Böser Hund

26. Mai 2017 § 8 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Böser Hund

Der kahle Kopf war wohl keine Extravaganz von ihr, sondern eher die sichtbare Auswirkung einer Chemotherapie. Zumindest vermutete ich es. Dass ich den Köter mit ihr an der Leine lange Zeit nicht gesehen hatte, sprach dafür. Klein und zäh war sie nun geraume Zeit wieder mit schnellen Schritten unterwegs, um ihren Hund das Revier abpinkeln zu lassen. Ihr Mann, ein langer Lulatsch, der sie zwei Köpfe überragte, folgte ihr meist mit einigen Schritten Abstand. Wenn ich es mir recht überlege, sah ich sie nie miteinander gehen, eigentlich nur hintereinander mit entsprechender Lücke zwischen sich.

Als Hundehalter kennt und begegnet man sich im Viertel, oder man vermeidet es, so gut es geht, indem man die Straßenseite wechselt, einen anderen Weg einschlägt, um Gekläffe zu entgehen. So hielt sie es auch mit mir. „Der ist böse!“, ihr Zeigefinger deutete dabei unbarmherzig auf mich. Ein abrupter Richtungswechsel vollzog sich sogleich, dem Mann und Hund folgen mussten, ob sie wollten oder nicht. Ich wäre wenig verwundert gewesen, wenn sie sich danach bekreuzigt hätte, aus Dank, dem Bösen nicht in die Augen sehen zu müssen.

Als wir uns vor Jahren zum ersten Mal begegneten, rannte sie förmlich, mit einem kläffenden tiefergelegten Hündchen an der Leine voran, auf mich zu. Nach der oft gehörten Devise, der will nur ein bisschen spielen, wuselte das Ding an ihrer Leine abwechselnd zwischen den Beinen meines Hundes und mir herum. Womit ich noch ganz gut leben konnte, machte meinem Hund, begrenzt durch die Leine, zunehmend zu schaffen. Er knurrte mal vernehmlich und zeigte dem Ding seine Zähne. Nachdem sie begriffen hatte, dass die Bereitschaft meines Hundes, an diesem Tag zu spielen, gegen null tendierte, zog sie ohne ein weiteres Wort von dannen. Nur war ich für sie nun der Inbegriff des Bösen. Seither sind wir uns noch sehr oft nicht begegnet.

Nur die schnelle Bildung eines Hohlkreuzes und ein Ausfallschritt verhinderten, dass ihn die wütende Wucht des Trittes am Allerwertesten traf. Er hielt sich wacker aufrecht, verlor aber ein wenig von seiner Größe. Vermutlich wäre mir das Geschimpfe und Gezeter entgangen, wenn es nicht eine so beeindruckende Lautstärke entwickelt hätte. Als ich aus dem Fenster blickte, sah ich ihren Tritt, der sie fast selbst aus dem Gleichgewicht gebracht hätte, begleitet von einem lauten: „Du Arschloch!“. Traumatisiert von der Situation hielt selbst ihr ewig kläffender Hund die Klappe. Der Mann schwieg ebenfalls, und zum ersten Mal überhaupt sah ich ihn vorauseilen. Obwohl es wohl eher eine Flucht war, denn Entsetzen und Angst waren sichtbar. Nachdem das Trio aus meinem Blickfeld verschwunden war, sah ich sie lange Zeit nicht mehr.

Ich hätte einen Film drehen können – neue Einstellung, gleiches Szenenbild: mein Blick aus dem Fenster am Schreibtisch sitzend. Ihre schnellen Schritte hatten sich in einen zögerlichen Gang gewandelt. Sie war allein, nur etwas Verwirrtes begleitete sie. Ihr Gesicht hatte einige Schwellungen vorzuweisen und ein blaues Auge leuchtete. „Der Böse“, hinter seinem Schreibtisch sitzend, konnte sich einer Empathie für sie nicht erwehren, als sie wirklich in jede Mülltonne blickte, auf der Suche nach ihrem kleinen Hund.

dm

Nachtrag: Fliegenschiss

18. Mai 2017 § 26 Kommentare

Biomasse, Mischtechnik auf Karton, Dieter Motzel

Nachtrag: Fiegenschiss

Die alte Robinie, die im Hinterhof in eine beachtlichen Höhe gewachsen ist, hat sich frischgrün belaubt. Das gelingt ihr immer erst spät im Frühling. Ihre weißen Blütentrauben zeigen sich schon und werden im Laufe der nächsten Tage noch an Volumen zulegen. Schließlich muss der Baum noch zeigen, weshalb er gelegentlich auch Silberregen genannt wird. Die Blüten bieten reichlich Nektar. Sicherlich ein Festmahl für viele Insekten, und – wenn man die Nahrungskette im Blick hat – für die Vögel. Das biologische Gleichgewicht, das bei der Robinie im Hinterhof noch einigermaßen funktionieren mag, ist im Großen schon längst außer Kontrolle geraten. Der Bestand an Fluginsekten, die für die Bestäubung von Blumen und Bäumen zuständig sind, ist in den letzten 15 Jahren mancherorts um bis zu 80% zurückgegangen. Der Schwund an geeignetem Lebensraum, der Einsatz von Pestiziden und Insektiziden in der Landwirtschaft – es sind viele Ursachen, die verantwortlich für den dramatischen Rückgang vieler Arten sind. Reduzieren kann man das alles auf einen Bug im Algorithmus der Evolution, den man Mensch nennt. Von einem Grobmotoriker, der nur aus zwei Körperbauteilen besteht, einem kleinen Kopf und einem großen Unterleib, der den Kopf so gut es geht steuert, kann man vielleicht nichts anderes erwarten. Ein gewisser Trost besteht in dem Gedanken, dass alles nur Biomasse ist. Die verschwindet nicht, sie transformiert nur.

Fast immer, wenn mir das Wort „Biomasse“ in den Sinn kommt, sitze ich auf dem Klo oder mir fällt zufällig eine wunderbare Geschichte von Benjamin Maak ein. Sie trägt den bezeichnenden Titel: „Wie man einen Käfer richtig fängt“. Sympathie und Ekel spielen hier gleichermaßen eine Hauptrolle, und der Leser kann sich nicht entziehen, weder dem einen, noch dem anderen. Der Autor hat das ganz gut hinbekommen, immerhin bekam er 2013 beim Bachmann-Preis in Klagenfurt eine Auszeichnung dafür. Mit einigen Worten der damaligen Juroren auszudrückt, lässt sich die schräge Geschichte etwa so zusammenfassen: Von der Kindheit des Dr. Mabuse zur Idylle. Lesenswert allemal.

Meine Fliegenzucht. Zeichnung: Dieter Motzel

Die Evolution schläft nicht. Vor einigen Jahren gelang mir durch Zufall der Nachweis eines bis dato unbekannten Fluginsektes: Der Nasenflügler.

Der gemeine Nasenflügler. Zeichnung: Dieter Motzel

Nach monatelanger Forschungsarbeit, begleitet von vielen Rückschlägen, gelang mir sogar die Nachzucht des gemeinen Nasenflüglers, und ich kann nun in meinen Räumen einen stabilen Bestand vermelden. Als Krönung meiner entbehrungsreichen Forschung war es mir auch möglich, einige Unterarten zu bestimmen.

Sibirischer Prachtnasenflügler. Zeichnung: Dieter Motzel

Australischer Prachtnasenflügler. Zeichnung: Dieter Motzel

Wenn jeder von uns etwas zum Artenschwund beiträgt, ist es auch möglich, dass jeder etwas dagegen tun kann.

dm

Fliegenschiss

7. Mai 2017 § 17 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Foto: Dieter Motzel

Wie die Formen sich ähneln. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass dieses Raupennest die obere Zeichnung beeinflusst hat. Allerdings ist die Zeichnung schon über ein Jahr alt, das Foto erst einige Tage. Die Inspiration für die Zeichnung kam durch einen profanen Badezimmer-Vorleger, dessen textile Struktur sich durch viele Füße zu interessanten Mustern geformt hatte. Durch die runde Form wollte ich den Eindruck eines Nestes schaffen. Gleich was man tut, die Natur überholt uns immer.

Fliegenschiss

„Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“ meinte Arthur Schopenhauer.

Es war kein guter Tag für unseren Hund. Obwohl dieser Oktobertag im vergangenen Jahr sein bestes gab. Mit einem strahlend blauen Himmel bei angenehmen Temperaturen und Blätterverfärbungen zum Niederknien. Während wir Menschlein mit der seligmachenden Natur vollauf beschäftigt waren, hatte der Hund das unwiderstehliche Bedürfnis, an Schafkötteln zu schnuppern und übersah dabei einen Weidezaun der unter Strom stand. Das musste er jaulend als Erfahrung abspeichern, während die nächste Katastrophe kaum hundert Meter weiter schon lauerte. Und zwar in Form einer kleinen Biene, die Gefallen an den Weichteilen seines Hinterlaufs gefunden hatte und sich nur schweren Herzens trennen wollte. Die Biene, ich glaube, es war eine recht harmlose Sandbiene, hinterließ keine bleibenden Schäden. Das folgende „auf drei Beinen Gehüpfe“ wurde nach vielen tröstenden Worten zugunsten eines vierbeinigen Ganges wieder aufgegeben. Im weiteren Verlauf des Weges machten wir Zweibeiner die Bekanntschaft mit hunderten Marienkäfern. Die asiatische Art, die unseren heimischen Marienkäfer immer mehr verdrängt, kennt keine Hemmungen und klettert besonders gerne in offene Kragen und Taschen. Nachdem der letzte Marienkäfer aus der Ohrmuschel gepult war und der Verfasser seine Füße wieder unter den Schreibtisch stellte, hatten es sich auf dem Computer-Bildschirm zwei Fruchtfliegen bequem gemacht. Es schien ein Generationsübergreifendes Projekt zu sein, denn das machten sie gefühlt schon seit einigen Wochen. Bei einem 14-tägigen Entwicklungszyklus vom Ei zur Fliege schiss vermutlich schon der Ur-Ur-Enkel auf meinen Bildschirm. „Und dieses leuchtende Rechteck, mein Sohn, wird einmal ganz allein dir gehören!“ Normalerweise fühle ich mich in den eigenen vier Wänden nicht wie im Arbeitszimmer von Jean Henri Fabre, der uns mit seinen „Souvenirs entomologiques“ die Insekten und sich selbst näher brachte, aber es gibt eben Tage, in denen besonders bewusst wird, wie sehr ich meinen Lebensraum mit diesen, oft unscheinbaren, Lebewesen teile. Wenn sie uns auffallen, dann meist unangenehm. Es sind ja nicht die Schmetterlinge, die durch die Wohnung flattern, sondern in der Regel sind es nervige Fliegen oder schlimmere Stechmücken, die liebend gerne an mir ihren Durst stillen wollen. Kurz, es flattert und krabbelt überall, was nicht wundert, denn die Insekten sind die umfangreichste aller Tiergattungen. Es gibt über eine Million beschriebener Arten, und nach Schätzungen von Leuten, die es einigermaßen im Blick haben, sind es weitere 30 bis 50 Mio. Arten, die noch nicht beschrieben, oder noch gar nicht entdeckt sind. Alleine von den Schmetterlingen werden jährlich hunderte neuer Arten entdeckt, und vermutlich verschwinden ebenso viele Arten jährlich auf nimmer Wiedersehen. In früheren Zeiten gab es für Schmetterlinge die schöne lyrische Bezeichnung „Tagvögelchen“ und „Nachtvögelchen“, heute ist die Sachlichkeit der Bezeichnungen Tagfalter und Nachtfalter gebräuchlicher. Erstaunliche 3700 Arten gibt es allein in Deutschland, allerdings zählen auch Motten und Holzbohrer dazu.

Zeichnung: Dieter Motzel

(Dem Schmetterling verdanken wir auch das wohl bekannteste, aber auch missverständlichste Zitat, das bestimmt jeder schon einmal in der einen oder anderen Form gehört hat. Recht seltsam dabei, dass sich ausgerechnet ein Begriff aus der Chaostheorie aufmacht, ein Insekten-Zitat zu werden. Dabei ist keine Spezies weiter vom Chaos entfernt, als ein Insekt. Die Rede ist von diesem ominösen Flügelschlag eines Schmetterlings, der am anderen Ende der Welt einen gewaltigen Bums verursacht. Das Original ist übrigens eine Frage, und sie lautet: „Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?“ Diese Formulierung stammt von dem amerikanischen Meteorologen Lorenz, der 1972 so einen Vortrag betitelte. Solche Metaphern werden natürlich von uns allen geliebt, weil wir einprägsam erscheinende Bilder furchtbar gerne mögen. Aber letztlich sind es auch sehr nebulöse Bilder. Es bleibt dabei nicht aus, dass diese Bilder auch vollkommen falsch verstanden werden. Dabei bezieht sich das Zitat gar nicht auf den bekannten Schneeballeffekt, für den es sehr gerne als Synonym hergenommen wird, bei dem kleine Schritte über eine Kettenreaktion sich selbst verstärken. Wer auf Rügen in die Ostsee pinkelt muss keine Angst haben, dass nun eine Flutwelle Japan bedroht. Es wäre aber trotzdem eine kleine Sauerei, die sich nicht durch größere, von anderen verursachte, rechtfertigen ließe. Dieses Schmetterlingszitat ist eine Anspielung auf einen ganz anderen Effekt, der beschreibt, dass kleinste Abweichungen bei den Anfangsbedingungen Auswirkungen auf einen komplexen, nicht linearen, Prozess haben. Den Schmetterling hier bei uns in Darmstadt, trifft jedenfalls keine Schuld, wenn es in Berlin (wider erwarten) Gehirn regnen sollte, aber vielleicht ist er ja ein Teil der Ursache, dass der Regen ein paar Minuten früher einsetzt, als in einem Rechenmodell vorhergesagt wurde.)

Foto: Dieter Motzel

Als debil faszinierter Betrachter von unzähligen B- oder C-Movies, weiß ich natürlich um die Wirkung von Insekten, die in zehn oder zwanzigfacher Vergrößerung die Landschaft bevölkern, um die Menschheit zu dezimieren. Als ich vor einigen Tagen an einem „gewöhnlichen Spindelstrauch“ – auch Pfaffenhütchen genannt – vorbei kam, war ich doch froh darüber, nicht die bevorzugte Nahrung des Nachwuchses der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte zu sein. Die hatten einen ziemlichen Appetit. Schließlich wollen sie ja auch, wenn sie denn mal groß sind, ein schönes „Nachtvögelchen“ werden.

dm

Alle Fotos: Dieter Motzel

Planwirtschaft

13. April 2017 § 21 Kommentare

Planwirtschaft

Es ist Mittagszeit auf den Feldern. Ein Staubschleier hängt in der Luft. Feiner Sand, der von zahlreichen Kleinbussen aufgewirbelt wird, die über trockene Feldwege samt ihrem Inhalt der wohlverdienten Mittagspause entgegen düsen. Kaum ist wieder Ruhe eingekehrt, kommt ein Stenz aus der nahen Stadt um die Ecke geschlendert, als wäre er auf der Suche nach dem nächsten Straßencafé, in dem sich dieser wunderbare Frühlingstag bewältigen ließe. Mit seiner völlig unpassenden Kleidung, schwarze Hose aus feinem Zwirn und blank gewienerten schwarzen Schuhen, wird er noch sein sandbraunes Wunder erleben. Die Leine in seiner Hand lässt auf einen Hund schließen, der aber nirgendwo zu sehen ist. Sei’s drum, an keinem Ort fallen verhaltensgestörte Städter mehr auf, als auf dem Land. Ich weiß das, weil ich der Kerl in den schwarzen Schuhen bin.

Der Weg, an dem kein Weg vorbeiführt, ist eher eine Sandmulde. Schwere Traktorenräder haben im Laufe vieler Jahre tiefe Fahrspuren hinterlassen, und die Trockenheit der letzten Monate sorgte dafür, dass sich über alles eine dicke feinsandige Schicht gelegt hat. Sand in den Schuhen ist das geringste Problem, wenn dieser Weg gegangen ist. Khakifarbene Kleidung ist nicht so mein Ding, aber ein zwangsläufiger und sehr staubiger Anpassungsprozess an die örtlichen Gegebenheiten. Immerhin ist mir schnell klar, warum ringsherum die Felder mit Planen abgedeckt wurden. Die Landwirte wollen verhindern, dass ihr Gemüse verstaubt. Wer will ihnen das verdenken!

Man mag darüber streiten, ob es ökologisch sinnvoll ist, wenn Landwirte ihr Grünzeugs unter Plastikfolien heranreifen lassen. Jahrzehntelang überdüngte Böden sind sicher ein größeres Problem für unsere Nahrung, als eine Plane, die man darüberlegt, um Wachstum und Ernten zu optimieren. Hier mag sich jeder seine eigene Meinung bilden. Ich denke aber, dass man Schlimmeres auf den Teller bekommen kann, als Spargel, der unter einer Plastikfolie herangereift ist.

Auf mich übt diese Planwirtschaft jedenfalls immer einen großen visuellen Reiz aus, weil sie eintönig braunen Ackerböden zu einer neuen, immer wieder interessanten ästhetischen Struktur verhilft. Ein besonderes Spektakel bietet sich, wenn der Wind sich unter einer dünnen Gazeplane verfängt. Was mit einer kleinen Welle beginnt, die sich in ihrem immer schneller werdenden Lauf aufplustert, bis sie mit dem Aufwind in die Luft getragen wird, um dort beständig neue filigrane Skulpturen zu formen. Ein von Sandwirbeln begleitetes seltsames Ballett auf menschenleeren Feldern. Gut, der Stenz aus der Stadt schaut zu.

Alle Abbildungen: Dieter Motzel

Noch ein kleiner Tipp: Wartet nicht auf den Osterhasen. Der ist in diesem Jahr verhindert.

dm

Unliebsame Geschenke

3. Januar 2017 § 11 Kommentare

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Zeichnung: Dieter Motzel

Unliebsame Geschenke

Das Jahr fängt gut an.

Es ist sehr schwer an eine gut erhaltene Moorleiche heran zu kommen. Das liegt natürlich auch daran, dass ein ordentliches Moor nicht gerade eine Landschaftsform ist, die man an jeder Ecke vorfinden kann. Hier in der Gegend sind zum Beispiel keine nennenswerten Moore zu finden, und der einzige Sumpf, der mir bekannt ist, ist eine kleine Kneipe, in der Alkoholleichen anzutreffen sind, aber keine Moorleichen. Für Menschen, die noch ein wenig ungeübt im Umgang mit Leichen sind, ist eine Alkoholleiche natürlich einfacher zu handhaben, weil der konservatorische Aufwand relativ gering ist. Eine Moorleiche dagegen erfordert einen Fachmann, oder zumindest einen ganzen Mann.

Ich kann wirklich nicht sagen, wie diese Moorleiche zu mir kam. Es geschah aus heiterem Himmel (nein, in Wahrheit war der Himmel schon seit Tagen grau), und schon alleine wegen der Kürze der Zeit, die wir bisher zusammen verbrachten, konnte ich bisher noch keine bedeutsame Beziehung zu ihr aufbauen. Sie schweigt zudem, gut, das ist nicht verwunderlich bei Leichen, aber es gibt ja durchaus auch beredsames Schweigen. Das Schweigen war hier einfach nur Schweigen. Die Leiche hat mir nichts mitzuteilen, und offen gestanden meide ich auch ein wenig den Blickkontakt, weil ich es als unangenehm empfinde, tote Augenhöhlen nach Mitteilungen abzusuchen. Wie auch immer, ich habe eine Moorleiche an der Backe und keine Ahnung, wer sie mir untergeschoben hat. Man kennt das ja nur zu gut aus Kriminalgeschichten. Plötzlich taucht eine Leiche in unmittelbarer Umgebung auf, ohne dass man groß in die Sache involviert gewesen wäre. Ja, eigentlich war man sehr weit von den Ereignissen entfernt, die zum Umstand des Ablebens besagter Leiche führten, und in der Regel handelt es sich auch um eine wildfremde Person. Es nutzt nichts. In solchen Geschichten liegt die Leiche eben im eigenen Bett, oder findet sich in der Truhe im Flur, in der eigentlich Omas Erbschaft eingemottet ist. Bei manchen saß sie auch schon im Auto, vorne hinterm Lenkrad, als gedächte sie noch einmal schnell durchzustarten. Oder sie lag im Kofferraum, gut verschnürt. Krimimäßig geschult weiß man natürlich sofort, dass eine zufällige Leiche mindestens genau so viel Ärger bereitet, wie eine eigenhändig beschaffte. Die eigenhändig beschaffte Leiche hätte natürlich den unschätzbaren Vorteil, dass hinter ihr ein Plan stehen würde, dem man folgen und den man umsetzen könnte. Schritt für Schritt. Eine gefundene Leiche bedeutet dagegen pure Improvisation, und dies ist nun einmal nicht Jedermanns Sache. Ein fester Plan ist immer vorzuziehen.

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Zeichnung: Dieter Motzel

Nimmt der Ärger erst mal seinen Lauf, dann gibt es kein Halten mehr, und natürlich auch kein zurück. Fragen tauchen auf, Fragen werden gestellt. Vorwärts, rückwärts, nichts als Fragen, die kaum sinnvoll zu beantworten sind, ohne zu weiteren Fragen zu führen. Und natürlich zu den Fallen, die aufgestellt wurden. Fangfragen, in denen sich der harmloseste Zeitgenosse verheddert. Am Ende ist das Innerste nach Außen gekehrt und man gesteht aus purer Erschöpfung wahllos Schandtaten, die man nie begangen hat. Ja, ja, ja, ich gestehe alles, aber gebt mir jetzt bitte einen Schluck Wasser. Natürlich auch Morde, zufällige, die man quasi im Vorbeigehen beging und solche aus Heimtücke. Das alles dient nicht immer der Wahrheitsfindung. Aber was soll man auch schon zur Wahrheit beitragen können, wenn man noch nicht einmal die Leiche kennt, die in der eigenen Küche gefunden wurde, geschweige denn den, der sie dorthin verbrachte. Auf verlorenem Posten ist man mit seiner Leiche, wenn sich während der Ermittlung herausstellen sollte, dass diese Leiche sehr wohl einen persönlichen Bezug zum Finder hat. Beispielsweise handelt es sich um den Jugendfreund der Großtante einer kürzlich verstobenen Cousine. Nun folgt die pure Erklärungsnot, die dadurch nicht glaubhafter wirkt, indem man beteuert, und zwar hoch und heilig beteuert, niemals dieser Person begegnet zu sein, bevor man sie tot am eigenen Küchentisch sitzend antraf. Ist ein solcher Punkt erreicht, ist die Zeit für Schwarzmalerei gekommen. Dem ein oder anderen mag dann auch beten helfen können.

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Zeichnung: Dieter Motzel

Schwarz malt sich auch der Schatten meiner Moorleiche an den hellen Wänden des Zimmers ab. Ich wuchtete sie in eine stille Ecke, möglichst weit von meinen normalen Wegen durch die Wohnung. Wenn die Leiche schon durch ihre Anwesenheit stört, will ich sie wenigsten nicht ständig vor Augen haben. In meinem Keller sind schon andere Leichen gestapelt, dort lässt sich beim besten Willen kein freies Plätzchen mehr finden. Zumal die Aufbewahrung einer Moorleiche in einem Wohnraum eine große Herausforderung ist. Als Standfigur ist sie nur bedingt geeignet, eigentlich nur, wenn noch genug Moor drum herum ist. Die Stabilität im allgemeinen lässt zu wünschen übrig, weil jede gängige Moorleiche quasi entkernt ist. Im sauren Mikroklima eines Moores lösen sich die mineralischen Anteile der Knochen auf, während die Weichteile unter Sauerstoffabschluss gegerbt werden. Das muss man aber nicht zwingend wissen, so lange man mit dem Innereienmatsch in der Wohnung zurechtkommt. Rein theoretisch ist es natürlich auch möglich, die Moorleiche zu falten, oder auf einem Kleiderbügel zu den Anzügen im Kleiderschrank zu hängen. Allerdings spricht die Geruchsentwicklung gegen diese Art der Aufbewahrung. Ich denke, wenn man die Moorleiche in Plastikfolie einschweißt, sollte es möglich sein, sie über einen Zeitraum ohne größere Geruchsbelästigung lagern zu können. Möglicherweise wäre der Kühlschrank auch ein geeigneter Ort, vorausgesetzt es gelingt eine platzsparende Faltung. Eine Perforation an den zur Faltung vorgesehenen Stellen könnte dabei hilfreich sein. Seitdem ich erkannt habe, dass die Welt voller Wunder ist, habe ich einige davon in meinem Kühlschrank eingelagert. Entsprechend knapp ist der Platz bemessen. Da Wunder keine Verfallsdaten haben, kann ich nicht sagen, dass ein großes Kommen und Gehen den Kühlschrankinhalt bestimmt. Eher ist es ein Kommen. Mit ein bisschen Glück werde ich sicher auch im neuen Jahr auf ein paar Wunder treffen. Insgeheim hoffe ich mehr auf kleine Wunder, solche in überschaubarer Größe, damit sie im Kühlschrank noch ihren Platz finden.

dm

Besiedlung der Zeit

3. Dezember 2016 § 15 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Besiedlung der Zeit

Um eine Wartezeit zwischen zwei Terminen zu überbrücken, spazierte ich, mehr oder weniger zufällig, einen Teil meines alten Schulweges ab. Als Knirps ging ich diesen Weg fast jeden Tag (Helikopter-Eltern gab es damals einfach noch nicht). Es ist ein Weg der verlorenen Orte geworden, und das Verschwundene stößt bei mir auf ein größeres Interesse, als das neu Hinzugekommene. So sehr ich meinen Blick auch nach oben richte, die kunstvoll an die Dachvorsprünge geklebten Nester der Schwalben sind verschwunden. Dafür ist nun der geteerte Bürgersteig sauber und nicht mehr mit Schwalbenscheiße bedeckt. An dieser Stelle des Weges konnte man schon die Schule riechen, und wenn die Straße nach 50 Metern nicht abknicken würde, könnte man sie auch schon sehen. Jedenfalls war es die Stelle, an der keine Umkehr mehr möglich war. Der Sog des täglichen Bildungspensums war zu stark. Meistens machte ich also schon vorher kehrt. Ein böser Widerwille zwang mich manchmal dazu. Mein zweifelhafter Rekord als Fünftklässler lag bei über 4 Wochen unentschuldigtem Fehlen. An einem Stück versteht sich. Ein Rätsel, warum dieser Umstand meines nicht Vorhandenseins erst nach Wochen auffiel. Allerdings war das Unwetter, das sich danach über mir zusammenbraute, bei seiner Entladung auch nicht so ohne. Ich überlebte, ohne dabei wirklich zu glänzen, aber es gab wohl Versäumnisse von allen Seiten, was dazu führte, möglichst schnell einen Deckel über die Sache zu nageln. Die verstörenden Blicke meiner Mitschüler entschädigten mich für allen Unbill. Über die Gründe meiner Schulabstinenz kann ich heute nicht mehr viel sagen. Es gab keinen greifbaren Anlass. Auf meiner Stirn stand jedenfalls auch noch nie „Opfer“ geschrieben. Ok, ein bisschen gestört war ich natürlich schon immer.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Während die „Essen ist Geil“-Fraktion immer neuen Genusserlebnissen nachspürt, hat sich im Alter mein Gaumen auf zwei Geschmacksrichtungen festgelegt: Alkohol und feste Nahrung. Damit lassen sich knirpsige Genusserinnerungen allerdings nur sehr unzulänglich beschreiben. Mein Schulweg war diesbezüglich geradezu paradiesisch. Die Schule schon in Sichtweite, mahnten ein Bäcker und ein Metzger eine letzte Einkehr an, und setzten dabei dem Bildungsangebot ein weitaus schmackhafteres Angebot entgegen. Der Nachteil lag auf der Hand, bzw. eben nicht. Obwohl es schon sehr lange her ist, gab es damals schon Geld (wirklich!), und das war in unseren Kinderhänden äußerst rar. Die Münzen, die nötig gewesen wären, um die Angebote nutzen zu können, lagen eben nicht in der offenen Hand, sie blieben eine seltene Ausnahme. Äußerlich sind heute die Gebäude kaum verändert. Die Schaufensterscheiben des Metzgers sind verklebt und der kleine Turmgiebel des Hauses ahmt noch immer die dahinterliegende Silhouette der katholischen Kirche nach. In der gegenüber liegenden Bäckerei lassen sich nun Leute Nägel designen, oder auch nicht. Als ich in späterer Vormittagsstunde dort vorbei spazierte, herrschte eine gähnende Leere. Ich füllte sie mit mir und einer Horde Gleichaltriger, sehe uns die drei, vier Stufen zur Glastür stürmen, um die wenigen Pfennige gewinnbringend anzulegen. Die Angebotspalette war schulkindgerecht ausgelegt. Also wenig für wenig Geld. Die Bäckersfrau war allgemein unbeliebt. Streng, und wenig aufgeschlossen gegenüber den Geldnöten von Knirpsen. An ein Lachen von ihr kann ich mich nicht erinnern, es war immer der gleiche genervte, aber gierige Blick, der mich und natürlich sämtliche vor der Theke stehenden Leidensgenossen traf. Jetzt kommt mir sogar wieder ihre alte Mutter in den Sinn, die täglich zur Pausenzeit im Schulhof stand, mit einem großen Korb an Backwaren und sonstigen Leckereien. Immer umringt von großen Trauben kleiner Stinker, die zehn Minuten vorher noch über die geologische Beschaffenheit Hessens informiert wurden und nun der Beschaffenheit von süßem Gebäck nachspüren wollten. Der Bäcker machte wohl seinen Schnitt. Die alte Bäckersfrau sehe ich in dunkler Kleidung, klein und gebückt und, mit Kinderaugen betrachtet, natürlich uralt. Der Korb, den sie mehrmals am Tag von der Bäckerei in den Schulhof schleppte, war mit zwei Deckeln versehen, die sich zur Mitte aufklappen ließen. So sagt es meine Erinnerung, aber über das tatsächliche Alter der Frau würde ich heute keine Prognose mehr abgeben. Eine Mauer umfriedete den Schulhof zu einer Straßenseite hin, die anderen Seiten wurden durch Gebäude und Nachbargrundstücke begrenzt. Abhauen war schwierig. Die wenigen Aus- und Eingänge wurden genauestens überwacht, vielleicht gab es sogar einen Schießbefehl, wer weiß das schon. Womöglich ist das ein bisschen übertrieben, aber die Schule war mitten im Stadtteil gelegen und ein Steinwurf entfernt rumpelten Straßenbahnen und Busse über das Kopfsteinpflaster. Es waren andere Zeiten, aber auch damals hatte man eine gewisse Aufsichtspflicht gegenüber den lieben Kleinen. Obwohl Eltern noch nicht die grundsätzliche Neigung verspürten, wegen eines eingerissenen Daumennagels des Sprösslings sich bis zum europäischen Gerichthof für Menschenrechte durchzuklagen. Natürlich gab es für uns kleine Hosenscheißer auch gute Gründe, während der Pause mal eben kurz verschwinden zu wollen. Das lerngeplagte Köpfchen verlangte nach dem ultimativen Zuckerschock, und den gab es, quer über die Straße, beim Werksverkauf der Backwarenfabrik Josef Wolf. Dort sind die Gold-Fischli erfunden worden, und dort konnte man für wenig Geld große Papiertüten voller Bruchware erstehen. Zum Beispiel Schaumwaffeln mit schwarzafrikanischem Migrationshintergrund, damals hießen die allerdings einfach Negerküsse.

dm

Nachtrag: Erinnerung ist Lug und Trug. In einer Ecke des Schulhofes stand eine große Platane. Strategisch günstig neben einem Eingang, an dem es am einfachsten war, mal eben unentdeckt zu verschwinden. Leider war die Platane der Lebensmittelpunkt der älteren Schüler und Schülerinnen, die dort solche Dinge taten, wie Raufen, Rauchen, Knutschen und Pimpfe ärgern, die in ihre Nähe kamen. Die alte Platane steht immer noch in prächtiger Größe, nur nicht mehr dort, wo meine Kopfbilder sie hingestellt hatten. Sie wurde etliche Meter von ihrem alten Platz weggerückt. Wer macht denn so was?

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Die Sehnsucht nach dem Licht 4

28. November 2016 § 25 Kommentare

Caspar David Friedrich wandert im Riesengebirge. Zeichnung: Dieter Motzel

Caspar David Friedrich wandert im Riesengebirge. Zeichnung: Dieter Motzel

Die Sehnsucht nach dem Licht 4

„Azzurro, zu blau ist der Nachmittag und zu lang für mich. Ich spüre, dass ich kaum noch Kraft habe, seit du weg bist, und da, hätte ich beinahe den Zug genommen, und wäre zu dir, zu dir gekommen, aber der Zug meiner Wünsche und meiner Gedanken fährt in die andere Richtung.“ Ok, der Zug ist wohl abgefahren, lieber Adriano, aber immerhin hast du den blauen Himmel, … und der ließ sich mit deiner Reibeisenstimme so gut verkaufen, dass er 1968 die meistverkaufte Single in Italien wurde. Und in der deutschen Schlagerwelt zum Sehnsuchtslied wurde. Himmel, dabei ist „Azzurro“ genaugenommen nur eine blaue Fläche. So kann man es jedenfalls als Maler sehen, und damit muss man erst mal zurechtkommen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich die malenden romantischen Italienreisenden im 19. Jahrhundert mit dieser Farbfläche ein bisschen schwer taten. Fast immer finden sich Unterbrechungen. Damit meine ich nicht das eigentliche Sujet aus Bäumen, Bergen und was auch immer, die natürlich auch in den Himmel ragen, sondern den Himmel an sich. Wenn es zu Blau wurde, kamen die Wolken, Wölkchen oder Dunststreifen und sorgten aus malerischer Sicht dafür, dass das „Azzurro“ nicht zu aufdringlich eintönig wurde. „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt, und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt …“ hat sich die Sache mit dem „Azzurro“ von selbst erledigt.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Und schon sind wir im Mezzogiorno, dem zweiten großen Sehnsuchtsziel für die deutschen Maler des 19. Jahrhunderts in Italien. Die geistige Sehnsucht wurde in Rom, der ewigen Stadt, so gut es ging befriedigt, aber als wahres irdisches Paradies lockte Neapel. Vermutlich gehören der Golf von Neapel und die Amalfi-Küste zu den am meist gemalten Motiven in der damaligen Zeit. In kleinen oder auch größeren Gruppen wanderten befreundete Künstler die rund 250 Kilometer von Rom nach Neapel, und sie zeichneten und zeichneten. Noch Jahre später, längst zurück im dunklen und kalten Deutschland, diente ihnen dieser erzeichnete Schatz als unerschöpflicher Fundus, der in ihren Bildern seine Verwendung fand. Ein Schatz gewissermaßen auch heute noch. Bei einem Auktionshaus wird aktuell ein kleines 34 x 43 cm Ölbildchen von Ludwig Richter, der von 1823 bis 1826 in Italien verweilte, für schlappe 250.000 Euro Taxe angeboten. Die „Ansicht von Bajae in der Bucht von Neapel“ malte Richter 1830, längst schon wieder in seinem Meißner Atelier sitzend, und solche italienische Sehnsuchtsbilder ließen sich gut verkaufen, so gut, dass er das Motiv noch ein weiteres Mal pinselte. Eine wunderbare Landschaft und ein wenig Folklore – in diesem Fall ein paar Fischer am Strand – genügten, um die Lust beim Betrachter auf Italien zu befeuern. Für die jungen Künstler selbst wurde eine Salve der Inspiration nach der anderen abgefeuert. Richter schrieb: „In Neapel schloß sich eine neue Zauberwelt auf, recht eigentlich ein Paradies für Landschaftsmaler.“.

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Ein junger Darmstädter Maler, Johann Heinrich Schilbach, lebte 5 Jahre in Rom und gehörte zu der Gruppe von Malern, mit denen Richter von Rom nach Neapel wanderte. Aus einer durchaus nicht unüblichen finanziell klammen Situation heraus, schrieb er in einem Brief an einen Freund: „ …. wenn es nicht besser geht, so packe ich mein Bündel bald … In Deutschland kann ich viel leichter was verdienen, weil nicht so viele Künstler da sind.“. Ja, die Deutschrömer hatten es nicht leicht. Kaum ein Jahr nachdem Schilbach diesen Brief geschrieben hatte, packte er tatsächlich sein Bündel, allerdings hatte sich zu diesem Zeitpunkt seine Situation durch Bildverkäufe ein wenig verbessert, und er marschierte Richtung Neapel, dem Licht entgegen. Er bestieg zusammen mit Richter den Vesuv, setzte nach Amalfi und Capri über, und drei Jahre später brachte er einen gewaltigen Packen Papier mit zurück nach Darmstadt. In Italien fand im 19. Jahrhundert eine riesige Plein-air-Veranstaltung statt, an der so ziemlich jeder junge deutsche Maler teilnehmen wollte. Eigentlich ist das Malen ja eine einsame Tätigkeit, aber hier ballte sich alles in Gruppen zusammen, man wanderte und zeichnete, aquarellierte, …. und vermutlich trieb man sich so gegenseitig zu immer neuen Höhepunkten an. Mein böser Kopf hakt hier ein und sagt, dass man auch zu wenig Platz hatte, um sich aus dem Weg zu gehen. Caspar David Friedrich wusste das womöglich auch.

dm

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Nachtrag: Es ist klar, dass eine kleine Blog-Serie nur ein wenig an der Oberfläche eines Themas kratzen kann. Als ich damit anfing, hatte ich ganz anderes im Sinn, aber so ist das manchmal. Das Italien der Maler im 19. Jahrhundert ist ein gigantisches Spinnennetz, von dem unzählige Querverweise auf die gesamteuropäische Kunst ausgehen. Ich würde sogar behaupten, dass ohne die fleißige Vorarbeit der romantischen Maler (und Literaten) Italien nicht zu dem touristischen Sehnsuchtsland der Deutschen geworden wäre. Vermutlich wären uns dann auch in den 60er und 70er Jahren unzählige gespachtelte Sonnenuntergänge mit Fischerbooten oder glutäugige Südländerinnen erspart geblieben, die zahlreiche Wohnzimmerwände schmückten. Ich belasse es jetzt damit, noch einige Stichpunkte aufzuführen, deren nähere Betrachtung sich gelohnt, aber ganz sicher den Rahmen noch mehr gesprengt hätten: Sophia Loren, Gina Lollobrigida, Claudia Cardinale, Monica Bellucci, Ornella Muti, Isabella Rossellini.

Nach einer Zeichnung von Fohr, die ihn auf dem Weg nach Italien zeigt, nebst seinem Bernadinerhund Grimsel. Dieter Motzel

Nach einer Zeichnung von Fohr, die ihn auf dem Weg nach Italien zeigt, nebst seinem Bernadinerhund Grimsel. Dieter Motzel

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