Familienalbum, Teil XX

7. August 2015 § 3 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Familienalbum, Teil XX

Als kleines Kind hat man manchmal seine liebe Mühe mit den widersprüchlichen Aussagen der Erwachsenen. Heute, als erwachsenes Kind, weiß man durch vielfach gesammelte Erfahrung, dass Widersprüche zum Leben gehören, so wie die FIFA zum Fußball. Elvira, eine Meisterin des Hefeteigs und Schulfreundin von meiner Mutter, war keiner dieser Widersprüche, sondern ausschließlich die pure Hingabe. Eine Eigenschaft, die bei der Herstellung eines Hefeteigs unerlässlich ist. Wir Kinder beobachteten sie oft und gerne dabei, wie ihre bemehlten Hände durch den Teig flutschten, um ihn mal hart durchzuwalken oder fast zärtlich zu kneten, manchmal beides auch gleichzeitig. Aber immer mit einem leidenschaftlichen Elan, der ihr Schweißperlen auf die Stirn trieb. Für uns war es spannend, ihr zuzusehen, und wir machten ein Spiel daraus, den Moment zu erraten, in dem sie abrupt mit dem Kneten aufhören, den Teigklumpen noch einmal tätscheln und ihn dann in eine große Schüssel legen würde. Zum Abschluss legte sie ein Küchentuch über die Schüssel und lächelte. An uns gerichtet, sagte sie dann fast flüsternd: „Der muss jetzt ruhen, damit er gehen kann“. Horst, der Sohn von Elvira, hatte den Ruf, ein Schnelldenker zu sein. Was ganz allgemein auf seinen reichlichen Hefegenuss zurückgeführt wurde. Er erkannte sofort die Situation und um seine Mutter zu unterstützen, packte er sich den Teig in seine Schultasche, um ihn sofort und ohne vorheriges Ruhen zum Gehen zu bringen. Niemand weiß, wo genau er in den nächsten Stunden mit dem Teig unterwegs war, aber irgendwann entschied er, dass der Teig jetzt genug gegangen sei. Und er kehrte um. Der Teig war nur noch ein kleiner fester Klumpen, als er ihn aus seiner Tasche hervorholte. Was Elvira nicht daran hinderte, ihn trotzdem zu verarbeiten. Im Jahr 1950 erhielt sie den Fortschrittspreis der Bäckerinnung für den von ihr entwickelten ersten Hefekaugummi der Welt. Ja, das waren noch Zeiten, als Innovation noch Fortschritt hieß.

dm

 

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