Die kunstsinnige Fliege

6. September 2017 § 17 Kommentare

Randgebiet. Foto: Dieter Motzel

Die kunstsinnige Fliege

Über meinem Kopf hängt ein Ölbild. Wenn ich von unten schaue, sehe ich die Farbreste auf der einfachen Holzleiste, die das Bild umschließt. Es stand schon mit der Leiste auf der Staffelei im Atelier des Künstlers. An den Außenrändern des Bildes lugt noch die blanke Leinwand hervor, der Pinsel getraute sich nicht bis an die Leisten heran. Das Motiv zeigt im expressionistischen Duktus eine Landschaft am Meer. Grau, Blau, Indigo sind die vorherrschenden Farben, manchmal ein aufhellendes Weiß. Es gefällt mir nicht besonders, aber es ist nicht unprofessionell gemalt. 69 steht als Jahreszahl neben der Signatur. Es ist das beste Bild hier im gemieteten Haus. Mehr als ein Dutzend weitere Ölbilder hängen in den Räumen, und sie machen mich zunehmend unruhig. Wenn ich morgens im Bett aufwache, würde ich gerne das Bild sehen, das über meinem Kopf hängt. Weil mir dazu die anatomischen Möglichkeiten (Teleskophals o. ä.) fehlen, muss ich mich mit den Farbresten auf der unteren Leiste zufrieden geben. Ungute Gedanken erwarten mich am Fußende des Bettes, denn dort hängt mit Abstand das schlechteste Bild in der Wohnung. In mir verfestigt sich der übergriffige, aber sehr dringende Wunsch, es einfach zu übermalen. Blöderweise habe ich keine Ölfarben dabei. Vielleicht ist das auch gut so, denn ich kann mir gut vorstellen, es aus einem Impuls heraus tatsächlich zu tun. Und einmal angefangen, bin ich sehr schwer zu stoppen. Auch nicht von 18 Ölbildern unterschiedlicher Größe. Mangels Material bleibt es bei dem Gedanken, den ich allerdings ausführlich in Einzelheiten und in Farbe genieße. Mittlerweile kenne ich das Bild schon sehr genau. Nun ist auf dem Bild ein schwarzer Punkt aufgetaucht, wo eigentlich kein schwarzer Punkt hingehört. Ich weiß das, weil ich das Bild gefühlt schon vielfach übermalt habe (ein schrecklicher Albtraum wäre, es selbst gemalt zu haben). Obwohl er nicht dort sein dürfte, blieb er einfach. Bei einer näheren Betrachtung stellte sich heraus, dass der schwarze Punkt eine alte Bekannte war. Die kunstsinnige Hausfliege. Sie ist die einzige Fliege im Haus. Ich nehme an, sie fiel bei der Bildbetrachtung in eine Art Schockstarre. Gestern begutachtete sie ausgiebig die frische Tuschezeichnung in meinem Skizzenbuch. Das Interesse war jedenfalls vorhanden, sie rannte von einem Ende zum anderen und schaute sich dabei einige Details besonders genau an. Zum Abschluss nahm sie noch einen kräftigen Schluck aus einer noch feuchten Lache. Ich tat das auch, allerdings griff ich dabei zum falschen Glas. So war auch mir ein kräftiger Schluck von meiner Tuschezeichnung gegönnt.

dm

Die kunstsinnige Fliege. Alle Fotos: Dieter Motzel

 

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Schnampelweg

25. August 2017 § 17 Kommentare

Darmbachaue. Foto: dm

Schnampelweg

„Seine hervorstechenden Eigenschaften sind leises, dergleich nicht immer zartes Gefühl, lebhafter Witz und einiges Talent für Versification. Ein Mann dieser Art konnte sich keine glänzende Laufbahn öffnen.“ Das schrieb Garlieb Helwig Merkel 1812 in seinen „Skizzen aus meinem Erinnerungsbuche“, und er meinte damit nicht mich, denn wir sind uns erstaunlicherweise nie begegnet.

Mit „Highway to Hell“ in der Wiederholungsschleife hatte ich als Ziel den Schnampelweg. Der ist hier in Darmstadt, und nach zweimaligem Abspielen und einem kleinen Gehörsturz hatte ich das Ziel erreicht. Den Schnampelweg. Warum er so heißt, wie er heißt, entzieht sich meiner Kenntnis. Selbst eine einleuchtende Erklärung, die mir zu Ohren gekommen ist, lässt mich letztlich unwissend zurück, weil das Wort, von dem seine Herkunft abgeleitet wurde, mir gänzlich unbekannt ist. Das Wort heißt „schnampampeln“ und soll müßig umherschlendern bedeuten. Am Anfang des Weges ist von Müßigkeit wenig zu spüren, an Wochenenden herrscht eher die Hölle vor (das Begleitlied ist nicht ohne Grund ausgewählt), wie in vielen Gebieten, die man zur Naherholung deklariert. Parkplatzchaos und Horden von Familien, die ihre Kleinen zwecks eigener Nervenberuhigung in den Darmstädter Zoo, Vivarium genannt, schleppen. Mit meinen Nerven war es nicht mehr weit her, als auch noch eine Großfamilie beschloss, sich an der Hand zu nehmen und eine Menschenkette bildete, um den schmalen Weg in ganzer Breite nutzen zu können. Da ich nicht im Ansatz daran dachte, von meinem Weg abzuweichen, musste mein stoischer Eigensinn zwangläufig mit der freudigen ‚wir haben uns alle so lieb Menschenkette‘ kollidieren. Es blieb aber bei bösen, sehrsehr bösen Blicken, als ich die Kette durchbrach. Das Vivarium hinter sich lassend, ist das Gröbste überstanden und alles verläuft sich ein wenig in den schattigen Darmbachauen. Der Darmbach ist ein kleiner Bach, na ja, diese Bezeichnung ist sehr gut meinend. Realistisch betrachtet ist die Bezeichnung Rinnsal stimmiger, die in den trockenen Sommermonaten besonders treffend ist. (Darmstadt ist übrigens nicht nach dem Bach benannt, es ist umgekehrt).

Darmbachaue zum Zweiten. Wird einfach nicht schöner … Foto: dm

Darmstadt ist ja eine der wenigen Großstädte, die keine Flussanbindung haben, deswegen ist es verständlich, dass man heute den Darmbach in Ehren hält und ihn an dieser Ecke, in der ich unterwegs bin, vor Jahren renaturierte, ein kleines Stückchen jedenfalls. Schließlich soll man hier ungestört schnampampeln können. So wie einst Matthias Claudius, sagen wohlmeinende heimatliche Zungen, und zwar so etwa alle hundert Jahre, wenn wieder ein rundes Geburts-, Todes- oder sonstiges Jubiläum ansteht. So auch 2015, als Matthias Claudius durch die Feuilletons gejagt wurde, weil er 200 Jahre tot war. Natürlich werden dabei immer so strittige wie unsinnige Fragen erörtert, wie bei Claudius, wo er denn nun die vielleicht berühmteste deutsche Dichtung geschrieben hat. Sein Abendlied. Drei Orte bringen sich dabei in Stellung.

Na ja, die andere Richtung weist auf den Kotelett-Pfad. Keine einfache Wahl. Foto: dm

Darmstadt ist einer von ihnen, und der Schnampelweg die genauere Lokalisierung. Dort geht der Mond über dunklen Wäldern auf, und in den Wiesen hängt weißes Zeugs, und manchmal ist sogar der Nachbar krank. Wie, wird der ein oder andere einwenden, das haben wir auch vor der Haustür … und der Nachbar klingt auch krank. Dunkle Wälder, neblige Wiesen und sogar Mond. Das mag natürlich so sein, aber bei Euch ist 1777 nicht Matthias Claudius durch die Landschaft gestiefelt, hier in Darmstadt schon!

„Matthias Claudius“. Zeichnung: Dieter Motzel

Insofern ist zumindest der Gedanke nicht ganz abwegig, dass Claudius während seines knapp einjährigen Aufenthalts in Darmstadt dieses, 1778 erschienene, wunderbare Stück geschrieben hat. Allerdings halte ich die Vorstellung für sehr naiv, dieses Gedicht oder die Inspiration dafür, einem bestimmten Ort zuordnen zu wollen. Auf dieser Bank, gestiftet von der Sparkasse, saß der große Dichter und sah den Mond aufgehen, klingt ja auch nicht so schlecht, und den ermatteten Wanderer erfreut es. Es bleibt aber wohl nur einheimische Folklore.

„… alles mit dem Ziel, den guten fleißigen Unterthanen jede Gattung seiner Arbeit fruchtbarer, seine Abgaben leichter, sein ganzes Leben froher, sein Himmel blauer, ihn Stolz auf sein Vaterland, zufrieden mit sich selbst und dankbar gegen seinen Fürsten zu machen.“ Nein, das ist kein Auszug aus einer Wahlkampfrede von Martin Schulz. Das hat der Leiter der Hessischen Landkommission, Friedrich Karl Moser, obwohl irgendwie immer noch zeitgemäß, 1777 geschrieben. Ein paar Jahre vorher hatte der Landgraf Ludwig IX von Hessen-Darmstadt beschlossen, diese Kommission einzurichten, mit dem Ziel einer Verbesserung der Nahrungsmittelproduktion.

„Landgraf Ludwig IX von Hessen-Darmstadt“. Zeichnung: Dieter Motzel. Er gilt als „fortschrittlicher“ Landgraf. Diese Ansicht kann ich nur bedingt teilen. Schließlich hat er Pirmasens gegründet, … wer macht sowas?

Es ging letztlich um die Einführung der Dreifelderwirtschaft und die Nutzbarmachung von Brachen etc.. Auf Vermittlung von Johann Gottfried Herder, (der durch den literarischen Darmstädter „Kreis der Empfindsamen“ Verbindungen zu Darmstadt hatte, das ist aber eine andere Geschichte), erhielt Matthias Claudius 1776 eine Anstellung als Landkommissar in Darmstadt. Ihm oblag die Aufgabe, die Landreform unter die Bauersleute zu bringen. Im Jahr darauf wurde er noch Redakteur der „Hessen-Darmstädtische privilegierte Landzeitung“, das war so etwas, wie das Publikationsmedium des Reformprogramms. Dumm nur, dass die Lesefähigkeit der Bauern damals nicht sehr ausgeprägt war. Die Reform hatte allerdings auch nur mäßigen Erfolg.

Nach seiner Ankunft schrieb Claudius in einem Brief „Die Gegend ist hier ein Paradies.“, und dass es ihm weder an Nahrung, noch an Wein und Tabak (oder war es Kaffee?) mangele. Das mit der Gegend kann ich natürlich bestätigen. Aber es mangelte ihm an der nötigen Beamtenmentalität, und so blieb sein Aufenthalt nur eine einjährige Episode. Das Anfangszitat von Merkel galt übrigens Matthias Claudius.

„Matthias Claudius lässt den Mond steigen“. Zeichnung: Dieter Motzel

Das Abendlied kennt natürlich jeder:

Der Mond ist aufgegangen,


die goldnen Sternlein prangen


am Himmel hell und klar;


der Wald steht schwarz und schweiget,


und aus den Wiesen steiget


der weiße Nebel wunderbar.

 

Wie ist die Welt so stille


und in der Dämmrung Hülle


so traulich und so hold!


Als eine stille Kammer,


wo ihr des Tages Jammer


verschlafen und vergessen sollt.

 

Seht ihr den Mond dort stehen?


Er ist nur halb zu sehen


und ist doch rund und schön!


So sind wohl manche Sachen,


die wir getrost belachen,


weil unsre Augen sie nicht sehn.

 

Wir stolzen Menschenkinder


sind eitel arme Sünder


und wissen gar nicht viel;


wir spinnen Luftgespinste


und suchen viele Künste


und kommen weiter von dem Ziel.

 

Gott, laß uns Dein Heil schauen,


auf nichts Vergänglichs trauen,


nicht Eitelkeit uns freun!

Laß uns einfältig werden


und vor Dir hier auf Erden


wie Kinder fromm und fröhlich sein!

 

Wollst endlich sonder Grämen


aus dieser Welt uns nehmen


durch einen sanften Tod!


Und wenn Du uns genommen,


laß uns in Himmel kommen,


Du, unser Herr und unser Gott!

 

So legt euch denn, ihr Brüder,


in Gottes Namen nieder!


Kalt ist der Abendhauch.


Verschon uns, Gott, mit Strafen;


und laß uns ruhig schlafen


und unsern kranken Nachbarn auch!

 

So schrieb das Matthias Claudius, … und yep, es ist wie schnampampeln am Schnampelweg.

dm

 

Nachtrag:

Zu einem Lied wurde das Gedicht im Jahr 1790. Johann Abraham Schulz vertonte die Strophen seines Freundes Matthias Claudius. Wer will, kann sich an Wader oder Grönemeyer wenden, die haben das auch ab und an in ihrem Programm. Wenn ich singen könnte wie Schubert, würde ich seine Version von 1816 singen. Nur so!

„Kalt ist der Abendhauch“. Zeichnung: Dieter Motzel

 

Kahlschlag

10. August 2017 § 15 Kommentare

„Goethe“, Zeichnung, Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Kahlschlag

Den Ratschlag von Goethe beherzigend, schließlich will ich, wenn ich groß bin, ein Künstler werden, wage ich mich ab und an durchaus in Gegenden, die man gemeinhin als Natur bezeichnet. Wetter jedweder Art muss man dabei in Kauf nehmen, auch wenn es für Haustiere wie mich dabei schon mal unangenehm wird. Kurzum, im Februar gab es so einen Tag an dem ich draußen unterwegs war. Der Weg führte mich an dem radikalen Schnitt einer Weide vorbei. Es stimmt immer ein wenig melancholisch, wenn ein Baum sein verbliebenes Gerippe gegen den Himmel reckt.

Foto: Dieter Motzel. Februar 2017

Es brauchte einige Tage, bis sich wieder der Wind in den Blättern der Weide verfangen konnte. (Weiden verknüpfe ich immer mit Wind, dank dem Kinderbuch-Klassiker von Kenneth Grahame). Spontan und völlig überraschend entschloss ich mich im Juli nochmal nach draußen zu gehen. Es war schon erstaunlich zu sehen, über welche Wachstumskraft die Weide verfügt. Obwohl es nicht meinen sonstigen Gewohnheiten entsprach, blieb ich noch einige Tagen draußen, um den Moment nicht zu verpassen, an dem sie wegfliegt.

Foto: Dieter Motzel. Juli 2017

Zeichnung: Dieter Motzel

Ein anderer Kahlschlag gab mir mehr zu denken. Und der ging völlig den Bach runter. Ich stibitzte einem Kerl die Perücke, der ohne dieses Attribut kaum noch zu erkennen war. Ich tat das nicht aus purer Boshaftigkeit. Ich brauchte einfach eine Garage für meinen Hund.

dm

„Bach ohne Perücke“. Zeichnung: Dieter Motzel

„Perücke ohne Bach“. Zeichnung: Dieter Motzel

Böser Hund

26. Mai 2017 § 8 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Böser Hund

Der kahle Kopf war wohl keine Extravaganz von ihr, sondern eher die sichtbare Auswirkung einer Chemotherapie. Zumindest vermutete ich es. Dass ich den Köter mit ihr an der Leine lange Zeit nicht gesehen hatte, sprach dafür. Klein und zäh war sie nun geraume Zeit wieder mit schnellen Schritten unterwegs, um ihren Hund das Revier abpinkeln zu lassen. Ihr Mann, ein langer Lulatsch, der sie zwei Köpfe überragte, folgte ihr meist mit einigen Schritten Abstand. Wenn ich es mir recht überlege, sah ich sie nie miteinander gehen, eigentlich nur hintereinander mit entsprechender Lücke zwischen sich.

Als Hundehalter kennt und begegnet man sich im Viertel, oder man vermeidet es, so gut es geht, indem man die Straßenseite wechselt, einen anderen Weg einschlägt, um Gekläffe zu entgehen. So hielt sie es auch mit mir. „Der ist böse!“, ihr Zeigefinger deutete dabei unbarmherzig auf mich. Ein abrupter Richtungswechsel vollzog sich sogleich, dem Mann und Hund folgen mussten, ob sie wollten oder nicht. Ich wäre wenig verwundert gewesen, wenn sie sich danach bekreuzigt hätte, aus Dank, dem Bösen nicht in die Augen sehen zu müssen.

Als wir uns vor Jahren zum ersten Mal begegneten, rannte sie förmlich, mit einem kläffenden tiefergelegten Hündchen an der Leine voran, auf mich zu. Nach der oft gehörten Devise, der will nur ein bisschen spielen, wuselte das Ding an ihrer Leine abwechselnd zwischen den Beinen meines Hundes und mir herum. Womit ich noch ganz gut leben konnte, machte meinem Hund, begrenzt durch die Leine, zunehmend zu schaffen. Er knurrte mal vernehmlich und zeigte dem Ding seine Zähne. Nachdem sie begriffen hatte, dass die Bereitschaft meines Hundes, an diesem Tag zu spielen, gegen null tendierte, zog sie ohne ein weiteres Wort von dannen. Nur war ich für sie nun der Inbegriff des Bösen. Seither sind wir uns noch sehr oft nicht begegnet.

Nur die schnelle Bildung eines Hohlkreuzes und ein Ausfallschritt verhinderten, dass ihn die wütende Wucht des Trittes am Allerwertesten traf. Er hielt sich wacker aufrecht, verlor aber ein wenig von seiner Größe. Vermutlich wäre mir das Geschimpfe und Gezeter entgangen, wenn es nicht eine so beeindruckende Lautstärke entwickelt hätte. Als ich aus dem Fenster blickte, sah ich ihren Tritt, der sie fast selbst aus dem Gleichgewicht gebracht hätte, begleitet von einem lauten: „Du Arschloch!“. Traumatisiert von der Situation hielt selbst ihr ewig kläffender Hund die Klappe. Der Mann schwieg ebenfalls, und zum ersten Mal überhaupt sah ich ihn vorauseilen. Obwohl es wohl eher eine Flucht war, denn Entsetzen und Angst waren sichtbar. Nachdem das Trio aus meinem Blickfeld verschwunden war, sah ich sie lange Zeit nicht mehr.

Ich hätte einen Film drehen können – neue Einstellung, gleiches Szenenbild: mein Blick aus dem Fenster am Schreibtisch sitzend. Ihre schnellen Schritte hatten sich in einen zögerlichen Gang gewandelt. Sie war allein, nur etwas Verwirrtes begleitete sie. Ihr Gesicht hatte einige Schwellungen vorzuweisen und ein blaues Auge leuchtete. „Der Böse“, hinter seinem Schreibtisch sitzend, konnte sich einer Empathie für sie nicht erwehren, als sie wirklich in jede Mülltonne blickte, auf der Suche nach ihrem kleinen Hund.

dm

Nachtrag: Fliegenschiss

18. Mai 2017 § 27 Kommentare

Biomasse, Mischtechnik auf Karton, Dieter Motzel

Nachtrag: Fiegenschiss

Die alte Robinie, die im Hinterhof in eine beachtlichen Höhe gewachsen ist, hat sich frischgrün belaubt. Das gelingt ihr immer erst spät im Frühling. Ihre weißen Blütentrauben zeigen sich schon und werden im Laufe der nächsten Tage noch an Volumen zulegen. Schließlich muss der Baum noch zeigen, weshalb er gelegentlich auch Silberregen genannt wird. Die Blüten bieten reichlich Nektar. Sicherlich ein Festmahl für viele Insekten, und – wenn man die Nahrungskette im Blick hat – für die Vögel. Das biologische Gleichgewicht, das bei der Robinie im Hinterhof noch einigermaßen funktionieren mag, ist im Großen schon längst außer Kontrolle geraten. Der Bestand an Fluginsekten, die für die Bestäubung von Blumen und Bäumen zuständig sind, ist in den letzten 15 Jahren mancherorts um bis zu 80% zurückgegangen. Der Schwund an geeignetem Lebensraum, der Einsatz von Pestiziden und Insektiziden in der Landwirtschaft – es sind viele Ursachen, die verantwortlich für den dramatischen Rückgang vieler Arten sind. Reduzieren kann man das alles auf einen Bug im Algorithmus der Evolution, den man Mensch nennt. Von einem Grobmotoriker, der nur aus zwei Körperbauteilen besteht, einem kleinen Kopf und einem großen Unterleib, der den Kopf so gut es geht steuert, kann man vielleicht nichts anderes erwarten. Ein gewisser Trost besteht in dem Gedanken, dass alles nur Biomasse ist. Die verschwindet nicht, sie transformiert nur.

Fast immer, wenn mir das Wort „Biomasse“ in den Sinn kommt, sitze ich auf dem Klo oder mir fällt zufällig eine wunderbare Geschichte von Benjamin Maak ein. Sie trägt den bezeichnenden Titel: „Wie man einen Käfer richtig fängt“. Sympathie und Ekel spielen hier gleichermaßen eine Hauptrolle, und der Leser kann sich nicht entziehen, weder dem einen, noch dem anderen. Der Autor hat das ganz gut hinbekommen, immerhin bekam er 2013 beim Bachmann-Preis in Klagenfurt eine Auszeichnung dafür. Mit einigen Worten der damaligen Juroren auszudrückt, lässt sich die schräge Geschichte etwa so zusammenfassen: Von der Kindheit des Dr. Mabuse zur Idylle. Lesenswert allemal.

Meine Fliegenzucht. Zeichnung: Dieter Motzel

Die Evolution schläft nicht. Vor einigen Jahren gelang mir durch Zufall der Nachweis eines bis dato unbekannten Fluginsektes: Der Nasenflügler.

Der gemeine Nasenflügler. Zeichnung: Dieter Motzel

Nach monatelanger Forschungsarbeit, begleitet von vielen Rückschlägen, gelang mir sogar die Nachzucht des gemeinen Nasenflüglers, und ich kann nun in meinen Räumen einen stabilen Bestand vermelden. Als Krönung meiner entbehrungsreichen Forschung war es mir auch möglich, einige Unterarten zu bestimmen.

Sibirischer Prachtnasenflügler. Zeichnung: Dieter Motzel

Australischer Prachtnasenflügler. Zeichnung: Dieter Motzel

Wenn jeder von uns etwas zum Artenschwund beiträgt, ist es auch möglich, dass jeder etwas dagegen tun kann.

dm

Fliegenschiss

7. Mai 2017 § 17 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Foto: Dieter Motzel

Wie die Formen sich ähneln. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass dieses Raupennest die obere Zeichnung beeinflusst hat. Allerdings ist die Zeichnung schon über ein Jahr alt, das Foto erst einige Tage. Die Inspiration für die Zeichnung kam durch einen profanen Badezimmer-Vorleger, dessen textile Struktur sich durch viele Füße zu interessanten Mustern geformt hatte. Durch die runde Form wollte ich den Eindruck eines Nestes schaffen. Gleich was man tut, die Natur überholt uns immer.

Fliegenschiss

„Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“ meinte Arthur Schopenhauer.

Es war kein guter Tag für unseren Hund. Obwohl dieser Oktobertag im vergangenen Jahr sein bestes gab. Mit einem strahlend blauen Himmel bei angenehmen Temperaturen und Blätterverfärbungen zum Niederknien. Während wir Menschlein mit der seligmachenden Natur vollauf beschäftigt waren, hatte der Hund das unwiderstehliche Bedürfnis, an Schafkötteln zu schnuppern und übersah dabei einen Weidezaun der unter Strom stand. Das musste er jaulend als Erfahrung abspeichern, während die nächste Katastrophe kaum hundert Meter weiter schon lauerte. Und zwar in Form einer kleinen Biene, die Gefallen an den Weichteilen seines Hinterlaufs gefunden hatte und sich nur schweren Herzens trennen wollte. Die Biene, ich glaube, es war eine recht harmlose Sandbiene, hinterließ keine bleibenden Schäden. Das folgende „auf drei Beinen Gehüpfe“ wurde nach vielen tröstenden Worten zugunsten eines vierbeinigen Ganges wieder aufgegeben. Im weiteren Verlauf des Weges machten wir Zweibeiner die Bekanntschaft mit hunderten Marienkäfern. Die asiatische Art, die unseren heimischen Marienkäfer immer mehr verdrängt, kennt keine Hemmungen und klettert besonders gerne in offene Kragen und Taschen. Nachdem der letzte Marienkäfer aus der Ohrmuschel gepult war und der Verfasser seine Füße wieder unter den Schreibtisch stellte, hatten es sich auf dem Computer-Bildschirm zwei Fruchtfliegen bequem gemacht. Es schien ein Generationsübergreifendes Projekt zu sein, denn das machten sie gefühlt schon seit einigen Wochen. Bei einem 14-tägigen Entwicklungszyklus vom Ei zur Fliege schiss vermutlich schon der Ur-Ur-Enkel auf meinen Bildschirm. „Und dieses leuchtende Rechteck, mein Sohn, wird einmal ganz allein dir gehören!“ Normalerweise fühle ich mich in den eigenen vier Wänden nicht wie im Arbeitszimmer von Jean Henri Fabre, der uns mit seinen „Souvenirs entomologiques“ die Insekten und sich selbst näher brachte, aber es gibt eben Tage, in denen besonders bewusst wird, wie sehr ich meinen Lebensraum mit diesen, oft unscheinbaren, Lebewesen teile. Wenn sie uns auffallen, dann meist unangenehm. Es sind ja nicht die Schmetterlinge, die durch die Wohnung flattern, sondern in der Regel sind es nervige Fliegen oder schlimmere Stechmücken, die liebend gerne an mir ihren Durst stillen wollen. Kurz, es flattert und krabbelt überall, was nicht wundert, denn die Insekten sind die umfangreichste aller Tiergattungen. Es gibt über eine Million beschriebener Arten, und nach Schätzungen von Leuten, die es einigermaßen im Blick haben, sind es weitere 30 bis 50 Mio. Arten, die noch nicht beschrieben, oder noch gar nicht entdeckt sind. Alleine von den Schmetterlingen werden jährlich hunderte neuer Arten entdeckt, und vermutlich verschwinden ebenso viele Arten jährlich auf nimmer Wiedersehen. In früheren Zeiten gab es für Schmetterlinge die schöne lyrische Bezeichnung „Tagvögelchen“ und „Nachtvögelchen“, heute ist die Sachlichkeit der Bezeichnungen Tagfalter und Nachtfalter gebräuchlicher. Erstaunliche 3700 Arten gibt es allein in Deutschland, allerdings zählen auch Motten und Holzbohrer dazu.

Zeichnung: Dieter Motzel

(Dem Schmetterling verdanken wir auch das wohl bekannteste, aber auch missverständlichste Zitat, das bestimmt jeder schon einmal in der einen oder anderen Form gehört hat. Recht seltsam dabei, dass sich ausgerechnet ein Begriff aus der Chaostheorie aufmacht, ein Insekten-Zitat zu werden. Dabei ist keine Spezies weiter vom Chaos entfernt, als ein Insekt. Die Rede ist von diesem ominösen Flügelschlag eines Schmetterlings, der am anderen Ende der Welt einen gewaltigen Bums verursacht. Das Original ist übrigens eine Frage, und sie lautet: „Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?“ Diese Formulierung stammt von dem amerikanischen Meteorologen Lorenz, der 1972 so einen Vortrag betitelte. Solche Metaphern werden natürlich von uns allen geliebt, weil wir einprägsam erscheinende Bilder furchtbar gerne mögen. Aber letztlich sind es auch sehr nebulöse Bilder. Es bleibt dabei nicht aus, dass diese Bilder auch vollkommen falsch verstanden werden. Dabei bezieht sich das Zitat gar nicht auf den bekannten Schneeballeffekt, für den es sehr gerne als Synonym hergenommen wird, bei dem kleine Schritte über eine Kettenreaktion sich selbst verstärken. Wer auf Rügen in die Ostsee pinkelt muss keine Angst haben, dass nun eine Flutwelle Japan bedroht. Es wäre aber trotzdem eine kleine Sauerei, die sich nicht durch größere, von anderen verursachte, rechtfertigen ließe. Dieses Schmetterlingszitat ist eine Anspielung auf einen ganz anderen Effekt, der beschreibt, dass kleinste Abweichungen bei den Anfangsbedingungen Auswirkungen auf einen komplexen, nicht linearen, Prozess haben. Den Schmetterling hier bei uns in Darmstadt, trifft jedenfalls keine Schuld, wenn es in Berlin (wider erwarten) Gehirn regnen sollte, aber vielleicht ist er ja ein Teil der Ursache, dass der Regen ein paar Minuten früher einsetzt, als in einem Rechenmodell vorhergesagt wurde.)

Foto: Dieter Motzel

Als debil faszinierter Betrachter von unzähligen B- oder C-Movies, weiß ich natürlich um die Wirkung von Insekten, die in zehn oder zwanzigfacher Vergrößerung die Landschaft bevölkern, um die Menschheit zu dezimieren. Als ich vor einigen Tagen an einem „gewöhnlichen Spindelstrauch“ – auch Pfaffenhütchen genannt – vorbei kam, war ich doch froh darüber, nicht die bevorzugte Nahrung des Nachwuchses der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte zu sein. Die hatten einen ziemlichen Appetit. Schließlich wollen sie ja auch, wenn sie denn mal groß sind, ein schönes „Nachtvögelchen“ werden.

dm

Alle Fotos: Dieter Motzel

Planwirtschaft

13. April 2017 § 21 Kommentare

Planwirtschaft

Es ist Mittagszeit auf den Feldern. Ein Staubschleier hängt in der Luft. Feiner Sand, der von zahlreichen Kleinbussen aufgewirbelt wird, die über trockene Feldwege samt ihrem Inhalt der wohlverdienten Mittagspause entgegen düsen. Kaum ist wieder Ruhe eingekehrt, kommt ein Stenz aus der nahen Stadt um die Ecke geschlendert, als wäre er auf der Suche nach dem nächsten Straßencafé, in dem sich dieser wunderbare Frühlingstag bewältigen ließe. Mit seiner völlig unpassenden Kleidung, schwarze Hose aus feinem Zwirn und blank gewienerten schwarzen Schuhen, wird er noch sein sandbraunes Wunder erleben. Die Leine in seiner Hand lässt auf einen Hund schließen, der aber nirgendwo zu sehen ist. Sei’s drum, an keinem Ort fallen verhaltensgestörte Städter mehr auf, als auf dem Land. Ich weiß das, weil ich der Kerl in den schwarzen Schuhen bin.

Der Weg, an dem kein Weg vorbeiführt, ist eher eine Sandmulde. Schwere Traktorenräder haben im Laufe vieler Jahre tiefe Fahrspuren hinterlassen, und die Trockenheit der letzten Monate sorgte dafür, dass sich über alles eine dicke feinsandige Schicht gelegt hat. Sand in den Schuhen ist das geringste Problem, wenn dieser Weg gegangen ist. Khakifarbene Kleidung ist nicht so mein Ding, aber ein zwangsläufiger und sehr staubiger Anpassungsprozess an die örtlichen Gegebenheiten. Immerhin ist mir schnell klar, warum ringsherum die Felder mit Planen abgedeckt wurden. Die Landwirte wollen verhindern, dass ihr Gemüse verstaubt. Wer will ihnen das verdenken!

Man mag darüber streiten, ob es ökologisch sinnvoll ist, wenn Landwirte ihr Grünzeugs unter Plastikfolien heranreifen lassen. Jahrzehntelang überdüngte Böden sind sicher ein größeres Problem für unsere Nahrung, als eine Plane, die man darüberlegt, um Wachstum und Ernten zu optimieren. Hier mag sich jeder seine eigene Meinung bilden. Ich denke aber, dass man Schlimmeres auf den Teller bekommen kann, als Spargel, der unter einer Plastikfolie herangereift ist.

Auf mich übt diese Planwirtschaft jedenfalls immer einen großen visuellen Reiz aus, weil sie eintönig braunen Ackerböden zu einer neuen, immer wieder interessanten ästhetischen Struktur verhilft. Ein besonderes Spektakel bietet sich, wenn der Wind sich unter einer dünnen Gazeplane verfängt. Was mit einer kleinen Welle beginnt, die sich in ihrem immer schneller werdenden Lauf aufplustert, bis sie mit dem Aufwind in die Luft getragen wird, um dort beständig neue filigrane Skulpturen zu formen. Ein von Sandwirbeln begleitetes seltsames Ballett auf menschenleeren Feldern. Gut, der Stenz aus der Stadt schaut zu.

Alle Abbildungen: Dieter Motzel

Noch ein kleiner Tipp: Wartet nicht auf den Osterhasen. Der ist in diesem Jahr verhindert.

dm

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