Phantomschmerzen

31. Oktober 2011 § 12 Kommentare

Dieter Motzel: Radierung

Phantomschmerzen

Ich habe gefrühstückt, den Hund um den Block geführt, meine Tasche für den Tag gepackt. Nehme die Straßenbahn, steige einmal um, bin verstimmt über den Zustand des einzig freien Sitzplatzes, auf dem ein ehemaliges Brötchen geplättet und zermatscht neben einer feuchten Papiertüte liegt und ärgere mich maßlos. Und weiß noch nicht, worüber am meisten: dass ich mich jetzt nicht hinsetzen kann, vielleicht. Dass, wer auch immer hier in dieser Straßenbahn meint, einfach so rumsauen zu dürfen. Bestimmt. Dass irgendein Ignorant so mit Lebensmitteln …  Und bei diesem Gedanken hätte ich mich normalerweise (!) erstens als sehr spießig, zweitens allzu protestantisch und drittens als überaus frustriert empfunden.

Aber ich habe in der Nacht ein Buch zu Ende gelesen, das etwas mit mir gemacht hat. Mehr als irgendein anderes Buch, das ich während der letzten vier oder fünf oder hundert Jahre gelesen habe. Vielleicht ist es das, denke ich. Vielleicht bin ich deshalb so wütend und ungehalten. Möglicherweise darf mir heute überhaupt kein einziger Mensch in die Quere kommen, der auch nur leicht zu jammern beginnt, über sich. Oder die Welt. Diese Welt hier.

Es geht um Kopfglück. Hunger, Hunger, eine kurzstielige Schaufel und trockene Erde und Gestank und Lagerjahre.

Herta Müller:  Atemschaukel

mb

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1. November 2011

31. Oktober 2011 § 6 Kommentare

Dieter Motzel - Im Berg, Linolschnitt, A3

Bemerkung zum Tag

31. Oktober 2011 § 12 Kommentare

Arche. Foto: dm

Bemerkung zum Tag

Bei schönstem Sonnenschein attackierten vereinzelte Truppenkontingente der asiatischen Marienkäfer-Armee Hirsch und Hund. Erst bei der Rückkehr zum Transportmittel stellte sich heraus, dass es Scheinangriffe waren, denn die Hauptarmee hatte die Zeit genutzt, um unbemerkt das Fahrzeug von Hirsch und Hund unter Kontrolle zu bringen. Hirsch hat schon einiges gesehen, Hund schaut meist mit, aber die Marienkäfer-Armada war ein bisher einmaliges Erlebnis. Tausende Marienkäfer versperrten die Tür des Fahrzeuges und belagerten zudem den ganzen Rest. Hirsch und Hund blieb nur die Flucht und laute Schreie nach Hilfe, die im Nirgendwo verhallten. Stand 31.10.2011, 18:00 Uhr: Es befinden sich noch immer hunderte von Marienkäfern in den zahlreichen Ritzen und Fugen im Innenraum des sonst tadellosen Fahrzeuges von Haus, Hund und Hirsch. Der Kampf ist noch nicht zu Ende.

Invasionsreste. Foto: dm

Der Morgen begann entspannter und ich stolperte über eine Meldung, die seltsam anmutete. Anselm Kiefer, ein international anerkannter Maler und Bildhauer, möchte den Kühlturm des ausgedienten AKWs Mülheim-Kärlich kaufen. Hat dies nun eine künstlerische oder eine politische Dimension? Offenbar hat er eine Beziehung zu diesem Kühlturm aufgebaut, den er als sein „Pantheon“ bezeichnete. Außerdem sei er von Atomkraftwerken fasziniert. Kiefer, der schon immer ein Faible dafür hatte, den schweren geschichtsträchtigen teutonischen Boden zu beackern, wird sich wohl etwas dabei denken.

Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius wird sich von seinem Preisgeld, das er mit der Verleihung des diesjährigen Büchner-Preises bekommen hat, wohl keinen Kühlturm eines ausgedienten AKWs anschaffen. Aber er ist auch Schriftsteller und kein bildender Künstler. Vermutlich gelang es ihm auch deshalb so gut, eine Büchner gerecht werdende und politisch aktuelle Dankesrede zu halten. Das ist nicht selbstverständlich, denn normalerweise gibt es wenig intellektuelle Einmischung in gesellschaftpolitisch relevante Debatten. Obwohl es eigentlich notwendig wäre, hier ein Gegengewicht zu Politiker- und Funktionärsgeschwafel zu schaffen. Der in Rom lebende Delius beschreibt die deutsche Gegenwart als „Bio-Biedermeier“ und trifft damit nicht wenig den Kern unsere Zeit. Delius: „So viel emotionaler, rechthaberischer Aufwand für Bahnhöfe, aber wenn es um die Abschaffung der Demokratie geht vor unserer Haustür in Ungarn und Italien, warum herrscht dann das große Gähnen?“

Das ist wirklich eine gute Frage.

Eventuell, weil wir schon mit unserer eigenen Demokratie überfordert sind.

dm

Schmierzettel

31. Oktober 2011 § 2 Kommentare

Skizzenblatt: Dieter Motzel

31. Oktober 2011

30. Oktober 2011 § 8 Kommentare

Dieter Motzel - Tulpen im Glas, Radierung

Nichts ist sicher da draußen

30. Oktober 2011 § 4 Kommentare

Foto: dm

Nichts ist sicher da draußen

Während der Brunft ist mit Mensch und Tier nicht gut Kirschen essen. Meist fällt die tierische Brunft nicht mit der Kirschernte zusammen, deshalb kann man sich entspannt zurücklehnen. Beim männlichen Mensch ist das nicht immer so. Seine Hauptbrunftzeit kann schon mal mit der Kirschernte im Gleichschritt marschieren. Meist messen sich die Konkurrenten dann aber im Kirschkern weitspucken und das ist gut so.

Eine Wildsau (männlich), auch in der Brunft, hat dieser Tage ein paar Spaziergänger verletzt, zum Teil erheblich. Andere konnten sich auf Hochsitze flüchten. Im hessischen Ried ist was los und nichts scheint sicher da draußen. In dem Gebiet, wo sich die Ereignisse überschlugen, sind wir auch oft unterwegs … mit Hund … wie die Angegriffenen. Auf die vorgestern erwähnten „70 Männer“, die für den Ernstfall bereitstehen, scheint nicht wirklich Verlass zu sein.

Eine Inspektion, um notfalls dem brünftigen Treiben Einhalt zu gebieten, schien vonnöten. Der Haushundhirschblog beschloss deshalb einstimmig der Sache auf den Grund zu gehen und bei dieser Gelegenheit einige Fallen zu überprüfen, die wir an verschiedener Stelle ausgelegt hatten. Der erste Teil unserer Wegstrecke führte noch durch relativ zivilisiertes Gebiet, auch wenn der Mensch sich hier schon rarmachte, deuteten viele Spuren auf seine Anwesenheit hin. In einem Gebiet, das von Kohl besiedelt ist, zeigten sich Spuren eines kürzlich dort stattgefundenen Kampfes. Abgeschlagene Kohlköpfe säumten die Wege, an dieser einst so friedlichen Siedlung. Wir stellten die Krägen unserer Mäntel höher in den Nacken, denn es fröstelte uns vor dieser wütenden Gewalt. Je näher wir unserem Zielgebiet kamen, umso aufmerksamer schien die Natur zu werden. Wir ahnten die Blicke, die aus dem dichter werdenden Bewuchs auf uns ruhten, versuchten aber durch lautes Pfeifen die Situation zu entspannen.

An einer unübersichtlichen Stelle, an der ein kurzer Halt notwendig wurde, um den weiteren Weg zu bestimmen, wurde die Natur übergriffig. Armeen von Marienkäfern, allesamt asiatische Söldner, fielen aus dem Nichts heraus über uns her, attackierten unsere Köpfe, flogen zielstrebig in ungeschützte Augen und Ohren. Obwohl wir unvorbereitet diesem plötzlichen Angriff gegenüber standen, gelang es uns durch umsichtiges Handeln, schnell Herr der Lage zu werden. Wir warfen uns auf den Boden, um die ersten Angriffswellen ins Leere laufen zu lassen. Auf Kommando vom Hirsch sprangen wir auf und rannte so schnell wie möglich ins sichere Unterholz. Vermutlich ist nur durch unser schnelles und umsichtiges Verhalten Schlimmeres von Haus, Hund und Hirsch abgewendet worden. Bei der Heftigkeit des Überfalls hätte gut und gerne einer auf der Strecke bleiben können.

Trotz dieser Widrigkeiten verloren wir unser Ziel nicht aus dem Auge. Es galt immer noch den liebestollen Keiler in seine Schranken zu verweisen und ihn gegebenenfalls unschädlich zu machen. In einem kleinen Waldstück entdeckten wir frische Wildschweinspuren. In recht mühevoller Arbeit improvisierten wir mit einer Schlammfalle. Mit verschiedenen Brunftrufen versuchten wir den Keiler anzulocken, damit er, im Idealfall, in unsere Schlammfalle tappt und drin soweit versinkt, dass er bewegungsunfähig wird.

Ein metallisches Klappern in unserem Rücken, das sich langsam näherte, erregte unsere Aufmerksamkeit. Im matten Licht der Sonne blitzten goldene Uniformknöpfe auf …

dm

Die klassische Schlammfalle. Foto: dm

Die letzten Reste des abgewehrten Angriffs. Foto: mb

Radierwerkzeug

30. Oktober 2011 § 4 Kommentare

Dieter Motzel - Radierung

Wo bin ich?

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