Schnampelweg

25. August 2017 § 17 Kommentare

Darmbachaue. Foto: dm

Schnampelweg

„Seine hervorstechenden Eigenschaften sind leises, dergleich nicht immer zartes Gefühl, lebhafter Witz und einiges Talent für Versification. Ein Mann dieser Art konnte sich keine glänzende Laufbahn öffnen.“ Das schrieb Garlieb Helwig Merkel 1812 in seinen „Skizzen aus meinem Erinnerungsbuche“, und er meinte damit nicht mich, denn wir sind uns erstaunlicherweise nie begegnet.

Mit „Highway to Hell“ in der Wiederholungsschleife hatte ich als Ziel den Schnampelweg. Der ist hier in Darmstadt, und nach zweimaligem Abspielen und einem kleinen Gehörsturz hatte ich das Ziel erreicht. Den Schnampelweg. Warum er so heißt, wie er heißt, entzieht sich meiner Kenntnis. Selbst eine einleuchtende Erklärung, die mir zu Ohren gekommen ist, lässt mich letztlich unwissend zurück, weil das Wort, von dem seine Herkunft abgeleitet wurde, mir gänzlich unbekannt ist. Das Wort heißt „schnampampeln“ und soll müßig umherschlendern bedeuten. Am Anfang des Weges ist von Müßigkeit wenig zu spüren, an Wochenenden herrscht eher die Hölle vor (das Begleitlied ist nicht ohne Grund ausgewählt), wie in vielen Gebieten, die man zur Naherholung deklariert. Parkplatzchaos und Horden von Familien, die ihre Kleinen zwecks eigener Nervenberuhigung in den Darmstädter Zoo, Vivarium genannt, schleppen. Mit meinen Nerven war es nicht mehr weit her, als auch noch eine Großfamilie beschloss, sich an der Hand zu nehmen und eine Menschenkette bildete, um den schmalen Weg in ganzer Breite nutzen zu können. Da ich nicht im Ansatz daran dachte, von meinem Weg abzuweichen, musste mein stoischer Eigensinn zwangläufig mit der freudigen ‚wir haben uns alle so lieb Menschenkette‘ kollidieren. Es blieb aber bei bösen, sehrsehr bösen Blicken, als ich die Kette durchbrach. Das Vivarium hinter sich lassend, ist das Gröbste überstanden und alles verläuft sich ein wenig in den schattigen Darmbachauen. Der Darmbach ist ein kleiner Bach, na ja, diese Bezeichnung ist sehr gut meinend. Realistisch betrachtet ist die Bezeichnung Rinnsal stimmiger, die in den trockenen Sommermonaten besonders treffend ist. (Darmstadt ist übrigens nicht nach dem Bach benannt, es ist umgekehrt).

Darmbachaue zum Zweiten. Wird einfach nicht schöner … Foto: dm

Darmstadt ist ja eine der wenigen Großstädte, die keine Flussanbindung haben, deswegen ist es verständlich, dass man heute den Darmbach in Ehren hält und ihn an dieser Ecke, in der ich unterwegs bin, vor Jahren renaturierte, ein kleines Stückchen jedenfalls. Schließlich soll man hier ungestört schnampampeln können. So wie einst Matthias Claudius, sagen wohlmeinende heimatliche Zungen, und zwar so etwa alle hundert Jahre, wenn wieder ein rundes Geburts-, Todes- oder sonstiges Jubiläum ansteht. So auch 2015, als Matthias Claudius durch die Feuilletons gejagt wurde, weil er 200 Jahre tot war. Natürlich werden dabei immer so strittige wie unsinnige Fragen erörtert, wie bei Claudius, wo er denn nun die vielleicht berühmteste deutsche Dichtung geschrieben hat. Sein Abendlied. Drei Orte bringen sich dabei in Stellung.

Na ja, die andere Richtung weist auf den Kotelett-Pfad. Keine einfache Wahl. Foto: dm

Darmstadt ist einer von ihnen, und der Schnampelweg die genauere Lokalisierung. Dort geht der Mond über dunklen Wäldern auf, und in den Wiesen hängt weißes Zeugs, und manchmal ist sogar der Nachbar krank. Wie, wird der ein oder andere einwenden, das haben wir auch vor der Haustür … und der Nachbar klingt auch krank. Dunkle Wälder, neblige Wiesen und sogar Mond. Das mag natürlich so sein, aber bei Euch ist 1777 nicht Matthias Claudius durch die Landschaft gestiefelt, hier in Darmstadt schon!

„Matthias Claudius“. Zeichnung: Dieter Motzel

Insofern ist zumindest der Gedanke nicht ganz abwegig, dass Claudius während seines knapp einjährigen Aufenthalts in Darmstadt dieses, 1778 erschienene, wunderbare Stück geschrieben hat. Allerdings halte ich die Vorstellung für sehr naiv, dieses Gedicht oder die Inspiration dafür, einem bestimmten Ort zuordnen zu wollen. Auf dieser Bank, gestiftet von der Sparkasse, saß der große Dichter und sah den Mond aufgehen, klingt ja auch nicht so schlecht, und den ermatteten Wanderer erfreut es. Es bleibt aber wohl nur einheimische Folklore.

„… alles mit dem Ziel, den guten fleißigen Unterthanen jede Gattung seiner Arbeit fruchtbarer, seine Abgaben leichter, sein ganzes Leben froher, sein Himmel blauer, ihn Stolz auf sein Vaterland, zufrieden mit sich selbst und dankbar gegen seinen Fürsten zu machen.“ Nein, das ist kein Auszug aus einer Wahlkampfrede von Martin Schulz. Das hat der Leiter der Hessischen Landkommission, Friedrich Karl Moser, obwohl irgendwie immer noch zeitgemäß, 1777 geschrieben. Ein paar Jahre vorher hatte der Landgraf Ludwig IX von Hessen-Darmstadt beschlossen, diese Kommission einzurichten, mit dem Ziel einer Verbesserung der Nahrungsmittelproduktion.

„Landgraf Ludwig IX von Hessen-Darmstadt“. Zeichnung: Dieter Motzel. Er gilt als „fortschrittlicher“ Landgraf. Diese Ansicht kann ich nur bedingt teilen. Schließlich hat er Pirmasens gegründet, … wer macht sowas?

Es ging letztlich um die Einführung der Dreifelderwirtschaft und die Nutzbarmachung von Brachen etc.. Auf Vermittlung von Johann Gottfried Herder, (der durch den literarischen Darmstädter „Kreis der Empfindsamen“ Verbindungen zu Darmstadt hatte, das ist aber eine andere Geschichte), erhielt Matthias Claudius 1776 eine Anstellung als Landkommissar in Darmstadt. Ihm oblag die Aufgabe, die Landreform unter die Bauersleute zu bringen. Im Jahr darauf wurde er noch Redakteur der „Hessen-Darmstädtische privilegierte Landzeitung“, das war so etwas, wie das Publikationsmedium des Reformprogramms. Dumm nur, dass die Lesefähigkeit der Bauern damals nicht sehr ausgeprägt war. Die Reform hatte allerdings auch nur mäßigen Erfolg.

Nach seiner Ankunft schrieb Claudius in einem Brief „Die Gegend ist hier ein Paradies.“, und dass es ihm weder an Nahrung, noch an Wein und Tabak (oder war es Kaffee?) mangele. Das mit der Gegend kann ich natürlich bestätigen. Aber es mangelte ihm an der nötigen Beamtenmentalität, und so blieb sein Aufenthalt nur eine einjährige Episode. Das Anfangszitat von Merkel galt übrigens Matthias Claudius.

„Matthias Claudius lässt den Mond steigen“. Zeichnung: Dieter Motzel

Das Abendlied kennt natürlich jeder:

Der Mond ist aufgegangen,


die goldnen Sternlein prangen


am Himmel hell und klar;


der Wald steht schwarz und schweiget,


und aus den Wiesen steiget


der weiße Nebel wunderbar.

 

Wie ist die Welt so stille


und in der Dämmrung Hülle


so traulich und so hold!


Als eine stille Kammer,


wo ihr des Tages Jammer


verschlafen und vergessen sollt.

 

Seht ihr den Mond dort stehen?


Er ist nur halb zu sehen


und ist doch rund und schön!


So sind wohl manche Sachen,


die wir getrost belachen,


weil unsre Augen sie nicht sehn.

 

Wir stolzen Menschenkinder


sind eitel arme Sünder


und wissen gar nicht viel;


wir spinnen Luftgespinste


und suchen viele Künste


und kommen weiter von dem Ziel.

 

Gott, laß uns Dein Heil schauen,


auf nichts Vergänglichs trauen,


nicht Eitelkeit uns freun!

Laß uns einfältig werden


und vor Dir hier auf Erden


wie Kinder fromm und fröhlich sein!

 

Wollst endlich sonder Grämen


aus dieser Welt uns nehmen


durch einen sanften Tod!


Und wenn Du uns genommen,


laß uns in Himmel kommen,


Du, unser Herr und unser Gott!

 

So legt euch denn, ihr Brüder,


in Gottes Namen nieder!


Kalt ist der Abendhauch.


Verschon uns, Gott, mit Strafen;


und laß uns ruhig schlafen


und unsern kranken Nachbarn auch!

 

So schrieb das Matthias Claudius, … und yep, es ist wie schnampampeln am Schnampelweg.

dm

 

Nachtrag:

Zu einem Lied wurde das Gedicht im Jahr 1790. Johann Abraham Schulz vertonte die Strophen seines Freundes Matthias Claudius. Wer will, kann sich an Wader oder Grönemeyer wenden, die haben das auch ab und an in ihrem Programm. Wenn ich singen könnte wie Schubert, würde ich seine Version von 1816 singen. Nur so!

„Kalt ist der Abendhauch“. Zeichnung: Dieter Motzel

 

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Stilleben

19. August 2017 § 11 Kommentare

„Stilleben“, Mischtechnik auf Illustrationskarton, Dieter Motzel

Kahlschlag

10. August 2017 § 15 Kommentare

„Goethe“, Zeichnung, Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Kahlschlag

Den Ratschlag von Goethe beherzigend, schließlich will ich, wenn ich groß bin, ein Künstler werden, wage ich mich ab und an durchaus in Gegenden, die man gemeinhin als Natur bezeichnet. Wetter jedweder Art muss man dabei in Kauf nehmen, auch wenn es für Haustiere wie mich dabei schon mal unangenehm wird. Kurzum, im Februar gab es so einen Tag an dem ich draußen unterwegs war. Der Weg führte mich an dem radikalen Schnitt einer Weide vorbei. Es stimmt immer ein wenig melancholisch, wenn ein Baum sein verbliebenes Gerippe gegen den Himmel reckt.

Foto: Dieter Motzel. Februar 2017

Es brauchte einige Tage, bis sich wieder der Wind in den Blättern der Weide verfangen konnte. (Weiden verknüpfe ich immer mit Wind, dank dem Kinderbuch-Klassiker von Kenneth Grahame). Spontan und völlig überraschend entschloss ich mich im Juli nochmal nach draußen zu gehen. Es war schon erstaunlich zu sehen, über welche Wachstumskraft die Weide verfügt. Obwohl es nicht meinen sonstigen Gewohnheiten entsprach, blieb ich noch einige Tagen draußen, um den Moment nicht zu verpassen, an dem sie wegfliegt.

Foto: Dieter Motzel. Juli 2017

Zeichnung: Dieter Motzel

Ein anderer Kahlschlag gab mir mehr zu denken. Und der ging völlig den Bach runter. Ich stibitzte einem Kerl die Perücke, der ohne dieses Attribut kaum noch zu erkennen war. Ich tat das nicht aus purer Boshaftigkeit. Ich brauchte einfach eine Garage für meinen Hund.

dm

„Bach ohne Perücke“. Zeichnung: Dieter Motzel

„Perücke ohne Bach“. Zeichnung: Dieter Motzel

Wo bin ich?

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