Ried 11 – Maria Einsiedel

15. Januar 2014 § 11 Kommentare

Foto: dm

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Die Gnadenkapelle „Maria Ansidl bei Jernsem“

Ried 11 – Maria Einsiedel

Seelenheil und Kerzenschein

Autsch, sagte die Pilgerin, als sie sich die Hand an einer der zahlreichen Kerzen verbrannte, die das finstere Mittelalter erhellten.

Uff, isch hab endlich ferddisch, sagte der Kerzenanzünder, als nach vielstündiger Arbeit alle Kerzen im Haus brannten.

(Frei interpretiert nach ZDF)

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Dieses Kreuz schleppten wir nicht mit uns herum. Es war schon vor Ort.

Seitdem das Automobil erfunden ist, gibt es eigentlich keinen wirklich nachvollziehbaren Grund mehr, zu Fuß und auf mühseligen Wegen halb Europa zu durchlaufen. Trotzdem machen sich jedes Jahr unzählige Leute auf einen Weg, an dessen Ende das Grab von Apostel Jakobus zu besichtigen ist. „Ich bin dann mal weg“, Jakobsmuscheln suchen, hat in Deutschland seit einigen Jahren Hochkonjunktur. Ein Pulk auf der Straße, den wir anonym befragten, bestätigte dies. 30% des Pulks sind schon der Muschel gefolgt und gedenken nun a) ein Erlebnis-Buch, b) einen Reiseführer, c) ein Foto-Buch oder/und d) sogar einen Film darüber zu veröffentlichen. Weitere 40% des Pulks wollten sich in den kommenden Jahren auf die Socken machen, einschließlich a) – d). (Die verbliebenen 30% des befragten Pulks, verstanden entweder die Frage nicht, oder hatten dazu keine Meinung, bzw. wollten zunächst einmal die Meinung der anderen hören). Vermutlich gibt es in Europa keinen Weg, der genauer beschrieben ist, als der Jakobsweg, der in Santiago de Compostela endet. Pilgern ist in den vergangenen Jahren wieder sehr populär geworden.

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Der Haushundhirschhund sucht die Gegend nach verwertbaren Reliquien ab.

Wir mögen solche populären Trends und wir stehen auch immer an der Straße, wenn eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird und winken mit einem Fähnchen. Aber beim Pilgern geht es natürlich um mehr, es geht um unser Seelenheil. Wer mag dies schon leichtfertig durch Nichtstun auf dem heimischen Sofa aufs Spiel setzen? Wir jedenfalls nicht. Allerdings muss ich auch eingestehen, dass ich auf Bequemlichkeitsentzug relativ unleidlich reagiere. Deshalb war es ein leichtes, Wallfahren wörtlich zu nehmen und dafür das Automobil zu benutzen. Am von uns ausgewählten Tag war noch einiges andere zu erledigen, und so mussten ein paar Stunden Pilgern für unser Seelenheil ausreichen. Der nächstgelegene Wallfahrtsort außerhalb unserer Stadtmauer ist im hessischen Ried bei Gernsheim zu finden und heißt Maria Einsiedel. Der viertelstündige Weg vom Wohnsitz zur Einsiedelei ist auf befestigten Straßen relativ sicher. Der letzte Kilometer, ein betonierter Feldweg, wird aber ein wenig schmal, und man muss aufpassen, dass zu Fuß gehende Pilger nicht unter die Räder geraten. Uns hinderte tatsächlich eine Pferdekutsche daran, mal richtig Gas zu geben.

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Der Glaube versetzt bekanntlich Berge. Dieser hier wurde etwa 10 Kilometer nach Osten versetzt und ist nun der höchste Hügel an der Bergstraße.

Aus meteorologischer Sicht war es ein einwandfreier Wintertag, an dem wir uns auf den Weg gemacht haben. Der Himmel hatte ein zartes Blau als Farbe gewählt. Am Horizont des flachen Landes sah man Dunst über dem Boden liegen, der die Gebäude als graue Schemen zeigte, die zu schweben schienen. Die tiefstehende Sonne blendete und die Temperaturen waren angenehm. Rundherum ein Tag, den man sich für mehrere Tage hintereinander wünschen würde, und der sich hervorragend dafür eignete, mit der katholischen Kirche in Kontakt zu treten. Schließlich wollten wir auch unser selbstgebasteltes Pilger-Quittungsbuch abstempeln lassen. Immer gut, etwas Schriftliches in der Hand zu haben, wenn es darauf ankommt. Das dachte Nietzke auch und hatte sich einen Stapel Ablassbriefe unter den Arm geklemmt, die er vor Ort verticken wollte. Wie er an die Unterschriften der beiden lebenden Päpste kam, wissen wir nicht, sie befanden sich jedenfalls auf dem schmucken Einblattdruck. Ein wenig klein geraten am unteren Rand, während Nietzke es sich nicht nehmen ließ, seine eigene Unterschrift großzügig darüber zu setzen. Unser Einwand, dass solche Ablassbriefe nicht vom Papst unterschrieben werden, sondern nur von nachrangigen Chargen, wie etwa Kardinälen, wurde unwirsch zur Kenntnis genommen, aber nicht weiter beachtet. Nietzke war der Meinung, dass es letztlich um seine Unterschrift ging, und nicht um die der Päpste, die er bestenfalls als verkaufsträchtiges Beiwerk empfand. Schließlich kommt es aber nicht alle Tage vor, dass zwei lebende Päpste in irdischen Gefilden wandeln. Normalerweise passiert so etwas, wenn der katholischen Kirche die Spaltung droht.

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Einer der kleinen Wasserläufe am Rande der Einsiedelei. Wir haben vorsichtshalber einige Flaschen mit dem Wasser gefüllt. Vielleicht taugt es ja als Pilgerwasser.

1409 gab es so eine Situation, in der sich drei Päpste darum stritten, wer denn nun der richtige und einzige Vertreter für die göttliche Allmacht im finsteren Jammertal des irdischen Daseins sei. Kirchenpolitik ist halt auch immer Machtpolitik, und damals standen hinter jedem der drei auch die stützenden Hände von Königen und Fürsten. Ohne den göttlichen Segen der Kirche war es damals ein sehr schwierigeres Unterfangen, sich seine weltliche Allmacht zu sichern. Um die Einheit der Kirche, und damit auch ihre ungeteilte Macht, wiederherzustellen, traf man sich 1414 im beschaulichen Konstanz zu einem vierjährigen Plausch. Mit dem Ergebnis, dass die drei Päpste abgesetzt wurden, was aber nicht jeder der bisherigen Päpste auch sofort einsehen wollte, und ein einziger neuer Papst wurde gewählt, der in Zukunft seine göttliche Wahrheit verkünden durfte. Damit keine Langeweile aufkam, schließlich sind vier Jahre eine lange Zeit, verurteilte das Konstanzer Konzil zwischendurch drei Kirchenrebellen als Ketzer. Zwei von ihnen, die Böhmen Jan Hus und Hieronymus von Prag, wurden an Ort und Stelle verbrannt. Der dritte war dummerweise schon seit Jahrzehnten tot. Allerdings hinderte dieser Umstand die Kirchenvertreter nicht daran, seine Knochen auszubuddeln und zu verbrennen. Ordnung muss schließlich sein.

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Für alle, die schon ein klein wenig gelangweilt sind: Hier ein Suchbild zum Zeitvertreib. Wer findet den Vogel? Die Lösung ist auf der Rückseite zu finden.

1415, als König Sigismund, der Initiator des Konstanzer Konzils, dem Kirchenrebell Jan Hus ein fröhliches „Ätsch, war gelogen“ zurief, nachdem er ihm vorher freies Geleit versprochen hatte, wurde wohl schon zur Kapelle Maria Einsiedel gepilgert. Der Grund dafür war und ist eine gotische Pieta. Ein Gnadenbild, das um 1400, wohl in der Werkstatt eines ländlichen Bildschnitzers entstanden ist. Die Figur stellt die Gottesmutter dar, die den Leichnam des Sohnes im Schoß hält. Ursprünglich stand das Gnadenbild in der Pfarrkirche von Gernsheim. Dort verschwand die Figur eines Nachts auf unerklärliche Weise und wurde in einem Holunderstrauch wiedergefunden. Zurückgebracht in die Kirche, verschwand sie abermals in den Holunderbusch. Das wiederholte sich einige Male, bis man sich entschloss, an der Stelle, wo der Holunder wuchs, eine Kapelle für die Pieta zu errichten. Seit dieser Zeit ist die Figur zufrieden mit ihrem Platz, und sie blieb bis heute auf dem Hochaltar.

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Um die Kapelle ist ein Kreuzweg eingerichtet worden. An den einzelnen Stationen, gibt es Bildstöcke aus Terrakotta zu sehen.

Mit einem Ablassbrief aus dem Jahre 1493 wurde fleißig Geld gesammelt für diese, wohl mittlerweile ein wenig baufällig gewordene Kapelle („Ecclesia Sancte Maria“ in Ansidl). Den Ablassbrief unterschrieben sage und schreibe 16 Kardinäle, darunter auch die späteren Päpste Julius II und Leo X. Der Brief gewährte den Wallfahrern großzügige 100 Tage Sündenfreiheit. (Nietzke zeigt sich dagegen knausriger bei seinem Ablasshandel, – 30 Tage, im Abo aber 50% Preisnachlass -, letztlich ist die Sündenanfälligkeit in unseren Tagen aber auch höher einzuschätzen). Bis zum Jahr 1508 wurde an den ursprünglichen spätgotischen Chorraum ein Kirchenschiff angefügt. Im Wesentlichen ist die Kapelle bis heute so erhalten, lediglich ein Vorbau mit vier Säulen und eine Seitenaufgang kamen erst später hinzu.

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Auch ganz schnucklig. Kleine Andachtskapelle an dem Pilgerweg.

Die Wallfahrten waren längst eingebürgert und bekamen einen neuen Aufschwung, als ein zweites Gnadenbild nach Maria Einsiedel kam. Natürlich gibt es auch dazu eine Legende. Im böhmisch-pfälzischen Krieg (Von 1618-1621 führte man diesen Krieg, der eigentlich als Auslöser des dreißigjährigen Krieges gilt. Der zweihundert Jahre vorher in Konstanz verbrannte Kirchenrebell Jan Hus spielt darin eine große Rolle, bzw. seine Anhänger, die Hussitten; und seine Ideen, die man damals in Konstanz nicht mit verbrannt hatte) bargen lutherische Soldaten aus den brennenden Ruinen eines böhmischen Dorfes eine Figur. Diese hölzerne „böhmische Madonna“ war zum allgemeinen Erstaunen in der ringsherum glühenden Holzkohle völlig unversehrt geblieben. Ein Hauptmann brachte die Figur an sich und schenkte sie später, als Dank für Kost und Logis, einem Freiherrn. So kam die Figur an die Bergstraße und ins angrenzende Ried. Nach dem Tod des Freiherrn versenkte seine Witwe die Figur in einem Brunnen. Nicht ohne Not, denn sie war auf der Flucht vor den Schweden, … der dreißigjährige Krieg tobte, und die Schweden auch. Als die Witwe schwer erkrankte, gelobte sie, falls sie wieder genesen sollte, die Figur nach Maria Einsiedel zu stiften. Klar, sie kam wieder auf die Beine, und die Figur der „böhmischen Madonna“ ans Tageslicht zurück. Die drei Jahre im Brunnen überstand sie, wie sollte es auch anders sein, völlig ohne Schaden. 1625 kam sie zuerst nach Gernsheim, und am 2. Juli 1650 wurde sie in einer feierlichen Prozession nach Maria Einsiedel überführt. Bis heute wird am ersten Sonntag im Juli eine große Wallfahrt veranstaltet. Ja, so war das damals.

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Quälend lange Schatten zeichneten sich auf unserem Fluchtweg ab.

Heute weisen große Schilder darauf hin, dass es sich um eine Ruhezone handelt, wenn man um die Kapelle wandelt. Nietzke sah das anders, und baute seinen Verkaufstand direkt an einem Außenaltar auf, der sich vor der Kapelle befindet. Es herrschte ein reges Interesse an den Ablassbriefen, allerdings wurde Nietzke ein Platzverweis zuteil, weil er es nicht unterlassen konnte, seine Ware marktschreierisch anzupreisen. Obwohl wir nichts damit zu tun hatten, wurden auch wir weggeschickt, ohne dass uns ein Stempel in unser Quittungsbuch gedrückt wurde. Vielleicht lag das auch an der Flasche Bier, die ich in der Hand hielt.

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Ansonsten war es vor Ort, wie fast überall im Ried: Feucht bis nass und ziemlich flach.

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§ 11 Antworten auf Ried 11 – Maria Einsiedel

  • sehr interessant geschrieben mit wunderschönen Aufnahmen ! 🙂

  • minibares sagt:

    Der letzte Satz lässt die ganzen Geschehnisse vergessen, lach.
    Eine Wallfahrt ist schon ein gutes Ansinnen.
    ob hier in unserer neuen Gemeinde auch Pfarrwallfahrten unternommen werden, weiß ich noch nicht.
    Schade, dass du kein Bild der Madonna hast oder zeigst.
    Würde mich schon interessieren.
    Ja, der Jakobsweg, den gehen echt viele.
    Ist doch gut, dass es so ist.
    Ich bin dann mal weg habe sogar zweimal gelesen und dann noch einen von einem Rollstuhlfahrer, der meist allein unterwegs war.

    • Es gibt doch immer Gründe, etwas zu tun, oder etwas zu lassen. Das muss aber jeder mit sich selbst ausmachen, wie in den meisten Glaubensfragen.
      Die Madonna ist eigentlich ganz unscheinbar, die Arbeit eines namenlosen Bildschnitzers, wie sie oft im ländlichen Raum anzutreffen war und ist. Eine Holzfigur, die zumindest die charmante Charaktereigenschaft besitzt, sich in Holunderbüschen ganz wohl zu fühlen 😉
      Danke, Bärbel, für Deinen Kommentar!

  • Ihr Lieben, Worte können kaum ausdrücken wie dankbar ich bin, daß ihr diesen beschwerlichen Weg durch das finstere Jammertal des irdischen Daseins gegangen seid. Und gegen die Depression des flachen feuchten Landes ist ein Bier nur Recht. Denn kein Alkohol ist ja schließlich auch keine Lösung, oder?

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

    • Es ist manchmal schon ein Kreuz, das irdische Dasein, aber zum Glück hat man zwei Schulterblätter – eines für’s Kreuz, das andere für den Kasten Bier. 😉
      Danke, Florian, und viele Grüße auch von uns!

  • Pagophila sagt:

    Schönes Licht und ein schnuckeliges Kirchlein… sehr anheimelnd. Und Geschichten von Madonnen, die weder verkohlen noch vermodern, sind doch herrlich!

    • Die tiefstehende Sonne sorgte wirklich für ein wunderbares Licht. Es bringt auch ein bisschen mehr die alten Geschichten und Legenden zum Glänzen, für die ich immer Interesse habe.
      Vielen Dank, Pagophila!

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