Flur 7, Flurstück 500/1, Rebmuttergarten

5. Mai 2013 § 24 Kommentare

Starkenburg oberhalb von Heppenheim. Foto: dm

Starkenburg oberhalb von Heppenheim. Foto: dm

Flur 7, Flurstück 500/1, Rebmuttergarten

Traditionell findet am 1. Mai an der Hessischen Bergstraße die Weinlagenwanderung statt. Meist finden sich so um die 20.000 Leute ein, die daran teilnehmen und auf einer gut 20 Kilometer langen Strecke durch die Weinberge kraxeln. Weite Aussichten über das hessische Ried oder den Odenwald sind garantiert. Tiefere Einsichten gewährt indes der Blick ins Weinglas, denn die Bergsträßer Winzer haben natürlich zahlreiche Verpflegungsstationen mit ihren Produkten aufgebaut.

Der Autor, der gewöhnlich nur bei angenehmer Witterung seinen Fuß vor die Haustür setzt, hatte auch schon die Gelegenheit, an diesem Trubel teilzunehmen. Bei schönstem Sonnenschein gelang der Aufstieg in die Weinberge ohne Murren, und nach einigen Metern gelangte er an die erste Verpflegungsstation eines örtlichen Winzers. Diese Station wurde auch in den folgenden Stunden nicht mehr verlassen, weil er nach kürzester Zeit so breit war, dass es ihm unmöglich erschien, eine weitere Strecke auf schmalen Weinbergwegen zurückzulegen. Selbstverständlich auch aus Rücksicht auf andere Wanderer. Na ja, man kennt das … Wein, Weib und Gesang.

Traditionell am 2. Mai besucht Nietzke die Wege in den Weinbergen, um liegengebliebene Weinrückstände zu beseitigen. Das Wetter war diesmal brauchbar, also begleiteten wir ihn.

Foto: dm

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Die Hessische Bergstraße ist eines der kleinsten Weinbaugebiete in Deutschland. Ihre Weine wurden lange Jahre der Badischen Bergstraße zugeschlagen, die sich geografisch südlich davon anschließt. Nach viel Gezerre wurde sie 1972 eigenständig. Die Römer bauten hier schon vor gut 2000 Jahren Wein an. Altes Kulturland eben. Im südlichsten Stadtteil der hessischen Hauptstadt Darmstadt gab es im Jahr 1655 noch über 40 Weinbauern. Obwohl das Gesöff von damals sicher nicht mit unserer heutigen Vorstellung von Weingeschmack in Einklang zu bringen wäre. Vielleicht würde es heute als Weinessig verkauft, voller zitroniger Aromen mit einem leicht bitteren Abgang. Seit ein paar Jahren wird auch hier wieder Wein angebaut. Es ist wohl der nördlichste Weinberg der Hessischen Bergstraße, obwohl, hier von einem Berg zu sprechen, ist zu viel des Guten. Ein Bürgerverein will an die alte Weinbautradition vor Ort anknüpfen und hat dieses Projekt initiiert. In leichter Hanglage dürfen nun 1300 Rebstöcke wachsen. Der Wein ist nur für den Hausgebrauch gedacht und darf nicht verkauft werden. Das Weinbauamt hat ein wachsames Auge auf Rebflächen und Weinkontingente. Nicht jeder, der einen geeigneten Hügel zur Verfügung hat, darf darauf Wein anbauen, jedenfalls nicht, wenn er das Zeugs anschließend verkaufen will.

Ein paar Kilometer südlich beginnt aber der richtige Weinbau auf richtigen Weinbergen. Und mit richtigen Winzern, die ihre vollen Flaschen auch verkaufen dürfen, was ihnen auch ganz gut gelingt.

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Nachdem wir unterwegs Nietzke abgesetzt hatten, der mit seiner Suche begann, gerieten wir ein wenig in sentimentale Stimmung und wollten der Reblaus gedenken. Ein geeigneter Ort schien uns ein Weinberg in Heppenheim zu sein. Heppenheim ist die größte Weinbaustadt an der Hessischen Bergstraße. Einigen wird sie durch den mehrmaligen Bobby-Car-Weltmeister Vettel bekannt sein, der in diesem Städtchen aufwuchs und dort auch das Grinsen lernte. Mittlerweile wohnt er in der Schweiz, weil das einfach günstiger ist, und außerdem sind die Berge da höher, was den Einsatz der deutschen Steuer-Kavallerie naturgemäß erschwert.

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Flur 7, Flurstück 500/1, Darmstädter Straße 133 in Heppenheim. Dort befindet sich der Rebmuttergarten. Ohne die Reblaus gäbe es den nicht. Natürlich hat jeder schon von der großen Reblaus-Katastrophe gehört, die im 19. Jahrhundert den europäischen Kontinent erreichte. Hier noch einmal in kurzen Worten zusammengefasst (man kann sich ja nicht alles merken): Die Reblaus, eine nordamerikanische Verwandte der Blattlaus, wurde durch Rebstöcke von der amerikanischen Ostküste nach Frankreich eingeschleppt. Ab 1863 breitete sie sich in fast allen europäischen Weinbaugebieten aus. In Frankreich wurden 2,5 Millionen Hektar Rebfläche vernichtet. 1874 klopfte die Reblaus auch in deutschen Weinbaugebieten an die Tür. Das Weinbaugebiet Baden, zu dem damals die Hessische Bergstraße gehörte, wurde von der Laus, die damals noch weitgehend zu Fuß unterwegs war, etwa 1915 erreicht.

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Der  staatliche Rebmuttergarten in Heppenheim wurde in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut. Er hatte die Aufgabe reblausresistente Reben zu züchten und zu vermehren. Durch eine Kombination von amerikanischer Unterlagsrebe und aufgepfropfter europäischer Rebe wurde der Reblaus der Garaus gemacht. Man könnte nun sagen, dass die Wurzel der europäischen Weine amerikanischer Natur ist.

Heute erinnert nur die Aufschrift an dem Gebäude an die ursprüngliche Funktion. Seit 1977 wird dort auf 35 Hektar Rebfläche überwiegend Weißwein angebaut. Dem Wein wird eine fruchtige, blumig feine und nachhaltige Note nachgesagt. Das ist doch schon mal ganz in Ordnung.

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