Odenwald … Große Ohren

2. November 2013 § 28 Kommentare

Odenwald-Ausblick. Foto: dm

Odenwald-Ausblick. Foto: dm

Odenwald … Große Ohren

„Da lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so verwunderlich aus.

Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!

Dass ich besser hören kann.

(sagten Rotkäppchen und der böse Wolf)

Für Motorradfahrer sind die kurvenreichen Straßen des Odenwaldes offenkundig ein Paradies, das es möglichst zahlreich zu bevölkern gilt. Tatsächlich nutzen einige regelmäßig die zahlreichen Haarnadelkurven auf serpentinenreicher Strecke, um an die Tür himmlischer Gefilde zu klopfen. Bei nicht wenigen öffnet sich die Tür. Als Autofahrer, der sich mit angemessenen Geschwindigkeiten auf diesen Berg- und Talstrecken vergnügt, sind diese hochtourigen Anhängsel schon ein wenig nervig. Ein gegenseitiges Belauern, das Aufmerksamkeit erfordert. Eigentlich würde man diese Aufmerksamkeit lieber der Landschaft widmen, durch die man gerade trödelt.

Foto: dm

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Odenwald. Die Natur zeigt uns ihren grünen Mittelfinger.

Der strahlend blaue Himmel eines milden Oktobertages reicht aus, um mit einer gewissen Wehmut im Herzen (könnte ja der letzte „schöne“ Tag dieses Herbstes sein), aus dem Gehäus‘ getrieben zu werden. Man kennt das … innere Stimmen befehlen: mach dies, mach das.

Ich beschrieb es schon an anderer Stelle, dass sich vor unserer Haustür so ziemlich alles finden lässt, was für ein angenehmes Leben brauchbar erscheint. Die sanfte Mittelgebirgslandschaft des Odenwaldes gehört unbedingt dazu. Um auf die ersten hügeligen Ausläufer zu treffen, muss noch nicht einmal das Stadtgebiet verlassen werden. Aber an herrlichen Herbsttagen darf man sich auch schon mal treiben lassen (damit meine ich aber ausdrücklich nicht die Motorradfahrer, die an der hinteren Stoßstange kleben). „Treiben lassen“ ist eine durchaus befriedigende Art der Fortbewegung, und sie ist auch für Odenwaldausflüge geeignet. Irgendwo wird man schon angespült, das ist diesem „Treiben lassen“ so eigen. Begünstigt durch physikalisch-mechanische Gegebenheiten (Verbrennungsmotor), konnten wir uns sogar bergauf treiben lassen und erreichten nach kurzer Zeit den höchstgelegenen Ort im hessischen Teil des Odenwaldes. Neunkirchen.

Foto: mb

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Odenwald-Idylle, gesehen in Neunkirchen.

Idyllisch ging es hier aber nicht immer zu. Bekanntermaßen hat der dreißigjährige Krieg das Land in einem Umfang verwüstet, der heute kaum noch vorstellbar ist. Neunkirchen wurde 1634 von spanischen Truppen heimgesucht und geplündert. Ein Jahr später starb der letzte Einwohner an der Pest.

Das Landesgeschichtliche Informationssystem Hessen gibt mir zu Neunkirchen unter anderem folgende Auskunft:

Neunkirchen

Ortsteil, 517 m über NN

Ortstyp: Dorf

Lagebezug: 18 KM südöstlich von Darmstadt

Lage und Verkehrslage: Geschlossenes Dorf mit Berglage im Granitgebiet

Ersterwähnung: 1222

Solche Infos sind natürlich für einen kleinen Schönwetter-Ausflug nicht dringend erforderlich, aber manchmal immerhin interessant. Schließlich gibt es durchaus Leute, die ein Faible für geschlossene Dörfer mit Berglagen in Granitgebieten entwickeln. Wir hatten bei unserem Besuch Glück, denn das Dorf war offen. Ein großer Parkplatz am Ortseingang, auf dem alle 126 Einwohner gleichzeitig ihre Fahrzeuge hätten abstellen können, hatte für uns noch viele Plätze frei, die wir, so gut es ging, auch nutzten. Der Hund in seinem Fahrzeug-Verließ meldete das dringende Bedürfnis nach Bewegung. Wir gaben nach, wenn man schon mal in einem amtlich attestierten Höhenluftkurort ist, kann man die Luft auch antesten.

Foto: mb

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Im Mittelalter war Neunkirchen ein Wallfahrtsort, der die Gläubigen mit einer „heiligen“ Quelle anlockte. Die Wallfahrtskirche existiert nicht mehr, und die „heilige“ Quelle ist versiegt. Reste des Brimboriums sind, meines Wissens jedenfalls, auf dem Gelände des evangelischen Pfarrhauses zu finden, vielleicht hat der Pfarrer seinen Fernsehsessel drübergestellt.

Im Odenwald (Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald und Naturpark Neckartal-Odenwald) gibt es rund 10.000 Kilometer markierter Wanderwege, und es ist eigentlich ein leichtes Unterfangen, auf einen oder mehrere dieser Wanderwege zu treffen, wenn man an einer beliebigen Stelle losmarschiert. Sehr viel schwieriger ist es, dort auf Niemanden zu treffen. An manchen Ecken ist einfach viel los, insbesondere an Wochenenden, über die sich ein verheißungsvoller blauer Himmel wölbt. Ohne uns als menschenscheue Gesellen bezeichnen zu wollen, wachsen doch gemischte Gefühle in uns heran, wenn wir gleich mehreren Kegelclubs auf Wanderausflügen begegnen. Auf den Hund ist da auch kein Verlass, und anstatt tüchtig zu kläffen, wenn eine solche Hundertschaft vorbeizieht, verkriecht er sich lieber hinter unsere Rücken.

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Auch die einheimischen Bewohner des Waldes zeigen sich. Ein kleines Reh badet im kristallklaren Wasser eines Baches, von denen  dort einige zu finden sind. Im Bereich der Neunkirchner Höhe quellen vier Bäche aus dem Boden hervor, die als Namensgeber vieler Orte im Odenwald herhalten mussten.

Foto: dm

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Wenig später läuft uns auch noch ein Wildschwein über den Weg. Ja, es ist ziemlich viel los im Odenwald. Zudem sahen wir noch 3 Mountain-Biker, 4 Jogger und 3 Personen, denen sowohl das Biken, als auch das Joggen gut getan hätten.

Trotz regen Treibens ist Neunkirchen kein schlechter Ausgangsort, um eine Wanderung oder einen Spaziergang zu beginnen. Man startet schon ziemlich hoch am Berg und muss nicht erst hochkraxeln, ein unschätzbarer Vorteil. Um vom höchstgelegenen Dorf zur höchsten Stelle im hessischen Teil des Odenwaldes zu gelangen, der Neunkirchner Höhe, muss noch ein Höhenunterschied von gut 90 Metern bewältigt werden. Das war zu schaffen, wenn auch unter Protest meinerseits. Ich denke immer, dass die Welt als flache Scheibe mir wesentlich sympathischer wäre.

Foto: dm

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Hier handelt es sich vermutlich um die bemooste Grabanlage eines einsamen und erschöpften Wanderes, der seinen Weg unterbrechen musste, weil er am Berg verstarb.

Die Bäume beginnen lichter zu werden, und wenn der Boden sich mehr mit Gräsern als mit Blättern bedeckt, ist man dem Höhepunkt schon ziemlich nahe gekommen. In den Bergen ist es ein gutes und untrügliches Zeichen, wenn man auf der gegenüber liegenden Seite hinuntersehen kann. Mein Erschöpfungszustand war noch im unteren Level, obwohl ich einen Hörsturz befürchtete, weil sich ein Brummen in meinem Gehörgang festsetzte. Mit jedem weiteren Meter, den wir gingen, wurde das Brummen deutlicher, und meine Beruhigung, es könnte sich doch um das schöne Blätterrauschen des herbstlichen Waldes handeln, erwies sich als falsch. Ein großes motorbetriebenes Ohr drehte gleichmäßig über unseren Köpfen seine Runden.

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Große Ohren drehen sich auch im Odenwald.

Klar, NSA und BND hören flächendeckend die Wanderwege des Odenwaldes ab und belauschen die Gespräche unbescholtener Wanderer, … und verhindern so vielleicht einen Anschlag auf die Gemeinschaftsgrillhütte in Ober-Ostern. Natürlich waren wir einigermaßen enttäuscht, dass hier kein Geheimdienst lauschte, sondern dieser seltsame Radarturm, der mitten im Wald sein großes rotes Ohr (Parabolantenne) drehend, der Flugraumüberwachung dient. Betrieben wird die Anlage von der Deutschen Flugsicherung (DFS). Obwohl die umlaufenden Fenster am Turm und auch die Betriebsanlagen auf anderes schließen lassen, ist in der Regel keine Menschenseele dort. Seit Ende der neunziger Jahre wird der Radarturm automatisch betrieben und die Daten ins nahegelegene Langen übermittelt, dort ist die Zentrale der DFS. Wie die jetzt allerdings die Gespräche der belauschten Wanderer ausfiltern, wissen wir auch nicht zu sagen.

Wir wussten aber, dass wir noch immer 13 Höhenmeter vor uns hatten. Direkt am Gelände der DFS hat man die Höhenangabe sicherheitshalber gleich in Stein gemeißelt. 592 m über NN ist dort zu lesen.

Foto: dm

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Ein paar historische Grenzsteine weiter war dann der Höhepunkt erreicht. Die Neunkirchner Höhe mit ihren 605 m über NN. Ein wenig darf man noch dazu rechnen, wenn man den 34 Meter hohen Kaiserturm, der dort oben steht, besteigt. (Das geht leider nur am Wochenende, wenn die Gaststätte, die ebenfalls in diesem Aussichtsturm untergebracht ist, geöffnet hat.) Der Ausblick ist natürlich grandios und man hat , klare Sicht vorausgesetzt, weite Blicke über die Rheinebene bis in die Pfalz, kann die Hochhäuser von Frankfurt zählen und sehen, was im Taunus so los ist. Ja klar, den Odenwald kann man auch überblicken.

Foto: mb

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Ansonsten ist es wie überall: Im Wald sieht man nur Bäume.

 dm

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§ 28 Antworten auf Odenwald … Große Ohren

  • richensa sagt:

    Ei, Großmutter, eine elegische Landpartie… Schön!

  • Pagophila sagt:

    Elegisch, das trifft es..:-) – Und so schön bebildert! Der historische Grenzstein hat es mir besonders angetan.

    • Solche Grenzsteine, es waren noch andere auf dem Weg zu finden, die wir nicht hier abgebildet haben, faszinieren mich auch. Das betrifft auch andere Wegzeichnen, denen man unterwegs begegnet … vom Sühnekreuz bis zur Votivtafel.
      Vielen Dank, Pagophila!

  • Sofasophia sagt:

    „Das war zu schaffen, wenn auch unter Protest meinerseits. Ich denke immer, dass die Welt als flache Scheibe mir wesentlich sympathischer wäre.“

    herrlich geschrieben … kicher. ich bin auch eine von den am-liebsten-flach-die-welt-wünscherinnen … andererseits: so rein fürs auge, vor allem wenn man oben ist, mag ich die berge schon sehr. und hügel. und so. vor allem die aussicht. und den himmel oben drüber.

    klingt jedenfalls nach einer tollen wanderung …

    • Diese Scheibenwunschvorstellung hätte noch andere Vorteile. So müsste die Hälfte der Welt nicht kopfstehen, oder sich in extremer Schräglage befinden …
      Aber es stimmt natürlich, der Vorteil eines jeden Hügels ist natürlich, dass man von oben heruntergucken kann, und das kann ja ganz schön sein 😉
      Vielen Dank, Soso!

  • puzzleblume sagt:

    Das war eine sehr schön anzusehende Tour und das Lesen hat Spaß gemacht.

  • wildganss sagt:

    Das schwarze Pferd, der sich ausruhende Mann, das Haus „m grünen Baum“ – all das lässt goldene Geschichten wachsen…

  • Dina sagt:

    Großer Lesepaß! Eine schöner Ausflug zum Nachgehen. Sooo weit weg ist der Odenwald nicht …

  • Herrlich, auch die Bildunterschriften, der grüne Mittelfinger der Natur, hihi : )

  • Lakritze sagt:

    Ah, herrlich! Waldeslust & Höhenrausch.
    Das Ohr im Ohrenwald habe ich auch mal zu besuchen versucht. Oben kann man wohl Kaffee trinken; leider hat es esoterische Öffnungszeiten.

    • Das Schöne war natürlich, dass wir den Höhenrausch quasi pur genießen konnten. Aus Übermut ließen wir die Sauerstoffgeräte im Wagen zurück. Die Aussichtsplattform des Kaiserturms kann man leider nur betreten, wenn die Gaststätte, die sich unten im Turm befindet, geöffnet hat, und das ist meist nur an Wochenenden der Fall. Die genauen Öffnungszeiten, wenn es denn solche gibt, weiß ich aber auch nicht. Das eigentliche Ohr, der Radarturm, ist für die Öffentlichkeit überhaupt nicht zu betreten, obwohl ich die Idee eines Kaffees dort oben sehr sympathisch fände.
      Vielen Dank, Lakritze!

  • ohja, ich fühl mich auch immer wieder ferngesteuert. ^^

  • Frau Blau sagt:

    der schöne Odenwald, seufz, das sind noch Berge, die mich nicht schrecken, sanft steigen sie an und ich kann Höhenmeter um Höhenmeter bewältigen, da ist es im Schwarzwald manchmal schon gaaanz anders, allerdings nicht, was das Gebrumm von nervtötenden MotorradfahrerInnen betrifft. In diesem Dorf kommen sie, dem Himmel sei es gedankt, selten vorbei, aber oben, auf der Höhenstraße sieht das vollkommen anders aus. Gefährlich kann es sein am WE die engen Straßen zu fahren, da heißt es bei jeder Kurve erst einmal aufmerksam zu lauschen und zu schauen, damit solch ein Seitenliegerraser nicht ins kleine rote Auto schlittert …

    ein feiner Artikel, möchte ich da noch sagen und euch noch einen feinen Sonntag wünschen
    herzlichst Ulli

    • Frau Blau sagt:

      pssst … habe ich euch eigentlich schon einmal erzählt, dass ich einen Winter in Ober-Mossau verbrachte? mmmh Schmuckerbier 😉

      • Wenn ich mich recht erinnere, hast Du einmal erwähnt, im Odenwald eine gewisse Zeit verbracht zu haben. Mit Bier aus der Privat-Brauerei Schmucker lässt sich auch der längste Winter ertragen. Zumal es dort ja eine sehr reizvolle Gegend ist. Vielleicht aber nur bedingt, wenn man gezwungen ist, dort seine Zeit zu verbringen.
        Es macht natürlich wenig Sinn, den Schwarzwald mit dem Odenwald zu vergleichen. Beide haben sicherlich ihre Reize, die man für sich entdecken kann, wenn man mag. Pulkhaft auftretende Motorradfahrer in engen unübersichtlichen Kurven gehören allerdings nicht zu diesen Reizen 😉
        Vielen Dank, Ulli, und auch Dir noch ein schönes Restwochenende!

  • schöner und sehr interessanter Bericht ! Kenne leider den Odenwald nicht sehr gut, liegt vielleicht auch daran, dass Schwarzwald und Vogesen direkt vor der Haustür liegen. 🙂

    • Mit dem Elsass hast du auch den „schöneren Odenwald“ vor der Tür. Allerdings muss ich anmerken, dass man in heimischen Gefilden (Odenwald) fast uneingeschränkt fotografieren darf, ohne von der Polizei verfolgt zu werden. Insofern kann beruhigt ein Ausflug dorthin geplant werden 🙂

  • Ich bin ja nicht so gut zu Fuß und freue mich dann immer, wenn es jemandem wie Euch so viel Freude bereitet und in einen solch informativen Beitrag mündet.
    LG Juergen

    • Nun gut, Juergen, ich würde mich auch nicht als Galopper des Jahres bezeichnen, und habe am Berg auch so meine Schwierigkeiten … aber ein wenig Bewegung ist nicht das Schlechteste 😉
      Vielen Dank, und liebe Grüße auch von uns!
      Dieter

  • Vielleicht aber auch die Gemeinschaftsgrillhütte in Ober-Ostern als terroristische Keimzelle? Und dann, aber nur dann, würde NSA & BND ja wieder Sinn machen.

    Aber je länger ich darüber nachdenke, könnte es natürlich auch ein Erholungs- & Rückzugsort für gestresste Agenten & heißgelaufene Spionagecomputer sein.

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

    • Die Keimzelle Gemeinschaftsgrillhütte scheint mir da ebenso geeignet wie das Kanzleramt. Soweit ich mich erinnere, war James Bond niemals gestresst, lag vielleicht aber auch daran, dass er keinen Computer benutzte 🙂
      Danke Dir, und viele Grüße auch von uns!

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