Die Sehnsucht nach dem Licht 1

5. November 2016 § 18 Kommentare

Für die italienischen Momente ... Foto: dm

Für die italienischen Momente … Foto: dm

Die Sehnsucht nach dem Licht 1

„Was-wäre-wenn-Fragen“ sind natürlich müßig, aber als Gedankenspiel durchaus unterhaltsam. Ich stellte mir die Frage, wie sich die Bilder von Caspar David Friedrich wohl verändert hätten, wenn er, wie sehr viele seiner Zeitgenossen, nach Italien gereist wäre. Er tat es nie, und seine Bilder blieben in ein deutsches Licht gegossen. In einem Brief an einen Malerkollegen schrieb C. D. Friedrich 1816: „Dank für Deine Einladung nach Rom zu kommen, aber ich gestehe frei, daß mein Sinn nie dahin getrachtet …. .“ Diese Ansicht war unter seinen malenden Kollegen fast ein Alleinstellungsmerkmal, aber vielleicht auch verständlich, wenn man diese Zeilen von ihm liest:

„Ihr nennt mich Menschenfeind

weil ich Gesellschaft meide.

Ihr irrt euch

Ich liebe sie

Doch um die Menschen nicht zu hassen,

muss ich den Umgang unterlassen.“

Die meisten Künstler wurden von dem Sehnsuchtsland hinter den Alpen magisch angezogen und scheuten auch keine Mühen, dorthin zu gelangen.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

„Sehnsucht nach Italien … Bei Tage und in der Nacht denkt meine Seele nur an die schönen, hellen Gegenden, die nun in allen Träumen erscheinen und mich rufen. Wird mein Wunsch, meine Sehnsucht immer vergebens sein?“. Das schrieb 1797 Ludwig Tieck in den Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, und er traf damit so etwas wie den Nerv der Zeit. Zumindest bei Malern und Schriftstellern des 19. Jahrhunderts, die sich in einer schier endlosen Kolonne Richtung Italien aufgemacht hatten. Und oft über Jahre geblieben waren, und manchmal dort auch starben. Ein Gipfeltreffen der deutschen Romantik. Alleine mit der Auflistung der Namen könnte man ein Buch füllen. Eine solche Menschenbewegung in Richtung Italien gab es erst wieder in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, als sich, nach überwundenen dunklen Zeiten, die Bildungsbürger in Deutschland aufmachten, ihr Arkadien zu entdecken. Mit ihren VW-Käfern und Borgward Lloyds fuhren sie dem Licht der Erkenntnis entgegen, wenn sie denn die Pässe schafften. Die romantisch beseelten Maler hatten es ungleich schwerer nach Süden zu gelangen. Außer dem quälenden Gedanken, unbedingt dorthin zu müssen, waren ganz praktische Dinge zu erledigen. Das Dringlichste war sicherlich, die Reisekasse zu füllen. Es wurden Darlehen und Vorschüsse erbettelt, Bittbriefe geschrieben und prinzipiell alles getan, um ein Landgrafenherz zu erweichen oder einen Staatsekretär wohlwollend einzunehmen. Der Maler Georg von Dillis schrieb 1817 in einem Brief an seinen Regenten, der ihm wohl eine weitere Reise nach Italien gesponsert hatte, auch etwas über die Beweggründe: „Bei dem frohen Gedanken, ich werde das gelobte Land, das Mutterland der Künste, nach so oft wiederholten Genuß mit neuen Reizen wiedersehen, erhebt sich meine Kunstseele mit belebter Kraft empor und sehnt sich hin nach der wahren Heimat des Künstlers, wo sein Geist zur wahren Reife gedeihen kann und ihn die Natur und er die Natur umarmt und so in Liebe erschafft, was die Nachwelt Jahrhunderte anstaunt.“ Andere Zeiten, andere Worte, aber Herzblut braucht man auch heute noch, wenn man den Geldbeutel von Sponsoren öffnen will. Und was die Nachwelt angeht, das jahrhundertelange Staunen blieb vielen Malern der deutschen Romantik versagt. Sie blieben einfach in ihrer Zeit zurück, und nur mit wenigen Namen weiß man heute noch etwas anzufangen.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Bei aller Großzügigkeit, die Weiterbildungsmaßnahmen ihrer talentierten Maler zu unterstützen, blieb das Budget für Reise und Aufenthalt immer knapp bemessen. Die Postkutschenfahrt mit Rückfahrticket, blieb den meisten verwehrt, wenn sie nicht gerade Goethe hießen oder von Haus aus begütert waren. Zu Fuß unterwegs findet man leichter die Zeit zum Zeichnen. Jeder der Reisenden füllte Skizzenbuch um Skizzenbuch. Zeichnungen, Aquarelle und Studienblätter galten damals eher als private Auseinandersetzung der Maler mit einem Stück Wirklichkeit und nicht als eigenständige Kunst. Es zählte das Ölbild und nur das wurde auch öffentlich ausgestellt.

Demnächst geht es hier weiter mit Aquarellen, Unfällen, vielleicht auch mit Todesfällen.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

(Wer bis dahin selbst Klugscheißer werden will, suche in seiner Bibliothek nach Goethes Tagebuch der italienischen Reise, wenn möglich Kröners Taschenausgabe von 1925, die mit einem Goetheportrait von der Malerin Angelica Kauffmann aufwarten kann, über das Goethe selbst sagte: “Er ist immer ein hübscher Bursche, aber keine Spur von mir“. Mensch Goethe, guck halt in den Spiegel, wenn du dich sehen willst und nicht an die Wand. Nach Ludwig Richters Lebenserinnerungen von Seite 139 bis Seite 314 in der Insel TB-Ausgabe, den 2Bd. Handzeichnungen der deutschen Romantik aus dem Pawlak Verlag, dem Darmstädter Ausstellungskatalog über Johann Heinrich Schilbach, der Traum vom Süden, dem Ausstellungskatalog aus der Nationalgalerie in Berlin über Carl Blechen, dem Mannheimer Ausstellungskatalog über Turners Deutschland-Reisen, dem bei Prestel erschienen Bildband über Turners Reiseaquarelle, dazu noch einige Bände und Ausstellungskataloge über Irgendetwas, die nicht direkt mit dem Thema zu tun haben, aber trotzdem nicht unwichtig sind. Außerdem würde ich gerne noch das Buch mit Zeichnungen von Victor Hugo (Ja, der Schriftsteller hat auch gezeichnet) aufführen, das aber irgendwie verschwunden ist, ich finde es jedenfalls nicht mehr. Das ist schade, obwohl es nichts Erhellendes zur Wanderungsbewegung der Romantik nach Italien beitragen, dafür aber mit düsteren sepiafarbenen Zeichnungen aus dem Mittelrheintal aufwarten könnte. Wenn ich mich recht erinnere. (Keiner belügt mich so gut, wie mein eigener Kopf.) Die Zeichnungen hätten mich insofern interessiert, weil seit einigen Tagen auf meinem Schreibtisch eine Broschüre vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst mit dem „goldischen“ Aufdruck „Romantik in Hessen“ liegt. Der Aufdruck ist tatsächlich goldgeprägt, und ich finde es noch nicht einmal unpassend. Obwohl in Hessen meistens gilt: Des is awer goldisch, … nix wie weg jetzt. Die Broschüre führt zu den Romantik-Orten in Hessen und zeigt ganz nebenbei, was Fotografie von Knipserei unterscheidet. Hier hat man einem guten Fotografen (Kilian Schönberger heißt er) das Bebildern der ganzen Broschüre gestattet, und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Eine der zahlreichen Fotografien zeigt einen Innenraum im Brentano-Haus in Oestrich-Winkel. Neben dem vom Außenlicht weiß erstrahlendem Fenster hängt die Reproduktion einer Zeichnung von Tischbein, auf der sich Goethe aus dem Fenster seine römischen Wohnung lehnt.

„Hallo Angelica, wir sind hier oben im zweiten Stock, und über deine Zeichnung von mir, müssen wir aber nochmal reden, gell.“ Und schon wieder ist man in Italien, und den Goethe wird man sowieso nicht los.)

dm

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

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§ 18 Antworten auf Die Sehnsucht nach dem Licht 1

  • Sofasophia sagt:

    Ein Lese- und Guckgenuss, der mich schon neugierig auf die Fortsetzung macht.

  • Sehr interessant und sehr schön.
    Übrigens die Hessen-Broschüre kann man kostenlos downloaden oder bestellen:
    Link (kann auch gelöscht werden): https://wissenschaft.hessen.de/sites/default/files/media/hmwk/2.02_hmwk_romantik_hessen_16_screen.pdf

    • Vielen Dank, freut mich immer, wenn ein Artikel auf Interesse stößt!
      Ich kann nur empfehlen, sich die Broschüre zu bestellen, es ist halt immer ein besonderes Vergnügen, wenn man Papier in der Hand hält, und nicht den Bildschirm streicheln muss, wie bei einem Download;)

  • Ulli sagt:

    Da freue ich mich auf die Fortsetzung und schaue mir jetzt nochmal deine Zeichnungen an, die wieder einmal so speziell sind!
    Geschmunzelt habe ich über die italienischen Stapelkisten und dachte an so einige Impressionen in und um Rom herum, die leider nicht sehr malerisch waren …

    und das Licht in der Bretagne … das ist sooo speziell, aber dorthin reiste eben kein Herr Goethe 😉
    herzliche Samstagmittaggrüsse
    Ulli

    • Vielen Dank, liebe Ulli, die Zeiten haben sich eben geändert! Die Bretagne mag heute eine touristische Verlockung sein, damals hatten ärmliche Fischerdörfer noch nicht diese Anziehungskraft. Man strebte anderem entgegen;)

      • Ulli sagt:

        ärmliche Fischerdörfer sah ich keine, aber eben dieses besondere Licht, das war es … in Italien lockt die Antike plus dem Licht und die alten Künstler, das weiss ich schon … wollte ich auch nicht herabmindern!

  • Arabella sagt:

    Die Bilder von Angelica Kauffmann mag ich sehr. Deine auch.

  • Susanne Haun sagt:

    Ein überaus gelungener Bericht! In Berlin läuft gerade die Ausstellung Romantik und Moderne, Zeichnung als Kunstform von Caspar David Friedrich bis Vincent van Gogh. Wir haben gestern im Studiensaal des Kupferstichkabinetts eine Seite aus einem Skizzenbuch Caspar David Friedrichs betrachtet und ich mag, dass kein italienischer Einfluss zu sehen ist: Disteln und Eichen, keine Zypressen. Diese Erkenntnis ist mir aber erst nach der Lektüre deines Beitrags gekommen, liebe m.b. und der Text ist gut ergänzt von d.m.s Portraits.
    Einen schönen Abend von Susanne

    • Ja, liebe Susanne, ich glaube schon, dass ein Italienaufenthalt auch die späteren Bilder der Maler beeinflusst hat. Bei Friedrich, oder auch bei Runge, eben nicht. Man findet sogar auf Bildern, die das sehr romantisierte Mittelrheintal zeigen, die „italienischen“ Bäume wieder, die wenig mit der dort vorgefundenen Wirklichkeit zu tun hatten.
      Vielen Dank!
      P.S.: Wenn dm darunter steht ist auch dm drin. Aber auch mb lässt herzlich grüßen! 🙂

  • Maren Wulf sagt:

    Fasziniert bin ich dem je eigenen Erzählfluss der Bilder und der Worte gefolgt. Sehr schön, da freue ich mich schon auf die angekündigte Fortsetzung.

  • gkazakou sagt:

    wie verschieden deine Sprache im Bild und im Wort ist! Die faszinierende Bildreihe führt mich vom verhalten lächelnden bis zum zerstörten Gesicht, von „Romantik“ in die tiefen Schichten der Seele, die keinen Ausdruck finden können. Dein Artikel hingegen, den du „Klugscheißerei“ nennst, der aber doch auch besonders ist („sie fuhren dem Licht der Erkenntnis entgegen“), strebt in die umgekehrte Richtung, bemüht sich um Faktisches, Ratio und aufgeklärte Rede. So empfand ich es.
    Die italienischen Obstkisten? Nun, sie sind leer und weggestapelt.

    • In diesem Fall, liebe Gerda, war es auch meine Absicht, mit den Bildern nicht den Text zu illustrieren, sondern den Bildern einen eigenständigen Auftritt zu geben, der losgelöst von den Worten ist. Diese Zeichnungen sind auch nicht im Zusammenhang mit dem Text entstanden, aber ich fand, dass sie gut damit korrespondieren. Die Obstkisten sind nicht mehr als ein Augenzwinkern;)
      Vielen Dank!

      • gkazakou sagt:

        grad diese Doppel – Spiegelung (Reflexion) in unterschiedliche Richtungen finde ich so spannend. Die Bilder passen insofern ausgezeichnet. Ohne sie wäre es halt nur eine witzige Seminararbeit – mit ihnen kommt man ins Sinnieren und in tiefere Gewässer. Der Dank ist auf meiner Seite. Gerda

  • Ruhrköpfe sagt:

    Das Zitat von C.F. Friedrich kannte ich noch nicht. Klasse und danke 🙂

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