“ malte Richter 1830, längst schon wieder in seinem Meißner Atelier sitzend, und solche italienische Sehnsuchtsbilder ließen sich gut verkaufen, so gut, dass er das Motiv noch ein weiteres Mal pinselte. Eine wunderbare Landschaft und ein wenig Folklore – in diesem Fall ein paar Fischer am Strand – genügten, um die Lust beim Betrachter auf Italien zu befeuern. Für die jungen Künstler selbst wurde eine Salve der Inspiration nach der anderen abgefeuert. Richter schrieb: „In Neapel schloß sich eine neue Zauberwelt auf, recht eigentlich ein Paradies für Landschaftsmaler.“.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Ein junger Darmstädter Maler, Johann Heinrich Schilbach, lebte 5 Jahre in Rom und gehörte zu der Gruppe von Malern, mit denen Richter von Rom nach Neapel wanderte. Aus einer durchaus nicht unüblichen finanziell klammen Situation heraus, schrieb er in einem Brief an einen Freund: „ …. wenn es nicht besser geht, so packe ich mein Bündel bald … In Deutschland kann ich viel leichter was verdienen, weil nicht so viele Künstler da sind.“. Ja, die Deutschrömer hatten es nicht leicht. Kaum ein Jahr nachdem Schilbach diesen Brief geschrieben hatte, packte er tatsächlich sein Bündel, allerdings hatte sich zu diesem Zeitpunkt seine Situation durch Bildverkäufe ein wenig verbessert, und er marschierte Richtung Neapel, dem Licht entgegen. Er bestieg zusammen mit Richter den Vesuv, setzte nach Amalfi und Capri über, und drei Jahre später brachte er einen gewaltigen Packen Papier mit zurück nach Darmstadt. In Italien fand im 19. Jahrhundert eine riesige Plein-air-Veranstaltung statt, an der so ziemlich jeder junge deutsche Maler teilnehmen wollte. Eigentlich ist das Malen ja eine einsame Tätigkeit, aber hier ballte sich alles in Gruppen zusammen, man wanderte und zeichnete, aquarellierte, …. und vermutlich trieb man sich so gegenseitig zu immer neuen Höhepunkten an. Mein böser Kopf hakt hier ein und sagt, dass man auch zu wenig Platz hatte, um sich aus dem Weg zu gehen. Caspar David Friedrich wusste das womöglich auch.

dm

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Nachtrag: Es ist klar, dass eine kleine Blog-Serie nur ein wenig an der Oberfläche eines Themas kratzen kann. Als ich damit anfing, hatte ich ganz anderes im Sinn, aber so ist das manchmal. Das Italien der Maler im 19. Jahrhundert ist ein gigantisches Spinnennetz, von dem unzählige Querverweise auf die gesamteuropäische Kunst ausgehen. Ich würde sogar behaupten, dass ohne die fleißige Vorarbeit der romantischen Maler (und Literaten) Italien nicht zu dem touristischen Sehnsuchtsland der Deutschen geworden wäre. Vermutlich wären uns dann auch in den 60er und 70er Jahren unzählige gespachtelte Sonnenuntergänge mit Fischerbooten oder glutäugige Südländerinnen erspart geblieben, die zahlreiche Wohnzimmerwände schmückten. Ich belasse es jetzt damit, noch einige Stichpunkte aufzuführen, deren nähere Betrachtung sich gelohnt, aber ganz sicher den Rahmen noch mehr gesprengt hätten: Sophia Loren, Gina Lollobrigida, Claudia Cardinale, Monica Bellucci, Ornella Muti, Isabella Rossellini.

Nach einer Zeichnung von Fohr, die ihn auf dem Weg nach Italien zeigt, nebst seinem Bernadinerhund Grimsel. Dieter Motzel

Nach einer Zeichnung von Fohr, die ihn auf dem Weg nach Italien zeigt, nebst seinem Bernadinerhund Grimsel. Dieter Motzel

Die Sehnsucht nach dem Licht 3

20. November 2016 § 12 Kommentare

Auf nach Rom. Zeichnung: Dieter Motzel

Auf nach Rom. Zeichnung: Dieter Motzel

Die Sehnsucht nach dem Licht 3

Alle Wege führten nach Rom. Obwohl die damaligen Reisebedingungen alles andere als einfach waren. Aber auch Gedanken können ja manchmal beflügeln und beschwerliche Wege erträglich gestalten. Zwischen 1800 und 1830 lebten in Rom rund 550 deutsche Maler, Bildhauer und Architekten. Dazu kamen noch die Dichter und die Franzosen, Engländer usw., ich nehme an, dass auch ein paar Italiener dort waren. Aber in der Regel wurden sie wohl eher als folkloristische Staffage vor klassischen Veduten wahrgenommen. Was nicht ausschloss, dass die jungen Maler ihre Skizzenbücher auch mit Genre-Szenen füllten. Grundsätzlich suchte man aber die Antike, die Schönheit, die ideale Landschaft und nicht den Italiener im damaligen hier und heute, sieht man mal von Johann Gottfried Seume, der nach Syrakus spazierte, ab. Der war auch nicht als Maler unterwegs. Von Heine stammt die ironische Bemerkung: „ …. sehen Sie mal die Bäume, den Himmel, da unten das Wasser – ist nicht alles wie gemalt? Haben Sie es je im Theater schöner gesehen? Man wird, sozusagen, ein Dichter!“

Theater. Zeichnung: Dieter Motzel

Theater. Zeichnung: Dieter Motzel

Für junge Maler fand in Italien ein Selbstfindungsprozess im Reich der (romantischen) Einbildungskraft statt. Und man sprach deutsch dabei. Und alle trafen sich in Rom beim Griechen. Das 1760 von einem Griechen gegründete „Caffé Greco“ ist wohl heute noch eines der bekanntesten Künstlercafés, nicht nur in Rom. Hier bin ich Maler, hier darf ich sein … eine Zeichnung von Carl Philipp Fohr gibt einen schönen Einblick in das wuselige Künstlertreiben in dieser, damals einfachen, Gastwirtschaft. Der Zeichner selbst konnte es gar nicht lange genießen. Er ertrank, 22jährig, unter tragischen Umständen vor den Augen seiner Freunde im Tiber. Ja, der Übermut junger Kerle. Ein anderer Deutscher, E.T.A. Hoffmann, würdigt das Caffé Greco in seinem Capriccio nach 8 Radierungen von Jaques Callot, „Prinzessin Brambilla“. Wer dieses Stück Literatur lesen möchte, sollte viel Zuversicht mitbringen, denn es ist ebenso burlesk wie die Radierungen von Callot, die Hoffmann dazu inspiriert hatten.

Fast ein Callot'scher Zwerg vor Römerin. Zeichnung: Dieter Motzel

Fast ein Zwerg von Callot vor Römerin. Zeichnung: Dieter Motzel

Eigentlich war meine Situation zum Verzweifeln. Ich saß zwar nicht beim Griechen in Rom, aber immerhin innerstädtisch fest. Spät abends fehlte mir einfach die Kraft, an die etwa hundert Meter entfernte nächste Döner-Klappe zu robben. Es gibt solche Tage, an denen die Kraft einfach nicht mehr ausreicht, schon gar nicht, um mit dem eigenen Kochgeschirr zu klappern. Da ich nicht elendig verhungern wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als eine der zahlreichen Notrufnummern zu wählen, die sich im Laufe eines Jahres in einer versteckten Ecke der Wohnung gesammelt hatten. Asiaten liefern, klar, Inder auch, Mexikaner, Italiener und Spanier sowieso. Nur die Griechen tun sich mit dem liefern schwer, da muss man schon nach Rom. Nachdem die Notrufnummer gewählt ist, muss man nur noch einen Zahlencode mit letzter Kraft in den Hörer stammeln und schon ist etwas auf den Weg gebracht, vor dem jeder Ernährungsberater dringend abraten würde. Solche Codes haben den unschätzbaren Vorteil, auf sprachliche Kommunikation außerhalb von Zahlenkolonnen völlig verzichten zu können, das ist sehr hilfreich, wenn auf beiden Seiten des Hörers nur rudimentäre Kenntnisse der Sprache des jeweils anderen bestehen. Um beim Thema zu bleiben, fiel meine Wahl auf die Code-Nummer 310, die steht für ein postkutschenradgroßes Schnitzel, das auf jedwede Inhaltsstoffe verzichtet und deshalb auch unbedenklich verzehrt werden kann. Dem dringenden Notruf angemessen, wurde recht zügig geliefert, und zwar von einem Pakistani. Im dunklen Hausflur die Treppen hochtapsend auf der Suche nach der Wohnung rief er mehrmals laut und gut hörbar „eh Jude“. Als wir uns für das Geschäftliche endlich auf der gleichen Stufe begegneten, war mein Blick auf ihn vermutlich recht irritiert, und irgendwie war ich es auch. Ich sag mal so: normalerweise bin ich freundlicher zu den armen Kerlen, als ich es vielleicht an diesem Abend in meiner Verwirrtheit war. Nachdem sich im Laufe der Nacht das Volumen meines Schnitzels auf Handtellergröße verringert hatte, kam mir die Erleuchtung. Mein pakistanischer Schnitzel-zu-mir-Roller hat versuchte in „hessisch“ zu kommunizieren, und er rief nicht “eh Jude“, sondern die urhessische Begrüßungsformel „ei Gude“. Das ist so wie in Norddeutschland „Moin“ oder „Servus“ in Bayern. Es kann schon zu Missverständnissen führen, wenn ein mäßig hessisch sprechender Pakistani auf einen in Codes denkenden ausgehungerten Hessen trifft. Sei’s drum, nix passiert. Wenn er das nächste Schnitzel zu mir rollt, werde ich ihm ein „ei Gude, wie“ entgegenrufen und gud is. Vermutlich antwortet er dann 1 mal 310 mit 4 aber ohne 17.

Lichte Lieferung. Zeichnung: Dieter Motzel

Lichte Lieferung. Zeichnung: Dieter Motzel

„Messieurs les Voyageurs on their return from Italy ( par la diligence ) in a snow drift upon Mount Tarrar, 22nd of January, 1829“. Das ist der Originaltitel einer Aquarell- und Deckfarbenarbeit von William Turner. Vom Dauerreisenden Turner weiß man, dass er sich in einigen europäischen Sprachen verständigen konnte, nur bei seinen Reisen durch Deutschland führte er immer zwei Sprachführer mit sich. Womöglich sogar „Hessisch für Anfänger“. Der Engländer Turner war unter den reisenden Malern des 19. Jahrhunderts wohl der umtriebigste und kam auf 18 Festlandsreisen. Dass er dabei die bis dato liniengeprägte Aquarellkunst revolutionierte, ist hinlänglich bekannt. Er war seiner Zeit weit enteilt und konnte mit Licht weitaus mehr anfangen als alle anderen seiner Zeitgenossen. Dass aber auch der Turner-Express manchmal ins Stocken kam, davon erzählt jenes Bild der Reisenden, deren Postkutsche in einer Schneewehe auf der Rückreise von (in) Italien liegenblieb. Turner war einer der Reisenden und erzählte von diesem Ereignis auch ausführlich in einem Brief vom Februar 1829: „Nun zu meiner Heimreise. Glaub mir, kein armer Teufel hatte je eine wie ich, doch war sie wenigstens in einem lehrreich, nämlich, nie wieder so tief im Winter aufzubrechen, denn der Schnee begann bei Foligno zu fallen, mehr Eis als Schnee, so dass die Kutsche durch ihr Gewicht hin und her schleuderte. Zu Fuß zu gehen war bei weitem vorzuziehen, doch meine unzähligen Leibröcke verweigerten mir den Dienst, so war ich bald durch und durch nass, bis bei Sarre-Valli die Postkutsche in einen Graben rutschte; es bedurfte sechs Ochsen, nach denen man 3 Meilen weit hatte schicken müssen, um sie herauszuziehen; das kostete 4 Stunden, so dass wir in Macerata mit zehn Stunden Verspätung ankamen, folglich gelangten wir halb verhungert und erfroren schließlich nach Bologna“.

Dunkle Wolken. Zeichnung: Dieter Motzel

Dunkle Wolken. Zeichnung: Dieter Motzel

Das Feuer, an dem sich die Reisenden versammeln, hält sich bedeckt. Es leuchtet nicht wärmend gelborange, sondern in gedeckten Ockertönen, und ob es die ihm entgegengestreckten Hände wirklich wärmt, erscheint zweifelhaft. Die große, im Licht des Feuers fast schemenhafte Kutsche ist in Schieflage geraten und steckt fest in Eis und Schnee. Ich weiß nicht so recht, was mir lieber wäre, in eine nasse Decke gehüllt an diesem lodernden Feuer zu sitzen, das nicht wirklich wärmt, oder mir eine der Schaufeln zu greifen, die im Vordergrund im Schnee liegen. Andere tun das schon. Sie schaufeln, knietief im Schnee stehend, die großen Speichenräder der Postkutsche frei, und sie ziehen an Seilen um sie aufzurichten, oder treiben das Ochsengespann an, das selbst fast vom Schnee verschluckt wird. Ob es gelingt ist nicht ersichtlich. Einer in Uniform, vermutlich der Postkutscher, überwacht die Tätigkeiten, gibt Anweisungen in dieser gespenstigen Nacht, die vom Feuer nur schwach ausgeleuchtet wird. Über allem ein dunkler wolkenverhangener Himmel und der Rauch von nassem Holz. Nur eine Handvoll Sterne und ein milchiger Mond geben die Wolken zaghaft frei. In dieser preußischblauen Nacht, die sich bis ins tiefste Schwarz verfinsterte, weiß niemand so genau, wo die Berge enden und der Himmel anfängt. Nur der Abgrund ist ein paar Meter vom Feuer entfernt wahrzunehmen, wo er endet sieht man nicht. Bei diesem Postkutschen-Unfall lässt Turner in einem einzigen Bild einen ganzen Reportage-Film vor dem Betrachter ablaufen. Der Winter mag damals nicht die ideale Reisezeit gewesen sein, aber schlimmer geht immer. Es gibt zahlreiche zeitgenössische Berichte, die von Raub und Wegelagerei berichten, und auch davon, dass ganze Reisegesellschaften gemördert wurden, um ein paar Habseligkeiten reicher zu werden. Die wichtigsten Dinge, Papiere und Geld, trug man möglichst am Leib.

Das erinnert mich doch sehr an mich. Meine Hosen und Jacken sind immer ausgebeult, weil ich dazu neige, möglichst viel von meinem Hausrat mit mir rumzuschleppen. So manch einer ist schon überrascht in die Knie gegangen, weil er mir freundlicher Weise meine Jacke abnehmen wollte. „Mann, ist die schwer, was is’n da alles drin?“ Alles! Vom Akku bis zum Zelt. Man weiß doch nie, wo man liegenbleibt.

dm

Demnächst eine weitere Lichterkette.

Romantik. Zeichnung: Dieter Motzel

Romantiker. Zeichnung: Dieter Motzel

Die Sehnsucht nach dem Licht 2

11. November 2016 § 14 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Die Sehnsucht nach dem Licht 2

Ob man Goethe ein klassisches Burnout attestieren würde, sei einmal dahingestellt. Seiner Reise nach Italien, wo er zwei Jahre verbrachte, ging jedenfalls eine größere Schaffenskrise voraus. Amtstätigkeit und kreatives Arbeit waren für den Hansdampf in allen Gassen nicht mehr so einfach unter einen Hut zu bringen. Mit Hilfe einer Kulturdröhnung im Licht Italiens und einer jungen Römerin, mit der er ins Bett hüpfte, kam er wieder in die Spur. Die aquarellierte Zeichnung von Tischbein, die ihn 1787 am Fenster seiner Wohnung in Rom zeigt, würde das bestätigen. Dieser Goethe ist ganz entspannt und lässig in Hauslatschen und legerer Kleidung, eigentlich ein ganz intimes, privates Bildchen. Ganz anders ist ein weiteres Bild von Tischbein, das ein Jahr früher entstand. Es zeigt Goethe als abgeklärten Reisenden (die Hausschlappen am entgegengesetzten Körperende durch einen Schlapphut ersetzt) in der Campagna. Dieses Bild kennt jeder und es wurde zu einem Inbegriff der deutschen Sehnsucht nach Arkadien. Johann Heinrich Wilhelm Tischbein auf „Goethes Maler“ zu reduzieren, wäre in einiger Hinsicht nicht falsch. Die finanzielle Absicherung seines zweiten Aufenthalts in Italien (ab 1783) verdankte er der Vermittlung von Goethe, der ihn damals noch nicht persönlich kannte. Beide lernten sich erst 1786 in Rom kennen und freundeten sich an. Tischbein darf auch als exemplarisches Beispiel für einen Epochenwechsel herhalten, der bei vielen Malern dieser Generation in Italien stattfand. Vereinfacht kann man sagen, Tischbein reiste als Rokokomaler nach Rom und kam einige Jahre später als klassizistischer Maler wieder nach Deutschland zurück. Kunstgeschichtlich wird die Epoche von 1770 bis 1840 als Klassizismus eingeordnet. Begleitet wird diese Zeit in der Malerei von der Romantik und dem Biedermeier. Eigentlich wollte ich mir das Einordnen in Schubladen ersparen, und bevor das alles jetzt in eine brave kulturgeschichtliche Hausarbeit ausartet, mache ich hier einen Break und bringe das richtige Leben ins Spiel, und da geht es doch, wie wir alle wissen, recht blutig zu, weil es sich noch nicht allgemeingültig herumgesprochen hat, dass Gewalt keine Lösung ist.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

In dem Wort „Strick“ klingt immer ein ungutes Ende mit.

Diesmal nicht, denn so sehr sich auch Francesco mühte, den Strick an beiden Enden zuzuziehen, der Typ schnappte immer noch nach Luft, und er war erstaunlich kräftig. Töten ist nicht so einfach, wenn sich das Gegenüber, weshalb auch immer, wehrt. Schließlich waren es sieben Stiche mit dem Messer, die dieses Tötungsdelikt sehr blutig werden ließen. Einfach war es nicht, denn auch hier griff das Opfer in seiner Todesangst mit beiden Händen in die Klinge, um weitere Stiche abzuwehren. Aber irgendwann geht auch der Stärkste in die Knie und Francesco konnte sich die Gold- und Silbermünzen schnappen, die der Grund für diese mörderische Attacke waren und mit ihnen das Weite suchen. Auf dem Boden des Hotel-Zimmers blieb sein blutüberströmtes Opfer zurück, … und lebte noch ganze sechs Stunden weiter, obwohl sechs der sieben Messerstiche für sich genommen schon tödlich waren. Der Raubmord geschah am 8. Juni 1768 in einem Hotelzimmer in Triest. Im kalten, dunklen Novembergrau sitzend, nehme ich mal an, dass es ein schöner Tag war, so wie man sich einen warmen Junitag in Triest eben vorstellt, aber es spielte keine Rolle, wenn man gerade zum letzten Mal ins Licht der Welt blickte. Damals gehörte Triest noch zu Österreich und Francesco hätte sich eigentlich gar nicht dort aufhalten dürfen. Der in der Toskana geborene 31 jährige Italiener Francesco Arcangli war in Wien, wo er als Dienstmann arbeitete, straffällig geworden und des Landes verwiesen. Das mit der Ausweisung hat nicht so richtig geklappt. Francesco lernte sein Opfer schon Tage vor der Tat kennen. Zufällig logierte er als Zimmernachbar im selben Hotel. Im Gegensatz zu Francesco durfte sich sein Opfer ganz legal in Triest bewegen, wollte das aber gar nicht, weil er dringend weg wollte und eine Gelegenheit zur Überfahrt nach Venedig suchte. Ob die homoerotischen Neigungen des Opfers dabei eine Rolle spielten, weiß ich nicht, aber die angebotene Hilfe von Francesco bei der Suche nach einem Schiff, nahm er jedenfalls gerne an. Im Nachhinein betrachtet, war es sicherlich unklug vom Opfer, diesem Francesco auch noch seine Silber- und Goldmünzen zu zeigen, die er persönlich am österreichischen Hof von der Kaiserin geschenkt bekommen hatte. Wie schon beschrieben, wurde diese Angeberei auch schwer bestraft. Allerdings durfte sich Francesco auch nicht sehr lange an seinem kleinen Schatz erfreuen, denn er wurde relativ schnell erwischt. Das lag unter anderem auch daran, dass sein Opfer einige Stunden im Sterben lag und während dieser Zeit sehr genau und überraschend klar den Täter und den Tathergang schildern konnte. Na ja, gestorben ist er trotzdem und tot ist nun mal tot. Das galt übrigens auch für Francesco, der die Toskana nicht wieder sah, sondern in Triest öffentlich gerädert wurde. Für meine Generation war die Toskana der Inbegriff Italiens. Kaum Besseres war vorstellbar, als dem ewig engen dunklen und neblig trüben Deutschland zu entfliehen, der Sonne, dem Licht, der Pasta, dem Wein und dem Olivenöl entgegen, und das am liebsten mit Zweitwohnsitz vor Ort. Wer heute in die Toskana will, muss nicht mehr nach Italien reisen, so jedenfalls lauten die touristischen Verheißungen, die uns die deutsche Toskana vom Breisgau bis in die Uckermark versprechen. Kaum eine Region, die nicht mit ihrer Toskana wirbt. Für die Maler des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts, die sich auf den Weg nach Italien machten, war die Toskana, wenn sie denn überhaupt auf ihrem Radarschirm erschien, eher ein nachgeordnetes Reiseziel. Wer nach Italien wollte, meinte damit Rom. Die Stadt stand im Mittelpunkt des Interesses, als jahrhundertelange Ikone weltlicher und christlicher Geschichte. An Rom, der ewigen Stadt kam keiner vorbei.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Meinen Toten aus Triest habe ich nicht vergessen. Das Opfer war kein Unbekannter. Er hieß Johann Joachim Winckelmann und gilt als geistiger Begründer des Klassizismus im deutschsprachigem Raum. Nebenbei durfte er sich rühmen, die moderne wissenschaftliche Archäologie und die Kunstgeschichte ins Leben gerufen zu haben. Seit 1755 lebte er in Rom und beeinflusste mit seinen Theorien und Schriften eine Unmenge von Malern, darunter Angelica Kauffmann und Anton Raphael Mengs, einer der besten klassizistischen Maler in Deutschland. Beide portraitierten auch den lebenden Winckelmann. Das interessanteste Portrait Winckelmanns stammt aber von Anton von Maron, der ihn mit Turban in einem roten pelzbesetzten Teppich mit Ärmeln – ich nenne es mal Morgenmantel – gekleidet zeigt. In Italien war man schon immer sehr modebewusst.

Demnächst mehr Licht.

dm

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Die Sehnsucht nach dem Licht 1

5. November 2016 § 18 Kommentare

Für die italienischen Momente ... Foto: dm

Für die italienischen Momente … Foto: dm

Die Sehnsucht nach dem Licht 1

„Was-wäre-wenn-Fragen“ sind natürlich müßig, aber als Gedankenspiel durchaus unterhaltsam. Ich stellte mir die Frage, wie sich die Bilder von Caspar David Friedrich wohl verändert hätten, wenn er, wie sehr viele seiner Zeitgenossen, nach Italien gereist wäre. Er tat es nie, und seine Bilder blieben in ein deutsches Licht gegossen. In einem Brief an einen Malerkollegen schrieb C. D. Friedrich 1816: „Dank für Deine Einladung nach Rom zu kommen, aber ich gestehe frei, daß mein Sinn nie dahin getrachtet …. .“ Diese Ansicht war unter seinen malenden Kollegen fast ein Alleinstellungsmerkmal, aber vielleicht auch verständlich, wenn man diese Zeilen von ihm liest:

„Ihr nennt mich Menschenfeind

weil ich Gesellschaft meide.

Ihr irrt euch

Ich liebe sie

Doch um die Menschen nicht zu hassen,

muss ich den Umgang unterlassen.“

Die meisten Künstler wurden von dem Sehnsuchtsland hinter den Alpen magisch angezogen und scheuten auch keine Mühen, dorthin zu gelangen.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

„Sehnsucht nach Italien … Bei Tage und in der Nacht denkt meine Seele nur an die schönen, hellen Gegenden, die nun in allen Träumen erscheinen und mich rufen. Wird mein Wunsch, meine Sehnsucht immer vergebens sein?“. Das schrieb 1797 Ludwig Tieck in den Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, und er traf damit so etwas wie den Nerv der Zeit. Zumindest bei Malern und Schriftstellern des 19. Jahrhunderts, die sich in einer schier endlosen Kolonne Richtung Italien aufgemacht hatten. Und oft über Jahre geblieben waren, und manchmal dort auch starben. Ein Gipfeltreffen der deutschen Romantik. Alleine mit der Auflistung der Namen könnte man ein Buch füllen. Eine solche Menschenbewegung in Richtung Italien gab es erst wieder in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, als sich, nach überwundenen dunklen Zeiten, die Bildungsbürger in Deutschland aufmachten, ihr Arkadien zu entdecken. Mit ihren VW-Käfern und Borgward Lloyds fuhren sie dem Licht der Erkenntnis entgegen, wenn sie denn die Pässe schafften. Die romantisch beseelten Maler hatten es ungleich schwerer nach Süden zu gelangen. Außer dem quälenden Gedanken, unbedingt dorthin zu müssen, waren ganz praktische Dinge zu erledigen. Das Dringlichste war sicherlich, die Reisekasse zu füllen. Es wurden Darlehen und Vorschüsse erbettelt, Bittbriefe geschrieben und prinzipiell alles getan, um ein Landgrafenherz zu erweichen oder einen Staatsekretär wohlwollend einzunehmen. Der Maler Georg von Dillis schrieb 1817 in einem Brief an seinen Regenten, der ihm wohl eine weitere Reise nach Italien gesponsert hatte, auch etwas über die Beweggründe: „Bei dem frohen Gedanken, ich werde das gelobte Land, das Mutterland der Künste, nach so oft wiederholten Genuß mit neuen Reizen wiedersehen, erhebt sich meine Kunstseele mit belebter Kraft empor und sehnt sich hin nach der wahren Heimat des Künstlers, wo sein Geist zur wahren Reife gedeihen kann und ihn die Natur und er die Natur umarmt und so in Liebe erschafft, was die Nachwelt Jahrhunderte anstaunt.“ Andere Zeiten, andere Worte, aber Herzblut braucht man auch heute noch, wenn man den Geldbeutel von Sponsoren öffnen will. Und was die Nachwelt angeht, das jahrhundertelange Staunen blieb vielen Malern der deutschen Romantik versagt. Sie blieben einfach in ihrer Zeit zurück, und nur mit wenigen Namen weiß man heute noch etwas anzufangen.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Bei aller Großzügigkeit, die Weiterbildungsmaßnahmen ihrer talentierten Maler zu unterstützen, blieb das Budget für Reise und Aufenthalt immer knapp bemessen. Die Postkutschenfahrt mit Rückfahrticket, blieb den meisten verwehrt, wenn sie nicht gerade Goethe hießen oder von Haus aus begütert waren. Zu Fuß unterwegs findet man leichter die Zeit zum Zeichnen. Jeder der Reisenden füllte Skizzenbuch um Skizzenbuch. Zeichnungen, Aquarelle und Studienblätter galten damals eher als private Auseinandersetzung der Maler mit einem Stück Wirklichkeit und nicht als eigenständige Kunst. Es zählte das Ölbild und nur das wurde auch öffentlich ausgestellt.

Demnächst geht es hier weiter mit Aquarellen, Unfällen, vielleicht auch mit Todesfällen.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

(Wer bis dahin selbst Klugscheißer werden will, suche in seiner Bibliothek nach Goethes Tagebuch der italienischen Reise, wenn möglich Kröners Taschenausgabe von 1925, die mit einem Goetheportrait von der Malerin Angelica Kauffmann aufwarten kann, über das Goethe selbst sagte: “Er ist immer ein hübscher Bursche, aber keine Spur von mir“. Mensch Goethe, guck halt in den Spiegel, wenn du dich sehen willst und nicht an die Wand. Nach Ludwig Richters Lebenserinnerungen von Seite 139 bis Seite 314 in der Insel TB-Ausgabe, den 2Bd. Handzeichnungen der deutschen Romantik aus dem Pawlak Verlag, dem Darmstädter Ausstellungskatalog über Johann Heinrich Schilbach, der Traum vom Süden, dem Ausstellungskatalog aus der Nationalgalerie in Berlin über Carl Blechen, dem Mannheimer Ausstellungskatalog über Turners Deutschland-Reisen, dem bei Prestel erschienen Bildband über Turners Reiseaquarelle, dazu noch einige Bände und Ausstellungskataloge über Irgendetwas, die nicht direkt mit dem Thema zu tun haben, aber trotzdem nicht unwichtig sind. Außerdem würde ich gerne noch das Buch mit Zeichnungen von Victor Hugo (Ja, der Schriftsteller hat auch gezeichnet) aufführen, das aber irgendwie verschwunden ist, ich finde es jedenfalls nicht mehr. Das ist schade, obwohl es nichts Erhellendes zur Wanderungsbewegung der Romantik nach Italien beitragen, dafür aber mit düsteren sepiafarbenen Zeichnungen aus dem Mittelrheintal aufwarten könnte. Wenn ich mich recht erinnere. (Keiner belügt mich so gut, wie mein eigener Kopf.) Die Zeichnungen hätten mich insofern interessiert, weil seit einigen Tagen auf meinem Schreibtisch eine Broschüre vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst mit dem „goldischen“ Aufdruck „Romantik in Hessen“ liegt. Der Aufdruck ist tatsächlich goldgeprägt, und ich finde es noch nicht einmal unpassend. Obwohl in Hessen meistens gilt: Des is awer goldisch, … nix wie weg jetzt. Die Broschüre führt zu den Romantik-Orten in Hessen und zeigt ganz nebenbei, was Fotografie von Knipserei unterscheidet. Hier hat man einem guten Fotografen (Kilian Schönberger heißt er) das Bebildern der ganzen Broschüre gestattet, und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Eine der zahlreichen Fotografien zeigt einen Innenraum im Brentano-Haus in Oestrich-Winkel. Neben dem vom Außenlicht weiß erstrahlendem Fenster hängt die Reproduktion einer Zeichnung von Tischbein, auf der sich Goethe aus dem Fenster seine römischen Wohnung lehnt.

„Hallo Angelica, wir sind hier oben im zweiten Stock, und über deine Zeichnung von mir, müssen wir aber nochmal reden, gell.“ Und schon wieder ist man in Italien, und den Goethe wird man sowieso nicht los.)

dm

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Gut gemeint

28. Oktober 2016 § 4 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Das Blechjahr

26. Oktober 2016 § 9 Kommentare

Frühlingsblech. Foto: dm

Frühlingsblech. Foto: dm

Sommerblech. Foto: dm

Sommerblech. Foto: dm

Herbstblech. Foto: dm

Herbstblech. Foto: dm

Winterblech. Foto: dm

Winterblech. Foto: dm