Die Sehnsucht nach dem Licht 4

28. November 2016 § 25 Kommentare

Caspar David Friedrich wandert im Riesengebirge. Zeichnung: Dieter Motzel

Caspar David Friedrich wandert im Riesengebirge. Zeichnung: Dieter Motzel

Die Sehnsucht nach dem Licht 4

„Azzurro, zu blau ist der Nachmittag und zu lang für mich. Ich spüre, dass ich kaum noch Kraft habe, seit du weg bist, und da, hätte ich beinahe den Zug genommen, und wäre zu dir, zu dir gekommen, aber der Zug meiner Wünsche und meiner Gedanken fährt in die andere Richtung.“ Ok, der Zug ist wohl abgefahren, lieber Adriano, aber immerhin hast du den blauen Himmel, … und der ließ sich mit deiner Reibeisenstimme so gut verkaufen, dass er 1968 die meistverkaufte Single in Italien wurde. Und in der deutschen Schlagerwelt zum Sehnsuchtslied wurde. Himmel, dabei ist „Azzurro“ genaugenommen nur eine blaue Fläche. So kann man es jedenfalls als Maler sehen, und damit muss man erst mal zurechtkommen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich die malenden romantischen Italienreisenden im 19. Jahrhundert mit dieser Farbfläche ein bisschen schwer taten. Fast immer finden sich Unterbrechungen. Damit meine ich nicht das eigentliche Sujet aus Bäumen, Bergen und was auch immer, die natürlich auch in den Himmel ragen, sondern den Himmel an sich. Wenn es zu Blau wurde, kamen die Wolken, Wölkchen oder Dunststreifen und sorgten aus malerischer Sicht dafür, dass das „Azzurro“ nicht zu aufdringlich eintönig wurde. „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt, und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt …“ hat sich die Sache mit dem „Azzurro“ von selbst erledigt.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Und schon sind wir im Mezzogiorno, dem zweiten großen Sehnsuchtsziel für die deutschen Maler des 19. Jahrhunderts in Italien. Die geistige Sehnsucht wurde in Rom, der ewigen Stadt, so gut es ging befriedigt, aber als wahres irdisches Paradies lockte Neapel. Vermutlich gehören der Golf von Neapel und die Amalfi-Küste zu den am meist gemalten Motiven in der damaligen Zeit. In kleinen oder auch größeren Gruppen wanderten befreundete Künstler die rund 250 Kilometer von Rom nach Neapel, und sie zeichneten und zeichneten. Noch Jahre später, längst zurück im dunklen und kalten Deutschland, diente ihnen dieser erzeichnete Schatz als unerschöpflicher Fundus, der in ihren Bildern seine Verwendung fand. Ein Schatz gewissermaßen auch heute noch. Bei einem Auktionshaus wird aktuell ein kleines 34 x 43 cm Ölbildchen von Ludwig Richter, der von 1823 bis 1826 in Italien verweilte, für schlappe 250.000 Euro Taxe angeboten. Die „Ansicht von Bajae in der Bucht von Neapel“ malte Richter 1830, längst schon wieder in seinem Meißner Atelier sitzend, und solche italienische Sehnsuchtsbilder ließen sich gut verkaufen, so gut, dass er das Motiv noch ein weiteres Mal pinselte. Eine wunderbare Landschaft und ein wenig Folklore – in diesem Fall ein paar Fischer am Strand – genügten, um die Lust beim Betrachter auf Italien zu befeuern. Für die jungen Künstler selbst wurde eine Salve der Inspiration nach der anderen abgefeuert. Richter schrieb: „In Neapel schloß sich eine neue Zauberwelt auf, recht eigentlich ein Paradies für Landschaftsmaler.“.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Ein junger Darmstädter Maler, Johann Heinrich Schilbach, lebte 5 Jahre in Rom und gehörte zu der Gruppe von Malern, mit denen Richter von Rom nach Neapel wanderte. Aus einer durchaus nicht unüblichen finanziell klammen Situation heraus, schrieb er in einem Brief an einen Freund: „ …. wenn es nicht besser geht, so packe ich mein Bündel bald … In Deutschland kann ich viel leichter was verdienen, weil nicht so viele Künstler da sind.“. Ja, die Deutschrömer hatten es nicht leicht. Kaum ein Jahr nachdem Schilbach diesen Brief geschrieben hatte, packte er tatsächlich sein Bündel, allerdings hatte sich zu diesem Zeitpunkt seine Situation durch Bildverkäufe ein wenig verbessert, und er marschierte Richtung Neapel, dem Licht entgegen. Er bestieg zusammen mit Richter den Vesuv, setzte nach Amalfi und Capri über, und drei Jahre später brachte er einen gewaltigen Packen Papier mit zurück nach Darmstadt. In Italien fand im 19. Jahrhundert eine riesige Plein-air-Veranstaltung statt, an der so ziemlich jeder junge deutsche Maler teilnehmen wollte. Eigentlich ist das Malen ja eine einsame Tätigkeit, aber hier ballte sich alles in Gruppen zusammen, man wanderte und zeichnete, aquarellierte, …. und vermutlich trieb man sich so gegenseitig zu immer neuen Höhepunkten an. Mein böser Kopf hakt hier ein und sagt, dass man auch zu wenig Platz hatte, um sich aus dem Weg zu gehen. Caspar David Friedrich wusste das womöglich auch.

dm

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Nachtrag: Es ist klar, dass eine kleine Blog-Serie nur ein wenig an der Oberfläche eines Themas kratzen kann. Als ich damit anfing, hatte ich ganz anderes im Sinn, aber so ist das manchmal. Das Italien der Maler im 19. Jahrhundert ist ein gigantisches Spinnennetz, von dem unzählige Querverweise auf die gesamteuropäische Kunst ausgehen. Ich würde sogar behaupten, dass ohne die fleißige Vorarbeit der romantischen Maler (und Literaten) Italien nicht zu dem touristischen Sehnsuchtsland der Deutschen geworden wäre. Vermutlich wären uns dann auch in den 60er und 70er Jahren unzählige gespachtelte Sonnenuntergänge mit Fischerbooten oder glutäugige Südländerinnen erspart geblieben, die zahlreiche Wohnzimmerwände schmückten. Ich belasse es jetzt damit, noch einige Stichpunkte aufzuführen, deren nähere Betrachtung sich gelohnt, aber ganz sicher den Rahmen noch mehr gesprengt hätten: Sophia Loren, Gina Lollobrigida, Claudia Cardinale, Monica Bellucci, Ornella Muti, Isabella Rossellini.

Nach einer Zeichnung von Fohr, die ihn auf dem Weg nach Italien zeigt, nebst seinem Bernadinerhund Grimsel. Dieter Motzel

Nach einer Zeichnung von Fohr, die ihn auf dem Weg nach Italien zeigt, nebst seinem Bernadinerhund Grimsel. Dieter Motzel

Advertisements

§ 25 Antworten auf Die Sehnsucht nach dem Licht 4

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Die Sehnsucht nach dem Licht 4 auf haushundhirschblog.

Meta

%d Bloggern gefällt das: