Fehlfarben

17. Juni 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Fotografie: Dieter Motzel – Der Fliederbaum meiner Kindheit

Der Garten der Kindheit

Nicht größer als fünf mal fünf Meter war die Wiese. Im Frühsommer wuchsen die Gräser gegen den Himmel, wir Kinder versanken fast hüfthoch darin. Grashüpfer prallten an uns ab oder landeten an unseren Beinen, während wir die Wiese durchstreiften. Links und rechts flirrten die Heuschrecken durch die Luft, aufgeschreckt durch unsere Bewegung und unser Lachen. Am Rand der Wiese lagen Betonpfosten flach auf dem Boden, vielleicht gelagert für einen Zaun, der nie gebaut wurde, oder herausgerissen aus einem Zaun, der aus welchen Gründen auch immer, nichts mehr zu begrenzen hatte. Die Wiese jedenfalls hatte längst begonnen, sich auszudehnen und die Pfosten zu überwuchern. Ein Refugium für Eidechsen. Sie saßen auf den sonnigen Steinen, machten sich platt und tankten Wärme, um schnell abzutauchen ins Gewuchere der Gräser oder in eine Steinspalte, wenn der Schatten unserer Kinderhände sich ihnen näherte. Bei den älteren Eidechsen waren die Schwanzstummel verbreitet. Die Male unserer Fangversuche, die nicht immer Erfolg hatten. Um an die Eidechsenjahre meiner Kindheit zu gelangen, müssen über 40 Jahre Erwachsenlebens abgetragen werden. Die Eidechsen sind seltener geworden, jedenfalls für mich. Die Eidechse mag auch ein feines Symbol für die vergangene Kindheit sein. Grün schillernde Fehlfarben, die aus der Erinnerung heraus leuchten, als kleine Geschichten von heißen Sommertagen, grünen Äpfeln, sauren Kirschen und Trauben, die nie zu Wein wurden.

Mein Erinnerungsvermögen muss ich nicht allzu sehr bemühen. Vor wenigen Tagen sah ich über die sonnenbeschienenen Steine einer alten Burganlage eine Eidechse huschen. Das erste Mal seit vielen Jahren. Vielleicht spaziere ich aber auch nur durch die falschen Gegenden für solche Beobachtungen. In den warmen, steinigen Hängen der hiesigen Weinberge sind sie wohl noch oft anzutreffen, und man muss sie nicht belauern, um sie zu sehen.

Die Wiese meiner Kindheit ist zu einem Rasen geworden, die Lupinen sind ausgemerzt. Die Betonpfosten sind längst zerbröselt und entsorgt, die Eidechsen einfach verschwunden. Es gibt aber Dinge, die der Erinnerung einen Halt geben – und einen Wahrheitsgehalt. Der alte Fliederbaum, der während seiner Blüte noch immer seinen intensiven Duft entfaltet.

Das kleine Pflänzchen meiner Kindheit ist in die Jahre gekommen. Gelblich weiße Flechten überziehen seine abgestorbenen Äste. Das ausufernde Gehölz wird lichter und morscher und es ist gar nicht sicher, ob er überhaupt noch Jahre vor sich hat. Dahinter der alte Bauernjasmin-Strauch. Seine feinen Verästelungen werden jedes Jahr durch benachbarte Büsche immer mehr bedrängt und erstickt. Die Blüten werden weniger und verstecken sich, unerreichbar im Dickicht. Die Gerüche von Flieder und Jasmin sind die Gerüche meiner Kindheit, die mich nach wie vor begleiten. Es gehört noch immer zu dem Schönsten, einen üppigen Strauß Flieder auf dem Tisch stehen zu haben und in naiver Lust, diesem Geruch nachzuschmecken, der mit den Bildern meiner Kindheit verbunden ist.

dm

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