Bauernrose

5. Juni 2015 § 18 Kommentare

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Das Foto entstand vor einigen Tagen im Vorbeigehen. Der heftige, warme Wind, der mir ins Gesicht blies, war nicht sehr hilfreich für brauchbare Aufnahmen, zeigte aber zumindest, dass ein Blatt immer zwei Seiten hat.

Bauernrose

Einer wahren Schönheit ist schwer beizukommen. Um bei meinen aufrichtigen Bemühungen einer Kontaktaufnahme nicht sofort in allzu romantischen Gefilden zu versinken, verwarf ich den ursprünglich vorgesehenen Titel dieses Artikels: „Warmer Wind über Pfingstrosenfeld“. Der mitleidige Blick meiner mir sonst meist wohlgesonnenen Co-Autorin mb tat ein Übriges und verhinderte hier noch schlimmere hausgemachte Poesie. Wohlwissend, dass es von der poetischen Schwärmerei hin zur Besessenheit nur ein kleiner Schritt ist, nutzte ich ein Rezept der Benediktinerin und Universalgelehrten Hildegard von Bingen (1098 – 1179), um jedwede Besessenheit schon im Keim zu ersticken. In entspannt bequemer Rückenlage (meiner Lieblingshaltung) legte ich mir einen mit Honig beträufelten Samenkern der Pfingstrose auf die Zunge. Laut dieses frühmittelalterischen Rezepts sollte nun der Verstand aus dem Pfingstrosensamen aufsteigen und wieder an seinen angestammten Platz im Kopf zurückkehren. Immerhin konnte ich nach einiger Zeit, unter den kritischen Blicken mir nahestehender Personen, mitteilen: „Klar, jetzt geht es mir besser!“ Allerdings sind die Auskünfte Besessener zum Zustand ihrer eigenen Befindlichkeit zumindest mit Skepsis zu betrachten.

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Hildegard von Bingen war beileibe nicht die Erste, welche die Heilkräfte der Pfingstrose zu schätzen wusste, und dies auch bei greifbareren und schlimmeren Leiden, als dem Verlust des Verstandes. Wenn es im antiken Götterolymp zu Streitigkeiten kam, was ziemlich oft der Fall war, flogen schon mal die Fetzen, und so manch halbtoter Gott musste mit Hilfe der Päonien-Heilkräfte wieder zum Leben erweckt werden. So ist letztlich der botanische Gattungsname der Pfingstrose (Paeoinia) auf den griechischen Götterarzt Paian zurückzuführen, der sich darauf verstand, kaputtgegangene Götter wieder einigermaßen funktionstüchtig zu verleimen. Es waren Benediktinermönche, die die Pfingstrosen über die Alpen zu uns brachten. Sie kultivierten die Heilpflanzen in ihren Klostergärten, und gelegentlich bezeichnet man die „Gemeine Pfingstrose“ auch heute noch als Benediktinerrose.

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Einer dieser Klostergärten liegt bei uns um die Ecke. Auf dem ehemaligen Klosterareal der 764 gegründeten Benediktiner-Abtei Kloster Lorsch wird ein Pfingstrosengarten gehegt und gepflegt, in dem über 90 Päonien-Sorten zu finden sind. Das 795 verfasste „Lorscher Arzneibuch“, das älteste erhaltene Buch über Klostermedizin im abendländischen Frühmittelalter, huldigt die Päonie quasi als Mutter aller Heilpflanzen. Mir selbst genügt es zu beobachten , wie aus einer runden Knubbelknospe förmlich eine Blüte explodiert. Das sind dann schon Momente zum Niederknien. Dann vergesse ich auch gerne den warmen Wind über dem Pfingstrosenfeld.

dm

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§ 18 Antworten auf Bauernrose

  • Hehe, ich bin der Erste.

    Man gönnt sich ja sonst nix

    Joa, dann mal wieder schönes Wochenende (H)

  • mickzwo sagt:

    Schöne Photos, aufschlußreicher Text. Super 🙂

  • Ulli sagt:

    „Mir selbst genügt es zu beobachten , wie aus einer runden Knubbelknospe förmlich eine Blüte explodiert. Das sind dann schon Momente zum Niederknien.“ na, wenn da mal nicht der Päoniasamen zusammen mit Honig geholfen hat diesen wunderbaren Satz zu formulieren! Ich werde es ausproboeren, da mein verstand doch sehr eingeschlafen ist, er ebbt sozusagen noch …
    toller Text und tolle Bilder, danke!

    euch beiden Lieben ein herrliches Wochenende
    herzliche Grüsse vom Sonnenberg
    Ulli

    • Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: Der Samenkern hilft bei aufkeimendem Wahnsinn und Besessenheit, bei allgemeinen Ermüdungserscheinungen würde ich keine Garantie übernehmen:)
      Vielen Dank, liebe Ulli, und herzliche Grüße auch von uns!

  • emhaeu sagt:

    Pfingstrosensamen auf die Zunge – vielen Dank für den Rezept-Tipp — wenn der Verstand mal wieder zurück gerückt werden soll, werde ich darauf zurück kommen. Falls dann gerade Pfingsten ist.

  • Schööön! 90 Sorten? Klingt paradiesisch!

    • Soweit ich weiß, liebe Petra, gibt es einige tausend Sorten, das relativiert diese 90 schon ein wenig. Aber wir wollen ja diese blühenden Schönheiten nicht auf Zahlen reduzieren. Auf dem Areal des Kloster Lorsch ist auch ein Kräutergarten angelegt, in dem alle Heilkräuter angebaut werden, die im Lorscher Arzneibuch erwähnt werden. Viel sehenswerter finde ich eigentlich die Reste der alten Basilika des Klosters und natürlich die Königshalle als Welterbe der Unesco. Die Königshalle gilt als eines der besterhaltenen Bauwerke aus karolingischer Zeit. Das interessanteste daran ist, dass heute kein Mensch eine Ahnung hat, zu welchem Zweck diese Halle entstanden ist. Meine Vermutung ist, dass es sich um eine BeamStation für die im nahen Worms ansässigen Burgunder handelte, die sich von dort aus in ferne Galaxien beamten und um letztlich ganz aus diesem Universum zu verschwinden. Aber natürlich ist das nur eine Theorie:)
      Danke Dir, Petra, und liebe Grüße von uns!

      • Ui, über 1000, das wird ja immer doller! Sehr interessant, was du über das Gelände und die weitere Gebäude erzählst – prima Theorie auch, diese Beam-Station : )
        Viele liebe Grüße & noch einen schönen Sonntag!

  • Pagophila sagt:

    Dass die Pfingstrose eine Heilpflanze ist, wusste ich nicht. Da kann ich mich Mick nur anschließen, und die Aufnahmen sind wirklich wunderschön! „Warmer Wind über dem Pfingstrosenfeld“… ich weiß nicht, was Ihr habt, mir beflügelt es die Phantasie..;-)

    • Man vergisst es leicht, wenn die herrlichen Blüten vor einem in der Vase stehen, dass die Pflanze seit je her für ihre Heilwirkung geschätzt wird. In China wird sie großflächig angebaut, um daraus einen wichtigen Wirkstoff für die chinesische Heilmedizin zu gewinnen. Auch bei uns werden die Wurzel in der Pharmaindustrie verarbeitet. Ich glaube, dass dies Päonienfeld, über dem der warme Wind blies, auch aus diesem Zweck angebaut wurde. An den Blüten hatte der Landwirt jedenfalls kein Interesse, die wurden sogar regelmäßig abgeschnitten und blieben achtlos auf dem Feld liegen. Bis auf jene, die ich für die heimische Blumenaufhübschung gerettet habe. Irgendwie muss ja meine harte Ausbildung als Mundräuber zu etwas gut gewesen sein;)
      Vielen Dank, Pagophila!

  • Ich habe mich mit der Karolingerzeit nie wirklich auseinandergesetzt, aber deine Zeilen zur Pfingtsrose und dem Kloster in Lorsch ist so poetisch geschrieben, dass ich gerade über das Internet eine kleine Zeitreise ins historische Nibelungenland mache. Dass wir so viele schöne Flecken in Deutschland haben, macht mich manchmal ganz wahnsinnig. Mit einem VW Bulli durch Deutschland reisen, das wär`s. Romantik pur!

    Viele liebe Grüße! 😉

    • Wie schön, wenn Dich der Artikel inspiriert hat, und es stimmt, leider weiß man oft die Dinge nicht zu schätzen, die man vor der Nase hat. Ganz sicher lässt sich in jedem Ort in Deutschland Spannendes und Interessantes entdecken,… und ein Bully wäre kein schlechtes Hilfsmittel, wir wären sofort mit dabei;)
      Vielen Dank, und liebe Grüße auch von uns!

  • wederwill sagt:

    Ich bin der Pfingstrose schon lange verfallen, wusste gar nicht, dass sie auch den eher profanen Namen Bauernrose trägt. Ich liebe sie, weil sie bis zum letzten Atemzug des Blühens noch duftet.
    Danke für diesen wunderbaren Beitrag mit den feinen Fotos!

    Herzliche Vor-Wochenendgrüße von
    Marlis

    • Von den Klostergärten wanderte sie schnell in die Gärten der Bauern. Damals gab es hier nur zwei Pfingstrosen-Sorten, und auch die Blüte hatte eine einfache Form, nicht zu vergleichen mit den heutigen fülligen Zuchtformen. Vielleicht war auch ihr Duft nicht ganz so intensiv, wie bei heutigen Sorten. Ich mag ihren Duft fast ebenso gerne, wie den des Flieders, der mich noch mehr begeistert.
      Vielen Dank, Marlis, und auch von uns herzliche Grüße!

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