Familienalbum, Teil XIII

20. Juli 2015 § 14 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Familienalbum, Teil XIII

Die Koffer sind noch nicht ganz ausgepackt, und schon wird Papa von seiner Chefin mit einem Stapel Handtücher losgeschickt, um am hoteleigenen Pool die Besitzansprüche auf eine ausreichende Anzahl von Liegestühlen geltend zu machen. Flagge zeigen wurde das früher genannt, heute gilt es höchstens als anmaßend. Das Prinzip zu früheren kolonialen Tagen ist aber in der Regel gleich geblieben. Damals schickte man ein paar Händler, Gauner und Abenteurer in die weite Welt, die mit ein paar Säcken voller Glasperlen im Gepäck mit den Eingeborenen zu handeln begannen. Als nächstes kamen zweifelhafte Landgeschäfte hinzu: „Du großer Häuptling geben mir Land so weit das Auge reicht, und Du bekommen dafür viel bunten Tand und den Glauben an Gott und den Kaiser!“ Die Stammesgebiete, die man auf diese Weise erworben hatte, wurden schließlich annektiert und unter Schutzherrschaft des jeweiligen Vaterlandes gestellt. So wurden Weltreiche aufgebaut. Vorherrschende Meinung war, dass es sich hierbei um eine Kulturmission handelte. Wir hatten schließlich Goethe, Beethoven und den Glauben an den lieben Gott dabei, während der Buschmann noch nicht mal eine ordentliche Hose zum Anziehen hatte. Der Bruder meiner Ur-Großmutter hatte dagegen eine sehr ordentliche Hose, sogar eine Uniformhose. Er war Marinesoldat auf einem kaiserlichen Schiff. 1898 gelangte er damit bis nach Kiautschou in China. Er war nicht allein, er hatte eine ganze Kriegsschiff-Armada dabei.

Keine Regel ohne Ausnahme. Hier waren es nicht Händler, die den Boden zur Übernahme bereiteten, in diesem Fall ließ man gleich den militärischen Muskel zucken und besetzte kurzer Hand die chinesische Stadt Tsingtau. Der Tod zweier Missionare galt als Anlass dieser „Sühneaktion“. Die Mitglieder eines chinesischen Geheimbundes hatten keinen Bock auf Europäer im Allgemeinen und schon gar keinen Bock auf einen anderen Glauben und haben die Beiden fachgerecht entsorgt. Unbestritten ist, dass große Kanonen eine unwiderstehliche Überzeugungskraft besitzen, und so konnte die chinesische Regierung davon überzeugt werden, dem Deutschen Reich per Pachtvertrag für 99 Jahre die Rechte an einen 551qkm großen Gebiet, das die Kiautschou-Bucht mit der Stadt Tsingtau und einiges Hinterland umfasste, zu überlassen. 16 Jahre später waren es dann die Japaner, die keinen Bock auf Deutsche hatten und schon gar nicht auf den Chinesen im Allgemeinen. Sie besetzten das Gebiet. Nach der ebenso heldenmütigen wie aussichtslosen Verteidigung der deutschen Muster-Kolonie geriet Friedrich, der Bruder meiner Ur-Großmutter, in japanische Gefangenschaft. Dort verbrachte er die nächsten vier Jahre seines Lebens. Dank einer sehr liberalen Lagerführung konnte er diese Zeit nutzen, um seine Studien zum Zen-Buddhismus zu vertiefen. Unser Bild, ein wahres Zeitdokument, zeigt Friedrich bei einer Zen-Übung. Die Figur bedeutet, frei übersetzt: „Am Ende siegt auch der Einbeinige über die zweibeinige Ente, und lässt sie sich schmecken.“ Na ja, so in etwa jedenfalls. Mit dieser Zen-Figur lässt sich Geflügel aller Art völlig gewaltlos zum Umfallen bewegen. Die schwere Bratpfanne, die Friedrich geschultert hatte, war eigentlich ein unerlaubtes Hilfsmittel.

dm

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§ 14 Antworten auf Familienalbum, Teil XIII

  • Be cuul, also mehr oder weniger, alles im Namen der Wissenschaft. ^^

  • Mensch, da gibt es auch eine Geschichte aus meiner Familie dazu: Meine Ur-Oma war mit ihrem ersten Mann Otto (wie sonst) in Tsingtau. Der hat dort Häuser entworfen und hingeworfen. Dann ist er gestorben an Malaria, die hatte er aus Afrika mitgebracht. Meine Oma fuhr dann zurück. Die Sage geht, es war im Orient Express und Otto begleitete sie im Sarg. Das mit dem Essen und so kam dann erst später, bei Mann Nr. 2 – meinem Ur-Opa.

    • Wie das Leben so spielt. Eine wunderbare Geschichte, liebe Koriandermadam! In Kiautschou wurde wahrscheinlich viel gebaut. Die Deutschen hatten dort tatsächlich vor, so etwas wie eine Muster-Kolonie aufzubauen. Sie sollte ein Vorbild werden für alle anderen europäischen Kolonialstaaten. Dort wurde auch eine Eisenbahnlinie gebaut, ob die nun Anschluss an den Orient-Express hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls klingt es spannend, im Orient-Express mit einem Sarg unterwegs zu sein;)

  • Ulli sagt:

    atemlos schnaufe ich: gaaanz grosses Kino, lieber dm! Applaus

  • deine Bilder begeistern mich stets aufs Neue und diesmal fällt auch mir eine Familienstory ein… Urgroßonkel hatte keine Lust auf Krieg und ging zu Fuß von Ulm nach Kiel um als Seemann übers Meer zu fahren… die wundersamsten Dinge brachte er mit. Feinstes chinesisches Porzellan und einen riesigen Schwertfischzahn konnten wir als Kinder bewundern und Fotos in einem Album aus bemalter chinesischer Seide… Schade, dass ich diesen Uronkel nie kennenlernte…

  • vilmoskörte sagt:

    Und gestern Abend war ich noch in einem Restaurant auf der Kiautschoustraße essen. Der Wedding ist voll von Straßen, deren Namen an die unrühmliche Kolonialzeit erinnern.

    • Ja, einige Straßennamen erinnern noch daran. Und natürlich Helgoland, das Deutschland 1890 von den Engländern eintauschte. Gegen Gebietsansprüche, die man auf Sansibar hatte. Zum Glück hat dieses koloniale Kapitel nur bis zum Ende des ersten Weltkriegs Bestand gehabt. Allerdings ist die Zeit danach, wie wir alle wissen, noch schlimmer geworden. Aus kolonialem Gehabe wurden schnell imperiale Weltmachtphantasien mit bekanntem Ausgang.

  • theomix sagt:

    Die Handtücher am Pool verwoben mit der Weltgeschichte, dem Urgroßonkel sei Dank! Ich bin beeindruckt und meine, Zen am Pool könnte auch ganz schön sein.

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