Böser Hund

26. Mai 2017 § 6 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Böser Hund

Der kahle Kopf war wohl keine Extravaganz von ihr, sondern eher die sichtbare Auswirkung einer Chemotherapie. Zumindest vermutete ich es. Dass ich den Köter mit ihr an der Leine lange Zeit nicht gesehen hatte, sprach dafür. Klein und zäh war sie nun geraume Zeit wieder mit schnellen Schritten unterwegs, um ihren Hund das Revier abpinkeln zu lassen. Ihr Mann, ein langer Lulatsch, der sie zwei Köpfe überragte, folgte ihr meist mit einigen Schritten Abstand. Wenn ich es mir recht überlege, sah ich sie nie miteinander gehen, eigentlich nur hintereinander mit entsprechender Lücke zwischen sich.

Als Hundehalter kennt und begegnet man sich im Viertel, oder man vermeidet es, so gut es geht, indem man die Straßenseite wechselt, einen anderen Weg einschlägt, um Gekläffe zu entgehen. So hielt sie es auch mit mir. „Der ist böse!“, ihr Zeigefinger deutete dabei unbarmherzig auf mich. Ein abrupter Richtungswechsel vollzog sich sogleich, dem Mann und Hund folgen mussten, ob sie wollten oder nicht. Ich wäre wenig verwundert gewesen, wenn sie sich danach bekreuzigt hätte, aus Dank, dem Bösen nicht in die Augen sehen zu müssen.

Als wir uns vor Jahren zum ersten Mal begegneten, rannte sie förmlich, mit einem kläffenden tiefergelegten Hündchen an der Leine voran, auf mich zu. Nach der oft gehörten Devise, der will nur ein bisschen spielen, wuselte das Ding an ihrer Leine abwechselnd zwischen den Beinen meines Hundes und mir herum. Womit ich noch ganz gut leben konnte, machte meinem Hund, begrenzt durch die Leine, zunehmend zu schaffen. Er knurrte mal vernehmlich und zeigte dem Ding seine Zähne. Nachdem sie begriffen hatte, dass die Bereitschaft meines Hundes, an diesem Tag zu spielen, gegen null tendierte, zog sie ohne ein weiteres Wort von dannen. Nur war ich für sie nun der Inbegriff des Bösen. Seither sind wir uns noch sehr oft nicht begegnet.

Nur die schnelle Bildung eines Hohlkreuzes und ein Ausfallschritt verhinderten, dass ihn die wütende Wucht des Trittes am Allerwertesten traf. Er hielt sich wacker aufrecht, verlor aber ein wenig von seiner Größe. Vermutlich wäre mir das Geschimpfe und Gezeter entgangen, wenn es nicht eine so beeindruckende Lautstärke entwickelt hätte. Als ich aus dem Fenster blickte, sah ich ihren Tritt, der sie fast selbst aus dem Gleichgewicht gebracht hätte, begleitet von einem lauten: „Du Arschloch!“. Traumatisiert von der Situation hielt selbst ihr ewig kläffender Hund die Klappe. Der Mann schwieg ebenfalls, und zum ersten Mal überhaupt sah ich ihn vorauseilen. Obwohl es wohl eher eine Flucht war, denn Entsetzen und Angst waren sichtbar. Nachdem das Trio aus meinem Blickfeld verschwunden war, sah ich sie lange Zeit nicht mehr.

Ich hätte einen Film drehen können – neue Einstellung, gleiches Szenenbild: mein Blick aus dem Fenster am Schreibtisch sitzend. Ihre schnellen Schritte hatten sich in einen zögerlichen Gang gewandelt. Sie war allein, nur etwas Verwirrtes begleitete sie. Ihr Gesicht hatte einige Schwellungen vorzuweisen und ein blaues Auge leuchtete. „Der Böse“, hinter seinem Schreibtisch sitzend, konnte sich einer Empathie für sie nicht erwehren, als sie wirklich in jede Mülltonne blickte, auf der Suche nach ihrem kleinen Hund.

dm

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