Bimbammel

8. Februar 2018 § 6 Kommentare

Foto: dm

Bimbammel

Donnerstag ertönt die Handglocke, irgendwann zwischen 15 und 17 Uhr. Ihr Gebimmel ist trotz reichlich Verkehrslärm kaum zu überhören. Ein aus der Zeit gefallener Anachronismus, der im grünen Sprinter vorfährt. Geparkt wird in der zweiten Fahrspur einer vielbefahrenen Straße. Die hintere Tür des Kastenwagens öffnet sich und Kartoffeln, Karotten und Eier wechseln den Besitzer, verbunden mit einem kleinen Plausch über die Alltäglichkeiten des Lebens, und ab einem gewissen Alter, die der Krankheiten und des Sterbens. Es sind viele Ältere, die das Angebot ihres Bauers nutzen, um wenig später mit mühsam ausbalancierten Frisch-Ei-Paletten auf dem Arm, die wenigen Lücken im dichten Verkehr suchen, die ein einigermaßen sicheres Überqueren der Straße erlauben. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass alternative Angebote nur wenige Meter entfernt zu finden sind. In unmittelbarer Nähe zur Innenstadt findet man hier alle Dinge, die man zum täglichen Überleben braucht, und alles ist in Schlagdistanz. Die nächste Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs ist eine Minute Fußweg entfernt. Rein theoretisch steht die Welt zum Einkaufen offen. Nach 30 Minuten S-Bahn-Fahrt kann man sich in Frankfurt ausspucken lassen, um die Kleine Markthalle zu plündern, oder wahlweise am Flughafen aussteigen. Guter Anschluss und einen gut gefüllten Klingelbeutel vorausgesetzt, kann man seine Kartoffeln zwei Stunden später auf einem römischen Markt einkaufen und nach einem guten Mittagessen ist man abends wieder zurück. Wir leben schließlich in einer globalisierten Welt.

Foto: dm

Den wenigen Leuten, die am grünen Sprinter stehen und ihre Kartoffeln kaufen, wird dieses wirtschaftliche Konstrukt der globalisierten Welt, das zur Erklärung von vielem Unsinn im Positiven wie im Negativen herhalten muss, recht egal sein. Für sie ist es wichtig, dass am Donnerstag die Handglocke bimmelt, und sie den Bauern persönlich befragen können, ob die Kartoffeln gut schmecken und wie das Wetter der nächsten Tage so wird. Und das ist ja nicht schlecht. Na ja, bis auf das Wetter vielleicht. Bauernregeln ist auch nur bedingt zu trauen.

dm

Foto: dm

Advertisements

§ 6 Antworten auf Bimbammel

  • Mir gefällt dieser spezielle Anachronismus.

    Auc in meiner Heimat bimmelt samstags ein Bäcker – man muß sich beeilen, damit er nicht weg ist. Ihn abpassen sozusagen!

    Mit anderen Gütern verhält es sich ähnlich: Ich kaufe ab und an CDs in einem altehrwürdigen Laden. Der Verkäufer kennt meine musikalischen Vorlieben genau. Ich schwätzte mit ihm gerne ein Weilchen.
    Als geschulter Musikliebhaber kann ich mir jedwede Scheibe übers Netz kaufen und mich zu allem Neuen informieren. Aber ich ziehe ab und an den Laden vor.

    Buchläden: Da habe ich zwei, die ich aufsuche. Man kennt mich in einem mit Namen, auch wenn ich mal zwei Monate nicht da war. Es fühlt sich gut an, als Leseratte (die ich nicht völlig bin) wahrgenommen zu werden und ein wenig zu fachsimpeln.

    • Deine Einstellung, erscheint mir vernünftig. Ich finde es auch richtig, kleine inhabergeführte Geschäfte in der Region durch Käufe zu unterstützen, und nur dadurch kann man sie unterstützen. Die einzige Bestandsgarantie, die sie haben, sind erwirtschafte Gewinne, und nicht unbedingt Petitionen, die man für deren Erhalt unterschreibt. Hier muss jeder selbst wissen, wie er sich dazu verhält. Aber spätestens wenn man sagt: Wenn das jeder machen würde … bekommt man Probleme. Wenn nun jeder seine Äpfel am Sprinter kaufen wollte, käme der Bauer schnell an seine Grenzen, dann die Bauern der Region, dann die im ganzen Land … wir sind halt längst kein Agrarland mehr. Von den Äpfeln, die wir hier im Land verbrauchen, stammen noch nicht mal 40% aus einheimischer Produktion, bei Gemüse sieht es ähnlich aus. Wir sind auf Importe angewiesen, weil das Kaufen von Produkten aus der Region eigentlich sehr enge quantitative Grenzen hat, von der Qualität will ich gar nicht erst reden.
      Vielen Dank für Deinen Kommentar!

      • Da kam viel zurück!

        Erst heute, um dem etwas Humoristisches anzufügen, holte ich ein Buch in dem örtl. Buchladen ab, muß aber vermutlich mit einem Strafzettel rechnen, weil kein EINZIGERr Parkplatz in der Nähe und im Parkhaus frei war.
        Also wirds dann doch teurer 😉

        Ich denke, ein „Gemischt“geschäft ist gut. Es gibt solche Angebote, mit all den zusätzlichen Möglichkeiten wie guten Kontakt … und etwa Wärme.

      • Dann hoffe ich mal, dass das Buch wenigstens zu einem Erkenntnisgewinn wird;)

  • eimaeckel sagt:

    Ich zahle jeden Monat meinen Mitglieds-Beitrag zum selbstverwalteten Bio-Laden um die Ecke, einfach weil ich mich freue, wenn mich jemand wiedererkennt, wenn ich den Laden betrete und sich mit mir über meine Kinder freut. Tolles Foto, übrigens. Ich dachte ja, das sei die Zufahrt zu einer Müllhalde. Aber moderne Landwirtschaft hat ja auch was von ex und hopp.

    • Es hebt die Wertigkeit vieler Produkte, wenn man sie mit realen Menschen in Verbindung bringen kann. Dabei ist natürlich die Interaktion zwischen Produkt/ Verkäufer und dem Käufer sehr wichtig. Das gilt für alle Produkte, denn nicht umsonst bewerben in der gängigen Reklame so viele Promis Produkte. Es wäre nicht das Schlechteste, wenn jeder seinen Bauern des Vertrauens hätte, oder seinen Händler. Es hat viele Vorteile, die regionalen Strukturen zu stützen. Gerade in der Landwirtschaft hat der kleine Bauer immer mehr Schwierigkeiten, denen er nur kluge Vermarktungskonzepte entgegensetzen kann.
      Ich bin oft mit dem Hund auf den Feldern der Umgebung unterwegs, und allein von dem Vielen das noch auf leergeräumten und abgeernteten Feldern liegenbleibt, könnte ich locker meinen Jahresbedarf decken. Es gab Zeiten, die noch nicht so lange zurückliegen, da hätte man nach der Kartoffelernte keine einzige liegengebliebene entdeckt. In unserer satten Gesellschaft hat man die Wertigkeit der Dinge aus den Augen verloren.
      Vielen Dank!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Bimbammel auf haushundhirschblog.

Meta

%d Bloggern gefällt das: