Glückskeks auf Gottesacker

12. Oktober 2017 § 15 Kommentare

„Kontemplation“. Alle Zeichnungen: Dieter Motzel

Glückskeks auf Gottesacker

Sonniges Spätsommerwetter begleitete den Gang durch eine Lindenallee. Licht und Schatten balgten sich in den Blättern um ihren Anteil an diesem Tag. Es ist Mittagszeit und fast menschenleer. Die Gedanken haben genug Raum. Das ist vorteilhaft, wenn man vor einem Friedhof steht, dessen hölzernes Portal den Eintretenden mit den Worten „Gesät wird in Vergänglichkeit“ mahnt. (Auf der gegenüberliegenden Seite des Friedhofes ein weiteres Portal mit der Inschrift: “Auferstanden wird in Unvergänglichkeit“). Beim Betreten kam dann ein überraschendes Hallo aus der Gegenwart. Ein Paar verließ grüßend den Friedhof. Womöglich kennt jemand den Blick von Frauen, die sich zufällig begegnen und dabei feststellen, dass sie das gleiche Kleid tragen. Nun war es die Tasche. Was ich sicher übersehen hätte, wurde von meiner Begleitung, mb, und der uns fremden Frau sofort erkannt und mit den gegenseitigen erstaunten und wortlosen Blicken zur Kenntnis genommen. Bei der Tasche handelte es sich um ein eher seltenes Exemplar einer kleinen hessischen Manufaktur. Auf manchem Friedhof ist Europa ein Dorf.

Foto: dm

Wir stehen auf einem Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine, auf dem sich etwa 2.000 Grabstätten befinden. Auf einem fast rechtwinkligen Feld, umrahmt und durchkreuzt von Lindenalleen, liegen die Grabplatten aus grauem Felsgestein in der gleichen Größe in Reih und Glied ausgerichtet. Hier soll sich die Gleichheit aller Menschen vor Gott im Tod dem Betrachter offenbaren. Ein schmuckloser Gottesacker auf nackter Erde.

Foto: dm

Meist bin ich genug damit beschäftigt, meiner eigenen Dummheit nicht allzu viel Raum zu geben, da bleibt mir kaum Zeit für eine, wie auch immer geartete Glaubensideologie. Das mit der Gleichheit ist natürlich auch nur eine Fiktion, der sich die Realität beharrlich verweigert. Wie es in himmlischen Gefilden damit bestellt ist, sage ich, wenn ich es weiß. Die Herrnhuter Gemeindemitglieder nahmen es mit der Gleichheit jedenfalls auch nicht ganz so penibel. Die Männer wurden westwärts und die Frauen ostwärts in der Reihenfolge ihres Heimgangs beerdigt. An diesem Tag wurden beide Seiten gleichermaßen von der Mittagssonne beschienen und die vertrieb solche Gedanken schnell, zumal ich mich selbst bei diesem herrlichen Wetter eher als Kind fühlte, das den Jackpot bei den Glückskeksen abgeräumt hat.

Fotos: dm

Der Gottesacker wurde 1773 eingeweiht. Die Grabsteine sind alle in der Reihenfolge ihrer Bestattung durchnummeriert. Die Nummer 1 wurde 1774 zur Ruhe gelegt, vier Jahre später war man bei Nummer 11 angelangt. Wer sich die Mühe macht, und die auf immer gleiche Weise in den Stein gehauenen Daten vergleicht, wird die wenig erstaunliche Feststellung machen, dass es in dieser Zeit mit der Lebenserwartung nicht so weit her war. Dafür war der Glaube an die Ewigkeit sicher ausgeprägter als es heute der Fall ist. Ähnliches dachte ich bei der Raupe, die sich auf einer zerfallenen Grabplatte den Platz an der Sonne gesucht hatte. Fingerdick und geschätzte 10 cm lang präsentierte sie sich als fettes Mittagessen für gefiederte Friedhofsbesucher, und ich hielt es für fraglich, ob sie ihr Ziel, ein schöner Nachtfalter zu werden, jemals erreicht. So oder so, irgendwann geht das Licht aus. Was an diesem Ort bleibt, sind die über viele Jahre von Wind und Wetter bearbeiteten Steinplatten, deren feine Schreibschriften immer mehr an Tiefe und Schärfe verlieren. Ebenso wie die Menschen, die darunter begraben liegen. Die Zeit gräbt sie scheinbar immer tiefer in die Erde, und ihre Geschichten werden zu vergessener Geschichte.

Vermutlich die Raupe eines mittleren Weinschwärmers. Foto: dm

Andererseits bemüht man sich hier um die Geschichte, wenn schon die individuellen Geschichten zwangsläufig in Vergessenheit geraten. Der Ort heißt Christiansfeld in Dänemark und er steht mitsamt dem Gottesacker auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Der Name geht auf den dänischen König Christian VII zurück. Der hatte den Plan, die pietistische Herrnhuter Brüdergemeine, eine mehr oder weniger protestantisch orientierte christliche Glaubensgemeinschaft, auf seinem Land siedeln zu lassen. Nicht aus Glaubensgründen, sondern aus wirtschaftlichen Erwägungen. Fleißige Handwerker und Händler waren zu jeder Zeit begehrt. Um etwaige Glaubensdiskussionen im ureigenen Land (Dänemark) zu vermeiden, gab er ihnen einen Flecken Erde im Schleswiger Herzogtum, dessen Chef er damals praktischer Weise auch war. Das Herzogtum gehört heute zur Vergangenheit und zu Dänemark, und die heutigen Glaubensdispute sind, sofern sie überhaupt noch verbal geführt werden, von anderer Natur. Mir genügt es, die Tür abzuschließen, wenn die Missionare von Glaubensgemeinschaften davor stehen. Gleich von welcher Partei sie kommen.

Foto: dm

Das 1773 gegründete Christiansfeld ist eine geplante Stadt mit einem architektonisch geschlossenen historischen Stadtbild. Das macht sie heute noch ganz sehenswert. Honigkuchen ist zwar ein anderes Thema, aber trotzdem sehr lecker. Nach einer alten Rezeptur der Herrnhuter Siedler von 1783 wird er noch heute im historischen Bäckereigebäude hergestellt, und obwohl ich kein Honigkuchen-Experte bin, nur der Mann für die Glückskekse, denke ich, dass er jeden Geschmackstest gut bestehen kann. Für eine andere Errungenschaft der Herrnhuter reicht es, die Werbeblätter der Discounter durchzublättern. Jetzt, wo sich darin schon der Advent und die Weihnachtszeit warmlaufen, muss man nicht lange blättern, um auf einen Herrnhuter-Stern zu stoßen. Das sind die mit den 25 Zacken.

dm

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