Die Schwester

20. August 2011 § 10 Kommentare

Illustration: Dieter Motzel

Die Schwester

Ich liege auf dem Rücken und zwinge mich, meine Augen noch eine Weile geschlossen zu halten, weil ich heute nichts sehen will, das mich an sie erinnert. Wenn ich jetzt mit geöffneten Augen zur Seite sehen würde, dann könnte ich sein schlafendes, ahnungsloses, unverdächtiges Gesicht sehen, das ich schon so oft gesehen habe. Ich könnte sehen, wie er da liegt, ohne einen Verdacht zu hegen. Ich würde seinen leicht geöffneten, im Schlaf ganz entspannten Mund sehen, seine kleinen, runden Ohren würde ich sehen, und ich würde auch sie sehen. Wie sie ihre Haare langsam hinter ihr kleines und rundes Ohr streicht, um die Vase aus dem Schrank zu holen. Wie sie damit in das Wohnzimmer geht.

Aber selbst wenn ich meine Augen nie wieder öffnete, wenn ich sie noch tage- und jahrelang geschlossen hielte, wenn ich sie mir zubinden oder mir ausreißen würde, hätte ich die Bilder immer noch, und ich hätte noch immer diesen Geruch. Denn sie riechen alle ganz ähnlich. Er riecht immer noch wie sie.

Zunächst, als ich ihn kennenlernte, dachte ich, dass ein bestimmtes Waschmittel, das die Mutter benutzte, dafür verantwortlich wäre. Oder vielleicht eine Seife, mit der sie sich die Hände wuschen, sich abwuschen und rein wuschen. Außer der Mutter wohnte auch sie noch dort, so wie jetzt immer noch. So wie jetzt erst recht.

Wenn ich also meine Augen heute nicht und morgen nicht oder nie mehr öffnen würde, hätte ich immer noch den Geruch in der Nase und um mich, den ich roch, als seine Schwester ins Wohnzimmer zu der Mutter ging. Und wenn ich nicht mehr riechen könnte, wenn ich seinen Geruch nicht mehr einatmen müsste, dann hätte ich diesen Duft, der jetzt kein Duft mehr ist, in der Nase, sobald meine Kinder sich an mir vorbei bewegten, vielleicht um etwas aus einem Schrank zu holen. Denn auch die Kinder riechen nach ihm und nach seiner Mutter und nach ihr. Es würde mir also nichts nützen, Augen und Nase zu verschließen, denn ich habe immer noch Ohren, die alles gehört haben.

Jetzt höre ich die Kinder, die sich oben, in dem ausgebauten Dachgeschoss nun kein Zimmer mehr teilen müssen. „Der Junge ist acht und das Mädchen ist vierzehn, wie soll das gut gehen auf Dauer?“, hatte sie bei ihrem letzten Besuch zu ihm gesagt. Und dabei sah sie ihn verschwörerisch an, wie sie ihn immer verschwörerisch ansah, und sie bebte ein wenig, sodass sich ihre schweren Brüste hoben und wieder senkten. Er sah zur Seite und schloss leicht die Augen, bestellte einen ganzen Bautrupp, der zwei Zimmer errichtete, und schlief nachts wieder ruhiger, mit halb geöffnetem, entspanntem Mund.

Wenn ich also keine Augen, keine Nase und kein Gehör mehr besäße, wenn ich alles zukitten und verbinden und verschließen würde, so hätte ich immer noch Beine, mit denen ich gehen könnte. Dann müsste ich jetzt aufstehen, aus diesem Bett aufstehen und auf diesen Beinen und mit meinen Füßen gehen, Schritte tun. Ich könnte zum Beispiel zum Telefon gehen. Oder ins Bad, würde mich dann von oben bis unten waschen und reisefertig machen. Die Tickets liegen auf dem Küchentisch, viermal „Frankfurt Hauptbahnhof – Berlin Hauptbahnhof“ und zurück. Hoffentlich zurück.

Natürlich nur, wenn ich entscheide, nicht zum Telefon zu gehen. In Berlin würde sie auf uns warten. Und wie sie auf uns warten würde! Denn vielleicht hat sie mich auch gesehen oder gerochen oder gehört, an diesem Tag, als sie die Mutter anschrie.

Ich stelle mir vor, wie sie bereits ab zwölf Uhr im Bahnhofscafé nervös von hier nach dort starrt, mal auf die Uhr, dann wieder zum Eingang, dann auf ihre Finger, die auf dem grauen Plastiktisch herum klopfen, als würde dadurch die Zeit schneller vergehen. Ich stelle mir vor, wie ahnungsvoll, vorausschauend sie in diesem Moment weiß, dass ihre Zeit jetzt immer noch langsamer verstreichen wird, mit jedem einzelnen Tag ein wenig langsamer, immer noch langsamer.

Ich stelle mir meine Zeit vor. Meine Zeit, die ich heute habe, um entweder ein Telefonat zu führen, oder um einfach liegen zu bleiben, mich nicht zu bewegen, keinen Schritt zu tun. Aber jetzt zieht er mich schon an den Armen aus dem Bett, er küsst mich, wie er es jeden Morgen tut, und ich muss losgehen mit meinen Beinen, um ihn nicht riechen zu müssen. Ins Bad vielleicht. Das würde er erwarten. Und jetzt sagt er es auch, und ich höre es: „Hey, es ist spät. Es ist höllisch spät!“. Ich bin sicher, dass er recht hat, denn eigentlich ist es schon viel zu spät. Es ist längst zu spät für einen Anruf bei der Polizei. Das weiß ich jetzt.

Er schiebt mich ins Bad und heute bitte ich ihn, mich alleine zu lassen. Wie ich ihn gestern und vorgestern und die ganze Woche schon darum bat. Er sagt, dass ich mich beeilen muss, und er ruft mir hinterher: „Heute geht es um was!“.

‚Heute geht es um was’ wiederhole ich leise, und ich frage mich, ob es um die Mutter oder die Schwester oder um meine Zeit geht, die ich jetzt so lange strecken und ziehen und ausdehnen muss, um weder das Telefon (zu spät) noch den Bahnhof erreichen zu müssen.

Im Bad stütze ich mich auf das Waschbecken und wasche mich nicht. Ich ziehe auch nicht den schwarzen Rock und die schwarze Bluse und die schwarzen Strümpfe an, die er mir gestern auf den Badezimmerhocker gelegt hat. Ich putze mir nicht die Zähne und ich bürste mir immer noch nicht das Haar, als er gegen die Tür klopft und ungeduldig bittet: „Du musst Dich beeilen, die warten da nicht auf uns!“.

Ich beeile mich, meine Gedanken zu ordnen. Ich will nachdenken, was ich für ihn tun kann. Ob ich ihn einweihen soll in mein Geheimnis. In ein Geheimnis, dessen Motiv in seinem Geheimnis liegt, eines, das er mir vorenthielt, in das er mich nicht einweihen wollte. „Sie bringt mich um, wenn wir zu spät kommen! Bitte, reiß Dich zusammen, wir müssen los!“ höre ich ihn rufen, und jetzt klopft er nicht mehr gegen die Badezimmertür, sondern hämmert ein wenig auf ihr rum, damit ich den Ernst der Lage erkenne. Dabei weiß ich längst, wie ernst es ist, und ich weiß auch, in welcher Lage er sich befand, als seine Schwester sich über ihn beugte. Vor allem weiß ich, wie sie sich über die Mutter beugte, an dem Tag, an dem ich in Berlin war, und sie nichts davon wusste.

Zuerst war sie in die Küche gegangen, das sah ich, und sie holte eine Vase aus einem Schrank. Und sie strich sich die Haare hinter eines ihrer Ohren. Sie war ruhig. Ich nahm ihren Geruch wahr, als ich am offenen Fenster stand, in die Küche sah und mich nicht bemerkbar machte.

Nur eine einzige ihrer Bewegungen war es, die mich zögern ließ, ins Haus zu gehen. Mich zu erkennen zu geben. Zu klingeln, zu rufen oder mich zu rühren. Es schien unwirklich, wie ein Bruch in einer Geschichte, in einem Bild, in einer Bewegung, aber ich sah deutlich, dass sie die Vase, die sie aus dem Schrank genommen hatte, jetzt umdrehte. Sie fasste den Fuß der Vase und hielt die Öffnung nach unten. Jetzt bewegte ich mich mit ihr entlang der Fenster, während sie von der Küche ins Wohnzimmer ging. Sie war immer noch ruhig. Von draußen sah ich sie jetzt, wie sie ihrer und seiner Mutter gegenüberstand.

„Zum allerletzten Mal: wenn Du jetzt nicht raus kommst, verpassen wir den Zug! Es geht um was! Es geht um etwas für mich! Warum machst Du das? Was ist los?“, schreit er jetzt lauter und ich höre, weil ich immer noch hören kann, dass er gegen die Türe tritt. Als ich mich zur Türe wende und sie beinah öffne, will ich immer noch etwas für ihn tun. Ich kann niemanden mehr anrufen und ich weiß – wie er es weiß – dass wir jetzt diesen Zug nach Berlin nicht mehr erreichen werden. Ich sage: „Sie wusste es!“. Und er brüllt zurück: „Wer wusste was?“

„Deine Mutter! Sie wusste es! Sie hat es die ganze Zeit gewusst!“ Und er jault und stöhnt auf, um mir deutlich zu machen, dass es jetzt Zeit wird und er meine Fragen satt hat und ich auf der Stelle dieses Bad verlassen muss, um noch irgendwie zu der Beerdigung seiner Mutter kommen zu können.

„Was um alles in der Welt willst Du mir sagen?“, fragt er

Aber ich kann einfach nicht mehr antworten.

mb

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