Besiedlung der Zeit

3. Dezember 2016 § 15 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Besiedlung der Zeit

Um eine Wartezeit zwischen zwei Terminen zu überbrücken, spazierte ich, mehr oder weniger zufällig, einen Teil meines alten Schulweges ab. Als Knirps ging ich diesen Weg fast jeden Tag (Helikopter-Eltern gab es damals einfach noch nicht). Es ist ein Weg der verlorenen Orte geworden, und das Verschwundene stößt bei mir auf ein größeres Interesse, als das neu Hinzugekommene. So sehr ich meinen Blick auch nach oben richte, die kunstvoll an die Dachvorsprünge geklebten Nester der Schwalben sind verschwunden. Dafür ist nun der geteerte Bürgersteig sauber und nicht mehr mit Schwalbenscheiße bedeckt. An dieser Stelle des Weges konnte man schon die Schule riechen, und wenn die Straße nach 50 Metern nicht abknicken würde, könnte man sie auch schon sehen. Jedenfalls war es die Stelle, an der keine Umkehr mehr möglich war. Der Sog des täglichen Bildungspensums war zu stark. Meistens machte ich also schon vorher kehrt. Ein böser Widerwille zwang mich manchmal dazu. Mein zweifelhafter Rekord als Fünftklässler lag bei über 4 Wochen unentschuldigtem Fehlen. An einem Stück versteht sich. Ein Rätsel, warum dieser Umstand meines nicht Vorhandenseins erst nach Wochen auffiel. Allerdings war das Unwetter, das sich danach über mir zusammenbraute, bei seiner Entladung auch nicht so ohne. Ich überlebte, ohne dabei wirklich zu glänzen, aber es gab wohl Versäumnisse von allen Seiten, was dazu führte, möglichst schnell einen Deckel über die Sache zu nageln. Die verstörenden Blicke meiner Mitschüler entschädigten mich für allen Unbill. Über die Gründe meiner Schulabstinenz kann ich heute nicht mehr viel sagen. Es gab keinen greifbaren Anlass. Auf meiner Stirn stand jedenfalls auch noch nie „Opfer“ geschrieben. Ok, ein bisschen gestört war ich natürlich schon immer.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Während die „Essen ist Geil“-Fraktion immer neuen Genusserlebnissen nachspürt, hat sich im Alter mein Gaumen auf zwei Geschmacksrichtungen festgelegt: Alkohol und feste Nahrung. Damit lassen sich knirpsige Genusserinnerungen allerdings nur sehr unzulänglich beschreiben. Mein Schulweg war diesbezüglich geradezu paradiesisch. Die Schule schon in Sichtweite, mahnten ein Bäcker und ein Metzger eine letzte Einkehr an, und setzten dabei dem Bildungsangebot ein weitaus schmackhafteres Angebot entgegen. Der Nachteil lag auf der Hand, bzw. eben nicht. Obwohl es schon sehr lange her ist, gab es damals schon Geld (wirklich!), und das war in unseren Kinderhänden äußerst rar. Die Münzen, die nötig gewesen wären, um die Angebote nutzen zu können, lagen eben nicht in der offenen Hand, sie blieben eine seltene Ausnahme. Äußerlich sind heute die Gebäude kaum verändert. Die Schaufensterscheiben des Metzgers sind verklebt und der kleine Turmgiebel des Hauses ahmt noch immer die dahinterliegende Silhouette der katholischen Kirche nach. In der gegenüber liegenden Bäckerei lassen sich nun Leute Nägel designen, oder auch nicht. Als ich in späterer Vormittagsstunde dort vorbei spazierte, herrschte eine gähnende Leere. Ich füllte sie mit mir und einer Horde Gleichaltriger, sehe uns die drei, vier Stufen zur Glastür stürmen, um die wenigen Pfennige gewinnbringend anzulegen. Die Angebotspalette war schulkindgerecht ausgelegt. Also wenig für wenig Geld. Die Bäckersfrau war allgemein unbeliebt. Streng, und wenig aufgeschlossen gegenüber den Geldnöten von Knirpsen. An ein Lachen von ihr kann ich mich nicht erinnern, es war immer der gleiche genervte, aber gierige Blick, der mich und natürlich sämtliche vor der Theke stehenden Leidensgenossen traf. Jetzt kommt mir sogar wieder ihre alte Mutter in den Sinn, die täglich zur Pausenzeit im Schulhof stand, mit einem großen Korb an Backwaren und sonstigen Leckereien. Immer umringt von großen Trauben kleiner Stinker, die zehn Minuten vorher noch über die geologische Beschaffenheit Hessens informiert wurden und nun der Beschaffenheit von süßem Gebäck nachspüren wollten. Der Bäcker machte wohl seinen Schnitt. Die alte Bäckersfrau sehe ich in dunkler Kleidung, klein und gebückt und, mit Kinderaugen betrachtet, natürlich uralt. Der Korb, den sie mehrmals am Tag von der Bäckerei in den Schulhof schleppte, war mit zwei Deckeln versehen, die sich zur Mitte aufklappen ließen. So sagt es meine Erinnerung, aber über das tatsächliche Alter der Frau würde ich heute keine Prognose mehr abgeben. Eine Mauer umfriedete den Schulhof zu einer Straßenseite hin, die anderen Seiten wurden durch Gebäude und Nachbargrundstücke begrenzt. Abhauen war schwierig. Die wenigen Aus- und Eingänge wurden genauestens überwacht, vielleicht gab es sogar einen Schießbefehl, wer weiß das schon. Womöglich ist das ein bisschen übertrieben, aber die Schule war mitten im Stadtteil gelegen und ein Steinwurf entfernt rumpelten Straßenbahnen und Busse über das Kopfsteinpflaster. Es waren andere Zeiten, aber auch damals hatte man eine gewisse Aufsichtspflicht gegenüber den lieben Kleinen. Obwohl Eltern noch nicht die grundsätzliche Neigung verspürten, wegen eines eingerissenen Daumennagels des Sprösslings sich bis zum europäischen Gerichthof für Menschenrechte durchzuklagen. Natürlich gab es für uns kleine Hosenscheißer auch gute Gründe, während der Pause mal eben kurz verschwinden zu wollen. Das lerngeplagte Köpfchen verlangte nach dem ultimativen Zuckerschock, und den gab es, quer über die Straße, beim Werksverkauf der Backwarenfabrik Josef Wolf. Dort sind die Gold-Fischli erfunden worden, und dort konnte man für wenig Geld große Papiertüten voller Bruchware erstehen. Zum Beispiel Schaumwaffeln mit schwarzafrikanischem Migrationshintergrund, damals hießen die allerdings einfach Negerküsse.

dm

Nachtrag: Erinnerung ist Lug und Trug. In einer Ecke des Schulhofes stand eine große Platane. Strategisch günstig neben einem Eingang, an dem es am einfachsten war, mal eben unentdeckt zu verschwinden. Leider war die Platane der Lebensmittelpunkt der älteren Schüler und Schülerinnen, die dort solche Dinge taten, wie Raufen, Rauchen, Knutschen und Pimpfe ärgern, die in ihre Nähe kamen. Die alte Platane steht immer noch in prächtiger Größe, nur nicht mehr dort, wo meine Kopfbilder sie hingestellt hatten. Sie wurde etliche Meter von ihrem alten Platz weggerückt. Wer macht denn so was?

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

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§ 15 Antworten auf Besiedlung der Zeit

  • Xeniana sagt:

    Ein wunderbarer Beitrag. Ich bin auch immer wieder erstaunt, welches Eigenleben Erinnerungen führen. Oder wie es sich anfühlt mit dem Körperbewusstsein einen alten Weg abzugehen…Ich besuchte nach langer Abstinenz -etwa 20 Jahre meine Heimatstadt wieder. Ich wollte zum Busbahnhof, ein relativ großes Areal… der war aber nicht mehr da…Nachdem ich den Weg mehrmals abgegangen war, gab ich auf. Ich fühlte mich verrückt. Verrückt war aber nur der Busbahnhof der dort seit einem Jahrzehnt bereis abgerissen war.

    • Danke, Xeniana, für Deinen passenden Kommentar. Die Erinnerung braucht ja immer diesen zeitlichen Abstand, erst mit ihm kann sie wirken. Vor allem entwickelt die Erinnerung immer ihre ganz eigene Wahrheit;)
      Vielen Dank!

    • juergen61 sagt:

      Toll : der verrückte Busbahnhof : Tausend Fragen tauchen auf : Waren die Busse auch verrückt oder nur der Bahnhof, was passierte mit den Busreisenden und wie verrückt waren die Busfahrer oder war es nur der Bahnhof oder gar nur die Betrachterin und wie kam wieder alles ins Lot oder war das auch verrückt oder alles nur geträumt ?
      Bitte dringend um Aufklärung sonst werde ich noch verrückt vor Sorge…um den Bahnhof und die Chronistin 🙂
      Lieber Gruss, Jürgen

  • eimaeckel sagt:

    Die Wirtschaftswunderzeit steigt in deinem Text wieder auf. Mit Bäcker; Metzger und Wundertüten. Aber da scheint irgend eine Lücke zu sein, in deinen Erinnerungen, da musst du noch mal hin. Die beiden ersten Bilder gefallen mir sehr gut. Die rote Farbe zeigt Unheil, oder?

    • Mit meinen Lücken komme ich eigentlich ganz gut klar;) Wer mag, kann die rote Farbe natürlich mit Unheil gleichsetzen. Meine Kindheit war eher das Gegenteil davon. Na ja, was die Farbpsychologen angeht, ich kenne einige Leute, die schon in einem strahlend blauen Himmel die Götterdämmerung erkennen:)
      Vielen Dank!

  • mickzwo sagt:

    Früher war mehr Zeit aber auch mehr alt. Ein grandioser Text mit aufschlussreichen Bildern.

    • Ganz subjektiv würde ich meinen, dass die Zeit immer noch die Gleiche ist, etwa 60 Sek. pro Min., und auch im Heute ist ziemlich viel ziemlich alt. Ich war gerade am Spiegel und habe diesen Satz überprüft;) Wer aus Bildern seine Schlüsse ziehen will, kann schon sehr danebenliegen. Diese Bilder hier stammen alle aus meinem Archiv und standen, außer in der jetzigen Form im Blog, niemals in einem Zusammenhang zu diesem Text. Aber sie scheinen doch sehr gut zu passen;)
      Vielen Dank, mick!

      • mickzwo sagt:

        Du hast natürlich Recht, was die Zeit anbelangt. Und das Du am Spiegel warst, um diesen Satz zu überprüfen, das ehrt Dich nicht nur, es lässt auch die Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt von Subjektivität aufkeimen. Beziehungsweise was denn das für ein Verhältnis von Subjektivität und Objektivität bedeutet.
        Mit anderen Worten: Ist Wahrheit nicht für jeden subjektiv? Hm. Vielen Dank für diese Gedanken, mick!

      • Es gibt natürlich keine allgemeingültige Wahrheit. Objektivität ebenso wenig. Umso erstaunlicher für mich, wie schnell in unserer Zeit Richtig und Falsch zu objektiven Wahrheiten wurden. Das gibt es wohl sonst nur in der Mathematik, oder bei meinen Kontoauszügen;)

  • emhaeu sagt:

    Schwer lasten die Steine, besser: Felsbrocken auf dem Dach der Hütte. Aber das Dach scheint stabil, die Wände sowieso, die haben ja auch weder Türen noch Fenster. Keine Ahnung, wie der, der dort drinnen ist und den Ofen am Brennen hält, in die heimatliche Hütte gekommen ist. Vermutlich war er schon immer drin.

    • mickzwo sagt:

      Ja, wer macht denn so was?

    • Für die einen ist es ein Gefängnis und für die anderen Freiheit. Vermutlich muss man schon immer in der Hütte sein, dort verwurzelt oder die Hütte selbst sein, um es zu verstehen. Egal, Hauptsache Holz vor der Hütten und der Ofen brennt;)
      Danke, Martin, für Deine gute Interpretation!

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