Frau-Nauses und die Insel

24. Oktober 2014 § 16 Kommentare

Foto: dm

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Frau-Nauses und die Insel.

Ob Johannes Bückler jemals bei Frau-Nauses war, ist nicht bekannt. Aber er war mehrmals in Semd und verprügelte dort in einem Gasthaus den bekannten Odenwald-Räuber Johann Adam Heusner. Ja, das waren Zeiten. Im ausgehenden 18. Jahrhundert räuberte es an allen Ecken, so auch im beschaulichen Odenwald. Johannes Bückler kennen wir unter dem Namen Schinderhannes. Der vielleicht bekannteste und populärste Räuber Deutschlands. Vermutlich hat er diesen Ruhm eher Carl Zuckmayer und einigen verklärenden Filmen zu verdanken, als seinen historischen Taten. Der Bubi war unter den damaligen Räuberbanden eher ein kleineres Licht und hauchte schon mit 24 Jahren an einem Galgen im damals französischen Mainz sein Leben aus. Den Namen Schinderhannes verdankte er übrigens nicht den ihm zugeschriebenen räuberischen Greueltaten, sondern seinem Beruf. Er hatte Schinder gelernt, und das ist nur ein anderes Wort für Abdecker, also Leute, die für eine Verwertung von tierischen Kadavern zuständig waren. Die Gegend um Semd im Odenwald war sein Rückzugsgebiet, wenn ihm der Boden auf linksrheinischem Gebiet für seine Gaunereien zu heiß wurde. Und was hat das mit Frau-Nauses zu tun? Eigentlich wenig, aber ich finde den Namen einfach zu schön, um ihn unter den Tisch fallen zu lassen. Frau-Nauses ist ein winziges Dorf, das ebenso wie das erwähnte Semd heute zur Stadt Groß-Umstadt gehört.

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Die schönsten und interessantesten Hügel im Land sind immer solche, die in Flaschen abgefüllt werden. In Weinanbaugebieten, und Groß-Umstadt ist ein Weinanbaugebiet, ist das eine gebräuchliche Methode, um einem Berg eine elegante Form und einen guten Geschmack zu geben. Es erleichtert zudem den Alltag, denn so eine 0,7-Liter-Flasche passt in jede Handtasche, was man von einem Berg nicht unbedingt behaupten kann. Die Gegend um Groß-Umstadt ist auch als „Odenwälder Weininsel“ bekannt. Auf 72 ha werden 32 Rebsorten angebaut. Es verwundert allerdings ein wenig, dass nur auf 3% der Rebfläche Portugieser angebaut wird.

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Anfang der sechziger Jahre musste Armando Carneiro einen nicht geplanten Stop in Groß-Umstadt einlegen. Sein Motorrad streikte nach 14-tägiger Fahrt quer durch Europa. Die herrschende Diktatur in seinem Land hatte er damals ebenso hinter sich gelassen wie seinen Heimatort Santo Tirso im Norden Portugals. Die Gegend, aus der er stammte, war vom Weinbau geprägt, vielleicht waren es da einfach heimatliche Gefühle, die ihn in Groß-Umstadt bleiben ließen. Er war jedenfalls der erste Portugiese dort. Heute ist in Groß-Umstadt die größte portugiesische Gemeinde in Deutschland versammelt, und jeder achte Einwohner hat portugiesische Wurzeln, nicht wenige dieser Wurzeln reichen in die Region Santo Tirso zurück. Ein wunderbares Beispiel einer gelungenen Integration, denn kein eingeborener Groß-Umstädter würde die Portugiesen jemals als Ausländer bezeichnen, und die Portugiesen würden sich nicht als Ausländer betrachten, obwohl sie natürlich Stolz darauf sind, auch Portugiesen zu sein, aber das ist etwas anderes.

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Wen wundert es da, dass man nach einem Spaziergang durch die Weinberge und durch die schöne kleine Altstadt mit vielen historischen Gebäuden auch anschließend gut portugiesisch Essen gehen kann. Wer den Trubel mag, dem sei das jährliche Weinfest empfohlen. In diesen Tagen kann man erleben, wie Besucher die Zahl der 20.000 Einwohner verzehnfachen und trotzdem der Wein nicht ausgeht. Ansonsten ist es wie überall in Weinbaugebieten: Es lässt sich dort ganz gut leben, wenn gerade kein Schinderhannes in der Nähe ist.

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§ 16 Antworten auf Frau-Nauses und die Insel

  • wildgans sagt:

    Da ist ja gar kein Fluss! Ist denn ein Fluss beim Wein nicht ein Muss?

  • Sofasophia sagt:

    toller bericht.
    hoch die gläser und prost. 🙂

  • Wunderbarer Artikel, danke!

  • mickzwo sagt:

    Schöner Artikel, gut Bebildert. Das macht Lust dort mal einen Stopp zu machen.

    Ps.: Zu dem Schinderhannes erinnere ich einen 50erjahre-Film, ich glaube der war mit Curt Jürgends.

    • Vielen Dank, Mick!
      Der Jürgens-Streifen ist wohl der bekannteste Film über den Schinderhannes. Er diente eher der Legendenbildung, als den historischen Tatsachen, aber immerhin gab Curt Jürgens mit seinem Schlapphut eine gute Figur ab. Vermutlich wussten dies eine Kriegsgeneration jungen Damen sehr zu schätzen …

  • saetzebirgit sagt:

    Schön, was man bei Euch alles lernt. Ich dachte bislang auch wie Michzwo, der Schinderhannes sein ein Jürgens-Hüne. Und jetzt erfahre ich, er war ein Bubi 🙂 Das muss ich jetzt mal verarbeiten…

    • Als Bubi beschrieb ich ihn eher wegen seiner jungen Jahre, aber mit Curt Jürgens würde ich ihn keinesfalls vergleichen wollen. Aber in einer Legende, wie sie Carl Zuckmayer in seinem Stück „Der Schinderhannes“ formte, muss er vermutlich als Hüne daherkommen. Allerdings beruht die ganze Geschichte vom edlen Räuber, dem deutschen Robin Hood, nicht auf den historischen Tatsachen.
      Vielen Dank, Birgit!

  • emhaeu sagt:

    Groß-Umstadt — ich gebe zu, dass ich kein Wort geglaubt habe. Kann es einen Ort geben, der sich Groß-Umstadt nennt? Aber: Gibt es, gibt es! Und im Kutscherhaus kocht ein echter Portugiese Paella, wahrscheinlich für die Spanier, die dort vorbeikommen.

    • Es gibt sehr viele merkwürdig klingende Ortsnamen im Odenwald. Na ja, Groß-Umstadt gehört für mich nicht dazu, lieber Martin, da wäre ich schon eher über „Frau Nauses“ gestolpert, wenn ich es nicht besser wüsste.
      Wer die regionale Küche schätzt, geht in Groß-Umstadt ins Farmerhaus, dort gibt es so leckere Sachen wie Krokodilsteak oder Springbockfilet, was der heimische Odenwald eben so hergibt …

      • emhaeu sagt:

        Was der Odenwald so hergibt – dann doch eher das:

        Geschmorter Waschbaer mit Preiselbeeren fuer 3 – 4 Portionen:
        1,5 kg Waschbaerstuecke, Fett und Druesen entfernt 250 ml Preiselbeeren, fein gehackt 250 ml Apfelwein (cider) 60 ml Honig 1 Tl Orangenschale, gerieben 3/4 Tl Salz 1/8 Tl Nelkenpulver 1/8 Tl Muskat, gemahlen
        Man gibt die Waschbaerstuecke in eine grosse Pfanne oder einen Braeter. In einer kleinen Schuessel werden alle uebrigen Zutaten gut durchgemischt. Nun giesst man die Preiselbeer-Wuerzmischung ueber die Waschbaerteile und bringt alles zusammen zum Kochen. Kurz aufkochen, dann die Hitze reduzieren und die Pfanne oder den Topf mit einem Deckel verschliessen. Simmern lassen bis der Waschbaer zart ist (Gabelprobe oder Fleischthermometer). Dauert etwa 2 bis 3 Stunden. Waehrend des Kochvorgangs 2 bis 3 Mal durchruehren

      • Ja, klingt lecker, Martin. Der Waschbär ist seit einigen Jahren auch in Südhessen angekommen. Bisher habe ich noch keinen zu Gesicht bekommen. Werde mich dann wohl an die örtliche Jägermeisterei wenden müssen, oder eine Waschbärfalle erfinden.

      • Oh, während ich an den Konstruktionszeichnungen für die Waschbärfalle brüte, fällt mir gerade ein, dass in Kindertagen mein Lieblingsschmusetier ein Waschbär war. Ich werde das mit der Falle lassen und das Rezept mit Krokofleisch probieren. Die sind hier auch leichter zu fangen.

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