Stille Orte

7. Oktober 2013 § 34 Kommentare

Foto: dm

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Stille Orte

Als gemusterte Tapeten ebenso zum Alltag gehörten wie das fehlende Fernsehgerät, wurde der sonntägliche Tatort in manchem Kinderzimmer aufgeführt. Im späten Licht des Tages begann die Tapete ein Eigenleben zu entwickeln. Kurz vor dem Einschlafen wurden Monster geboren. Plötzlich erschienen sie so deutlich sichtbar im Geflecht der Linien und Formen an der Wand, dass sie nicht mehr zu ignorieren waren, wenn sie aus ihren Verstecken hervorkamen. Das kindliche Auge suchte und fand unablässig weitere Figuren, und es brachte seinen phantasiebegabten Geist manchmal um einen ruhigen Schlaf. Während im abendlichen Dämmerlicht die gruseligen Monster aus der Wand krochen, benahmen sich die Figuren tagsüber sittsam und dienten eher der Belustigung an einem langweiligen und nichtsnutzigen Tag. Gemeinsam hatten sie die Eigenschaft, nur für das Kind sichtbar zu sein.

Vexierbilder nennt man die gezeichnete oder gemalte Version, in denen bewusst im Bild mehr oder weniger kunstvoll weitere Bilder eingearbeitet sind. Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm steht darüber: „Bild mit einem in der Zeichnung verborgenen Betrug, Scherz“. Mit dem Auge lässt sich gut scherzen, und es ist ein Leichtes, unsere Wahrnehmung zu betrügen. Legionen von optischen Täuschungen geben darüber Aufschluss.

Allerdings gibt es auch wunderbare und fantasievolle Spiele mit unserer optischen Wahrnehmung. Am Wolkenhimmel, wenn wir in den aufgetürmten Wattebäuschen plötzlich ein Pferd erkennen, das über den Himmel galoppiert oder ein Gesicht, weil wir immer auch uns selbst dort finden wollen. Ideal für dieses Such- und Finde-Spiel sind natürlich auch die filigranen Maserungen eines Stück Holzes, in dem sich immer etwas versteckt, das erkannt werden will.

Meine letzten Entdeckungen dieser Art, machte ich an einem Ort der kontemplativen Ruhe. Ein Stilles Örtchen, dessen Boden mit unscheinbaren grauverschlierten Fliesen bedeckt war. Der Boden lud geradezu ein, das Auge auf eine Entdeckungsreise zu schicken, und aus jeder einzelnen Fliese entstanden unzählige Möglichkeiten der Betrachtung. Nicht schlecht, wenn man trotz dringender Geschäfte die Ruhe zur Meditation findet.

dm

Heute statt Comix ein Clomix:

clomix1 clomix2 clomix3 clomix4

Die obere Bildhälfte zeigt jeweils den Originalbodenbelag.

Alle Bilder: Dieter Motzel

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