Familienalbum, Teil XI

15. Juli 2015 § 6 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Familienalbum, Teil XI

Die Welt ist kompliziert, besonders der bürokratisch geregelte Teil. Vor zwei Jahren erhielt ich Post vom Amt für Einwohnerwesen. In einem förmlichen Brief wurde mir unverhohlen erhebliches Bußgeld angedroht, wenn ich nicht schleunigst mein Ausweisdokument in einen, für die Gesellschaft akzeptablen, Zustand aktualisiere. Ein Jahr später machte ich mich frisch und marschierte zu dem mir zugewiesenen Amt, um für beide Seiten eine einvernehmliche Lösung anzustreben. Kurzum, ich beantragte einen nietnagelneuen Personalausweis. Seit einigen Tagen kann ich nun behaupten, endlich wieder ein vollwertiges staatlich anerkanntes Mitglied der westlichen Wertegemeinschaft zu sein. Bevor ich voller Stolz mein checkkartenkleines neues Ausweisdokument an mich nehmen konnte („Hawe se den Lappe net in greser, der is ja so winzisch, des kan doch kaner ohne Brill lese?“. “Un, weider!“… schließlich sind wir in der hessischen Landeshauptstadt Darmstadt unterwegs) musste ich noch eine Wartezeit überstehen, die mir ein junger Mann unbedingt durch ein Gespräch verkürzen wollte. Da ich einfach nur dasaß, ohne an einem digitalen Kommunikationsgerät rumzudäumeln, schätzte er mich wohl als eher analogen Typen ein. Er hielt mir sein Smartphone entgegen, und meinte, wie toll es doch ist, damit jede Wartezeit zu überbrücken, so könnte er einfach in Ruhe sein Buch lesen. Vermutlich war es mein belämmerter Blick, der ihn glauben ließ, dass mir diese Erkenntnis völlig neu sei. Also erklärte er mir freudig, dass er dieses kleine Smartphone nur an seinen Computer anschließen müsste, und schon könne er sich sein Buch darauf laden. Bewundernd wiegte ich meinen Kopf, und er erzählte mir, dass es natürlich ganz besondere Bücher seien, die er lese. Im Original könne er die sowieso nicht mit sich rumtragen. Kurz legte er sein Smartphone beiseite und vermaß mit beiden Armen die Größe des Buches. Nach meiner Schätzung war es etwa anderthalb Meter groß. Mehrmals betonte er den 1200-Seiten-Umfang des Buches. Ich nickte bewundernd. Blöderweise wurde er nun aufgerufen und verschwand bevor ich ihn fragen konnte, wie er dieses Riesenteil von Buch in so ein kleines Gerät bekommen hat. Jedenfalls erinnerte mich der Kerl an Franz Fallerrode, der jahrelang meiner Tante Helga den Hof machte. Im Überschwang seiner Gefühle, sagte er ihr eines Tages: „Ich gehe mit Dir bis ans Ende der Welt!“ Worauf Tante Helga antwortete: „Ja, und was soll ich dort?“.

dm

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