Ebbel

20. September 2016 § 24 Kommentare

Dieter Motzel, Aquarell/Mischtechnik auf Papier

Dieter Motzel, Aquarell/Mischtechnik auf Papier

Ebbel

Wenn die Ebbel erstmal im Gerippten sind, ist alles gut. Jeder echte Hesse weiß worum es geht. Im Gerippten landet traditionell ein hessisches Kulturgut: der Ebbelwoi. Es gibt unterschiedliche Schreibweisen und Abkürzungen wie Äbbelwoi oder Äppler, aber gemeinhin reicht es völlig aus, vom Stöffsche zu sprechen, zumal es sich immer – allen unterschiedlichen Wörtern zum Trotz – um Apfelwein handelt. Wer noch niemals Apfelwein getrunken hat, dem sei gesagt, dass das erste Glas echt scheiße nicht so lecker schmeckt. Ab dem zweiten Glas gewöhnt man sich daran, und nach dem Dritten will man nichts anderes mehr trinken. Also, Anfänger sollten immer erst mit dem dritten Glas beginnen … und rein vorsichtshalber darauf achten, dass auf dem Weg zur Toilette keine Hindernisse im Weg stehen. Letzteres gilt vor allem nach dem Genuss von „jungem“ Apfelwein, auch Rauscher genannt. Der Apfelwein, das hessische Nationalgetränk, ist ein klassisches „Arme-Leute-Getränk“, und es wurde in Heimherstellung produziert. Die Äpfel dafür kamen von den vielen Streuobstwiesen, die sich wie Gürtel um die Dörfer und Städtchen legten. Der Name „Streuobstwiese“ kam einfach daher, dass die hochstämmigen Obstbäume oft in unregelmäßigen Abständen auf den Wiesen gepflanzt wurden und so der Eindruck eines wie zufällig „eingestreuten“ Obstbaumbestandes entstand. Sie dienten der Versorgung mit Obst, das eingelagert, eingekocht, gedörrt oder eben zu Saft oder Wein verarbeitet wurde. In der Regel waren und sind diese Streuobstwiesen sehr sortenreich. Neben zahlreichen Apfelbäumen wurden Birnen-, Zwetschgen-, Kirsch- und Nussbäume gepflanzt. Bis zum 20. Jahrhundert sind 6.000 Obstsorten entstanden. Von Region zu Region gab es unterschiedliche Züchtungen, die sich den örtlichen Gegebenheiten anpassten. Das Stöffsche  wird noch immer aus Streuobst gekeltert. Moderne Apfelsorten, die speziell auf einen hohen Zuckergehalt gezüchtet wurden, taugen einfach nicht dafür. Es soll ja auch nicht gleich jedem schmecken! Ach ja, das Gerippte hätte ich fast vergessen. Das ist das traditionelle Trinkglas, aus dem man sein Stöffsche genießt. Das Glas ist mit Einkerbungen so verziert, dass sie ein Rautenmuster ergeben. Das macht Sinn, denn keiner will sein gutes Stöffsche verschütten, weil er mit seinen Fettfingern (wir Hessen essen immer noch mit den Fingern) an einem glatten Glas abrutscht.

Foto:dm

Foto: dm

Es ist wie im richtigen Leben, irgendwie will es nicht gelingen, den Gürtel enger zu schnallen. Im Gegenteil, es müssen regelmäßig ein paar zusätzliche Löcher gestanzt werden. Die Städtchen und Gemeinden mussten auch ihren Gürtel im Laufe von Jahrzehnten notwendigerweise erweitern, es wurden Baugebiete ausgewiesen, Gewerbe angesiedelt oder Straßen gebaut. Die Streuobstwiesengürtel verschwanden immer mehr aus unserer Kulturlandschaft. Wenn etwas einfach verschwindet, das man liebgewonnen hat, ist das gewöhnlich eine traurige Sache. Wenn man aber das langsame Sterben vor dem Verschwinden beobachten kann, ist das schon sehr bitter. Kürzlich führte mich meine Lust auf Apfelkuchen zu einer sterbenden Streuobstwiese. Viele der alten Obstbäume sind komplett unter Brombeerbüschen verschwunden, so, als hätte man einen Sack über sie gestülpt. Dem Himmel zugewandt, ragten manchmal noch ein paar Äste eines Obstbaumes aus dem dichten Dschungel undurchdringlicher Dornenranken. Den Bäumen, die noch nicht komplett überwuchert waren, sah man die mangelnde Pflege an. Hüfthoch in den Dornen stehend, sterben sie kränkelnd vor sich hin. Den Früchten sieht man es an. Held, wie ich nunmal bin, habe ich keinerlei Schmerzempfinden, und kroch mit aufgerissenen Armen und  Beinen durch stachligen Unterbewuchs, einigen, noch annehmbaren Äpfeln entgegen. Die späteren Esser meines Apfelkuchens müssen schließlich auch Leidensfähigkeit beweisen.

dm

Nachtrag: Die Fotos lasse ich unkommentiert. Wie so oft fechten zwei Seelen in meiner Brust ihren Kampf aus. Der Verlust des Ganzen ist immer ein Ärgernis, die aus dem Verfall resultierende morbide Schönheit eine Faszination.

 

Foto: dmFoto: dm

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Alle Fotos: dm

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(Berliner) Tanzbären

14. September 2016 § 18 Kommentare

"Tanzbären", Öl auf Leinwand, Dieter Motzel

„Tanzbären“, Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm Dieter Motzel

(Berliner) Tanzbären

Eine Feder aus Metall spannt sich und setzt ein feines Räderwerk in Gang, das die immergleichen Bewegungen auslöst. Jedenfalls bis die treibende Kraft der Feder nachlässt und die Bewegungsabläufe langsamer und zögerlicher werden. Obwohl die Bewegungen vorhersehbar sind, kann ich doch meinen Blick selten abwenden und schaue mit Lust und viel Laune diesem einfachen mechanischen Spektakel zu. Im Laufe der Jahre haben sich bei mir viele, mit unter recht seltsame Figuren angesammelt, die sich zu den merkwürdigsten Verrenkungen bereit erklären, wenn ich ihr Innenleben in Gang setze. Genaugenommen müssen sie sich natürlich nicht bereit erklären, ich tue es einfach. Stecke einen Schlüssel in sie und fange an, ihn zu drehen. Die einzige Chance der Figur, den erwartbaren Bewegungen zu entkommen, besteht darin, kaputt zu gehen. Das kann schon mal passieren. Letztlich landen wir alle irgendwann mal auf dem Schrottplatz der Geschichte. Meine kleine pinkfarbene Maus gehört noch nicht zum Alten Eisen (sie ist auch aus Plastik). Sobald ich sie aufziehe, macht sie brav einen Salto rückwärts nach dem anderen und landet dabei immer mit beiden Beinen auf dem Boden, wenn er eben und trittfest ist.

"Tanzbären", Zeichnung: Dieter Motzel

„Tanzbären“, Zeichnung: Dieter Motzel

Die beiden Tanzbären auf meinem gezeigten Bild entspringen einer Bildidee und keiner realen Figur aus meinem Kabinett. Der angedeutete Schlüssel, zum Aufziehen ihrer Mechanik, der aus ihrem Kopf ragt, lässt immerhin vermuten, dass sie zu Bewegungen fähig sind. Aber ganz gleich, in welcher Art Arme und Beine den Körper antreiben, ihr Kopf wird darauf keinen Einfluss haben, nur der, der den Schlüssel dreht, um den Mechanismus in Bewegung zu setzen.

"Tanzbären" (Ausschnitt), Öl auf Leinwand, 40x40cm, Dieter Motzel

„Tanzbären“ (Ausschnitt), Öl auf Leinwand, 40 x 40 cm, Dieter Motzel

In unserer gelebten Realität, die uns so ziemlich jeden Tag auf die eine oder andere Weise belästigt, ist der echte Tanzbär glücklicherweise verschwunden. Vor nicht allzulanger Zeit waren diese malträtierten Tiere noch häufiger in den Balkan-Ländern anzutreffen. Meist wurde den Braunbären ein Pflock durch die Nase getrieben, und viele der Besitzer versorgten sie großzügig mit schwarzgebranntem Fusel. Halbblind durch den Alkohol und an der Nase gezogen, trotteten sie durch die Städte und mussten sich zur Musik ihres Besitzers bewegen. Für den Betrachter entsteht das Bild der großen wilden Bestie, die sich den zarten Tönen der Musik unterwirft. Das kleine Menschlein unterwirft die ungezähmte Natur. Es sind diese Ur-Bilder aus unserer Vergangenheit, die unser Menschsein prägen. Dass dabei der Bär auf seinen Nasenring reagiert und nicht auf die Musik, spielt dabei eine Nebenrolle, schließlich ist es immer die pure Fiktion, die in unseren Gedanken die Hauptrolle hat.

dm

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