Wir Helden

13. April 2018 § 12 Kommentare

Gottes Werk …
Foto: Dieter Motzel

Wir Helden

Als Bösmensch, fernab von moralischer Überlegenheit, ist das Leben eigentlich ganz erträglich. Ich kann auf den derzeit beliebten Empörungsmodus, gegen was auch immer, gänzlich verzichten und komme dafür mit einem Minimum an Heuchelei aus. Und die Planeten-Rettung ist mir auch wurscht. Das spricht natürlich alles gegen ein moralisch einwandfreies und sozialverträgliches Zusammenleben, und in der Tat, das ist mit mir nicht immer einfach. Ich kenne einige, die ein vielstrophiges Lied darüber zu singen wüssten. Vermutlich würde ich ihnen sogar zustimmen, …. also, unter Umständen, vielleicht.

So könnten Bekannte aussehen, die gewöhnlich ganz nett sind. Als entspannter Beifahrer schaue ich schon mal bei einer Rotphase ins benachbarte Autofenster. Das Book’n’drive-Fahrzeug lässt Schlüsse über den Fahrer zu. Ich kann es selten lassen, mir ein Bild zu malen. Zum Glück dauern Rotphasen an Ampeln keine Ewigkeit, sonst ließen sich in dieser Zeit Biografien schreiben. Muss ja dann nicht alles stimmen. Auf der vierspurigen Straße im Stadtbereich, entspanntes Wochenende zumal, schlendert man mehr, als dass man zügig fährt. Nach ein wenig Spurwechsel, bedingt durch parkende Autos, fährt der Ampelnachbar vor uns auf der linken Spur, wir fahren rechts. Ein recht waghalsiger und abrupter Spurwechsel von ihm, zwingt uns zu einem ebenso abrupten Bremsmanöver. Die uns nachfolgenden Fahrzeuge natürlich auch. Aus Protest schicken wir ihm noch ein Hupen hinterher. Klar, dass das nicht ohne Sanktionen bleiben darf. Er bremst uns fast bis zum Stillstand aus und schimpft mit erhobenem Zeigefinger. Ja, so könnten Bekannte aussehen, die gewöhnlich ganz nett sind. Gerne würde ich wissen, ob er sich selbst sanktionierte, als er tatsächlich die nächste Ampel bei Rot überfuhr. Ich glaube, dass ich ziemlich böse gegrinst habe. Zumal ich wusste, dass sie eine Blitzanlage hat, die Ampel.

dm

… und die Anmerkung des Teufels.
Foto: Dieter Motzel

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Ahr-Ännchen

12. März 2018 § 16 Kommentare

Foto: dm

Ahr-Ännchen

Oh Mann, da ist sie schon wieder. Kaum, dass ich aus der Tür getreten war, lachte sie mich an und winkte verlockend mit ihrem Weinkrug. Dabei drehte der Ahr-Rotwein des vergangenen Abends noch seine Runden in meinem Kopf. Aber Ännchen stand schon mit ihrem Krug bereit und wartete auf die ersten Gäste. Neben ihr auf der Hauswand steht in großen Lettern: Anno Domini 1763. Trotz ihres jugendlichen Aussehens ist sie anscheinend doch ein paar Jahre älter als ich, und vermutlich wird sie mich auch um einige Jahre überleben. Die Voraussetzungen dafür sind nicht so schlecht. Was Rüdesheim für den Rheingau ist Ahrweiler für das Ahrtal. Und ich stand gerade in seiner „Drosselgasse“, als Ännchen sich alle Mühe gab, um mich zu verführen. Vor dem ersten morgendlichen Kaffee bin ich aber recht unleidlich und wortkarg (danach wird es ein wenig besser), deshalb ließ ich sie links liegen. Die sonst so proppenvolle Gasse der Weinseligkeit war noch ungewohnt leer. Das war vermutlich der frühen Stunde eines Tages außerhalb der Saison geschuldet, vielleicht auch dem eiskalten Wetter der vorangegangenen Tage. An den schattigen Stellen zeugten noch zähe Schneehäufchen davon. Viele Besucher, denen man hier begegnet, haben ihre Wanderstiefel geschnürt. Der Rotwein-Wanderweg lockt und abends die zahlreichen Schänken, in denen das Getränk ausgeschenkt wird, welches dem Wanderweg seinen Namen gab. Das Weinbaugebiet der Ahr ist das größte geschlossene Rotweinanbaugebiet in Deutschland. Wer dem touristischen Powerpack in Ahrweiler entfliehen möchte, hat es schwer, wenn er denn mal hier ist. Die Altstadt ist von einer Mauer umschlossen, da gibt es kein Entrinnen, wenn man nicht eines der vier Stadttore findet. Private Beziehungen führen mich ab und an hier her, und mittlerweile bin ich schon durch alle Tore gegangen. Das gibt ein sicheres Gefühl, wenn man die Fluchtwege kennt. An diesem frühen Sonntagmorgen gab es keinen Grund zur Flucht. Die Gassen waren noch ausgestorben und nur einige Bäckereien hatten geöffnet. Der Hund führte mich zielstrebig zum Marktplatz. Auf den umstehenden Bänken lagen noch die Reste des Schneeregens, der am Abend zuvor den Heimweg eher ein bisschen unangenehm gestaltet hatte. Einen älteren Mann schien das nicht zu stören. Vor der St.-Laurentius-Kirche hatte er es sich auf einer Bank bequem gemacht. Saß der nicht schon in der vergangenen Nacht dort, ich war mir nicht mehr sicher. Vielleicht war er ja der Nachtwächter der Kirche oder suchte ihre Nähe. Wenn nichts mehr hilft, richtet auch der Atheist sein Stoßgebet in Richtung des Himmels, wenn auch heimlich. Jedenfalls ließ er mich an diesem Morgen nicht aus den Augen, als ich auf dem Marktplatz herumspazierte, d. h., mehr oder weniger dem Hund folgte. Gut, ich war auch der Einzige auf dem Platz, außer ihm. Ich widmete mich lieber dem Blick auf die steil aufragenden Weinberge, die hier gleich hinter den Häusern zum Himmel streben. Eiskalt, frostig und schneebestäubt strebt das Vulkangestein in die Höhe, schon sanft von der Sonne gestreichelt, die diesen Tag begleiten sollte. Mir fiel auf, dass ich die Kirche umkreist hatte. Ich stand schon einige Male davor, habe sie aber nie betreten. Dabei soll es sich lohnen, im Innern schmücken Wandmalereien aus einigen Jahrhunderten die Wände der St.-Laurentius-Kirche. Sie gilt als die älteste gotische Hallenkirche des Rheinlandes und seit 1269 wurde daran herumgewerkelt. Durch die protestantischen Bilderstürmereien vergangener Jahrhunderte, die evangelische Kirchen entleerten, habe ich oft den Eindruck, dass so etwas wie Spiritualität nur noch in katholischen Kirchen zu finden ist, kunsthistorisch Interessantes sowieso. Bei den Protestanten könnten im Kircheninnern auch regelmäßig die Sitzungen der örtlichen Versicherungsvertreter stattfinden. Gut, dort bräuchte man sicher auch einen festen Glauben.

Foto: dm

Im Schaufenster eines kleinen Antiquariates entdeckte ich, neben den üblichen lieblosen Aquarellen und Stadtansichten der regionalen Tourismus-Bedarfsmaler, einen meisterlich radierten Hasen. Aufrecht stehend schaute er mich recht provokant an. So steht und schaut er schon seit 1923, als er durch die Druckpresse auf Papier gebannt wurde. Den Namen des Grafikers kann ich nicht entziffern, aber der hat eine handwerklich perfekte Arbeit abgeliefert, und ich mag so etwas. Er erinnerte mich in der Ausführung und im Stil ein wenig an Richard Müller, dessen Werk fast in Vergessenheit geraten ist. Allerdings würden beim Betrachten seines druckgrafischen Werkes heute auch einige Twitter-Mädels hyperventilieren und ein ganz schlechtes Bauchgefühl bekommen. Mittlerweile ist die Bilderstürmerei wieder sehr beliebt. Keine Überraschung, die Gegenwart ist immer auch schon viele Jahrhunderte alt. Meister Lampe im Schaufenster juckt das alles nicht. Er wird sicherlich seinen Käufer finden. Preisschild hat er keines, aber er wird einige Thaler kosten. Schließlich naht das Osterfest. Wer möchte da nicht seinen eigenen Osterhasen haben?

dm

Foto: dm

Teufelsküche

6. März 2018 § 4 Kommentare

„Beherzt“, Linoldruck, Dieter Motzel

Teufelsküche

Das leise Knacken der Luft ist ein untrügliches Zeichen für klirrende Kälte. Eine Eisplatte hat sich von einem der Dächer gelöst und ist beim Aufprall auf die Straße in tausend kleine Teile zerborsten. Ein mittelgroßes Teil klatscht mir an den Kopf. War also doch nicht die Luft, die leise geknackt hat, sag ich mal so. Der böige Ostwind treibt mir Tränen in die Augen, und beim Aufsammeln des Hundehaufens verschwimmt mir die Sicht im eigenen Wasser. Bin gar nicht mehr sicher, ob ich auch den richtigen Haufen erwischt habe. Jedenfalls ist etwas Weiches in der Tüte, die sich warm anfühlt. Kann also nicht so falsch gewesen sein, und wenn, es zählt die Geste des guten Willens. Es macht wenig Sinn, dem Hund einen Stock zu reichen, damit er mich sicher nach Hause geleitet. Ich habe ihn schon an der Leine, und er tut sein Bestes, mich in der Richtung zu halten. Unter Blinden ist der Einäugige König, heißt es. Die Möglichkeit seines einäugigen Sehens hat einfach den Vorteil, einen Trupp voller Blinder stolperfrei auf den Weg zu bringen und vielleicht sogar schon das Ziel vor Augen zu sehen. Ob es der richtige oder der falsche Weg ist, sei einmal dahingestellt. Dass so mancher Wege schwierig zu begehen ist, weiß auch jeder Sehende. Hindernisse, Stolperfallen und Gefahren, die Abseits bereits lauern, um an der nächsten Biegung sehr real zu werden. Wenn der Teufel ein Bein ausstellt, kann auch der Umsichtigste der Einäugigen nicht verhindern, dass ein Blinder strauchelt. Dann kann einiges in Zweifel gezogen werden.

„Baumschüttler“, Linoldruck, Dieter Motzel

„Wozu brauchen wir den Einäugigen als König, wenn er nicht verhindern kann, dass wir ins Straucheln geraten und ich mir dabei den Kopf anstoße?“

„Der hält sich nur für etwas Besseres. Dabei hat er auch nur ein Auge, und auf dem zweiten ist er genau so blind wie wir.“

„Vielleicht behauptet er auch nur, dass er einäugig ist. Oder hat es tatsächlich mal einer von uns gesehen, sein Auge! Nein? Na, da seht ihr es!“

„Es sollte einer von uns Blinden der Anführer sein. Ein Gleicher unter Gleichen!“

„Jawohl, nur ein Blinder hat das Recht einen Blinden zu führen!“

„Ja, wir nehmen uns alle an die Hand, und bilden eine Kette mit gleich starken Gliedern!“

„Wer geht als Erster voran?“

„Wir können uns ja abwechseln. Ich fange an!“

„Warum du, ich könnte auch den Anfang machen …“

„Stopp, ich mache den Anfang, ich bin der Älteste!“

„Ach ja, der Älteste, und was ist mit mir, ich bin der Jüngste. Ich habe noch Ausdauer und Kraft, ich gehe vorne weg!“

„Aber was ist mit ihm? Er ist nicht nur blind, sondern auch stumm. Er ist nicht schlechter als wir und er darf nicht ausgegrenzt werden. Ihm müssen wir unsere Stimme geben, soll er uns anführen!“

„Nein, der muss es machen. Er ist blind und taubstumm, ein wahrhafter Seher! Er soll unser Anführer sein!“

Alles nicht so einfach, wenn der Teufel anfängt in die Suppe zu spucken.

dm

„Fischer“, Linoldruck, Dieter Motzel

Kassandra-Becken

27. Februar 2018 § 6 Kommentare

„Kassandra“, Gouache/Deckfarben, Dieter Motzel

Kassandra-Becken

Der Weg verläuft am Rande der Felder. Wie grünbraune Handtücher bedecken sie alles bis zum Horizont. Der ist allerdings nicht allzu weit entfernt und besteht aus Bäumen, die den Eindruck eines Waldes erwecken wollen. Je mehr man sich ihm nähert, umso zerrupfter wird dieser Wald, bis er schließlich in kleine baumbestandene Inseln zerfällt, die sich auf dunkler Ackerkrume verteilen. Mal als natürliche Grenze zwischen den Feldern, mal als vergessener Rest im Nirgendwo. Dort, wo selbst die Motorsäge die Mühen der Arbeit scheut, darf relativ ungestört das Vogelgezwitscher wuchern. Wird keine Landmaschine bei der Arbeit behindert, ist ein gewisser Bestandsschutz gewährleistet. In früheren Zeiten, die gerne mit Zuckerguss versehen werden, wurde hier auf den Feldern für Nachschub gesorgt. Zuckerrüben waren, neben Kartoffeln und Kohl, das Hauptgeschäft der Bauern. Der lange schnurgerade Weg führt an vielen Feldern vorbei, bis man an seinem Ende am Rhein steht. Nach Zuckerrüben muss man lange suchen, die süßen Zeiten sind hier vorbei. Die Felderwirtschaft ist vielfältiger geworden. Der Weg ist gut befestigt, und selbst an seinen schlechtesten Stellen besitzt sein Belag genug Widerstandskraft, um schweren Traktorenrädern bleibende Eindrücke zu verwehren. Solche Dinge zu wissen, ist nicht ganz unwichtig bei der Schuhwahl. Trotz des relativ festen Untergrundes, bilden sich bei nassem Wetter kleine Pfützen. Sie bleiben flach und überschaubar. Keine unergründlich tiefen Löcher, wie man sie auf den abzweigenden verschlammten Wirtschaftswegen finden kann. Während der Hund seinen dringenden Alltagsgeschäften nachgeht, bleibe ich oft, zur Überbrückung der Wartezeit, an einer dieser wassergefüllten flachen Mulden stehen und spiele mit meinen Schuhen an den Steinen, die sich am noch flacheren Rand gesammelt hatten. Die Spiegelungen des Himmels im Wasser betrachtend, wird mir bewusst, dass ich eigentlich immer darauf warte, endlich ein Augenpaar zu entdecken, das nicht zu meinem Spiegelbild gehört. Ein unbekanntes Wesen, das mich aus dem Wasser ebenso anstarrt, wie ich die Pfütze anstarre. Bisher blieb dieses Erlebnis aus, mal abgesehen von den Augen einer Schnecke, deren Weg quer durch den, für sie, kleinen See führte. Vor einigen Jahren war ich ganz nah dran, endlich von den Bewohnern der Unterwelt wahrgenommen zu werden: Ich stand am überschaubaren Teich im Garten einer Bekannten. Intensiv (vielleicht kennt jemand den Film: „Männer, die auf Ziegen starren“.) starrte ich in den Teich, und dachte überhaupt nichts, als mich tatsächlich ein dunkles Augenpaar anblickte, das nicht mir gehörte. Es folgte eine Irritation meinerseits, und es dauerte eine Weile das Gesehene zu sortieren. Der kleine Unterweltgeist mit seinem kaum erfassbaren Körper, enträtselte sich als Ringelnatter. In dramaturgische Kurzform gebracht: Mann starrt auf Wasserloch, Ringelnatter starrt auf Mann. Ringelnatter taucht ab. Mann geht seines Weges … und zwar immer dem Hund nach. Die Wasserpfützen auf dem Weg haben ausnahmsweise mal strahlend blaue Augen, die mir entgegenleuchten. Bist du da drin, Kassandra? Antworte mir besser nicht!

dm

Die Hölle ist leer

13. Februar 2018 § 14 Kommentare

Alle Linoldrucke: Dieter Motzel

Die Hölle ist leer

„ Die Hölle ist leer, alle Teufel sind hier“, schrieb Shakespeare seinem nassen Akteur auf den Leib, der gerade im tosenden Meer ums Überleben kämpfte. Halb am Absaufen kann man so etwas schon mal in Richtung Himmel schreien, solange jedenfalls der Kopf noch über Wasser ist. (In solchen misslichen Situationen beklagt man ja gerne die Abwesenheit von Gott, … aber was wäre, wenn er anwesend ist? Also, außer, dass man dann nicht so laut schreien müsste.). Keine Sorge, Ferdinand, Sohn des Königs von Neapel, die ganze Chose hast du Ariel, dem Luftgeist, zu verdanken, und der wird dich auch retten. Sag ich mal so, weil ich in der privilegierten Lage bin, das Ende des Stücks bereits zu kennen, während der gute Ferdinand noch zappeln und Wasser schlucken muss. (Es hat Vorteile, das Ende bereits zu kennen, vermindert in der Regel aber die Spannung. Manchem Politiker raunt man ja nach, dass sie alles vom Ende her denken. Ich hoffe dann meist, dass sie dieses Ende bald mal finden, damit sie endlich mit dem Denken beginnen können.). „Es ist nicht ein Haar umgekommen, und auf ihren Kleidern ist nicht ein Flecken, sondern sie glänzen frischer als zuvor“ … und müssen nicht mal auf den Wäscheständer, möchte ich noch ergänzen, ohne zu wissen, wie es 1611, als Shakespeare seinen Sturm uraufführte, mit Wäscheständern bestellt war. Ariel gab es immerhin schon;) Ja, die Geister, die ich rief, … die guten wie die bösen haben meist einen Auftraggeber, der höchst irdischer Natur ist. Bei Shakespeare ist es Persil, sorry, Prospero, der seinem dienstbaren Luftgeist auch gleich klar machte, wie’s läuft: „Ariel, du hast meinen Auftrag pünktlich ausgerichtet, aber es ist noch mehr Arbeit, …“ (Das nennt man Motivation, ein bisschen Lob am Anfang, und dann der Fingerzeig …). Seinen Stücken nach zu urteilen, war Shakespeare mit allen menschlichen Unzulänglichkeiten bestens vertraut. Er wusste, dass Himmel und Hölle der Raum ist, durch den wir uns alltäglich bewegen. Zusammen mit all den Geistern die uns umtreiben. Bei uns, dem geneigten Leser und mir, sind es natürlich nur die guten Geister, ist doch klar!

dm

Bimbammel

8. Februar 2018 § 6 Kommentare

Foto: dm

Bimbammel

Donnerstag ertönt die Handglocke, irgendwann zwischen 15 und 17 Uhr. Ihr Gebimmel ist trotz reichlich Verkehrslärm kaum zu überhören. Ein aus der Zeit gefallener Anachronismus, der im grünen Sprinter vorfährt. Geparkt wird in der zweiten Fahrspur einer vielbefahrenen Straße. Die hintere Tür des Kastenwagens öffnet sich und Kartoffeln, Karotten und Eier wechseln den Besitzer, verbunden mit einem kleinen Plausch über die Alltäglichkeiten des Lebens, und ab einem gewissen Alter, die der Krankheiten und des Sterbens. Es sind viele Ältere, die das Angebot ihres Bauers nutzen, um wenig später mit mühsam ausbalancierten Frisch-Ei-Paletten auf dem Arm, die wenigen Lücken im dichten Verkehr suchen, die ein einigermaßen sicheres Überqueren der Straße erlauben. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass alternative Angebote nur wenige Meter entfernt zu finden sind. In unmittelbarer Nähe zur Innenstadt findet man hier alle Dinge, die man zum täglichen Überleben braucht, und alles ist in Schlagdistanz. Die nächste Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs ist eine Minute Fußweg entfernt. Rein theoretisch steht die Welt zum Einkaufen offen. Nach 30 Minuten S-Bahn-Fahrt kann man sich in Frankfurt ausspucken lassen, um die Kleine Markthalle zu plündern, oder wahlweise am Flughafen aussteigen. Guter Anschluss und einen gut gefüllten Klingelbeutel vorausgesetzt, kann man seine Kartoffeln zwei Stunden später auf einem römischen Markt einkaufen und nach einem guten Mittagessen ist man abends wieder zurück. Wir leben schließlich in einer globalisierten Welt.

Foto: dm

Den wenigen Leuten, die am grünen Sprinter stehen und ihre Kartoffeln kaufen, wird dieses wirtschaftliche Konstrukt der globalisierten Welt, das zur Erklärung von vielem Unsinn im Positiven wie im Negativen herhalten muss, recht egal sein. Für sie ist es wichtig, dass am Donnerstag die Handglocke bimmelt, und sie den Bauern persönlich befragen können, ob die Kartoffeln gut schmecken und wie das Wetter der nächsten Tage so wird. Und das ist ja nicht schlecht. Na ja, bis auf das Wetter vielleicht. Bauernregeln ist auch nur bedingt zu trauen.

dm

Foto: dm

Nachts sind alle Farben erfunden

3. Februar 2018 § 22 Kommentare

Eine Schmierzettel-Leinwand. Dieter Motzel

Nachts sind alle Farben erfunden

„Wollen Sie die Farbinformation verlieren?“, fragt freundlicherweise mein Bildbearbeitungsprogramm, wenn ein Farbbild in Graustufen umgewandelt werden soll. Es sei nur am Rande bemerkt, dass das Bild dabei natürlich mehr verliert, als nur die Farbinformation. Ich kann mich nicht erinnern, dass der Winter mir diese nicht unwichtige Information, als Option zur Verfügung gestellt hätte. Ich musste einfach hinnehmen, dass die Farbinformation über Monate verloren ging. Grau, Grau und Grau, gerne zusammengefasst als Grau-in-Grau. Seit Beginn der Wetteraufzeichnung, lässt uns der Deutsche Wetterdienst wissen, ist ein Winter noch nie so grau und trüb gewesen wie der diesjährige. Erstaunlich, dass ein Farbreiz, der dunkler als Weiß und heller als Schwarz ist, so bestimmend sein kann. Das Adjektiv gräulich ist mit Abscheu und Widerwillen verbunden, und so ziemlich alle grauen Wortverwendungen enden irgendwo in diesem Bereich. Vom Alltagsgrau bis zur grauen Maus summiert sich viel Negatives auf eine Farbe, die gar keine ist. Grau sollte als Gefühl bezeichnet werden, oder als eine Emotion, die kräftig nach unten Austritt. Wenn ich mir einen solchen Grau-in-Grau-Tag auf den digitalen Bildschirm legen würde, (Bildschirm fixiert, wie wir nun mal sind), könnte ich theoretisch 256 Grauabstufungen wahrnehmen. Immerhin ein schönes Spektrum zwischen Schwarz und Weiß, das uns einen grauen Tag differenzieren lassen würde. In Anbetracht dessen, dass das menschliche Auge so grob geschätzt 60 Grautöne unterscheiden kann, hätte der 256-Grauabstufungen-Tag immer noch mehr zu bieten, als wir wahrnehmen. So gesehen, hat ein Grau-in-Grau-Tag noch reichlich Luft nach oben, wenn wir sie nur wahrnehmen könnten.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldener Baum“, lässt Goethe in seinem Faust sprechen. Rein praktisch bin ich weniger bei Mephistopheles, der verheißungsvoll das Leben in grüngoldener Verlockung erscheinen lässt, als Zeichner mag ich einfach den grauen Sumpf aus verschwärzlichter Farbpampe, hier fühle ich mich rechtschaffen wohl. Aristoteles, der in seinem Werk „Über die Sinne“ zu der Annahme kam, dass Farben sich in unterschiedlichen Mischungen aus Schwarz und Weiß zusammensetzen, erscheint mir dann näher, völlig unabhängig von allen physikalischen und neurologischen Erkenntnissen. Einige halten Farben sowieso nur für eine Erfindung unseres Gehirns. Der Ursprung aller Bilder ist für mich Schwarz-Weiß in vielen Schattierungen, und die Farben mag sich bitte jeder selbst denken.

dm

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel. Wer hier eine Farbe entdeckt, der hat sie sich erfunden.

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