Urban Gardening

1. Juli 2011 § 2 Kommentare

Illustration: Dieter Motzel

Urban Gardening

Die Lust auf etwas Grünes ist in den letzten Jahren zu einem populären Thema geworden, und die Kleingartenspießigkeit wird nicht mehr verlacht. Im Gegenteil, die Blicke werden neidisch, wenn man selbstgezogene Tomaten des Nachbarn unter die Nase gehalten bekommt und an seine eigenen denkt, die unter holländischer Sonne reifen durften, was auch zu schmecken ist. Der fleißige Gärtner darf wieder stolz seine Scholle präsentieren, und am Zaun der Kleingartenanlage sind auch immer mehr jüngere Leute anzutreffen, um bereitwillig den Tipps zuzuhören, damit nicht nur das Maggi-Kraut wuchert, sondern auch der Fenchel wächst und gedeiht, was nicht immer einfach ist. Das Grün ist im urbanen Bereich der Stadt angekommen. Wo man vor Jahrzehnten unter dem Straßenpflaster den Strand vermutete, hat man heute damit begonnen, ihn freizulegen. Aus der Guerilla-Gardening-Bewegung, die aus Protest heraus im grauen Beton mit Samenbomben um sich warf, ist eine gezähmte Version entstanden: Urban Gardening.

So manche Verknüpfungen sind schon seltsam. Ich muss dabei sofort an den früher überaus bekannten Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ denken, der in seinem Namen schon alles beinhaltete, worum es bei der Sache überhaupt ging, und das ist ja nicht selbstverständlich. Von diesem Wettbewerb hat man lange nichts gehört, was nicht verwundert, denn er wurde Ende der neunziger Jahre umbenannt. Er heißt jetzt „Unser Dorf hat Zukunft“. Hier zeigt der Name des Wettbewerbs eine neue Vielschichtigkeit, bei der man vermuten kann, dass man sich nicht nur damit begnügt, immer mehr Geranien auf die geputzte Straße zu stellen; aber der Name ist natürlich auch hoch spekulativ. Wenn wir es statistisch betrachten, kann man beim Blick auf das Dorf der Zukunft auch relativ schwarz sehen. Eine Reise durch die Dörfer gibt einen Hinweis darauf, dass sich mancherorts im Hinterland die Zukunft eher erbärmlich und entleert zeigen wird. Vielleicht hat deshalb „Unser Dorf soll schöner werden“ die Dörfer längst verlassen und ist in der Stadt angekommen. Die Medien überbieten sich mit praktischen Tipps für den urbanen Gärtner. Er kann dabei lernen, meist von 4-8 begleitenden Abbildungen unterstützt, dass aus einem Kürbiskern ein Pflänzlein erwachsen kann. Und dieses Pflänzlein, wenn es denn samt Frucht ausgewachsen ist, einfach zu groß für den heimischen Balkon ist. Ob es nun sinnvoll ist, den Kürbis nun auf eine Verkehrsinsel zu setzen und die Tomaten an eine verkehrsreiche Straße zu pflanzen, die ein wenig Grün vertragen könnte, ist eine andere Frage. Aber vermutlich ist nichts dagegen einzuwenden, wir lernen ja auch ein wenig dabei. Z.B. wie man aus einem kleinen Gewürzzweiglein mit geduldiger Arbeit einen Steckling heranzieht, der sich, ideale Bedingungen vorausgesetzt, zu einem echten Gebüsch erwächst, dass man dann auch beernten kann. Das ist schön zu wissen, macht aber grundsätzlich viel Arbeit, deshalb gehe ich lieber zum Gärtner und besorge lieber ein kleines Gewürzfertiggebüsch für 99 Cent, das sich schneller zu einem erwachsenen Busch auswächst, als ein kleiner selbstgezogener Steckling. Aber das ist Ansichtssache.

Wenn das Zeugs erst mal wächst, ist es ganz ok…

…und jetzt muss ich nach den Bohnen schauen, die will ich heute noch an die Autobahn setzen.

Wie es bei Trends und Moden üblich ist, gibt es zahlreiche Bücher zum Thema Urban Gardening. Ich will auf ein Buch hinweisen, das nichts mit Urban Gardening zu tun hat, aber alles über Urban Gardening sagt, was man wissen sollte. Es ist 1996 in Deutsch erschienen: „Derek Jarmans Garten“ von Derek Jarman und Howard Sooley. Ein wunderschönes (nicht nur) Bilderbuch.

dm

Illustration: Dieter Motzel

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§ 2 Antworten auf Urban Gardening

  • Pagophila sagt:

    Mir fehlt der grüne Daumen völlig. Wahrscheinlich habe ich zwei falsche Hände. Wenn wir es statistisch betrachten, dürfte dies zwar unmöglich sein, aber weiß man’s ..;-)

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