Meerzeugs

17. Januar 2018 § 11 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Meerzeugs

Der Strand war menschenleer. Ein feiner, unangenehmer Nieselregen brachte den Gedanken, sich am Wasser bewegen zu wollen, schnell zum Erlöschen. Einige Cafés jenseits der Strandpromenade wären sicher für einige verlockender gewesen, aber sie hatten alle geschlossen. Einzig vor einem Hotel war so etwas wie Betriebsamkeit zu spüren, ein Bus hielt davor. Auf die Entfernung betrachtet, bestand seine Fracht aus leuchtender Funktionskleidung, die sich sehr schnell bewegte, um in das trockene Hotelfoyer zu gelangen.

Zeichnungen: Dieter Motzel

Am vergangenen Tag und schlimmer noch in der Nacht, hatte hier ein Sturm mächtig geblasen und die Schaumkronen der aufgewühlten See am Ufer verteilt. Der gelbe Schaum, den die Gischt auf den zu Hügeln aufgetürmten Tang und Algen hinterließ, garniert mit allerlei Plastikmüll, zeichnete spiegelbildlich am Ufer die Wellen ab, die alles hierhin transportiert hatten. Gestaffelte Wälle für alles, was im Meer seinen Halt verloren hatte. Dazwischen lagen Unmengen an Schalentieren als lohnendes Bankett für spitze Schnäbel. Unter den Schuhsohlen knackten feine Panzer und der Kalk von Muscheln. Hin und her geschoben von der Kraft des aufgewühlten Meerwassers, gab der feine Sand des Strandes lange verschwundene Dinge frei, und ließ andere wieder für lange Zeit verschwinden, vielleicht auch nur bis zum nächsten Sturm.

Zeichnungen: Dieter Motzel

Ob die tote Möwe nun freigespült, oder aber gerade vom Wasser vergraben wurde, kann wohl keiner so genau sagen. Die nassen Federn boten dem Wasser keinen Widerstand mehr, und obwohl er es augenscheinlich nicht war, wirkte der Körper mit den antennenartigen abstehenden Federn arg zerrupft.

Zeichnung: Dieter Motzel

Auf einem Holzsteg der ins Meer hinaus ragte, und vor dessen Betreten ausdrücklich per Schild gewarnt wurde, hatte sich eine junge Möwe niedergelassen, um jeden den Zugang zu erschweren. Resolut und sehr lautstark, nahm sie ihre Aufgabe sehr ernst. Nach einem minutenlangem Gezeter war sie so heiser, dass nur noch ein leises Krächzen zu vernehmen war. Dem Meer war auch die Puste ausgegangen, und nur der Wind war noch bei der Arbeit und riss ein Loch die Wolkendecke.

dm

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