Familienalbum, Teil XV

22. Juli 2015 § 23 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Familienalbum, Teil XV

Es kommt nicht so oft vor, dass mich die totale Begeisterung übermannt. Aber seit etwa 24 Stunden bin ich ein überzeugter Anhänger vom „Kokovorismus“. Diese philosophische Lebenshaltung ist nicht gerade neu, es gibt sie schon seit 1902. Warum stoße ich erst jetzt darauf? Zum einen liegt das an einem Reklamezettel, den ich erst jetzt beim Stöbern in meiner Familienbilder-Kiste fand. Er gehörte zum Nachlass eines Vetters meines Ur-Großvaters. Zum anderen konnte ich erst durch das gewissenhafte Studium dieser Reklame die Wissenslücke schließen, die bei mir zwischen Sonnenhut und Haaransatz vorhanden war. Es liegt in der Natur der Sache, dass mir diese Lücke bis dato völlig unbekannt war.

Ich bin kein ausgewiesener Freund von Wetter aller Art, für mich gibt es immer Grund zum Meckern, was ich auch ausgiebig tue. Gerne reihe ich mich bei den Idioten ein, denen die Sonne zu heiß, der Regen zu nass und der Wind zu windig ist. Momentan meckere ich gegen die Hitze an, die mir auf’s Hirn bruzzelt. Da dieser Zustand schon seit Tagen anhält und bei mir die Schnapp-Atmung einsetzte und der Gang immer schleppender wurde, entschloss ich mich dazu, einem gutgemeinten Rat zu folgen und einen Hut aufzusetzen. Ich erinnerte mich daran, dass sich in meinem Besitz ein Sonnenhut befindet. Als ich dieses Teil, ein schickes Ding, vor dem Spiegel aufsetzte, sah ich erst mal gar nichts. Der Hut war so groß, dass er mir über die Augen rutschte. Es beschlich mich ein ungutes Gefühl, weil ich einfach nicht mehr wusste, ob mir der Hut einmal gepasst hatte. Ich hielt es durchaus für möglich, dass zwischenzeitlich mein Kopf geschrumpft war. Nach einer Weile, die ich zur Nervenberuhigung brauchte, fand ich dann einen Lösungsansatz. Ich klappte den oberen Teil meiner Ohrmuscheln nach außen und fixierte mit doppelseitigem Klebeband die Hutkrempe darauf. Das Ergebnis war jetzt nicht so toll, dass ich mich damit auf der Straße gezeigt hätte, aber mittlerweile ist der Hut entsorgt, ich brauche ihn nicht mehr, ich bin jetzt Kokovorist.

Ich gehe mal davon aus, dass sich niemand mehr an August Engelhardt erinnert, vermutlich gäbe es sonst viel mehr Kokovoristen auf der Welt. August Engelhardt gründete 1902 in Deutsch-Neuguinea den Sonnenorden, eine religiöse Gemeinschaft. Sinn und Zweck dieser Gemeinschaft bestand im Wesentlichen darin, sich Hut und restliche Bekleidung vom Leib zu reißen, in der Sonne zu sitzen und dabei Kokosnüsse zu verzehren. Engelhardt ist der wahre Ritter der Kokosnuss. In der Philosophie, die er entwickelte, ist die Kokosnuss ein zentraler Bestandteil, denn es ist die Frucht, die der Sonne am nächsten ist. Ergo ist sie die vollkommenste Nahrung für den Menschen. Und nur der ausschließliche und regelmäßige Verzehr von Kokosnüssen führt den Menschen in einen gottähnlichen Zustand der Unsterblichkeit. Das klingt doch schon mal ganz gut. Zum überzeugten Kokovoristen wurde ich allerdings erst, als ich las, dass Kopfbedeckungen verboten sind und überdies noch schädlich. Schließlich, so besagt der philosophische Ansatz, geht die Kraft der Sonne nur über die Haarwurzeln direkt ins Gehirn. Ich ahnte schon immer, dass Haare nur versteckte Antennen sind, über die unser Gehirn beeinflusst wird. Und wer nun glaubt, dass dies alles Kokolores ist, der täuscht sich und sollte lieber in ein dreifaches Hurra auf die Kokosnuss mit einstimmen.

Ob nun der Vetter meines Ur-Großvaters ebenfalls ein Kokovorist war, weiß ich nicht, aber immerhin wusste er um deren Existenz. Unser Bild von ihm belegt, dass er ein Anhänger der Freikörperkultur war und ein Sonnenanbeter. Aus Familienerzählungen erfuhr ich, dass sein durchtrainierter Körper ordentlich etwas zu bieten hatte.

dm

 

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