Zwei Tote und handzahme Wasserratten

4. Oktober 2014 § 15 Kommentare

Foto: dm

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Zwei Tote und handzahme Wasserratten.

Ein Herbstspaziergang.

Die Vergiftungserscheinungen treten erst mit stundenlanger Verzögerung ein. Kaum hat man es sich wieder zuhause auf dem Sofa bequem gemacht, fängt dieses Brennen im Mund an. Ein Schnaps hilft da auch nichts mehr, zumal die Schluckbeschwerden schlimmer werden, gefolgt von Übelkeit und Erbrechen mit blutigen Durchfällen. Ok, mehr will ich nicht ins Detail gehen, aber noch anmerken, nur nicht alles, was man draußen so findet, gleich in den Mund zu stecken. Pfuideiwel, tun wir natürlich auch nicht. Dass hochgiftiges Teufelswerk durchaus in einer hinreißenden Verpackung am Wegrand stehen kann, kennen wir ja vom Fliegenpilz, und von der ein oder anderen Schauspielerin aus James-Bond-Filmen. Eine schöne Kandidatin ist auch die Herbstzeitlose, die Giftpflanze des Jahres 2010. In diesen Herbsttagen zeigt sie sich wieder von ihrer attraktiven Seite, streckt ihre zartblauen Blüten in die milde Luft und bedeckt damit die feuchten Wiesen. Zwei- und Vierbeiner sollten dort nicht grasen, auch wenn es noch so lecker aussieht.

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Dass das letzte große Feuchtgebiet in Hessen sich mitten im Rhein-Main-Wirtschaftsraum befindet, ist schon erstaunlich. Zumal es sich um das zweitgrößte Naturschutzgebiet in diesem Bundesland handelt. Der „Mönchbruch“ besteht aus Feuchtwiesen, Sumpf- und Bruchwäldern und ist von vielen kleinen Wasserläufen durchzogen. Dieser Bereich ist in ein weitaus größeres Landschaftsschutzgebiet eingebettet, mit zusammenhängenden Waldgebieten, die sich südwestlich von Frankfurt ausbreiten. Eine nette Ecke für einen herbstlichen Spaziergang.

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Alle Fotos: dm

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Die Auflistung von seltenen Vögeln, Pflanzen, kurz von allem was da kreucht und fleucht, erspare ich mir an dieser Stelle. Es ist einiges, und es hält sich meist gut versteckt. Der Publikumsrenner sind aber handzahme Biberratten, die sich im Mönchbruchweiher angesiedelt haben. Nutrias sind eigentlich in Südamerika heimisch, und keiner kann erklären, wie sie zu ihrem südhessischen Domizil kamen. Möglicherweise ist es die Nähe zum Frankfurter Flughafen, die sie hier ausharren lassen, den Daumen hoch, immer auf der Suche nach einer Mitfluggelegenheit Richtung Heimat. Zweidrei Kilometer von ihrem Weiher entfernt, ragt der „Runway 18“ des Flughafens in den Mönchbruch hinein. Je nach Windlage wird das Gebiet im Minutentakt niedrigst überflogen. Man gewöhnt sich sehr schnell an den Lärm und manchmal schafft man es sogar, dem Passagier, der freundlich grüßend an einem Fensterplatz der Airbus-Maschine sitzt, ebenso freundlich zuzuwinken. In den 80er Jahren war man von dieser entspannten Freundlichkeit weit entfernt. Der „Runway 18“ war damals als Startbahn West bekannt und eine wichtige Wegmarke der Umwelt- und Protestbewegung in Deutschland. Es gab um den Bau der umstrittenen Startbahn sehr heftige und gewalttätige Proteste. Es wurde auf beiden Seiten erbarmungslos geknüppelt und der damalige Ministerpräsident von Hessen, Holger Börner, ließ sich zu dem bekannten Dachlatten-Zitat hinreißen: „Ich bedaure, dass mir mein hohes Staatsamt verbietet, den Kerlen selbst eins auf die Fresse zu hauen. Früher auf dem Bau hätte man solche Dinge mit der Dachlatte erledigt.“ Auch nach dem Bau und der Inbetriebnahme der Startbahn im Jahr 1984, gingen die Proteste weiter. Erst ein Ereignis aus dem Jahr 1987 läutete das Ende einer der größten Bürgerprotestbewegungen der Bundesrepublik ein. Während einer Demonstration am südlichen Ende der Startbahn, in den Mönchbruchwiesen, feuerte ein Mitglied einer militanten Protestgruppe 14 Schüsse auf Einsatzkräfte der Bereitschaftspolizei. Zwei Polizisten starben und sieben weitere wurden durch die Schüsse zum Teil schwer verletzt. Heute geht es in den weiten Wiesen des Mönchbruchs weitgehend friedlich zu. Ansonsten ist es wie überall, herbstlich, nur sehr viel lauter.

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Feen bewachen den Zugang zum Mönchbruch. Foto: dm

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§ 15 Antworten auf Zwei Tote und handzahme Wasserratten

  • wederwill sagt:

    Danke für den schönen Beitrag! Ich werde die Finger von unbekannten Pflanzen und Pilzen lassen – auf jeden Fall!
    Vergebens habe ich allerdings ein Foto einer zahmen (natürlich nicht der toten) Wasserratte gesucht, hab ich doch noch nie eine echte zu Gesicht bekommen…
    Liebe Grüße zum Samstagmittag,
    Marlis

    • Von diesen Nutrias im Mönchbruch gibt es viele Fotos, deshalb haben wir uns welche erspart. Handzahm sind sie, weil Legionen von Besuchern sie abfüttern. Das sollte man bei wildlebenden Tieren eigentlich unterlassen, … die schaffen es, sich selbst zu ernähren. Sie würden aber todsicher keine Herbstzeitlose durchkauen 😉
      Vielen Dank, Marlis, und liebe Grüße auch von uns!

  • mickzwo sagt:

    Als es noch Mode war zu glauben, dass man mit Nutrias Geld verdienen konnte, waren keine Tiere in freier Natur zu finden. Sie waren in Käfigen untergebracht und wurden per Elektroschock getötet. Wg. der Pelze, nämlich. Später wurden dann viele einfach Freigelassen oder von sog. Gutmenschen auch schon mal bei Nacht- und Nebelaktionen befreit. …

    Gut, dass die Landschaft mittlerweile von Feen bewacht wird. Da kann ja nichts mehr passieren.

    Eine wirklich schöne Gegend. Auch schön: diese Ruhe, die in den Bildern liegt.

    • Ja, lieber Mick, die Feen bewachen einen Zugang über eine kleine Holzbrücke. Das Gebiet ist jetzt weitgehend sicher (zumal wir jetzt auch nicht mehr dort sind). Eigentlich kann jetzt nichts mehr passieren, außer ein Flugzeug fällt einem Besucher auf den Kopf.
      Es stimmt natürlich, was Du über die Nutrias schreibst. Es gibt noch an anderen Orten Populationen, die durch solche „Entsorgungs- oder Befreiungsaktionen“ entstanden sind.
      Danke Dir!

  • Pit sagt:

    Danke für diesen aufschlussreichen Beitrag und die wunderbaren Bilder. Jetzt habe ich auch in Deutschland ein Reiseziel mehr auf meiner „bucket list“.
    Ein schönes Wochenende unbd liebe Grüße aus dem südlichen Texas,
    Pit

    • Falls Du in Frankfurt landest, lieber Pit, dann stehst Du schon mit einem Bein in diesem Gebiet. Es ist südlich des Airports, zwischen Mörfelden und Rüsselsheim gelegen, und ein netter Biergarten findet sich dort auch 😉
      Vielen Dank und liebe Grüße auch von uns!

      • Pit sagt:

        Ich lande, wie normalerweise immer, weil ich die Lufthansa von Houston nach da bevorzuge, auch dieses Mal wieder in Frankfurt. Dann geht es aber sofort mit dem Zug [Lufthansa-ICE] weiter nach Siegburg. Mal sehen: möglicherweise werde ich aber während meiner Zeit in Deutschland einen Freund in Nürnberg besuchen. Dann könnte ich vielleicht einen Abstecher machen. Aber besser noch, bei meinem nächsten Deutschlandbesuch mit meiner Frau etwas länger die Naturschönheit da genießen.
        Lasst es Euch gut gehen,
        Pit

      • Wo immer es Dich hinzieht, lieber Pit, bei Deinem nächsten Deutschland-Trip, wir wünschen Dir viel Spaß auf Deinen Touren!
        Viele Grüße von uns!

      • Pit sagt:

        Danke! 🙂

  • grynaklee sagt:

    Eine Bekannte meinte mal, das seien Krokusse und dachte, ein Herbstwunder sei geschehen.

    • Die ähneln sich tatsächlich sehr. Die Blüten der Herbstzeitlosen sind ein bisschen größer und filigraner, … und sie haben keine Blätter. Die Blätter gibt es nur im Frühjahr zu sehen, und die sind auch giftig (kann man mit Bärlauch verwechseln).
      Danke für Deinen Kommentar!

  • Von Dachlatten-Idioten zu lauten Wiesen, Kinners wie die Zeit vergeht. Gut, wenn man die Dinge zwischendurch ein wenig entspannter nimmt, auch wenn ich nicht verleugnen möchte, dass ich ein gerüttelt Maß an Empörung für unentbehrlich & den Motor jeglicher Entwicklung halte.

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

    • Zur damaligen Zeit gehörte ich eher zu der Fraktion, die Herrn Börner gerne mal mit einer Dachlatte vermöbelt hätten. Heute bin ich doch eher entspannter. Denn nur so kann sich auch wieder Spannung für eine Empörung aufbauen 🙂
      Danke Dir und viele Grüße auch von uns!

  • wildgans sagt:

    Da im Wald erfahren, wie knallhart und urnass das Wasser aus den Polizeidingern aufprallen kann, damals. Heute – ja, wie sollen wir sonst zu den Kindern und anderen Verwandten in aller Welt kommen?

    • Ja, ich kenne einige, die diese Erfahrungen von damals teilen. Heute redet kein Mensch mehr von den Protesten um die Startbahn, und nicht wenige der Protestierenden nutzt sie heute regelmäßig. Im Laufe der Zeit relativiert sich einiges, und heute redet man über Wirbelschleppen, die Häuser abdecken …

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