Familienalbum, Teil I

3. Juli 2015 § 9 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Familienalbum, Teil I

Mehr Sommer geht nicht. Bei den vorherrschenden Temperaturen und den hiesigen Luftverhältnissen sollten uns eigentlich die Haare zu Berge stehen, aber die zunehmend schwüle Luft bewirkt das Gegenteil. Alles klebt. Wir kleben auch. Dazu haben wir eine sehr intime und private Schatulle aus dem Schrank hervorgeholt. Gut, es ist nicht wirklich eine Schatulle, eher ein Schuhkarton. Dort werden unsere ganzen Familienbilder aufbewahrt. Diese Aufbewahrungsform lässt natürlich darauf schließen, dass eine chronologische Ordnung eher nicht zum Schwerpunkt dieser Sammlung gehört. Um uns selbst einen Überblick zu verschaffen, werden wir hier in den nächsten Sommerloch-Tagen unsere privatesten Familienbilder auf den Bildschirm kleben.

Das erste Bild zeigt meinen Ur-Uhr-Opa. Wie alle noch lebenden Familienmitglieder beschwören, bin ich ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Ur-Uhr-Opa hieß Uhr-Opa, weil er den ersten Zeitmesser der Familie besaß. Ein handgefertigtes Stück aus einer Kunstschmiede in Echterdingen. Diese Taschenuhr bereitete ihm allerdings großen Kummer, der ihn bis an sein Lebensende begleiten sollte. Er überließ seinem Lieblingssohn August Wilhelm das gute Stück, als dieser 1870 in den preußisch-französischen Krieg zog. August Wilhelm war einer von 7000 bayrischen Soldaten, die 230 Tage lang erfolglos die Zitadelle von Bitsch in Lothringen belagerten. Immer auf der Suche nach vernünftiger Nahrung (Bier, Weißwurst, Brezeln, süßer Senf), entdeckte er am Tag 135 der Belagerung einen versteckten Eingang am Fuße des Sandsteinfelsens, auf dem die Zitadelle thronte. Angetrieben von Hunger, Verwirrtheit und mit der Hilfe des Echterdinger Qualitätszeitmessers, schabte er einen tiefen Gang, um einen anderen Ausgang zu finden, und danach immer weitere Gänge in den Sandstein, bis der Berg unterhalb der Festung von einem Labyrinth durchzogen war. Drei Jahre nach dem Kriegsende 1871 wurde August Wilhelm zufällig von einem preußischen Offizier in einem dieser Gänge gefunden. „Vive la France“, rief der geistig Verwirrte dem Offizier entgegen, was ihn direkt vor ein Militärgericht führte. Das Gericht sprach ihn allerdings vom Vorwurf der Fahnenflucht frei. Einige Jahre später starb er an den Folgen eines Stromstoßes in einer psychiatrischen Anstalt. Mein Ur-Uhr-Opa bewahrte bis zu seinem Tode die Echterdinger Taschenuhr, die letztlich durch das jahrelange Graben durch französischen Sandstein nur noch ein metallener Rest war, in seiner Nachttischschublade auf.

dm

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