Hauptsache was buntes am Rand

14. Juni 2011 § 4 Kommentare

Hauptsache was buntes am Rand.

Hunde haben die zweifelhafte Eigenschaft, ihre Besitzer unnachgiebig und mit Regelmäßigkeit aus dem Haus zu treiben. Meist passt der Zeitpunkt aus unterschiedlichen Gründen gerade nicht, aber darauf wird kaum Rücksicht genommen, wenn der Verdauungstrakt entleert werden will. Mit ein wenig Mobilität stehen dem Stadtbewohner vielfältige Möglichkeiten jenseits der städtischen Grünanlagen zur Verfügung. Ich bevorzuge offenes Gelände, Felder, Wiesen und Übersichtlichkeit. Der Hund kann rennen, ohne nach 25 Metern hinter großen Bäumen unsichtbar zu werden, während der Halter seinen Gedanken nachhängend, hinterher trottelt. Auch wenn ich dabei oft den gleichen Weg gehe, bietet er doch genauso oft neue Blickwinkel, sofern es die Gedanken zulassen, die ja auch schon mal mitlaufen. Ein paar Fahrminuten außerhalb der Stadt, Richtung Westen, hat man die Berge des Odenwaldes und der Bergstraße im Rücken, aber nicht aus dem Blick und gegen Norden zeigt sich die Silhouette des Taunus. Hätte ich meine Plateauschuhe für den Spaziergang angezogen, könnte ich sicher die Hochhäuser von Frankfurt sehen. Unspektakuläre Riedfelder – zum Rhein sind es vielleicht 6 oder 7 Kilometer – und das, so weit das Auge reicht. Bis zum Fluss gibt es kein zusammenhängendes Waldgebiet mehr, nur noch Feldhecken oder Bauminseln, die schnell durchquert sind, wenn man einen Weg findet. Aber Wirtschaftswege gibt es, Fahrradwege, die direkt zum Rhein führen, Bachläufe im Betonbett und Deiche, links und rechts davon, alte Wassergräben, die längst kein Wasser mehr führen, aber, weil es immer schon so war, mit Schilf bewachsen sind.

Kaum ist die Heckklappe des Autos geöffnet, beginnt ein ordentliches Hundeleben. Vermutlich aus Sicht des Hundes eines, das der ungezwungenen Freiheit am nächsten kommt. Aber vielleicht ist dem Haushund dieser Begriff so fremd, wie dem Wolf das Haushunddasein. Meist staune ich aber nicht über die Freude des Hundes, sondern über den großen alten Walnussbaum, der hier direkt an meinem Parkplatz steht. Er sieht einfach genau so aus, wie große alte Walnussbäume aussehen sollten. Auf der gegenüberliegenden Wiese stehen einige jüngere: nicht so groß, nicht so alt und nicht so schön. Aber Nuss ist Nuss, wenn sie im Spätherbst gesammelt werden kann. Das Hier und Jetzt ist Frühsommer, und die Nüsse sind noch grün. Im Gegensatz zu den Wiesen, die wegen der anhaltenden Trockenheit verdorrt und vertrocknet aussehen. In einem „Sonnenblumenfriedhof“ stehen als einzelne rote Farbtupfer Mohnblumen. Wenige Schritte später sind große Flächen damit bedeckt. Es ist schön, sich die Zeit zu nehmen, um die Blütenblätter, im Wind flatternd, zu betrachten. Eine Armee roter Fahnen, und vermutlich wäre ich nicht sonderlich überrascht, wenn plötzlich feine Stimmchen die Internationale anstimmen würden. Stattdessen meldet sich ein Kuckuck und verspricht weitere Trockenheit. Der „Sonnenblumenfriedhof“ ist ein Stück Wiese, auf der die langen dünnen Stängel der schon im vergangenen Jahr verblühten Blumen, mit ihren überproportionierten Köpfen stehen. Im Winter war es ein kleines Mahnmal, das über die Vergänglichkeit der Dinge berichtete, sofern man zuhörte. Alle Samenkörnchen sind längst gefressen oder ausgefallen und nun stehen sie wie leblose Skelette in einer Umgebung, die zu dieser Zeit nur Wachstum kennt. Es ist ein kleines Bühnenbild für einen Tim Burton-Film. Mit ein wenig Phantasie und ausreichend Dunkelheit taucht eine Vogelscheuche auf und marschiert mit langen, gestelzten Beinen auf mich zu, aber ich bin schon längst weiter und rufe den Hund, der gerade dabei ist, der Scheuche gegen das Bein zu pinkeln. Ich genieße die Erdbeeren, die ich ohne die Zustimmung des Besitzers an mich nehme. Erdbeerfelder gibt es hier einige, aber es ist keines für Selbstpflücker dabei. Die vermutlich osteuropäischen Pflücker werden von Feld zu Feld gekarrt. Ein Tross, meist bestehend aus vielen alten VW-Bussen und einem, wie sinnig, Mercedes-Kastenwagen für die vollen Kisten, ist immer irgendwo auf den Feldern unterwegs. Es sind nicht nur die Erdbeerfelder, auch Spargel verlangt eine stattliche Zahl Helfer. Als eifriger Feld- und Ackergänger vermute ich, dass ein Spargelfeld aber schneller abzuernten geht. Sonst wären die Toilettenhäuschen nicht zu erklären, die an jedem Erdbeerfeld stehen, nicht aber an den Spargelfeldern. Ein schöner Anblick aus der Entfernung: weite grüne Felder und ein weißes Toilettenhäuschen darin. Das gängige Dixi-Klo fällt auf in dieser Umgebung. Toi-Toi heißen sie auch hier zu Lande und sinniger Weise ist der i-Punkt im Logo ein rotes Herz. Toi-Toi-Toi möchte man auch jenen Erntehelfern zurufen, die oft davor warten müssen. Toi-Toi-Toi und gute Geschäfte, was vielleicht nicht ganz selbstverständlich ist, in einem von der Sonne aufgeheizten Gehäus, in dem gerade ein anderer seinen Geschäften nachgegangen ist. Die Berge von überreifen Erdbeeren, die aussortiert an den Feldern gären, überlagern aber jeden Geruch. Vielleicht hilft auch die strahlenlose Kamille dabei, die um die Felder zuhauf wächst. Bevor ich mich in Gedanken verliere, muss ich mich mal nach dem Hund umschauen, der ein Feld mit starkem Krähenbesatz entdeckt hat, und dies ist unerträglich verlockend für ihn.

dm

Advertisements

§ 4 Antworten auf Hauptsache was buntes am Rand

  • b0ng0 sagt:

    Das liest sich ziemlich gut, diese Gegend, vor allem wegen der Walnüsse. Ich liebe Waln… ach, das wollte ich gar nicht sagen, sondern: danke für eure Besuche bei mir. Krähen gehören natürlich aufgescheucht, ganz klar.

    • Gute Hundegegend, sagt jedenfalls unsere spanische Lady, und die muss es wissen. Sie freut sich, dass du mal eine Duftmarke bei uns hinterlassen hast. Deinen feinen Mäusejagdbuddelfilm hat sie schon dreimal angesehen, weil ihr die Professionalität sehr imponiert hat.

  • b0ng0 sagt:

    Puzzle kann ein bißchen Spanisch. Sie meint ich soll sagen: „Muy bien, me gusta mucho que me visita, la guapa perrita de ustedes“ damit sie sich freut. Ich wedel‘ sonst einfach mit dem Schwanz und arbeite sobald es geht an einem neuen Projekt.

    • Bester Bongo!
      Wir sind zwar nicht ganz ohne Fremdsprachenkenntnisse unterwegs, aber die spanische Sprache beherrschen wir, im Gegensatz zu Deiner Schreibhilfe, leider überhaupt nicht. So sahen wir uns gezwungen, verschiedene online Übersetzungsprogramme zu Rate zu ziehen.
      Online-Übersetzung 1:
      „Sehr gut, gefällt er mir viel, dass er mich besucht, der hübsche Perrita von Ihnen.“
      Online-Übersetzung 2:
      „Okay, ich liebe, dass ich Besuch, der schönen Hund von Ihnen.“
      Zuletzt haben wir dann doch die Socke geweckt, die uns schläfrig mitteilte, dass Du, lieber Bongo, wohl Folgendes gemeint hast:
      „Sehr schön, ich freue mich sehr, über den Besuch Eurer schönen Hündin.“
      Sie hat sich arg gefreut, einen so stattlichen Vertreter und Mäusejäger durch seinen Blog nun besser kennenlernen zu können. In Zukunft, das teilte sie noch schlaftrunken mit, besteht sie aber auf einen eigenen PC, um die Dinge selbst in die Pfoten nehmen zu können.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Hauptsache was buntes am Rand auf haushundhirschblog.

Meta

%d Bloggern gefällt das: