Familienalbum, Teil XVIII

4. August 2015 § 10 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Familienalbum, Teil XVIII

Mittlerweile weiß jeder vernunftbegabte Mensch, dass uns fotografische Bilder nicht immer die Wahrheit zeigen, sofern es diese überhaupt geben sollte. Manchmal lügen uns Fotos ganz dezent an, sodass es niemand bemerken kann, ein anderes Mal wird ziemlich dreist gelogen. Ein solches Lügenbild habe ich gerade vor mir liegen. Es stammt aus den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, und es zeigt mich mit verkniffenem Gesicht vor einem Wald stehend. Der Gesichtsausdruck ist nicht ungewöhnlich für mich, auf Familienausflügen musste ich immer zu unpassender Zeit pinkeln, und dieser Ausdruck des „dringend mal müssen zu müssen“ manifestierte sich immer in meinem Gesicht. Die unglaubliche Lüge dieses Bildes besteht aber darin, dass es in Farbe ist. Das kann nicht wahr sein! In den 60er Jahren gab es noch keine Farbe auf der Welt. Meine ganzen Erinnerungen an diese Zeit sind aus schwarzweißen Bildern oder aus schwarzweißen Szenen geformt. Kein einziger Moment der Erinnerung ist in Farbe. Meines Erachtens wurde die Farbe erst in den 70ern erfunden, dann aber gleich richtig und sehr knallig. Ich bekomme immer noch Schüttelfrost, wenn ich an mein giftgrünes Hemd denke. Unser erstes Fernsehgerät stand selbstverständlich in einem schwarzweißen Zimmer, und schwarzweiße Menschen schauten sich ein schwarzweißes Fernsehprogramm an. Eine meiner liebsten Serien war „Raumpatrouille Orion“, die ab 1966 über den Bildschirm flackerte. Die Jüngeren unter uns werden sich daran vermutlich nicht mehr erinnern, aber viele Jahre später wurde ein Remake der Serie produziert, die dann unter dem Namen „Teletubbies“ zur Ausstrahlung kam.

Unser heutiges Familienbild ist absolut wahr, nicht nur weil es schwarzweiß ist. Es zeigt Onkel Oswald mit dem allerersten Fernsehempfänger der Familie. Onkel Oswald, ein Mann der Aufbau-Generation nach dem Zweiten Weltkrieg, war ein begeisterter Anhänger der „Do it yourself-Bewegung“. Es versteht sich von selbst, dass er ein Abo der beliebten Zeitschrift „Selbst ist der Mann“ hatte, und zwar seit der ersten Ausgabe im Jahr 1957. Etwas Fertiges zu kaufen kam für ihn nicht in Frage, alles wurde selbst gebastelt. So natürlich auch unser erstes Fernsehgerät. Mit dem Empfang haperte es immer ein wenig. Die Tonqualität war, Empfang vorausgesetzt, meist in Ordnung. Allerdings erwies es sich als sehr ermüdend, über Stunden das Testbild anzuschauen. Das Bild war einfach nicht in Bewegung zu setzen, und so blieb dieses Gerät nur eine Episode. Bei Onkel Oswald setzte sich die Erkenntnis durch, dass Kaufen manchmal dem Selbermachen überlegen ist. So verzichtete er ganz auf den Bau einer Spülmaschine für seinen Haushalt und heiratete Tante Magda.

dm

 

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