Familienalbum, Teil XVI

24. Juli 2015 § 14 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Familienalbum, Teil XVI

Beim Durchwühlen meiner Bilderkiste fiel mir noch ein weiteres Bild vom Vetter meines Ur-Großvaters in die Hände. Es zeigt ihn als körperbewussten jungen Mann, der damals noch eine gepflegte Nassrasur zu schätzen wusste. Er galt als talentierter Ringer und zeigt sich hier in entsprechender Pose. Allerdings zeigt er auch, warum er wegen unsportlichen Verhaltens schon nach kurzer Zeit seine Karriere als Ringer beenden musste.

dm

Familienalbum, Teil XV

22. Juli 2015 § 23 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Familienalbum, Teil XV

Es kommt nicht so oft vor, dass mich die totale Begeisterung übermannt. Aber seit etwa 24 Stunden bin ich ein überzeugter Anhänger vom „Kokovorismus“. Diese philosophische Lebenshaltung ist nicht gerade neu, es gibt sie schon seit 1902. Warum stoße ich erst jetzt darauf? Zum einen liegt das an einem Reklamezettel, den ich erst jetzt beim Stöbern in meiner Familienbilder-Kiste fand. Er gehörte zum Nachlass eines Vetters meines Ur-Großvaters. Zum anderen konnte ich erst durch das gewissenhafte Studium dieser Reklame die Wissenslücke schließen, die bei mir zwischen Sonnenhut und Haaransatz vorhanden war. Es liegt in der Natur der Sache, dass mir diese Lücke bis dato völlig unbekannt war.

Ich bin kein ausgewiesener Freund von Wetter aller Art, für mich gibt es immer Grund zum Meckern, was ich auch ausgiebig tue. Gerne reihe ich mich bei den Idioten ein, denen die Sonne zu heiß, der Regen zu nass und der Wind zu windig ist. Momentan meckere ich gegen die Hitze an, die mir auf’s Hirn bruzzelt. Da dieser Zustand schon seit Tagen anhält und bei mir die Schnapp-Atmung einsetzte und der Gang immer schleppender wurde, entschloss ich mich dazu, einem gutgemeinten Rat zu folgen und einen Hut aufzusetzen. Ich erinnerte mich daran, dass sich in meinem Besitz ein Sonnenhut befindet. Als ich dieses Teil, ein schickes Ding, vor dem Spiegel aufsetzte, sah ich erst mal gar nichts. Der Hut war so groß, dass er mir über die Augen rutschte. Es beschlich mich ein ungutes Gefühl, weil ich einfach nicht mehr wusste, ob mir der Hut einmal gepasst hatte. Ich hielt es durchaus für möglich, dass zwischenzeitlich mein Kopf geschrumpft war. Nach einer Weile, die ich zur Nervenberuhigung brauchte, fand ich dann einen Lösungsansatz. Ich klappte den oberen Teil meiner Ohrmuscheln nach außen und fixierte mit doppelseitigem Klebeband die Hutkrempe darauf. Das Ergebnis war jetzt nicht so toll, dass ich mich damit auf der Straße gezeigt hätte, aber mittlerweile ist der Hut entsorgt, ich brauche ihn nicht mehr, ich bin jetzt Kokovorist.

Ich gehe mal davon aus, dass sich niemand mehr an August Engelhardt erinnert, vermutlich gäbe es sonst viel mehr Kokovoristen auf der Welt. August Engelhardt gründete 1902 in Deutsch-Neuguinea den Sonnenorden, eine religiöse Gemeinschaft. Sinn und Zweck dieser Gemeinschaft bestand im Wesentlichen darin, sich Hut und restliche Bekleidung vom Leib zu reißen, in der Sonne zu sitzen und dabei Kokosnüsse zu verzehren. Engelhardt ist der wahre Ritter der Kokosnuss. In der Philosophie, die er entwickelte, ist die Kokosnuss ein zentraler Bestandteil, denn es ist die Frucht, die der Sonne am nächsten ist. Ergo ist sie die vollkommenste Nahrung für den Menschen. Und nur der ausschließliche und regelmäßige Verzehr von Kokosnüssen führt den Menschen in einen gottähnlichen Zustand der Unsterblichkeit. Das klingt doch schon mal ganz gut. Zum überzeugten Kokovoristen wurde ich allerdings erst, als ich las, dass Kopfbedeckungen verboten sind und überdies noch schädlich. Schließlich, so besagt der philosophische Ansatz, geht die Kraft der Sonne nur über die Haarwurzeln direkt ins Gehirn. Ich ahnte schon immer, dass Haare nur versteckte Antennen sind, über die unser Gehirn beeinflusst wird. Und wer nun glaubt, dass dies alles Kokolores ist, der täuscht sich und sollte lieber in ein dreifaches Hurra auf die Kokosnuss mit einstimmen.

Ob nun der Vetter meines Ur-Großvaters ebenfalls ein Kokovorist war, weiß ich nicht, aber immerhin wusste er um deren Existenz. Unser Bild von ihm belegt, dass er ein Anhänger der Freikörperkultur war und ein Sonnenanbeter. Aus Familienerzählungen erfuhr ich, dass sein durchtrainierter Körper ordentlich etwas zu bieten hatte.

dm

 

Familienalbum, Teil XIV

21. Juli 2015 § 13 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Familienalbum, Teil XIV

Die ersten Jahre meines Menschseins waren kein Zuckerschlecken, und ich möchte darüber lieber Schweigen. Was auch daran liegen mag, dass ich mich kaum erinnere. Soviel ist allerdings sicher: Der aufrechte Gang wurde mir nicht in die Wiege gelegt, ich musste ihn mühsam erlernen. Als junges Kerlchen war ich mit einer solch harten Arbeit noch nicht vertraut. Die wenige Freizeit, die ich in diesen Tagen hatte, nutzte ich, um mich mit Naturphänomenen in meiner Umgebung vertraut zu machen. Das Bild zeigt mich auf der Suche nach Ostereiern des guten 1960er Jahrgangs. Was aus der kleinen Bremse wurde, die sich zwischen mich und die Ostereier stellte, weiß ich leider nicht mehr.

dm

Familienalbum, Teil XIII

20. Juli 2015 § 14 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Familienalbum, Teil XIII

Die Koffer sind noch nicht ganz ausgepackt, und schon wird Papa von seiner Chefin mit einem Stapel Handtücher losgeschickt, um am hoteleigenen Pool die Besitzansprüche auf eine ausreichende Anzahl von Liegestühlen geltend zu machen. Flagge zeigen wurde das früher genannt, heute gilt es höchstens als anmaßend. Das Prinzip zu früheren kolonialen Tagen ist aber in der Regel gleich geblieben. Damals schickte man ein paar Händler, Gauner und Abenteurer in die weite Welt, die mit ein paar Säcken voller Glasperlen im Gepäck mit den Eingeborenen zu handeln begannen. Als nächstes kamen zweifelhafte Landgeschäfte hinzu: „Du großer Häuptling geben mir Land so weit das Auge reicht, und Du bekommen dafür viel bunten Tand und den Glauben an Gott und den Kaiser!“ Die Stammesgebiete, die man auf diese Weise erworben hatte, wurden schließlich annektiert und unter Schutzherrschaft des jeweiligen Vaterlandes gestellt. So wurden Weltreiche aufgebaut. Vorherrschende Meinung war, dass es sich hierbei um eine Kulturmission handelte. Wir hatten schließlich Goethe, Beethoven und den Glauben an den lieben Gott dabei, während der Buschmann noch nicht mal eine ordentliche Hose zum Anziehen hatte. Der Bruder meiner Ur-Großmutter hatte dagegen eine sehr ordentliche Hose, sogar eine Uniformhose. Er war Marinesoldat auf einem kaiserlichen Schiff. 1898 gelangte er damit bis nach Kiautschou in China. Er war nicht allein, er hatte eine ganze Kriegsschiff-Armada dabei.

Keine Regel ohne Ausnahme. Hier waren es nicht Händler, die den Boden zur Übernahme bereiteten, in diesem Fall ließ man gleich den militärischen Muskel zucken und besetzte kurzer Hand die chinesische Stadt Tsingtau. Der Tod zweier Missionare galt als Anlass dieser „Sühneaktion“. Die Mitglieder eines chinesischen Geheimbundes hatten keinen Bock auf Europäer im Allgemeinen und schon gar keinen Bock auf einen anderen Glauben und haben die Beiden fachgerecht entsorgt. Unbestritten ist, dass große Kanonen eine unwiderstehliche Überzeugungskraft besitzen, und so konnte die chinesische Regierung davon überzeugt werden, dem Deutschen Reich per Pachtvertrag für 99 Jahre die Rechte an einen 551qkm großen Gebiet, das die Kiautschou-Bucht mit der Stadt Tsingtau und einiges Hinterland umfasste, zu überlassen. 16 Jahre später waren es dann die Japaner, die keinen Bock auf Deutsche hatten und schon gar nicht auf den Chinesen im Allgemeinen. Sie besetzten das Gebiet. Nach der ebenso heldenmütigen wie aussichtslosen Verteidigung der deutschen Muster-Kolonie geriet Friedrich, der Bruder meiner Ur-Großmutter, in japanische Gefangenschaft. Dort verbrachte er die nächsten vier Jahre seines Lebens. Dank einer sehr liberalen Lagerführung konnte er diese Zeit nutzen, um seine Studien zum Zen-Buddhismus zu vertiefen. Unser Bild, ein wahres Zeitdokument, zeigt Friedrich bei einer Zen-Übung. Die Figur bedeutet, frei übersetzt: „Am Ende siegt auch der Einbeinige über die zweibeinige Ente, und lässt sie sich schmecken.“ Na ja, so in etwa jedenfalls. Mit dieser Zen-Figur lässt sich Geflügel aller Art völlig gewaltlos zum Umfallen bewegen. Die schwere Bratpfanne, die Friedrich geschultert hatte, war eigentlich ein unerlaubtes Hilfsmittel.

dm

Familienalbum, Teil XII

16. Juli 2015 § 4 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Familienalbum, Teil XII

Seine Anwesenheit in der Familie beschränkte sich im großen Ganzen auf völlige körperliche Abwesenheit. Die Erinnerung an meinen Cousin Siggi ist ziemlich verblasst. Ich fand nur ein einziges Bild von ihm, auf dem er zu sehen ist, und an diesem hat eine unbekannte Hand den unteren Teil einfach abgerissen. Schade eigentlich. Obwohl ich ihn nicht kannte, beneidete ich ihn als Kind. Ich hörte immer, er sei auf Reisen, und ich dachte an die vielen Abenteuer, die er unterwegs wohl erlebt haben musste. In fremden und ganz fernen Ländern. So sehr ich mir auch eine Ansichtskarte von ihm erhoffte, blieb sie doch aus. Aber gut, nicht überall auf der Welt funktioniert das Postwesen so reibungslos wie in unserem Land.

dm

P.S.: Mensch, Siggi, schreib doch mal!

Familienalbum, Teil XI

15. Juli 2015 § 6 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Familienalbum, Teil XI

Die Welt ist kompliziert, besonders der bürokratisch geregelte Teil. Vor zwei Jahren erhielt ich Post vom Amt für Einwohnerwesen. In einem förmlichen Brief wurde mir unverhohlen erhebliches Bußgeld angedroht, wenn ich nicht schleunigst mein Ausweisdokument in einen, für die Gesellschaft akzeptablen, Zustand aktualisiere. Ein Jahr später machte ich mich frisch und marschierte zu dem mir zugewiesenen Amt, um für beide Seiten eine einvernehmliche Lösung anzustreben. Kurzum, ich beantragte einen nietnagelneuen Personalausweis. Seit einigen Tagen kann ich nun behaupten, endlich wieder ein vollwertiges staatlich anerkanntes Mitglied der westlichen Wertegemeinschaft zu sein. Bevor ich voller Stolz mein checkkartenkleines neues Ausweisdokument an mich nehmen konnte („Hawe se den Lappe net in greser, der is ja so winzisch, des kan doch kaner ohne Brill lese?“. “Un, weider!“… schließlich sind wir in der hessischen Landeshauptstadt Darmstadt unterwegs) musste ich noch eine Wartezeit überstehen, die mir ein junger Mann unbedingt durch ein Gespräch verkürzen wollte. Da ich einfach nur dasaß, ohne an einem digitalen Kommunikationsgerät rumzudäumeln, schätzte er mich wohl als eher analogen Typen ein. Er hielt mir sein Smartphone entgegen, und meinte, wie toll es doch ist, damit jede Wartezeit zu überbrücken, so könnte er einfach in Ruhe sein Buch lesen. Vermutlich war es mein belämmerter Blick, der ihn glauben ließ, dass mir diese Erkenntnis völlig neu sei. Also erklärte er mir freudig, dass er dieses kleine Smartphone nur an seinen Computer anschließen müsste, und schon könne er sich sein Buch darauf laden. Bewundernd wiegte ich meinen Kopf, und er erzählte mir, dass es natürlich ganz besondere Bücher seien, die er lese. Im Original könne er die sowieso nicht mit sich rumtragen. Kurz legte er sein Smartphone beiseite und vermaß mit beiden Armen die Größe des Buches. Nach meiner Schätzung war es etwa anderthalb Meter groß. Mehrmals betonte er den 1200-Seiten-Umfang des Buches. Ich nickte bewundernd. Blöderweise wurde er nun aufgerufen und verschwand bevor ich ihn fragen konnte, wie er dieses Riesenteil von Buch in so ein kleines Gerät bekommen hat. Jedenfalls erinnerte mich der Kerl an Franz Fallerrode, der jahrelang meiner Tante Helga den Hof machte. Im Überschwang seiner Gefühle, sagte er ihr eines Tages: „Ich gehe mit Dir bis ans Ende der Welt!“ Worauf Tante Helga antwortete: „Ja, und was soll ich dort?“.

dm

Familienalbum, Teil X

14. Juli 2015 § 12 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Familienalbum, Teil X

Bei diesem Bild habe ich nicht die leiseste Ahnung, wer von unserer weitläufigen Familie hier abgebildet ist. Trotzdem will ich es nicht vorenthalten, schließlich ist der Trick, den wir darauf sehen, ganz ordentlich.

dm

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