Die Sehnsucht nach dem Licht 3

20. November 2016 § 12 Kommentare

Auf nach Rom. Zeichnung: Dieter Motzel

Auf nach Rom. Zeichnung: Dieter Motzel

Die Sehnsucht nach dem Licht 3

Alle Wege führten nach Rom. Obwohl die damaligen Reisebedingungen alles andere als einfach waren. Aber auch Gedanken können ja manchmal beflügeln und beschwerliche Wege erträglich gestalten. Zwischen 1800 und 1830 lebten in Rom rund 550 deutsche Maler, Bildhauer und Architekten. Dazu kamen noch die Dichter und die Franzosen, Engländer usw., ich nehme an, dass auch ein paar Italiener dort waren. Aber in der Regel wurden sie wohl eher als folkloristische Staffage vor klassischen Veduten wahrgenommen. Was nicht ausschloss, dass die jungen Maler ihre Skizzenbücher auch mit Genre-Szenen füllten. Grundsätzlich suchte man aber die Antike, die Schönheit, die ideale Landschaft und nicht den Italiener im damaligen hier und heute, sieht man mal von Johann Gottfried Seume, der nach Syrakus spazierte, ab. Der war auch nicht als Maler unterwegs. Von Heine stammt die ironische Bemerkung: „ …. sehen Sie mal die Bäume, den Himmel, da unten das Wasser – ist nicht alles wie gemalt? Haben Sie es je im Theater schöner gesehen? Man wird, sozusagen, ein Dichter!“

Theater. Zeichnung: Dieter Motzel

Theater. Zeichnung: Dieter Motzel

Für junge Maler fand in Italien ein Selbstfindungsprozess im Reich der (romantischen) Einbildungskraft statt. Und man sprach deutsch dabei. Und alle trafen sich in Rom beim Griechen. Das 1760 von einem Griechen gegründete „Caffé Greco“ ist wohl heute noch eines der bekanntesten Künstlercafés, nicht nur in Rom. Hier bin ich Maler, hier darf ich sein … eine Zeichnung von Carl Philipp Fohr gibt einen schönen Einblick in das wuselige Künstlertreiben in dieser, damals einfachen, Gastwirtschaft. Der Zeichner selbst konnte es gar nicht lange genießen. Er ertrank, 22jährig, unter tragischen Umständen vor den Augen seiner Freunde im Tiber. Ja, der Übermut junger Kerle. Ein anderer Deutscher, E.T.A. Hoffmann, würdigt das Caffé Greco in seinem Capriccio nach 8 Radierungen von Jaques Callot, „Prinzessin Brambilla“. Wer dieses Stück Literatur lesen möchte, sollte viel Zuversicht mitbringen, denn es ist ebenso burlesk wie die Radierungen von Callot, die Hoffmann dazu inspiriert hatten.

Fast ein Callot'scher Zwerg vor Römerin. Zeichnung: Dieter Motzel

Fast ein Zwerg von Callot vor Römerin. Zeichnung: Dieter Motzel

Eigentlich war meine Situation zum Verzweifeln. Ich saß zwar nicht beim Griechen in Rom, aber immerhin innerstädtisch fest. Spät abends fehlte mir einfach die Kraft, an die etwa hundert Meter entfernte nächste Döner-Klappe zu robben. Es gibt solche Tage, an denen die Kraft einfach nicht mehr ausreicht, schon gar nicht, um mit dem eigenen Kochgeschirr zu klappern. Da ich nicht elendig verhungern wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als eine der zahlreichen Notrufnummern zu wählen, die sich im Laufe eines Jahres in einer versteckten Ecke der Wohnung gesammelt hatten. Asiaten liefern, klar, Inder auch, Mexikaner, Italiener und Spanier sowieso. Nur die Griechen tun sich mit dem liefern schwer, da muss man schon nach Rom. Nachdem die Notrufnummer gewählt ist, muss man nur noch einen Zahlencode mit letzter Kraft in den Hörer stammeln und schon ist etwas auf den Weg gebracht, vor dem jeder Ernährungsberater dringend abraten würde. Solche Codes haben den unschätzbaren Vorteil, auf sprachliche Kommunikation außerhalb von Zahlenkolonnen völlig verzichten zu können, das ist sehr hilfreich, wenn auf beiden Seiten des Hörers nur rudimentäre Kenntnisse der Sprache des jeweils anderen bestehen. Um beim Thema zu bleiben, fiel meine Wahl auf die Code-Nummer 310, die steht für ein postkutschenradgroßes Schnitzel, das auf jedwede Inhaltsstoffe verzichtet und deshalb auch unbedenklich verzehrt werden kann. Dem dringenden Notruf angemessen, wurde recht zügig geliefert, und zwar von einem Pakistani. Im dunklen Hausflur die Treppen hochtapsend auf der Suche nach der Wohnung rief er mehrmals laut und gut hörbar „eh Jude“. Als wir uns für das Geschäftliche endlich auf der gleichen Stufe begegneten, war mein Blick auf ihn vermutlich recht irritiert, und irgendwie war ich es auch. Ich sag mal so: normalerweise bin ich freundlicher zu den armen Kerlen, als ich es vielleicht an diesem Abend in meiner Verwirrtheit war. Nachdem sich im Laufe der Nacht das Volumen meines Schnitzels auf Handtellergröße verringert hatte, kam mir die Erleuchtung. Mein pakistanischer Schnitzel-zu-mir-Roller hat versuchte in „hessisch“ zu kommunizieren, und er rief nicht “eh Jude“, sondern die urhessische Begrüßungsformel „ei Gude“. Das ist so wie in Norddeutschland „Moin“ oder „Servus“ in Bayern. Es kann schon zu Missverständnissen führen, wenn ein mäßig hessisch sprechender Pakistani auf einen in Codes denkenden ausgehungerten Hessen trifft. Sei’s drum, nix passiert. Wenn er das nächste Schnitzel zu mir rollt, werde ich ihm ein „ei Gude, wie“ entgegenrufen und gud is. Vermutlich antwortet er dann 1 mal 310 mit 4 aber ohne 17.

Lichte Lieferung. Zeichnung: Dieter Motzel

Lichte Lieferung. Zeichnung: Dieter Motzel

„Messieurs les Voyageurs on their return from Italy ( par la diligence ) in a snow drift upon Mount Tarrar, 22nd of January, 1829“. Das ist der Originaltitel einer Aquarell- und Deckfarbenarbeit von William Turner. Vom Dauerreisenden Turner weiß man, dass er sich in einigen europäischen Sprachen verständigen konnte, nur bei seinen Reisen durch Deutschland führte er immer zwei Sprachführer mit sich. Womöglich sogar „Hessisch für Anfänger“. Der Engländer Turner war unter den reisenden Malern des 19. Jahrhunderts wohl der umtriebigste und kam auf 18 Festlandsreisen. Dass er dabei die bis dato liniengeprägte Aquarellkunst revolutionierte, ist hinlänglich bekannt. Er war seiner Zeit weit enteilt und konnte mit Licht weitaus mehr anfangen als alle anderen seiner Zeitgenossen. Dass aber auch der Turner-Express manchmal ins Stocken kam, davon erzählt jenes Bild der Reisenden, deren Postkutsche in einer Schneewehe auf der Rückreise von (in) Italien liegenblieb. Turner war einer der Reisenden und erzählte von diesem Ereignis auch ausführlich in einem Brief vom Februar 1829: „Nun zu meiner Heimreise. Glaub mir, kein armer Teufel hatte je eine wie ich, doch war sie wenigstens in einem lehrreich, nämlich, nie wieder so tief im Winter aufzubrechen, denn der Schnee begann bei Foligno zu fallen, mehr Eis als Schnee, so dass die Kutsche durch ihr Gewicht hin und her schleuderte. Zu Fuß zu gehen war bei weitem vorzuziehen, doch meine unzähligen Leibröcke verweigerten mir den Dienst, so war ich bald durch und durch nass, bis bei Sarre-Valli die Postkutsche in einen Graben rutschte; es bedurfte sechs Ochsen, nach denen man 3 Meilen weit hatte schicken müssen, um sie herauszuziehen; das kostete 4 Stunden, so dass wir in Macerata mit zehn Stunden Verspätung ankamen, folglich gelangten wir halb verhungert und erfroren schließlich nach Bologna“.

Dunkle Wolken. Zeichnung: Dieter Motzel

Dunkle Wolken. Zeichnung: Dieter Motzel

Das Feuer, an dem sich die Reisenden versammeln, hält sich bedeckt. Es leuchtet nicht wärmend gelborange, sondern in gedeckten Ockertönen, und ob es die ihm entgegengestreckten Hände wirklich wärmt, erscheint zweifelhaft. Die große, im Licht des Feuers fast schemenhafte Kutsche ist in Schieflage geraten und steckt fest in Eis und Schnee. Ich weiß nicht so recht, was mir lieber wäre, in eine nasse Decke gehüllt an diesem lodernden Feuer zu sitzen, das nicht wirklich wärmt, oder mir eine der Schaufeln zu greifen, die im Vordergrund im Schnee liegen. Andere tun das schon. Sie schaufeln, knietief im Schnee stehend, die großen Speichenräder der Postkutsche frei, und sie ziehen an Seilen um sie aufzurichten, oder treiben das Ochsengespann an, das selbst fast vom Schnee verschluckt wird. Ob es gelingt ist nicht ersichtlich. Einer in Uniform, vermutlich der Postkutscher, überwacht die Tätigkeiten, gibt Anweisungen in dieser gespenstigen Nacht, die vom Feuer nur schwach ausgeleuchtet wird. Über allem ein dunkler wolkenverhangener Himmel und der Rauch von nassem Holz. Nur eine Handvoll Sterne und ein milchiger Mond geben die Wolken zaghaft frei. In dieser preußischblauen Nacht, die sich bis ins tiefste Schwarz verfinsterte, weiß niemand so genau, wo die Berge enden und der Himmel anfängt. Nur der Abgrund ist ein paar Meter vom Feuer entfernt wahrzunehmen, wo er endet sieht man nicht. Bei diesem Postkutschen-Unfall lässt Turner in einem einzigen Bild einen ganzen Reportage-Film vor dem Betrachter ablaufen. Der Winter mag damals nicht die ideale Reisezeit gewesen sein, aber schlimmer geht immer. Es gibt zahlreiche zeitgenössische Berichte, die von Raub und Wegelagerei berichten, und auch davon, dass ganze Reisegesellschaften gemördert wurden, um ein paar Habseligkeiten reicher zu werden. Die wichtigsten Dinge, Papiere und Geld, trug man möglichst am Leib.

Das erinnert mich doch sehr an mich. Meine Hosen und Jacken sind immer ausgebeult, weil ich dazu neige, möglichst viel von meinem Hausrat mit mir rumzuschleppen. So manch einer ist schon überrascht in die Knie gegangen, weil er mir freundlicher Weise meine Jacke abnehmen wollte. „Mann, ist die schwer, was is’n da alles drin?“ Alles! Vom Akku bis zum Zelt. Man weiß doch nie, wo man liegenbleibt.

dm

Demnächst eine weitere Lichterkette.

Romantik. Zeichnung: Dieter Motzel

Romantiker. Zeichnung: Dieter Motzel

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