Im Wald, nichts

4. Januar 2018 § 18 Kommentare

Foto: dm

Im Wald, nichts

Wie Verkehrsampeln leuchten die grünen Moose auf dem braunen Waldboden. Dicke, abgebrochene Äste und im Unterholz liegende Holzstämme sind mit einem grünen weichen Pelz überzogen. Vermutlich liegen sie schon Jahre hier, vielleicht hat eine unbekannte Kraft sie aber erst vor wenigen Tagen umgestoßen. Kaum am Boden liegend, beginnen schon die Flechten und Moose mit ihrer Arbeit und überziehen alles, wenn die Gegebenheiten günstig sind. Und natürlich die Pilze, oder besser das, was wir als Pilze bezeichnen. Sie schieben sich aus dem Boden oder aus dem absterbenden Holz der Baumstämme. Eine verletzte Stelle in der Rinde reicht aus, um den Pilzsporen eine Angriffsfläche und damit einen neuen Lebensraum zu bieten.

Zeichnung: „Morgengrauen“, Dieter Motzel

Wenn jetzt noch ein Rabe vor mir auf einem Ast sitzen und mich heiser ankrächzen würde, wäre ich fast geneigt mir einzubilden, dass ich gerade durch eine mystische Ursuppe in einem schlechten Fernsehfilm spaziere. Aber ich bin der einzige Galgenvogel weit und breit. Feuchtigkeit hat sich wie ein Teppich über den Wald gelegt. Ein Teppich, der längst vollgesogen ist. Ich lausche und bilde mir ein, das Schmatzen der Pilze im Totholz zu hören, aber es sind nur meine Schuhsohlen, die sich geräuschvoll vom nassen Waldboden lösen.

Aquarell: Dieter Motzel

Wildschwein-Rüssel haben den Boden durchpflügt. Die Spuren scheinen noch frisch zu sein. Zehn Meter vor mir hat sich der Hund in Hab-acht-Stellung positioniert. Einen Vorderlauf angewinkelt, hält er die Nase in den Wind. Sein ganzer Körper ist angespannt. Ein kleines Geräusch oder ein verlockender Geruch reichen jetzt aus, um ihn durchs Unterholz jagen zu lassen. Mein Pfiff unterbricht diesen Vorgang, und er kommt in meine Richtung getrottet. Unwillig natürlich. Selbst mit dem Messer, das ich in der Tasche trage, stehen die Chancen ziemlich schlecht, es mit einem aufgescheuchten Wildschwein in handelsüblicher Größe aufzunehmen. Mein Kopfkino denkt an Wildschweinbraten à la Obelix, in der realen Welt wäre es dann eher geschnetzelter Dieter in roter Soße. Einmal mit der Nase des Hundes zu riechen, würde mir gefallen. Meinem Riechorgan fehlt jegliche Feinabstimmung, und hier nehme ich nur den modrigen Geruch der Verwesung und Zersetzung wahr. Mit der Hundenase würde ich wohl auch Lebendiges riechen.

Aquarell: Dieter Motzel

Wer hier länger stehenbleibt, darf sich nicht wundern, wenn plötzlich Pilze aus der Hosentasche wachsen. Hier wuchert natürlich meine Phantasie, aber zu gerne würde ich sehen, wie die Myzel, der eigentliche Pilz, den Boden durchzieht. Kleinste Fäden, die alles durchwuchern, ein ausuferndes Pilzgeflecht unter den Füßen, das nur darauf wartet, riesige Fruchtkörper nach oben zu schieben, um mit seinen Sporen neue Lebensräume zu erobern.

Während ich vor gefühlt hundert Jahren noch das Bedürfnis hatte, Pilze oder was sonst so noch wächst, in eine Beutetasche zu stopfen, um sie am heimischen Zeichentisch nochmal genauestens abzuwandern, erst mit dem Auge, dann mit dem Stift, genügt mir heute der Blick vor Ort. Manchmal mit Skizze, manchmal mit fotografischem Bild und manchmal als pure Leidenschaft, den Augen freien Lauf zu lassen, ohne sich der Disziplin zu unterwerfen, eine Linie zu finden. Der botanische Zeichentisch existiert nur noch in seltenen Einzelfällen. Das hat einen unschätzbaren Vorteil, die Stinkmorchel stinkt nun woanders, und auch die Pflanzengalle öffnet sich nicht mehr an meinem Zeichentisch, um hunderte kleiner Fliegen frei zu setzen. Alles hat seine Zeit.

Foto: dm

Foto: dm

Foto: dm

Ein paar Baumstämme auf meinem Weg haben ihre Zeit schon hinter sich gelassen, und auf ihnen hat nun eine kleine Schönheit mit dem poetischen Namen Schmetterlingstramete ihre Blütezeit. In üppigen Kolonien schiebt sie ihre feinen Fruchtkörper aus dem sterbenden Holz des Baumes. Für mich sieht es immer so aus, als würden diese zarten „Schmetterlingsflügel“ die Jahresringe des Baumes nach außen transportieren. Während im Innern der eigentliche Pilz alle festen Holzbestandteile zersetzt, zeigen sich die Jahresringe – wie die Seele des Baumes – im Fruchtkörper des Pilzes. Das ist natürlich großer Quatsch, aber der Gedanke gefällt mir trotzdem.

dm

Klugscheißer-Nachtrag:

Die Schmetterlingstramete ist ein sogenannter Vital-Pilz. Bösartig betrachtet heißt das nichts anderes, als dass mit ihm und seinen Wirkstoffen gutes Geld zu verdienen ist. Wissenschaftlich ist er bestens durchleuchtet worden und er wirkt nachweislich entgiftend, antiviral und antibakteriell. Als Begleiter von Chemo- oder Strahlentherapie bei Krebserkrankungen reduzieren die Wirkstoffe des Pilzes die Nebenwirkungen. Vermutlich weiß das jede mitteleuropäische Halbtags-Kräuterhexe und jeder Berufs-Druide. Jedenfalls wusste das schon die allseits bekannte Gletscher-Mumie Ötzi vor über 5.000 Jahren. Der hatte in seiner Reiseapotheke zwei Birkenporlinge dabei, das sind Verwandte der Schmetterlingstramete mit ähnlichen Wirkstoffen.

Und des Zeichners Beitrag:

Der „kleine Sporentraum“ war 2011 schon mal hier im Blog zu sehen. Jetzt passt er nochmal ganz gut. Fragt mich bitte nicht, welche Pilze ich eingeworfen hatte, ich weiß es nicht mehr;)

Alle Bilder: Dieter Motzel

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Frisch also! Mutig an’s Werk!

22. Dezember 2017 § 27 Kommentare

„Friedrich Schiller“, Zeichnung: Dieter Motzel

„Frisch also! Mutig an’s Werk!“

So schrieb das Friedrich S., seines Zeichens Dichter und Denker. Denken ist heute nicht mehr so gefragt. Wir wollen nicht mehr Wissen, wir wollen uns einfach gut fühlen. Jetzt aber, Worte zum Jahreswechsel, mutig an’s Werk:

Einen ganz besonderen Dank gilt Otto R. aus K., der mir in einer Mail folgendes mitteilte: „ … den vielen Schundbildern in Ihrer Wochenschrift kann ich nur mit tiefem Abscheu begegnen! Sie sollten mehr fotografierte Urlaubsbilder zeigen und vor allem Metropolen, das würde Ihnen sicherlich weiterhelfen!“

Die vorweihnachtlich geschmückte Skyline einer Metropole (Holzhausen). Foto: dm

Eine kritische Mail erhielt ich von meiner Leserin Otto R. aus K.: „Lieber Herr Haushundhirschblog, es macht mich so traurig, dass ich bei Ihnen niemals süße Katzenbilder zu sehen bekomme. Sollte sich dieser Umstand bis zur Mitte des nächsten Monats nicht ändern, kann ich meine bis dato zahlreichen Besuche nicht mehr in der gewohnten Intensität aufrecht erhalten.“

Endlich, ein süßes Katzenbild! Zeichnung: Dieter Motzel

Nicht jede Zuschrift wahrte die notwendige Distanz, so fand ich die Mail der Leserin Otto R. aus K. ein wenig übergriffig: „Du stinkendes Männerarschgesicht, wenn du weiterhin auf Gendersternchen und Binnen_I verzichtest, melde ich dich bei me#too …“

Tief beeindruckt und eingeschüchtert bleibe ich hier eine Antwort schuldig. Dass es auch anders geht, zeigt der Leser Otto R. aus K.: „Howdy, ich bin der Otto aus K, meinst de net, Du könntest mal was politisches mache, son bissi komischer Comic halt?“

Stammt noch aus der Zeit vor der Wahl. Zeichnung: Dieter Motzel

„Mir fehlt einfach die persönliche Note“, schrieb mir der Besucher Otto R. aus K., „… um eine Verbundenheit zum Leser herzustellen, ist das zwingend notwendig. Wie wäre es mit einem Selfie, oder mal das Mittagessen fotografieren und schreiben, dass es köstlich geschmeckt hat …“

Meine Lieblingsspeise: Lange Nudeln mit Tomatensoße und so kleinen Brocken. Zeichnung: Dieter Motzel

Eine weitere Zuschrift erhielt ich von einem Kenner der Szene. Otto657 (Ich nehme an, das ist ein Pseudonym). Er schreibt: „Ich denke, du bist ein Künstler, da rennen doch ständig die Weiber ein und aus. Warum werden dann so wenig nackige eingestellt?“ Eine gute Frage, Otto657.

Für Otto657! Zeichnung: Dieter Motzel

Der Leser Otto R. aus K. lässt seiner Missbilligung freien Lauf: „Eine Welle der Empörung erschütterte mich und anschließend meine Frau, als ich ihr davon berichtete. Wie konnten Sie nur die Serie Absurd nach nur 5 Folgen einstellen. Dürfen Sie das überhaupt?“

Zeichnung: Dieter Motzel

Absurd 6

Aus heutiger Sicht mag man es kaum Glauben, dass über viele Jahrhunderte die Welt flach und eckig war. Erst im Jahr 1457 machte der venezianische Limonadenverkäufer und Hobbyforscher Sandro Pallavese mit einer einfachen Versuchsanordnung die erstaunliche Entdeckung, dass die Welt rund und an den Rändern unscharf ist. Unzählige Reisende scheiterten vorher mit ihrem Versuch, die Welt zu umecken. Erst durch die Forschung von Pallavese wurde die erste Weltumrundung durch Ferdinan Magellan ermöglicht.

Foto: dm

Glücklicherweise erhielt ich über das Jahr verteilt nur 7 Zuschriften. Deshalb kann ich nun mit dem besinnlichen Teil und den Danksagungen beginnen. Wie Ihr vielleicht bemerkt habt, ist Euch vieles erspart geblieben, dafür müsst Ihr Euch auch nicht bei mir bedanken. Wenn es nach mir ginge, hätte ich vermutlich schon keine Leser mehr. Das Schlimmste verhindert hier mb (vielen noch aus den Anfangstagen des Blogs bekannt, heute fast nur noch auf Instagram zugange). Sie ist aber noch hier und sitzt gewöhnlich mit durchgeladener Waffe, die auf meinen Kopf gerichtet ist, hinter mir, um gegebenenfalls mit dem nötigen Nachdruck das ein oder andere zu verhindern, das unseren Blog ins völlige Abseite manövrieren würde. Unser herzlicher Dank gilt allen Besuchern, die uns treu übers Jahr begleitet haben. Wir wünschen Euch geruhsame und entspannte Feiertage und für den Jahreswechsel mitsamt neuem Jahr alles erdenklich Gute! … und passt auf, dass Euch kein Baum erschlägt, … es passiert soo viel …

dm und mb

Himmelsleiter vor böser Hecke

17. Dezember 2017 § 7 Kommentare

Alle Zeichnungen: Dieter Motzel

Weihnachtswunder

14. Dezember 2017 § 12 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Naturbetrachtung

11. Dezember 2017 § 5 Kommentare

Foto: dm

Einem inneren Leidensdruck entsprang das Gestische, großflächig.

Informel, die Putzkraft: „Ist Kunst, oder kann weg?“

Ich, mit großzügiger Geste: „Kann weg!“

dm

Foto: dm

Weihnachtsbaum-Plantage

9. Dezember 2017 § 4 Kommentare

Foto: Dieter Motzel

Küstenlinie

5. Dezember 2017 § 2 Kommentare

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel

Zeichnung: Dieter Motzel