Familienalbum, Teil VII

10. Juli 2015 § 5 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Familienalbum, Teil VII

Das hätte ich früher wissen müssen. Vor einigen Tagen war der Welttag des Kusses. Erstaunlich erscheint mir, dass es wohl für 365 Dinge im Jahr Welttage gibt. Ich bitte um Verzeihung und reiche hiermit einen dicken Schmatzer nach, für alle, die ihn brauchen bzw. auch möchten. Mit Bodenfrost ist in diesen Tagen ja nicht mehr zu rechnen. Ein Glück für die Küssenden, zumindest hierzulande, die laue Abendstunden für ihre Stelldicheins zu nutzen gedenken. An einem Abend im Mai des Jahres 1958 hatte mein Cousin Toni, ein Schwerenöter aus innerer Überzeugung, eine heimliche Verabredung auf der Terrasse seiner verheirateten Nachbarin Anneli, mit eben dieser. Das Geplänkel der beiden zog sich bis in die Nachtstunden hin. Die gegenseitige Verbalakrobatik erwärmte ihre Herzen und vermutlich noch ganz andere Sachen. Die Außentemperaturen waren davon allerdings nicht betroffen, die fielen ins Bodenlose. Als Toni nun zum – seiner Meinung nach – Wesentlichen kommen wollte, verließ Anneli der Mut. Sie drehte ihren Kopf überraschend schnell zur Seite, sodass die feuchten Lippen von Toni ihr ursprünglich anvisiertes Ziel verfehlten und stattdessen am gefrorenen Terrassengeländer kleben blieben. Eine unschöne Situation, zumal Anneli in ihrem Haus verschwunden war und jeder lippenlos formulierte Hilferuf von Toni als leises Zischen am Geländer verhallte. Am nächsten Morgen wurde mein Cousin von Annelis Ehemann gefunden und mit Hilfe einer Lötlampe aus seiner misslichen Lage befreit. So weit ich weiß, verbrannte sich Toni dabei ziemlich die Lippen. Als er wieder reden konnte, meinte er zu mir: „Junge, das Leben ist Rock’n’Roll!“ Wie hätte ich ihm da widersprechen können?

dm

 

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§ 5 Antworten auf Familienalbum, Teil VII

  • Tatsächlich. Da les ich auch, „Die Nacht zum Himmelfahrtstag 1958 werden die Puppenstädter nicht so schnell vergessen, war sie doch eine Katastrophennacht im wahrsten Sinne des Wortes. (..)

    Immerhin konnte sich derart der Rock’n’Roll!“ weiter entwickeln.

    Joa, ansonsten schönes Wochenende auch, Claus

  • Das Leben ist Rock’n’Roll. Immer. Und überall. Und die Versuchungen lassen uns Lieder voller Sehnsucht & Schmerz singen.

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

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