Emma

26. Januar 2013 § 20 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Emma

Jetzt sitze ich noch einmal hier, rieche und sehe und spüre wieder wie damals, aber heute geht es nicht um mich. Die Geräusche gleichen denen, die ich zuletzt hörte. Es riecht wie immer. Und ich fühle wie früher diese besondere, unwirklich scheinende Stimmung in diesem Raum.

Heute ist es hier voller, Kinder und Jugendliche, Familien sitzen auf den Bänken. Ich kenne sie noch. Früher waren die meisten von ihnen nie hier. Nur die Kinder manchmal. Für eine bestimmte, überschaubare Zeit. Ich erkenne alle wieder. Drei von ihnen erkennen mich und grüßen genant und irritiert. Aber sie wenden sich schnell wieder ihren Müttern oder Freundinnen zu, sobald ich auf sie zukomme. Eine Scheu, die mir gefällt, die mir deutlich macht, dass eine Zeit verstrichen ist. Kinder, die demnächst Jugendliche sein werden, verfügen über diese Möglichkeit, die eigene Scheu über die Erinnerung zu stellen.

Das denke ich, während ich auf den kleinen Sarg schaue, der schön und liebevoll geschmückt ist. Um den kleinen Sarg haben die Freundinnen am Tag zuvor rote Teelichte in der Form eines Herzens gelegt. Und ich weiß, dass es ihr gefallen würde.

Zuerst spricht die Klassenlehrerin ein kleines Gebet, drückt aus, wie geschätzt sie gewesen sei. Drei weitere Lehrerinnen der Förderschule lesen etwas von ihren Zetteln ab, aber da bin ich bereits so weit weg von diesem Sarg und der Schule und der Kirche, und ich denke an dieses Kind, das mich auch damals schon beschäftigt hat. Ein Mädchen, das mehrmals die erste und zweite Klasse wiederholen musste. Ein Mädchen, das versucht hat, der Scham darüber, mit Humor zu begegnen. Eine kleine, tapfere Lebensschlaue, ein Kind, das lernen wollte, so schwer es ihm auch fiel. So viele kleine besondere Sätze von ihr habe ich noch im Ohr, im Kopf, denke ich, als ich wieder den Sarg sehe, um den jetzt die anderen Kinder und Jugendlichen stehen, sich an die Hand nehmen und ein Gebet für sie sprechen.

In den Bänken weinen jetzt Angehörige, Nachbarn und die Eltern der Kinder, mit denen sie konfirmiert werden sollte. Einige Eltern halten ihre Kinder eng umarmt. Es sind große Kinder, die etwa so alt sind wie sie. Die Mütter und Väter weinen sehr still. Und es scheint, als stünden sie selbst noch unter dem Schock des Erlebten. Und jetzt, während von oben das Orgelspiel einsetzt, kann auch ich nicht mehr an mich halten.

Denn ich sehe immer wieder dieses Bild, von dem mir nur berichtet wurde, und von dem ich weiß, dass es jetzt alle, die hier für sie zusammengekommen sind, sehen.

Wie sie feststellt, dass sie den Text für den Gottesdienst zu ihrer Konfirmation zu Hause vergessen hat. Wie sie dieses Versäumnis beschäftigt, es nicht zulassen kann. Wie sie darum bittet, den Text schnell noch holen zu dürfen. Ganz schnell nur, sie wohnt doch direkt gegenüber der Kirche. Und wie der Pfarrer sagt, dass es nicht nötig sei. Aber für sie ist es wichtig. Ganz erheblich wichtig.

Und dann rennt sie schnell raus aus der Kirche, die Stufen runter zur Straße, auf die Straße, die sie überqueren will, wie sie es seit etlichen Jahren jeden Tag macht, um mal schnell zu Hause etwas … und dann kommt dieses Auto auf sie zu.

mb

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§ 20 Antworten auf Emma

  • Sofasophia sagt:

    oh weh, ich habe gefällt mir geklickt. wie missverständlich. denn mir gefällt natürlich der anlass nicht, über den du schreibst. aber wie du es schreibst, gefällt mir. es berührt mich, wie du diese stimmung aufnimmst, die sich da verdichtet und in tränen auflösen kann. sowas können tränen – im moment jedenfalls.
    verrückte geschichte. zufall? schicksal? alltag? wirklichkeit.

    es geht um leben und tod. dünner faden, an dem wir hängen.

    danke fürs teilen!

  • Sherry sagt:

    Mit welch echter Wehmut du das schreibst, liebe mb. Danke für diesen feinen Text, für diese stille, traurige und doch so leider Gottes alltägliche Geschichte. Am meisten hat mich berührt, wie sie unbedingt diesen Text holen wollte. Vermutlich dachte sie in ihrem Inneren, dass sie so wenig hinbekäme und so tollpatschig und blöd sei, dass sie wenigstens den Text doch nicht hätte vergessen dürfen. Das bricht mir schon das Herz. =(

    • Ja, liebe Sherry, das hat mir auch zu schaffen gemacht. Wie sie versucht, hier unbedingt alles richtig zu machen. Es war ja außerdem eine gänzliche neue Erfahrung für sie, etwas in einer Zeit abzuschließen, wie die anderen Kindern auch. Sie gehörte aus ihrer Sicht endlich dazu.
      Danke Dir sehr!

  • Frau Blau sagt:

    deine traurigkeit, liebe mb, lese ich in jeder zeile, gleichzeitig bist du die beobachterin … von den gästen, den kindern, die jetzt jugendliche sind, aber auch von dir selbst. sätze des mädchens, einst wirklich gehört, hörst du nun mit dem inneren ohr- und am ende schwingt dies mit, was oft in uns ist, wenn jemand verunglückt: wenn sie doch nicht …

    liebe grüße ulli

    • Danke Dir liebe Ulli, und ja, es stimmt, diese Traurigkeit darüber lässt irgendwie nicht nach. Vermutlich habe ich es deshalb auch noch einmal für mich aufgeschrieben …
      Ich freue mich über Deine Gedanken dazu.
      Herzliche Grüße!

  • Susanne Haun sagt:

    Ein sehr trauriger Post, mb.
    Kinder zu beerdigen ist das Schrecklichste was ich mir vorstellen kann und ich bin froh, dass ich noch nicht in dieser Situation war.
    Wir haben am Mittwoch meinen 80jährigen Onkel nach langer Krankheit beerdigt, es ist sehr traurig gewesen aber er hat das letzte Jahr auch gelitten und 80 ist ein anderes Datum als 10 – 14 ….
    LG von Susanne

    • Liebe Susanne,
      ja, vermutlich ist es etwas anderes, wenn ein Mensch in hohem Alter nach einer schweren Krankheit stirbt, aber es schmerzt ja doch immer, einen nahen und geschätzten Menschen zu verlieren. Irgendwie ist der Zeitpunkt beinah immer falsch, immer zu früh. Und es bleibt einfach traurig!
      Danke für Deine lieben Zeilen, herzlich, mb.

      • Susanne Haun sagt:

        Da hast du Recht, mb, es ist immer traurig. Ich finde es wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, es nicht wie ein weites Ereignis von sich zu schieben. Ich habe mit meinen Eltern darüber gesprochen und weiss genau, was sie sich vorstellen…..
        Das hilft für die spätere Verarbeitung….
        Liebe Grüße von Susanne

      • Schön, dass Du dieses Gespräch bereits gesucht hast oder einfach hattest. Ich glaube, das kann wirklich sehr hilfreich sein … für beide Seiten!
        Danke für Deine Gedanken dazu!
        Liebe Grüße!

  • Ein trauriger Text, aber gleichzeitig sehr schön. LG Mila

  • richensa sagt:

    Traurig, behutsam, liebevoll, fassungslos – dein Bericht…

    • Ja, liebe richensa, ich glaube, es ist tatsächlich eine Art Bericht …
      Und obwohl er eigentlich gar nicht hierher gehört oder passt, war mir danach, diese Gedanken zu teilen, vielleicht auch, um wieder etwas Abstand zu finden.
      Danke Dir sehr!

  • Lakritze sagt:

    Ach Mensch, was für eine Geschichte … eine von denen, an deren ende Gott sich unangenehme Fragen gefallen lassen muß. Sehr, sehr eindrucksvoll.

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