(Berliner) Tanzbären

14. September 2016 § 18 Kommentare

"Tanzbären", Öl auf Leinwand, Dieter Motzel

„Tanzbären“, Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm Dieter Motzel

(Berliner) Tanzbären

Eine Feder aus Metall spannt sich und setzt ein feines Räderwerk in Gang, das die immergleichen Bewegungen auslöst. Jedenfalls bis die treibende Kraft der Feder nachlässt und die Bewegungsabläufe langsamer und zögerlicher werden. Obwohl die Bewegungen vorhersehbar sind, kann ich doch meinen Blick selten abwenden und schaue mit Lust und viel Laune diesem einfachen mechanischen Spektakel zu. Im Laufe der Jahre haben sich bei mir viele, mit unter recht seltsame Figuren angesammelt, die sich zu den merkwürdigsten Verrenkungen bereit erklären, wenn ich ihr Innenleben in Gang setze. Genaugenommen müssen sie sich natürlich nicht bereit erklären, ich tue es einfach. Stecke einen Schlüssel in sie und fange an, ihn zu drehen. Die einzige Chance der Figur, den erwartbaren Bewegungen zu entkommen, besteht darin, kaputt zu gehen. Das kann schon mal passieren. Letztlich landen wir alle irgendwann mal auf dem Schrottplatz der Geschichte. Meine kleine pinkfarbene Maus gehört noch nicht zum Alten Eisen (sie ist auch aus Plastik). Sobald ich sie aufziehe, macht sie brav einen Salto rückwärts nach dem anderen und landet dabei immer mit beiden Beinen auf dem Boden, wenn er eben und trittfest ist.

"Tanzbären", Zeichnung: Dieter Motzel

„Tanzbären“, Zeichnung: Dieter Motzel

Die beiden Tanzbären auf meinem gezeigten Bild entspringen einer Bildidee und keiner realen Figur aus meinem Kabinett. Der angedeutete Schlüssel, zum Aufziehen ihrer Mechanik, der aus ihrem Kopf ragt, lässt immerhin vermuten, dass sie zu Bewegungen fähig sind. Aber ganz gleich, in welcher Art Arme und Beine den Körper antreiben, ihr Kopf wird darauf keinen Einfluss haben, nur der, der den Schlüssel dreht, um den Mechanismus in Bewegung zu setzen.

"Tanzbären" (Ausschnitt), Öl auf Leinwand, 40x40cm, Dieter Motzel

„Tanzbären“ (Ausschnitt), Öl auf Leinwand, 40 x 40 cm, Dieter Motzel

In unserer gelebten Realität, die uns so ziemlich jeden Tag auf die eine oder andere Weise belästigt, ist der echte Tanzbär glücklicherweise verschwunden. Vor nicht allzulanger Zeit waren diese malträtierten Tiere noch häufiger in den Balkan-Ländern anzutreffen. Meist wurde den Braunbären ein Pflock durch die Nase getrieben, und viele der Besitzer versorgten sie großzügig mit schwarzgebranntem Fusel. Halbblind durch den Alkohol und an der Nase gezogen, trotteten sie durch die Städte und mussten sich zur Musik ihres Besitzers bewegen. Für den Betrachter entsteht das Bild der großen wilden Bestie, die sich den zarten Tönen der Musik unterwirft. Das kleine Menschlein unterwirft die ungezähmte Natur. Es sind diese Ur-Bilder aus unserer Vergangenheit, die unser Menschsein prägen. Dass dabei der Bär auf seinen Nasenring reagiert und nicht auf die Musik, spielt dabei eine Nebenrolle, schließlich ist es immer die pure Fiktion, die in unseren Gedanken die Hauptrolle hat.

dm

Advertisements

§ 18 Antworten auf (Berliner) Tanzbären

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan (Berliner) Tanzbären auf haushundhirschblog.

Meta

%d Bloggern gefällt das: