Ried 12 – Der große Sand

17. Februar 2015 § 18 Kommentare

Foto: dm

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Ried 12 – Der große Sand

Vielleicht wird es Erstaunen, aber ich hatte nicht immer eine Körperlänge von einemmeterachtzig. Es gab Zeiten, in denen ich gut einen Meter kürzer war. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen war damals, tiefe Löcher zu graben. Das war schwierig, denn der feinsandige Boden rutschte immer wieder nach und verhinderte so den Bau eines großzügigen Tunnelsystems unter unserem Garten. Diese Angewohnheit, tiefe Löcher zu graben, verwuchs sich in den letzten Jahren. Der feine Sand allerdings blieb, und er war auch schon lange vor meinen unterirdischen Aktivitäten hier gewesen. Während der letzten Eiszeit haben sich westlich von Darmstadt riesige Sanddünen angehäuft. Feiner kalkhaltiger Treibsand wurde vom Rhein hierher geweht und überdauerte die Zeit.

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Auf einer dieser Sanddünen beginnt auch Elisabeth Langgässers Roman „Gang durch das Ried“, der 1936 erschien. Dem einzigen Stück nennenswerter Literatur, das im südhessischen Ried spielt. Der erste Satz in diesem Buch lautet: „Im Spätherbst des Jahres 1930 ging ein Mann über das verlassene französische Lager, das früher ein deutsches gewesen war und sich zwischen der hessischen Hauptstadt, … … … und dem großen Sande dahinzieht.“ Die hessische Hauptstadt ist Darmstadt und der „große Sand“ zieht sich westlich davon, bei dem kleinen Städtchen Griesheim, zum Ried hin. Das „verlassene französische Lager“ gab es, wie vieles andere in diesem Buch, tatschlich. Es wurde im Jahr 1930 geräumt, bis dahin war dieses Gebiet bis an die Stadtgrenze Darmstadts von 1918 bis 1930 von Frankreich militärisch besetzt. Elisabeth Langgässer wusste, wovon sie schrieb, kannte Zeit und Gegend aus eigener Anschauung. Sie unterrichtete als Volksschullehrerin bis 1928 im damals französischen Griesheim.

 

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Der „große Sand“ ist von unserer Haustür knapp zehn Autominuten entfernt, und bei schönem Wetter wagten wir die Fahrt dorthin, nachdem ich die Strecke als unbedenklich eingestuft hatte. Vor neunzig Jahren hätten wir auf diesen paar Kilometern die französische Grenze passieren müssen und wären, ohne Passierschein, vermutlich als Schmuggler erschossen worden. Kein Witz, es sind einige an dieser Grenze erschossen worden.

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Eine Herde urzeitlicher Tiere, ich vermute es sind Auerochsen, verhindert die Verbuschung der Steppenvegetation.

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Immer auf der Suche nach Nahrung: ein Säbelzahntiger.

Seit 1953 sind die verbliebenen Reste der eiszeitlichen Dünenlandschaft unter Schutz gestellt. Das 45ha große Natur- und Landschaftsschutzgebiet beherbergt heute zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, die in Mitteleuropa vom Aussterben bedroht sind. Der Spargel, der hier in unmittelbarer Nachbarschaft wächst, gehört glücklicherweise noch nicht zu den bedrohten Arten. Spione auch nicht. Jedenfalls haben die es hier geschafft, was mir vor Jahren versagt blieb. Sie haben sich viele Stockwerke tief in den feinen Sandboden eingegraben. Zwischen Sandmagerrasen und Spargelfeld findet sich einer der größten und wichtigsten Stützpunkte der NSA in Europa. Also Vorsicht: Eine riesige Spionenpopulation!

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Ansonsten ist es wie überall: Mit Sand in den Schuhen lässt es sich schlecht laufen.

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§ 18 Antworten auf Ried 12 – Der große Sand

  • Ulli sagt:

    endlich mal wieder Auerochsen und Säbelzahntiger in Sicht … und ich habe mal wieder etwas gelernt …
    herzliche Grüsse Ulli

  • Herr Ärmel sagt:

    Das war mir garnicht so klar. Logisch, Griesheim könnte auch Sandheim heissen, aber…
    Die letzte sehr grosse Düne vermutete ich auf der faslchen Seite des Rheins zwischen Finthen und Gonsenheim.
    Und wir haben hier sogar noch eigene Dünen. Erkundungsziele für kommende, wärmere Wochenenden also.
    Ich danke Ihnen für den aufklärenden Bericht und die Fotografien (und der Dame, die mich hierher verführt hat)
    Morgenschöne Grüsse aus dem erwachenden Bembelland (Heute mit Einflugschneisenwecker)

    • Sandflächen und Sanddünen gibt es hier im Rhein-Main-Gebiet fast überall. Bembelland ist auch auf Sand gebaut. Frankfurt-Schwanheim ist doch ein gutes Beispiel.
      Apropos Einflugschneisenwecker: Auf dieser Griesheimer Sandfläche wurde 1908 der erste Flugplatz in Deutschland eröffnet, mitsamt Flugzeugfabrik.
      Vielen Dank, lieber Herr Ärmel, verbunden mit abendlichen Grüßen (Bembel vor mir)!

      • Herr Ärmel sagt:

        Dass Griesheim schon sehr früh einen Flughafen hatte wusste ich, dass es der erste gewesen ist jedoch nicht.
        Dass ein grosser Teil des Rhein-Main Gebietes auf sandigen Untergründen steht hingegen schon.
        Schneeregnerische Grüsse aus der trübseligen Mainspitze

      • Griesheim ist tatsächlich der älteste Flugplatz, und seit einigen Jahren erst, wird er nicht mehr militärisch genutzt.
        Alleine in und um Darmstadt gibt es einige Sanddünen-Schutzgebiete. Rhein und Main haben es in der Eiszeit möglich gemacht.
        Der Schneeregen hat sich mittlerweile verzogen, also trockene Grüße von uns an die Mainspitze!

  • Susanne Haun sagt:

    Danke, ich hatte noch nie vom „großen Sand“ gehört. Ich wundere mich immer wieder, wie vielseitig Deutschland ist.
    Liebe Grüße sendet euch Susanne

  • Das große Sandtreiben rund um die Landeshauptstadt inklusive gefährlichem Getier. Das ist uns im märkischen Sand nicht vergönnt. Und auch bei den Flughäfen ist die hessische Landeshauptstadt deutlich weiter vorne. Es gab sie schon einmal. Hier gibt man nicht auf & versucht sie über Jahrzehnte hinweg in den Sand …

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

    • Unser Sand hier ist doch stärker verdichtet, in und um Berlin dagegen sehr porös. Da müssen noch einige Milliarden versenkt werden, um einen Flugplatz tragen zu können, … aber im Versenken haben sie in Berlin doch auch Erfahrung;)
      Viele Grüße auch von uns!

  • andreabreuer sagt:

    Ich dachte kurz, ich steh‘ im Mainzer Sand… 🙂 Danke für Deinen Text und auch die tollen Fotos!

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