Kassandra-Becken

27. Februar 2018 § 6 Kommentare

„Kassandra“, Gouache/Deckfarben, Dieter Motzel

Kassandra-Becken

Der Weg verläuft am Rande der Felder. Wie grünbraune Handtücher bedecken sie alles bis zum Horizont. Der ist allerdings nicht allzu weit entfernt und besteht aus Bäumen, die den Eindruck eines Waldes erwecken wollen. Je mehr man sich ihm nähert, umso zerrupfter wird dieser Wald, bis er schließlich in kleine baumbestandene Inseln zerfällt, die sich auf dunkler Ackerkrume verteilen. Mal als natürliche Grenze zwischen den Feldern, mal als vergessener Rest im Nirgendwo. Dort, wo selbst die Motorsäge die Mühen der Arbeit scheut, darf relativ ungestört das Vogelgezwitscher wuchern. Wird keine Landmaschine bei der Arbeit behindert, ist ein gewisser Bestandsschutz gewährleistet. In früheren Zeiten, die gerne mit Zuckerguss versehen werden, wurde hier auf den Feldern für Nachschub gesorgt. Zuckerrüben waren, neben Kartoffeln und Kohl, das Hauptgeschäft der Bauern. Der lange schnurgerade Weg führt an vielen Feldern vorbei, bis man an seinem Ende am Rhein steht. Nach Zuckerrüben muss man lange suchen, die süßen Zeiten sind hier vorbei. Die Felderwirtschaft ist vielfältiger geworden. Der Weg ist gut befestigt, und selbst an seinen schlechtesten Stellen besitzt sein Belag genug Widerstandskraft, um schweren Traktorenrädern bleibende Eindrücke zu verwehren. Solche Dinge zu wissen, ist nicht ganz unwichtig bei der Schuhwahl. Trotz des relativ festen Untergrundes, bilden sich bei nassem Wetter kleine Pfützen. Sie bleiben flach und überschaubar. Keine unergründlich tiefen Löcher, wie man sie auf den abzweigenden verschlammten Wirtschaftswegen finden kann. Während der Hund seinen dringenden Alltagsgeschäften nachgeht, bleibe ich oft, zur Überbrückung der Wartezeit, an einer dieser wassergefüllten flachen Mulden stehen und spiele mit meinen Schuhen an den Steinen, die sich am noch flacheren Rand gesammelt hatten. Die Spiegelungen des Himmels im Wasser betrachtend, wird mir bewusst, dass ich eigentlich immer darauf warte, endlich ein Augenpaar zu entdecken, das nicht zu meinem Spiegelbild gehört. Ein unbekanntes Wesen, das mich aus dem Wasser ebenso anstarrt, wie ich die Pfütze anstarre. Bisher blieb dieses Erlebnis aus, mal abgesehen von den Augen einer Schnecke, deren Weg quer durch den, für sie, kleinen See führte. Vor einigen Jahren war ich ganz nah dran, endlich von den Bewohnern der Unterwelt wahrgenommen zu werden: Ich stand am überschaubaren Teich im Garten einer Bekannten. Intensiv (vielleicht kennt jemand den Film: „Männer, die auf Ziegen starren“.) starrte ich in den Teich, und dachte überhaupt nichts, als mich tatsächlich ein dunkles Augenpaar anblickte, das nicht mir gehörte. Es folgte eine Irritation meinerseits, und es dauerte eine Weile das Gesehene zu sortieren. Der kleine Unterweltgeist mit seinem kaum erfassbaren Körper, enträtselte sich als Ringelnatter. In dramaturgische Kurzform gebracht: Mann starrt auf Wasserloch, Ringelnatter starrt auf Mann. Ringelnatter taucht ab. Mann geht seines Weges … und zwar immer dem Hund nach. Die Wasserpfützen auf dem Weg haben ausnahmsweise mal strahlend blaue Augen, die mir entgegenleuchten. Bist du da drin, Kassandra? Antworte mir besser nicht!

dm

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Nachtrag: Die Launen der Friseure

21. Februar 2018 § 6 Kommentare

Alle Zeichnungen: Dieter Motzel

Die Launen der Friseure

18. Februar 2018 § 2 Kommentare

Alle Zeichnungen: Dieter Motzel

Die Hölle ist leer

13. Februar 2018 § 14 Kommentare

Alle Linoldrucke: Dieter Motzel

Die Hölle ist leer

„ Die Hölle ist leer, alle Teufel sind hier“, schrieb Shakespeare seinem nassen Akteur auf den Leib, der gerade im tosenden Meer ums Überleben kämpfte. Halb am Absaufen kann man so etwas schon mal in Richtung Himmel schreien, solange jedenfalls der Kopf noch über Wasser ist. (In solchen misslichen Situationen beklagt man ja gerne die Abwesenheit von Gott, … aber was wäre, wenn er anwesend ist? Also, außer, dass man dann nicht so laut schreien müsste.). Keine Sorge, Ferdinand, Sohn des Königs von Neapel, die ganze Chose hast du Ariel, dem Luftgeist, zu verdanken, und der wird dich auch retten. Sag ich mal so, weil ich in der privilegierten Lage bin, das Ende des Stücks bereits zu kennen, während der gute Ferdinand noch zappeln und Wasser schlucken muss. (Es hat Vorteile, das Ende bereits zu kennen, vermindert in der Regel aber die Spannung. Manchem Politiker raunt man ja nach, dass sie alles vom Ende her denken. Ich hoffe dann meist, dass sie dieses Ende bald mal finden, damit sie endlich mit dem Denken beginnen können.). „Es ist nicht ein Haar umgekommen, und auf ihren Kleidern ist nicht ein Flecken, sondern sie glänzen frischer als zuvor“ … und müssen nicht mal auf den Wäscheständer, möchte ich noch ergänzen, ohne zu wissen, wie es 1611, als Shakespeare seinen Sturm uraufführte, mit Wäscheständern bestellt war. Ariel gab es immerhin schon;) Ja, die Geister, die ich rief, … die guten wie die bösen haben meist einen Auftraggeber, der höchst irdischer Natur ist. Bei Shakespeare ist es Persil, sorry, Prospero, der seinem dienstbaren Luftgeist auch gleich klar machte, wie’s läuft: „Ariel, du hast meinen Auftrag pünktlich ausgerichtet, aber es ist noch mehr Arbeit, …“ (Das nennt man Motivation, ein bisschen Lob am Anfang, und dann der Fingerzeig …). Seinen Stücken nach zu urteilen, war Shakespeare mit allen menschlichen Unzulänglichkeiten bestens vertraut. Er wusste, dass Himmel und Hölle der Raum ist, durch den wir uns alltäglich bewegen. Zusammen mit all den Geistern die uns umtreiben. Bei uns, dem geneigten Leser und mir, sind es natürlich nur die guten Geister, ist doch klar!

dm

Bimbammel

8. Februar 2018 § 6 Kommentare

Foto: dm

Bimbammel

Donnerstag ertönt die Handglocke, irgendwann zwischen 15 und 17 Uhr. Ihr Gebimmel ist trotz reichlich Verkehrslärm kaum zu überhören. Ein aus der Zeit gefallener Anachronismus, der im grünen Sprinter vorfährt. Geparkt wird in der zweiten Fahrspur einer vielbefahrenen Straße. Die hintere Tür des Kastenwagens öffnet sich und Kartoffeln, Karotten und Eier wechseln den Besitzer, verbunden mit einem kleinen Plausch über die Alltäglichkeiten des Lebens, und ab einem gewissen Alter, die der Krankheiten und des Sterbens. Es sind viele Ältere, die das Angebot ihres Bauers nutzen, um wenig später mit mühsam ausbalancierten Frisch-Ei-Paletten auf dem Arm, die wenigen Lücken im dichten Verkehr suchen, die ein einigermaßen sicheres Überqueren der Straße erlauben. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass alternative Angebote nur wenige Meter entfernt zu finden sind. In unmittelbarer Nähe zur Innenstadt findet man hier alle Dinge, die man zum täglichen Überleben braucht, und alles ist in Schlagdistanz. Die nächste Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs ist eine Minute Fußweg entfernt. Rein theoretisch steht die Welt zum Einkaufen offen. Nach 30 Minuten S-Bahn-Fahrt kann man sich in Frankfurt ausspucken lassen, um die Kleine Markthalle zu plündern, oder wahlweise am Flughafen aussteigen. Guter Anschluss und einen gut gefüllten Klingelbeutel vorausgesetzt, kann man seine Kartoffeln zwei Stunden später auf einem römischen Markt einkaufen und nach einem guten Mittagessen ist man abends wieder zurück. Wir leben schließlich in einer globalisierten Welt.

Foto: dm

Den wenigen Leuten, die am grünen Sprinter stehen und ihre Kartoffeln kaufen, wird dieses wirtschaftliche Konstrukt der globalisierten Welt, das zur Erklärung von vielem Unsinn im Positiven wie im Negativen herhalten muss, recht egal sein. Für sie ist es wichtig, dass am Donnerstag die Handglocke bimmelt, und sie den Bauern persönlich befragen können, ob die Kartoffeln gut schmecken und wie das Wetter der nächsten Tage so wird. Und das ist ja nicht schlecht. Na ja, bis auf das Wetter vielleicht. Bauernregeln ist auch nur bedingt zu trauen.

dm

Foto: dm

Nachts sind alle Farben erfunden

3. Februar 2018 § 22 Kommentare

Eine Schmierzettel-Leinwand. Dieter Motzel

Nachts sind alle Farben erfunden

„Wollen Sie die Farbinformation verlieren?“, fragt freundlicherweise mein Bildbearbeitungsprogramm, wenn ein Farbbild in Graustufen umgewandelt werden soll. Es sei nur am Rande bemerkt, dass das Bild dabei natürlich mehr verliert, als nur die Farbinformation. Ich kann mich nicht erinnern, dass der Winter mir diese nicht unwichtige Information, als Option zur Verfügung gestellt hätte. Ich musste einfach hinnehmen, dass die Farbinformation über Monate verloren ging. Grau, Grau und Grau, gerne zusammengefasst als Grau-in-Grau. Seit Beginn der Wetteraufzeichnung, lässt uns der Deutsche Wetterdienst wissen, ist ein Winter noch nie so grau und trüb gewesen wie der diesjährige. Erstaunlich, dass ein Farbreiz, der dunkler als Weiß und heller als Schwarz ist, so bestimmend sein kann. Das Adjektiv gräulich ist mit Abscheu und Widerwillen verbunden, und so ziemlich alle grauen Wortverwendungen enden irgendwo in diesem Bereich. Vom Alltagsgrau bis zur grauen Maus summiert sich viel Negatives auf eine Farbe, die gar keine ist. Grau sollte als Gefühl bezeichnet werden, oder als eine Emotion, die kräftig nach unten Austritt. Wenn ich mir einen solchen Grau-in-Grau-Tag auf den digitalen Bildschirm legen würde, (Bildschirm fixiert, wie wir nun mal sind), könnte ich theoretisch 256 Grauabstufungen wahrnehmen. Immerhin ein schönes Spektrum zwischen Schwarz und Weiß, das uns einen grauen Tag differenzieren lassen würde. In Anbetracht dessen, dass das menschliche Auge so grob geschätzt 60 Grautöne unterscheiden kann, hätte der 256-Grauabstufungen-Tag immer noch mehr zu bieten, als wir wahrnehmen. So gesehen, hat ein Grau-in-Grau-Tag noch reichlich Luft nach oben, wenn wir sie nur wahrnehmen könnten.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldener Baum“, lässt Goethe in seinem Faust sprechen. Rein praktisch bin ich weniger bei Mephistopheles, der verheißungsvoll das Leben in grüngoldener Verlockung erscheinen lässt, als Zeichner mag ich einfach den grauen Sumpf aus verschwärzlichter Farbpampe, hier fühle ich mich rechtschaffen wohl. Aristoteles, der in seinem Werk „Über die Sinne“ zu der Annahme kam, dass Farben sich in unterschiedlichen Mischungen aus Schwarz und Weiß zusammensetzen, erscheint mir dann näher, völlig unabhängig von allen physikalischen und neurologischen Erkenntnissen. Einige halten Farben sowieso nur für eine Erfindung unseres Gehirns. Der Ursprung aller Bilder ist für mich Schwarz-Weiß in vielen Schattierungen, und die Farben mag sich bitte jeder selbst denken.

dm

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel. Wer hier eine Farbe entdeckt, der hat sie sich erfunden.

Wo bin ich?

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